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Walt Whitmans Werk
in zwei Bänden
Zweiter Band

1922

S. Fischer Verlag

Berlin



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Ausgewählt, übertragen und eingeleitet von
Hans Reisiger

Erste bis vierte Auflage
Alle Rechte vorbehalten



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GRASHALME


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VORBEMERKUNG

Die Gestalt, in der uns Walt Whitman die „Grashalme“, sein dichterisches Lebenswerk, hinterlassen hat, ist die der 10. Auflage (1891, Philadelphia, bei McKay. — Die 11. Auflage ist, nach Whitmans Tod, bei Small, Maynard & Comp., Boston 1897, erschienen).

Die „Grashalme“ wuchsen sich im Laufe von Whitmans Leben von dem schmalen Bändchen der Erstausgabe allmählich zu dem starken Band der Ausgabe letzter Hand aus. Einzelne Gedichtkomplexe wurden zunächst in Einzelbroschüren unter besonderen Titeln, zum Teil mit Prosaaufsätzen vermischt, veröffenlicht und späterhin in die „Grashalme“ eingegliedert, wobei für W. keinerlei chronologische Gesichtspunkte maßgebend waren, da Plan und Geist seiner Dichtung von Anfang an der gleiche blieb und spätere Gedichte nur in die weiten Maschen dieses Planes eingewirkt wurden, so daß zum Beispiel Gesänge, die in der letzten Ausgabe mit vollem innerem Recht am Schluß stehen, wie etwa das „Lebwohl“, bereits aus seiner ersten Zeit, aus seinen vierziger Jahren stammen. Man kann übrigens nicht sagen, daß Whitman bei dieser Art von Kompilation immer eine glückliche Hand gehabt habe.

Die Erstausgabe erschien 1855 im Selbstverlag, Brooklyn, New York, 95 Seiten stark. Die zweite ebenfalls im Selbstverlag, New York 1856. 1860 folgte die 3. Auflage, die zum erstenmal einen Verleger fand, Thayer & Eldridge, Boston.

Während der Jahre des Sezessionskrieges, 1862—64, schrieb Whitman die „Drum-Taps“ („Trommelschläge“), die er 1865 als Sonderdruck im Selbstverlag, New York , und 1867 zusammen mit der 4. Auflage der „Grashalme“ (New York, Selbstverlag) veröffentlichte.

1871 gab er den Gesang „Passage to India“ („Durchfahrt nach Indien“) im Selbstverlag in Washington als Sonderdruck heraus, den er noch in demselben Jahre in die 5. Auflage der „Grashalme“ (Washington, Selbstverlag) aufnahm.

1872 folgte ein Bändchen Gedichte unter dem Titel „As a Strong Bird on Pinions free“ („Wie ein starker Vogel auf Schwingen frei“) ebenfalls im Selbstverlag, Washington.



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1876 erschien die sechste, die Zentenarauflage der „Grashalme“ und ein aus Gedichten und Prosa gemischtes Bändchen „November-Boughs“ („Novemberzweige“; ebenda) und eine einbändige Gesamtausgabe „Complete Poems and Prose“, von Whitman selbst verlegt und vertrieben.

1889 folgte eine Taschenausgabe der „Grashalme“ in beschränkter Auflage als Geburtstagsgabe mit dem Anhang „Sands at Seventy“ (etwa „Augenblicke aus dem Leben eines Siebzigjährigen“).

1891, im Dezember, im Winter vor seinem Todesjahr, erschien als Sonderdruck „Good-bye my Fancy“ („Ade, Phantasie“), aus Gedichten und Prosa gemischt, das noch im gleichen Jahr als zweites Anhängsel in die 10. Auflage der „Grashalme“ aufgenommen wurde (McKay, Philadelphia).

Nach Whitmans Tod erschien im Jahre 1897 im Verlage Small, Maynard & Co. die vorerwähnte 11. Auflage, die als drittes und letztes Anhängsel die posthume kleine Sammlung „Old Age Echoes“ („Nachhall aus dem Alter“) enthielt.

Die gegenwärtigen Verhältnisse erlaubten es nicht, eine deutsche Gesamtausgabe des umfangreichen und auch durchaus nicht innerlich gleichwertigen Werkes zu veranstalten. Immerhin ist diese Neuausgabe meiner Übertragung um mehr als das Doppelte erweitert und darf den Anspruch erheben, nahezu alles Wesentliche zu enthalten. Trotz der durch die Auswahl entstehenden Lücken bin ich in der Anordnung der Gesänge der letzten Ausgabe gefolgt, nur habe ich ein Gedicht aus dem Annex „Ade, Phantasie“, das Gedicht „Groß ist das Sichtbare“, etwas vorgerückt, da die großen Schlußgesänge unbedingt an das Ende einer geschlossenen Ausgabe gehören.

H. R.



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WIDMUNGEN


ICH SINGE DAS SELBST

Ich singe das Selbst, ein einfach Einzelner,
Doch spreche das Wort „demokratisch“ aus, das Wort „En Masse“.

Ich singe Physiologie vom Scheitel bis zur Sohle,
Nicht Physiognomie noch Hirn allein ist würdig für die Muse,
Ich sage, viel würdiger noch ist die ganze Gestalt,
Ich singe das Weibliche gleichwie das Männliche,

Das Leben, unermeßlich in Leidenschaft, Puls und Kraft,
Freudig, zu freiester Tat geformt nach göttlichem Gesetz,—
Ich singe den modernen Menschen.


ALS ICH IN SCHWEIGEN SANN

Als ich in Schweigen sann
Und langen Blicks zurückschaute auf meine Gedichte,
Erhob sich vor mir mißtrauischer Miene ein Phantom,
Schrecklich in Schönheit, Alter und Kraft,
Der Genius der Dichter der alten Länder,
Richtete seine Augen wie Flammen auf mich,
Deutete mit dem Finger auf viele unsterbliche Lieder
Und sprach mit drohender Stimme: „Was singst du?
Weißt du nicht, daß es nur einen Stoff für unvergängliche Sänger gibt?
Und das ist der Krieg, das Schicksal der Schlachten,
Die Züchtung vollkommener Krieger.“

„Sei es so,“ gab ich zur Antwort,
„Auch ich, hochmütiger Schatten, singe Krieg, und einen längern und größern, als je einer war,“


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Mit wechselndem Glück wogt er in meinem Buch, mit Flucht, Angriff und Rückzug und Sieg in ungewisser Ferne
(Aber am Ende, denk ich, gewiß oder so gut wie gewiß), das Schlachtfeld die Welt,
Um Leben und Tod, um den Leib und um die unsterbliche Seele,—
Sieh, auch ich bin gekommen, Gesang der Schlachten zu singen,
Auch ich züchte vor allem tapfere Krieger.“


AN FREMDE LÄNDER

Ich hörte, daß ihr nach etwas verlangtet, um das Rätsel der Neuen Welt zu lösen
Und euch Amerika zu erklären und seine athletische Demokratie,
Deshalb schick ich euch meine Gedichte, daß ihr in ihnen findet, was ihr verlangt


AN EINEN HISTORIKER

Der du Vergangenheit verherrlichst,
Der du die Außenseite, die Oberfläche der Rassen erforscht hast das Leben, das sich zur Schau stellt,
Der du vom Menschen gehandelt als einem Geschöpfe der Politik, der Gemeinschaft, der Herrscher und Priester,—
Ich, Bewohner der Alleghanies, handle von ihm, wie er ist in sich selbst in seinen eigenen Rechten,
Ich fühle dem Leben den Puls, das sich selten zur Schau stellt (dem großen Stolz des Menschen in sich selbst),
Ich, Sänger der Persönlichkeit,
Entwerfe die Umrisse dessen, was kommt,
Entwerfe die Geschichte der Zukunft.


AN EINE SÄNGERIN

Hier, nimm diese Gabe.
Ich wollte sie aufbewahren für einen Helden, Redner und Feldherrn,
Für einen, der der guten alten Sache dient,
Der großen Idee, dem Fortschritt und der Freiheit der Rasse,
Einen tapfern Tyrannenfeind, einen kühnen Rebellen;
Aber ich sehe, was ich bewahren wollte, kommt dir ebenso zu, wie irgendeinem andern.


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SCHLIESST EURE TÜREN NICHT

Schließt eure Türen nicht vor mir, ihr stolzen Bibliotheken,
Denn was auf allen euern wohlgefüllten Brettern fehlte und doch am meisten not tut, bringe ich;
Auftauchend aus Krieg, hab ich ein Buch gemacht,—
Die Worte meines Buches nichts, sein Wesen alles,
Ein Buch für sich, den andern nicht verwandt, dem Intellekt verschlossen,—
Du aber, unausgesprochnes Geheimnis, wirst jede Seite durchschauern.


DICHTER DER ZUKUNFT

Dichter der Zukunft! Redner, Sänger, Musiker der Zukunft!
Nicht das Heut kann zeugen für mich, noch Antwort geben, wozu ich da bin,
Ihr aber, ein neues Geschlecht, eingeboren, athletisch, kontinental, größer als alle zuvor Gekannten,
Erhebt euch! Denn ihr müßt zeugen für mich.

Ich selber schreibe nur ein oder zwei andeutende Worte für die Zukunft,
Ich trete nur einen Augenblick vor, um mich gleich wieder umzudrehn und wieder ins Dunkel zu tauchen.

Ich bin ein Mann, der lässig dahinschlendert, ohne doch anzuhalten, gelegentlich einen Blick auf euch wirft und dann sein Gesicht wieder abkehrt,
Der es euch überläßt, zu prüfen und zu erklären,
Und der die Hauptsache erwartet von euch.


AN DICH

Fremdling, wenn du mich im Vorbeigehen triffst und hast ein Verlangen, zu mir zu reden, warum solltest du nicht zu mir reden?
Und warum sollte ich nicht reden zu dir?


DU LESER

Du Leser bist von Leben, Liebe, Stolz durchpulst so gut wie ich,
Deshalb für dich die folgenden Gesänge.


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VON PAUMANOK KOMMEND


1

Von dem fischförmigen Paumanok kommend, wo ich geboren wurde,
Wohlgezeugt, aufgezogen von einer vollkommenen Mutter;
Nachdem ich viele Länder durchstreift, Freund volkreichen Pflasters,
Siedler in Mannahatta, meiner Stadt, oder auf den Savannen des Südens,
Oder Soldat im Lager oder meinen Tornister und Gewehr tragend, oder Goldgräber in Kalifornien,
Oder rauh behaust in Dakotas Wäldern, meine Speise Fleisch, mein Trank aus der Quelle;
Oder zurückgezogen, zu sinnen und nachzudenken in irgendeinem tiefen Versteck,
Fern von dem Lärm der Menge, Ruhepausen, entzückt und glücklich verfliegend;
Gewahr des frischen, freien Spenders, des flutenden Missouri, gewahr des mächtigen Niagara,
Gewahr der Büffelherden, die in der Ebene grasen, des rauhhaarigen, starkbrüstigen Bullen;
Der ich die Erde kenne und die Felsen und die Blumen des fünften Monats, Sterne, Regen und Schnee, mein Erstaunen;
Der ich des Spottvogels Töne erforscht habe und den Flug des Bergfelken
Und bei der Dämmerung die Unvergleichliche hörte, die Einsiedlerdrossel in den Sumpfzedern.
Einsam, singend im Westen, schlage ich die Saiten an für eine neue Welt.


2

Americanos! Eroberer! Menschheitsarmeen!
Voran! Armeen des Jahrhunderts! Libertad! Massen!
Für euch ein Programm von Gesängen!


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Gesänge von den Prärien,
Gesänge von dem weithinströmenden Mississippi und hinab zur Mexikanischen See,
Gesänge von Ohio, Indiana, Illinois, Jowa, Wisconsin und Minnesota,
Gesänge, ausbrechend aus dem Innern von Kansas und von da überallhin,
Hinschießend, unaufhörlich, in Feuerpulsen, alles zu beleben.


3

Sieg, Einigung, Glaube, Identität, Zeit,
Die unauflöslichen Bünde, Schätze, Mysterien,
Ewiger Fortschritt, der Kosmos, und die modernen Erfindungen—

Dies also ist Leben,
Hier ist, was an die Oberfläche gekommen ist nach so vielen Wehen und Krämpfen.

Wie seltsam! wie wirklich!
Zu Füßen der göttliche Boden, zu Häupten die Sonne.

Sieh den Erdball sich drehen,
Die Ahnkontinente drüben beisammenliegend,
Die Kontinente der Gegenwart und Zukunft hier, Nord und Süd, mit dem Isthmus dazwischen.
Sieh, weite, pfadlose Räume,
Wie in Traum verändern sie sich, füllen sich jäh,
Zahllose Massen strömen in sie,
Jetzt sind sie bedeckt mit dem führenden Volke, mit Künsten, Gesetzen.

Sieh durch die Zeit ergossen
Für mich eine unübersehbare Zuhörerschaft.

Mit festem, gleichmäßigem Tritt schwenken sie vorbei, sie halten nie an,
Kolonnen von Männern, Americanos, hundert Millionen,
Eine Generation, ihre Aufgabe erfüllend und weiterschreitend,
Eine zweite Generation, ihre Aufgabe erfüllend und, wenn sie an der Reihe ist, weiterschreitend;


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Die Gesichter zur Seite oder rückwärts gewandt zu mir, um mir zu lauschen,
Die Augen zurückblickend zu mir.


4

Nimm meine Blätter, Amerika, nimm sie, Süd, und nimm sie, Nord,
Bereite überall den Willkommen für sie, denn sie sind deines eigenen Ursprungs,
Umschließe sie, Ost und West, denn sie möchten auch euch umschließen,
Und ihr, meine Vorgänger, vereint euch liebend mit ihnen, denn sie vereinen sich liebend mit euch.

Ich erforsche die alten Zeiten,
Ich saß zu den Füßen der großen Meister und lernte,
O wie wünschte ich jetzt, die großen Meister kehrten wieder und läsen mich!

Soll ich um dieser Staaten willen die alte Zeit verachten?
Sie sind ja die Kinder der alten Zeit und ihre Erfüllung.


5

Ihr toten Dichter, Philosophen und Priester,
Märtyrer, Künstler, Erfinder und Herrscher von einst,
Sprachschöpfer andrer Gestade,
Völker, einst mächtig, jetzt zusammengeschrumpft, abseitig und öde,
Ich wage nicht weiterzugehen, eh ich nicht ehrfürchtig anerkannt habe, was ihr zu uns herübergesandt und uns hinterlassen habt,
Ich hab' es geprüft, ich gestehe, daß es bewunderungswürdig ist (nachdem ich eine Weile darin mich umgetan),
Ich denke, es kann nichts Größeres geben und nichts verdienstvoller sein,
Ich besah es mir alles lange Zeit genau und ließ es dann fahren,
Und stehe nun hier an meiner Stelle mit meiner Zeit.

Hier Länder weiblich und männlich,
Hier die Erbund Erbinnenschaft der Welt, hier lebenflammender Stoff,


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Hier die Verwandlerin Geistigkeit, die freie Bekennerin,
Die ewig Strebende, die Krönung der sichtbaren Formen,
Die Stillende, die lange gewartet und jetzt zur rechten Zeit wieder vorwärtsschreitet,
Ja, hier kommt meine Herrin, die Seele.


6

Die Seele,
Ewig und ewig—länger als Erdboden braun und fest ist—, länger als Wasser flutet und ebbt.

Ich will die Gedichte der Materie dichten, denn ich glaube, sie werden die geistigsten sein,
Und ich will die Gedichte meines Leibes und der Sterblichkeit dichten,
Denn ich glaube, so werde ich mir am besten die Gedichte meiner Seele und der Unsterblichkeit schaffen.

Ich will einen Gesang dichten für diese Staaten, daß kein einziger Staat jemals einem andern Staat unterworfen sei,
Ich will einen Gesang dichten, daß Freundschaft sein soll zwischen allen Staaten bei Tag und Nacht und zwischen jedem beliebigen Paar von ihnen,
Ich will einen Gesang dichten für die Ohren des Präsidenten, der von Waffen mit drohenden Spitzen starrt,
Und hinter den Waffen zahllose unzufriedene Gesichter;
Und einen Gesang dichten von der Einheit, geformt aus Allen,
Der wahrhaften schimmernden Einheit, deren Haupt über Allen ragt,
Kriegerische, entschlossene Einheit
(Wie hoch auch immer irgendein Haupt, dies Haupt über Allen!)

Ich will die zeitgenössischen Länder gelten lassen,
Ich will die ganze Geographie des Erdballs mustern und alle Städte groß und klein ritterlich grüßen,
Und ihr Berufe! Ich will es in meine Gedichte bringen, daß Heldentum in euch ist zu Wasser und zu Lande,
Und will zeugen von allem Heldentum von amerikanischem Stand punkt aus.


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Ich will das Lied der Kameradschaft singen,
Ich will zeigen, was letzten Endes allein diese Staaten einen muß,
Ich glaube, sie sind bestimmt, ihr eigenes Ideal von männlicher Liebe zu finden und es zu verkünden durch mich,
Daher will ich aus mir diese brennenden Feuer emporschlagen lassen, die mich zu verzehren drohen,
Ich will wegräumen, was diese schwelenden Feuer allzu lange niedergehalten hat,
Ich will ihnen freiesten Lauf geben,
Ich will das Evangeliumsgedicht von Kameraden und Liebe schreiben,
Denn wer sonst als ich sollte Liebe begreifen mit all ihrer Qual und Lust?
Und wer sonst als ich sollte der Dichter der Kameraden sein?


7

Ich bin, der an Fähigkeiten, Zeiten und Rassen glaubt,
Ich trete hervor aus dem Volk im Geiste des Volks,
Hier ist, was grenzenloser Glaube singt.

Omnes! omnes! Laß andere mit Stillschweigen übergehn, was sie wollen,
Ich schreibe auch das Gedicht des Bösen, ich erwähne auch diesen Teil,
Ich bin selber ebenso böse wie gut, und so auch mein Volk—und ich sage, es gibt in Wahrheit nichts Böses.
(Oder wenn doch, so sage ich, es ist ebenso wichtig für dich, für das Land und für mich, wie irgend etwas sonst.)

Auch ich, vielen folgend, von vielen gefolgt, verkünde eine Religion, ich steige in die Arena hinab.
(Mag sein, ich bin bestimmt, dort die lautesten Rufe ertönen zu lassen, des Siegers dröhnende Schreie,
Wer weiß? Vielleicht erheben sie sich aus mir und schwingen sich hoch über alles empor.)

Nichts ist um seiner selbst willen da,
Ich sage, die ganze Erde und alle Sterne des Himmels sind um der Religion willen da.


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Ich sage, kein Mensch war noch jemals halb genug fromm,
Keiner hat jemals halb genug angebetet oder verehrt,
Keiner hat noch begonnen, darüber nachzudenken, wie göttlich er selber ist und wie zuverlässig die Zukunft.

Ich sage, daß die wahre, dauernde Größe dieser Staaten in ihrer Religion liegen muß,
Anders gibt es keine wahre und dauernde Größe.
(Kein Charakter noch Leben würdig des Namens ohne Religion,
Kein Land noch Mann oder Weib ohne Religion.)


8

Was tust du, junger Mann?
Bist du so ernst, so ergeben der Literatur, der Wissenschaft, Kunst oder Liebe?
Diesen angeblichen Wirklichkeiten, politischen Fragen, Problemen?
Deinem Ehrgeiz oder Geschäft, was immer sie sind?

Gut,—gegen solcherlei sag ich kein Wort; auch ihr Dichter bin ich,
Aber sieh! Das alles schwindet flüchtig hinweg, wird verzehrt vom Feuer der Religion,
Denn wie aller Stoff Nahrung ist für die Glut, die unberührbare Flamme, das Urlebendige der Erde,
So auch dies alles für die Religion.


9

Wonach suchst du so nachdenklich und stumm?
Was fehlt dir, camerado?
Glaubst du, lieber Sohn, die Liebe?
Höre, mein lieber,—höre, Amerika, Tochter und Sohn,
Es ist ein schmerzliches Ding, einen Mann oder ein Weib überschwänglich zu lieben, und dennoch befriedigt es und ist groß,
Etwas anderes aber erst ist wahrhaft groß und verwandelt alles in Einheit,
Glorreich schweift es über alle Dinge hinaus und sorgt für alles mit unermüdlichen Händen.


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10

Wisse, einzig und allein um die Keime einer größeren Religion in die Erde zu senken
Sing' ich die folgenden Gesänge, jeden nach seiner Art.

Mein Kamerad!
An zwei Herrlichkeiten sollst du Anteil haben mit mir, und an noch einer dritten, die, sie umschließend und leuchtender noch, sich erhebt:
An der Herrlichkeit der Liebe und der Demokratie, und an der Herrlichkeit der Religion.

Mischung mein eigen, das Unsichtbare und Sichtbare,
Geheimnisvoller Ozean, in den die Ströme münden,
Prophetischer Geist von Materie, wechselvoll flackernd um mich,
Lebende Wesen, Identitäten zweifellos jetzt ganz nahe um uns in der Luft, von denen wir nur nichts wissen,
Berührung täglich und stündlich, die mich nicht losläßt,
Diese erwähle ich, diese werden in leisen Winken von mir verlangt.
Nicht er, der mich küßte mit täglichem Kuß seit Kindheit her,
Hat mich mit seinen Banden fester umfaßt und umflochten,
Als ich dem Himmel verbunden bin und aller geistigen Welt
Nach dem, was sie für mich getan, Themen mir flüsternd.

O was für Themen — Gleichheiten! O göttlicher Durchschnitt!
Jubellieder unter der Sonne, aufsteigend wie jetzt, oder um Mittag oder bei Sonnenuntergang,
Melodische Strophen, flutend durch Zeiten, und jetzt bis hierher,
Ich gebe mich euren kühnen, reichen Akkorden hin, füge neue hinzu und gebe sie fröhlich weiter.


11

Als ich in Alabama meinen Morgengang machte,
Sah ich das Spottdrosselweibchen auf seinem Neste sitzen und brüten.

Ich sah auch das Männchen,
Stand still, um ganz aus der Nähe zu hören, wie es mit schwellender Kehle freudevoll sang.


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Und wie ich so stillstand, kam es mir, daß es eigentlich nicht für etwas sang, was hier war,
Nicht für sein Weibchen und nicht für sich selbst, auch nicht für das antwortende Ferne,
Sondern fein und heimlich für etwas in weiter Ferne,
Geisterbotschaft und -gabe für Neugeburten.

12

Demokratie! nahe bei dir singt nun eine schwellende Kehle freudevoll.

Ma femme! für die Brut aus uns und nach uns,
Für die, die schon da sind und die, die noch kommen sollen,
Will ich nun, jubelnd bereit, Gesänge ausströmen, stärker und stolzer als je die Erde gehört.

Ich will die Gesänge der Leidenschaft singen und laß ihnen freien Lauf,
Und eure Gesänge, geächtete Sünder, denn ich seh euch ins Herz mit verwandten Augen und nehme euch mit mir so gut wie alle.

Ich will das wahre Gedicht des Reichtums dichten,
Zu ernten für Körper und Geist alles, was Dauer hat, weiterwächst und nicht im Tode vergeht;
Ich will Selbstgefühl ausströmen und zeigen, daß es allem zugrunde liegt, und will der Sänger der Persönlichkeit sein,
Und von Mann und Weib will ich zeigen, daß eins nur das gleiche des anderen ist.
Und Zeugungsorgane und -akte! verdichtet euch in mir! Denn ich bin willens, mit mutiger, klarer Stimme auch auszusprechen und zu bezeugen, daß ihr erhaben seid,
Und ich will zeigen, daß es keine Unvollkommenheit gibt in der Gegenwart und keine geben kann in der Zukunft,
Und ich will zeigen, daß alles, was einem widerfährt, sich zu herrlichem Ausgang wenden kann,
Und ich will einen Faden spinnen durch meine Gedichte hindurch, der bedeutet, daß Zeit und Geschehnisse eine geschlossene Einheit sind


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Und daß alle Dinge im Weltall vollkommene Wunder sind, eins so tief wie das andre.

Ich will keine Gedichte machen über einzelne Teile,
Sondern Gedichte, Gesänge, Gedanken für das Ganze,
Und ich will singen nicht für einen Tag, sondern für alle Tage,
Und ich will kein einziges Gedicht noch Teil eines Gedichtes machen, das nicht in Beziehung stünde zur Seele,
Denn ich habe alle Dinge im Weltall angeschaut und gefunden, daß es keines gibt und kein kleinstes Teilchen von einem gibt, das nicht in Beziehung stände zur Seele.


13

Verlangte jemand, die Seele zu sehen?
So sieh deine eigne Gestalt und dein Antlitz, Menschen, Stoffe, Tiere, die Bäume, die fließenden Ströme, die Felsen, den Sand am Meer.

Sie alle enthalten geistige Freuden und geben sie hernach wieder frei;
Wie kann der wahre Leib jemals sterben und begraben werden?

Dein wahrer Leib und jeglichen Mannes und Weibes wahrer Leib —
Stück für Stück wird er den Händen der Leichenwärter entweichen und in die Sphären gleiten, in die er gehört,
Und mit sich tragen alles was ihm erwuchs vom Augenblick der Geburt bis zum Augenblicke des Todes.
So treu, wie die Typen, die der Setzer setzt, ihren Abdruck prägen, die Bedeutung, den wesentlichen Sinn,
Genau so treu prägt eines Mannes Wesen und Leben oder eines Weibes Wesen und Leben sich in Leib und Seele aus,
Einerlei ob vor oder nach dem Tode.

Siehe, der Leib enthält und ist die Bedeutung, der wesentliche Sinn, und enthält und ist die Seele;
Wer du auch seist, wie herrlich und göttlich ist dein Leib oder irgendein Teil von ihm!


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14

Wer du auch seist, Verkündigung dir in unendlicher Fülle!

Tochter der Länder, harrtest du deines Dichters?
Erharrtest du einen mit überströmendem Mund und deutender Hand?

Den Männern dieser Staaten und den Frauen dieser Staaten
Frohlockende Worte, Worte den Ländern der Demokratie!

Engverkettete, fruchtgesegnete Länder!
Land der Kohle und des Eisens! Land des Golds, Land der Baumwolle, Zuckers und Reis!
Land des Weizens, der Rinder und Schweine! Land der Wolle, des Hanfs! Land der Äpfel und Trauben!
Land der Weideflächen, der Grasfelder der Welt! Land dieser endlosen Hochebene voll süßer Luft!
Land der Herden, der Gärten und der gesunden Lehmhäuser!
Land, wo im Nordwest der Kolumbia, im Südwest der Kolorado sich windet!
Land des östlichen Chesapeake! Land des Delaware!
Land des Ontario, Erie, Huron, Michigan!
Land der Alten Dreizehn! Massachusetts-Land! Land von Vermont und Connecticut!
Land ozeanischer Küsten! Land der Sierras und Piks!
Land der Schiffer und Seefahrer! Fischer-Land!
Unzertrennliche Länder! Verklammerte, leidenschaftliche Länder!
Seite an Seite ihr! die älteren und jüngeren Brüder! Starkknochige!
Das große Frauenland! Das Weibliche! Die klugen und törichten Schwestern!
Weit atmendes Land! Von arktischer Luft gestärkt! Von mexikanischer Luft gefächelt! Mannigfaltiges! Eines!
Das Pennsylvanische! Das Virginische! Das Karolinische Zwillingsland!
O alle und jedes heiß geliebt von mir! meine furchtlosen Staaten! O ich umfasse euch alle immerdar mit vollkommener Liebe!
Ich kann nicht los von euch! nicht von dem einen und nicht von dem anderen!
O Tod! O trotzdem bin ich bei euch unsichtbar zu dieser Stunde mit unbezwinglicher Liebe,


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Wandere durch Neu-England, ein Freund, ein Reisender,
Plätschere mit nackten Füßen am Rande der Sommerwellen auf Paumanoks Ufersand,
Ziehe durch die Prärien, wohne wieder in Chicago, wohne in jeglicher Stadt,
Beschaue mir alles, was es zu sehen gibt, alle Geburten, Neuerungen, Bauten und Künste,
Lausche Rednern und Rednerinnen in öffentlichen Hallen,
Bin Sohn und Wanderer dieser Staaten gleichwie da ich lebte, jeder Mann, jedes Weib mein Nachbar,
Der Louisianier, der Georgier mir noch immer so nah und ich ihm oder ihr noch immer so nah wie einst,
Der Mississippier und Arkansier immer noch bei mir und ich noch immer bei ihnen allen,
Immer noch auf den Ebenen westlich des Stroms der Mitte, in meinem Haus aus Lehm,
Kehre immer noch heim in den Osten, in den Küstenstaat oder Maryland,
Trotze immer noch als Kanadier guten Mutes dem Winter, begrüße Schnee und Eis,
Bin immer noch treuer Sohn von Mayne oder Sohn des Granitstaats oder des Buchtenstaats Narragansak oder des Führerstaats,
Segle noch immer zu andern Küsten, um sie zu besetzen, bewillkommne immer noch jeglichen neuen Bruder
Und reiche hier diese Blätter den neuen zur Stunde, da sie sich mit den alten vereinen,
Und trete selber unter die neuen, um ihr Gefährte und ihresgleichen zu sein, trete persönlich jetzt zu dir
Und rufe dich zu gemeinsamem Spiel mit mir auf die Szene.


15

Halte dich fest an mir und eile, eile mit mir voran.

Um deines Lebens willen klammere dich an mich.
(Lange vielleicht wirst du mich überreden müssen, ehe ich einwillige, mich dir wirklich zu geben, aber was tut's?
Muß nicht auch die Natur immer wieder überredet werden?)


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Kein zierlicher dolce affettuoso ich,
Bärtig, sonngebräunt, graunackig, abschreckend bin ich gekommen,
Daß man ringe mit mir, wenn ich vorbeikomme, um die wahren Preise des Weltalls,
Denn sie bringe ich jedem, der Ausdauer hat, sie zu gewinnen.


16

Auf meinem Wege halte ich einen Augenblick an,
Hier für dich! und hier für Amerika!
Die Gegenwart preise ich hoch, Vorbote bin ich der Zukunft der Staaten froh und stolz,
Und aus der Vergangenheit künde ich, was in der Luft von den roten Ureinwohnern noch nachklingt.

Die roten Ureinwohner —
Naturhauche ließen sie uns, Laute von Regen und Winden, Rufe gleichwie von Vögeln und Tieren in Wäldern, Silben, die Namen wurden,
Okonee, Koosa, Okonya, Monongahela, Sauk, Natchez, Chattahoochee, Kaqueta, Oronoco,
Wabasch, Miami, Saginaw, Chippewa, Oschkosch, Walla-Walla,
Solche ließen sie diesen Staaten zurück und schmelzen, verschwinden, nachdem sie Wasser und Land mit Namen beladen.


17

Nun aber breiten sich eilends aus
Elemente, Rassen, Verschmelzungen ungestüm, jäh und kühn,
Eine Urwelt wiederum, immer neue und weitere Ausblicke der Herrlichkeit,
Eine neue Rasse, alle frühern beherrschend und vielmals größer als sie, mit neuen Kämpfen,
Neuer Staatskunst, neuen Literaturen und Religionen, neuen Erfindungen, Künsten.

Diese verkündet meine Stimme — ich schlafe nicht mehr, ich stehe auf,


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Ihr Ozeane, die in mir ruhten! Wie ich euch fühle, bodenlos, schwellend, noch nie gesehene Wogen und Stürme brauend!


18

Sieh, Dampfer dampfen durch meine Gedichte,
Sieh, Einwanderer kommen unaufhörlich an und landen in meinen Gedichten,
Sieh, im Hintergrunde das Wigwam, die Fährte, des Jägers Hütte, das Flachboot, den Maishalm, die Landnahme, den rohen Zaun und das Dorf im Hinterwald,
Sieh auf der einen Seite die westliche See und auf der andern die östliche See, wie sie über meine Gedichte fluten und ebben wie über ihre eigenen Küsten,
Sieh Weiden und Forste in meinen Gedichten — sieh Tiere wild und zahm — sieh jenseits des Kaw zahllose Büffelherden grasen auf kurzem, krausen Gras,
Sieh, in meinen Gedichten, Städte fest und geräumig, Städte des Binnenlandes, mit gepflasterten Straßen, mit Eisenund Steingebäuden, endlosen Fahrzeugen und Handel,
Sieh die vielzylindrige Dampfpresse — sieh den elektrischen Telegraphen, der sich über den ganzen Kontinent spannt,
Sieh durch atlantische Tiefen Pulse Amerikas bis nach Europa schlagen und Pulse Europas sicher zurück,
Sieh die starke und schnelle Lokomotive, wie sie losfährt, keucht, und die Dampfpfeife bläst,
Siehe Pflüger die Farmen pflügen — sieh Bergleute Minen graben — sieh die unzähligen Fabriken,
Sieh Handwerker fleißig an ihren Bänken mit ihrem Werkzeug — sieh aus ihrer Mitte heraus vortreffliche Richter, Philosophen, Präsidenten hervorgehen, gekleidet in Arbeitertracht,
Sieh hinschlendernd durch die Läden und Felder der Staaten mich selbst, von Herzen geliebt, fest bei Händen gehalten Tag und Nacht,
Höre die lauten Echos meiner Gesänge dort — lies die Zeichen, die endlich erschienen sind.


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19

O camerado nah! O endlich du und ich und nur wir zwei.
O ein Wort, das den Pfad vor uns ins Unendliche lichtet!
O etwas Verzücktes und Unbeweisbares! O wilde Musik!
O jetzt triumphiere ich — und du sollst es auch;
O Hand in Hand — o gesunde Lust — o ein Verlangender und Liebender mehr!
O sich fest zu halten und vorwärts zu eilen — vorwärts, vorwärts mit mir!


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GESANG VON MIR SELBST


1

Ich feiere mich selbst und singe mich selbst,
Und was ich mir anmaße, sollst du dir anmaßen,
Denn jedes Atom, das mir gehört, gehört auch dir.

Ich schlendre und lade meine Seele zu Gaste,
Ich lehne und schlendre nach meinem Behagen,
Einen Halm des Sommergrases betrachtend.

Meine Zunge, jedes Atom meines Bluts geformt aus diesem Boden, dieser Luft;
Geboren hier von Eltern, die hier geboren wurden von gleichen Eltern, und diese von gleichen Eltern,
Ich, siebenunddreißig Jahre alt, in vollkommener Gesundheit, beginne
Und hoffe nicht aufzuhören bis zum Tod.

Glauben und Schulen im Hintergrund,
Sie weichen für eine Weile zurück mit dem, was sie sind, doch nie vergessen,
Ich beherberge Gut und Böse, ich lasse reden auf jede Gefahr,
Natur ohne Zwang mit ursprünglicher Kraft.


2

Häuser und Räume sind voller Wohlgerüchen, die Borde gedrängt voll Wohlgerüchen,
Ich selber atme den Duft und kenne und lieb ihn,
Ihre Essenz würde auch mich vergiften, aber ich laß es nicht zu.

Die Atmosphäre ist kein Parfüm, sie schmeckt nicht nach Essenz, sie ist geruchlos;


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Sie ist so recht für meinen Mund, ich bin verliebt in sie,
Ich will zu dem Hang am Walde gehn und unverkleidet und nackt sein,
Ich bin toll nach ihr und ihrer Berührung.

Der Rauch meines eigenen Atems,
Echos, Geriesel, Wispern und Flüstern, Liebeswurz, Seidenfaden, Gabelstock und Rebe,
Mein Ausund Einatmen, mein Herzschlag, das Strömen von Luft und Blut durch die Lungen,
Das Arom von grünem und trockenem Laub, von der Küste und dunkelfarbigen Klippen und Heu in der Scheune.

Der Klang der Worte, die meine Stimme ausstößt, in die Wirbel des Winds verweht,
Ein paar leichte Küsse, ein paar Umarmungen, Langen von Armen,
Das Spiel von Schatten und Schein in den Bäumen beim Schaukeln der biegsamen Äste,
Das Entzücken allein und im Trubel der Straßen oder an Feldern und Hügeln entlang,
Das Gefühl von Gesundheit, der Mittagstriller, mein Singen, wenn ich vom Bett aufstehe, der Sonne entgegen.

Hast du tausend Acker für viel gehalten? Hast du die Erde für viel gehalten?
Hast du dich so lange geplagt, um lesen zu lernen?
Warst du so stolz darauf, den Sinn von Gedichten zu fassen?

Bleib diesen Tag und diese Nacht bei mir, und du sollst den Ursprung aller Gedichte haben,
Du sollst das Gute von Erde und Sonne haben (Millionen von Sonnen bleiben noch übrig),
Du sollst nicht länger die Dinge nehmen aus zweiter und dritter Hand, noch schauen durch die Augen der Toten, noch dich nähren von den Gespenstern in Büchern,
Du sollst auch nicht schauen durch meine Augen, noch die Dinge nehmen von mir,
Du sollst lauschen nach allen Seiten und sie filtern durch dich selbst.


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3

Ich habe gehört, was die Schwätzer schwatzen, Geschwätz von Anfang und Ende,
Ich aber schwatze nicht vom Anfang oder vom Ende.

Niemals war mehr Anfang als jetzt
Nie mehr Jugend und Alter als jetzt,
Nie wird mehr Vollkommenheit als jetzt,
Nie mehr Himmel und Hölle als jetzt.

Drang und Drang und Drang,
Immer der zeugende Drang der Welt.
Hervor aus dem Dämmer steigen zwiefältige Gleiche, Stoff immer und Wachstum, immer Geschlecht,
Immer ein Weben von Identität, ein Sich-Sondern, immer des Lebens Brut.

Es weiter auszugrübeln ist unnütz, Gelehrte und Ungelehrte fühlen, daß es so ist.

Gewiß wie die stärkste Gewißheit, lotrecht im Gerüst, wohlverklammert, fest in den Balken,
Stämmig wie ein Roß, zärtlich, stolz, elektrisch,
Ich und dies Geheimnis — hier stehn wir.

Klar und süß ist meine Seele, und klar und süß ist alles, was nicht meine Seele ist.
Fehlt eins, so fehlen beide, und das Unsichtbare wird bewiesen durch das Sichtbare,
Bis dieses wieder unsichtbar wird und selber Beweise erhält.

Das Beste zu weisen und es zu scheiden vom Schlechtesten, plagt sich Geschlecht um Geschlecht,
Ich aber kenne die vollkommene Schicklichkeit und Gelassenheit der Dinge, schweige, während sie diskutieren, gehe baden und bewundre mich selbst.

Willkommen ist jedes Organ und Glied von mir und von jedem herzhaften, reinen Mann,


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Kein Zoll noch Bruchteil eines Zolls ist schlecht, und keins soll minder vertraut sein als die andern.

Ich bin zufrieden — schaue, tanze, lache, singe;
Wenn der herzende, liebende Bettgesell an meiner Seite schläft die Nacht hindurch und bei Tagesgrauen verstohlenen Trittes hinwegschleicht,
Körbe zurück mir lassend, mit weißen Tüchern bedeckt, die das Haus mir schwellen mit Fülle,
Soll ich dann zögern sie anzunehmen und wahrzuhaben und meine Augen anschrein,
Weil sie sich wenden vom Nachschauen den Weg hinab
Und fortan rechnen und bis auf den Pfennig mir weisen
Genau den Wert von eins und genau den Wert von zwei und welches mehr ist?


4

Zappler und Frager umringen mich;
Menschen, die ich treffe, der Einfluß meines früheren Lebens auf mich, des Viertels, der Stadt wo ich wohne, oder meiner Nation,
Die neuesten Nachrichten, Entdeckungen, Erfindungen, Gesellschaften, Autoren alt und neu.
Mein Mittagessen, mein Anzug, Blicke, Verbeugungen, Höflichkeiten,
Die wirkliche oder eingebildete Gleichgültigkeit eines Mannes oder Weibs, das ich liebe,
Die Erkrankung von Angehörigen oder mir selbst, Abwege, Verlust oder Mangel an Geld; Niedergeschlagenheit oder Überschwang;
Schlachten, die Greuel des Bruderkriegs, das Fieber schwankender Nachrichten, launische Zufälle;
Diese kommen zu mir in Tagen und Nächten und gehen wieder hinweg von mir,
Aber sie sind nicht das Ich selbst.

Abseits von dem Ringen und Raufen steht, was ich bin,
Steht belustigt, gefällig, teilnehmend, müßig, geschlossen,
Blickt nieder, aufrecht, oder beugt einen Arm an einen unfühlbaren festen Halt,


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Blickt seitlich geneigten Hauptes, neugierig, was nun kommt,
Spielt mit und doch nicht mit, beobachtet und wundert sich darüber.

Rückwärts schau ich in meine eignen Tage, da ich durch Nebel schwitzte mit Sprachgelehrten und Streitern der Zunge:
Ich spotte und streite nicht mehr, bin Zeuge und warte.


5

Ich glaube an dich, meine Seele; mein andres Teil soll sich nicht erniedern vor dir,
Noch du dich vor ihm.

Schlendre mit mir durch das Gras, löse den Stöpsel aus deiner Kehle,
Nicht Worte, Musik oder Melodie verlang ich, nicht weisen Spruch, und wär es der beste,
Einzig das Lullen lieb ich, das Summen deiner gedeckten Stimme.

Ich gedenke, wie einst wir lagen an solch einem durchsichtigen Sommermorgen,
Wie du dein Haupt quer über meine Lenden legtest und dich leise über mich kehrtest
Und das Hemd streiftest von meinem Brustbein und tauchtest deine Zunge in mein entblößtes Herz
Und hinaufreichtest, bis du meinen Bart fühltest und hinabreichtest, bis du meine Füße hieltest.

Alsbald erhob und breitete sich um mich der Friede und das Wissen, das höher ist als alle Beweisgründe der Erde,
Und ich weiß, daß die Hand Gottes die Gewähr für meine eigene Hand ist,
Und ich weiß, daß der Geist Gottes der Bruder meines eignen Geistes ist,
Und daß alle Männer, die je geboren, auch meine Brüder sind, und die Weiber meine Schwestern und Liebsten;

Und daß der Richtkiel der Schöpfung Liebe ist,
Und zahllos Halme aufgerichtet oder geneigt auf den Feldern,


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Und Ameisen braun in den winzigen Schlupflöchern an ihren Wurzeln,
Und moosiger Schorf der Schlupfwinkel von Würmern, Steinhaufen, Hollunder, Königskerzen und Scharlachbeeren.


6

Ein Kind sagte: „Was ist das Gras?“ und pflückte es mir mit vollen Händen.
Wie konnt ich dem Kinde antworten? Ich weiß nicht besser, als das Kind, was es ist.
Ich glaube, es muß die Flagge meines Wesens sein, oben aus hoffnungsgrünem Stoff.

Oder vielleicht ist das Gras selber ein Kind, das Neugeborne der Pflanzenwelt.

Oder ich glaube, es ist das Taschentuch Gottes,
Eine duftende Gabe und Andenken, mit Absicht fallen gelassen,
Mit dem Namen des Eigentümers in einer der Ecken, so daß wir schauen und fragen mögen: „Wem gehört's?“

Oder ich glaube, es ist eine einzige große Hieroglyphe,
Und bedeutet: Trieb und Wachstum sind die gleichen überall,
In breiten Zonen und schmalen Zonen,
Bei schwarzen Völkern und weißen.
Kanuck, Tuckahoe, Kongreßmann, Cuff , ich spende ihnen ohne Unterschied und empfange sie ohne Unterschied.

Und nun scheint es mir das schöne, unverschnittene Haar von Gräbern.
Zart will ich dich behandeln, gekräuseltes Gras,
Vielleicht sprießest du aus den Brüsten junger Männer,
Vielleicht hätte ich sie geliebt, wenn ich sie gekannt hätte,
Vielleicht kommst du von alten Leuten, oder von der Frucht, die zu früh aus dem Schoße der Mutter genommen,
Und nun bist du Mutterschoß.


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Dieses Gras ist sehr dunkel dafür, daß es aus den weißen Häuptern alter Mütter kommt,
Dunkler als die farblosen Bärte alter Männer,
Dunkel dafür, daß es unter dem blaßroten Gewölbe von Mündern hervorkommt.

Oh, ich vernehme je mehr und mehr so viele redende Zungen,
Und vernehme, daß sie nicht umsonst aus der Wölbung von Mündern sprießen.

Ich wünschte, ich könnte übersetzen, was sie mir flüstern von den jungen Männern und Weibern,
Und was sie flüstern von Greisen und Müttern und der Frucht, die zu früh aus ihrem Schoße genommen.

Was glaubst du, ist aus den alten und jungen Männern geworden?
Und was glaubst du, ist aus den Weibern und Kindern geworden?
Sie sind am Leben irgendwo und wohlbehalten,
Der kleinste Sproß beweist, daß es in Wahrheit keinen Tod gibt,
Und wenn es ihn je gab, so war er Vorläufer des Lebens, und wartet nicht am Ziel, um es aufzuhalten,
Und verging in dem Augenblick, wo das Leben erschien.

Ins Weite und Breite drängt alles; nichts zerfällt,
Und Sterben ist anders, als je einer gedacht,
Und glücklicher.


7

Glaubte jemand, daß es ein Glück sei, geboren zu werden?
Ich will ihm oder ihr sogleich beweisen, daß es ein ebenso großes Glück ist, zu sterben, ich weiß es.

Ich erlebe Tod mit dem Sterbenden und Geburt mit dem neugebadeten Kindlein
Und bin nicht beschränkt zwischen Hut und Schuhn,
Und durchdringe vielerlei Dinge, nicht zwei sich gleich, und ein jegliches gut,
Die Erde gut, und die Sterne gut und alle ihre Trabanten gut.


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Ich bin keine Erde und kein Trabant einer Erde,
Ich bin der Gespiel und Gefährte von Menschen, alle unsterblich und unergründlich wie ich.
(Sie wissen nicht, wie unsterblich, aber ich weiß es.)

Jede Art für sich und ihr eigen, für mich die meine, männlich und weiblich,
Für mich die Männer, die rechte Knaben waren und Frauen lieben,
Für mich der Mann, der stolz ist und fühlt, wie es sticht, verachtet zu werden,
Für mich die Liebste und alte Jungfer, für mich die Mütter und Mütter von Müttern,
Lippen für mich, die gelächelt, Augen, die Tränen vergossen haben,
Kinder für mich und Erzeuger von Kindern.

Entkleide dich! Mir bist du nicht schuldig, noch schal, noch verworfen,
Ich sehe durch Tuch und Garn, ob du willst oder nicht,
Und bin um dich her, erobernd, hartnäckig, unermüdlich, und abschütteln kannst du mich nicht.


8

Das Kleine schläft in der Wiege,
Ich lüfte den Schleier, beschaue es lange und scheuche schweigend die Fliegen mit meiner Hand.

Der Junge und das Mädchen mit rotem Gesicht wenden sich seitwärts den buschigen Hügel hinan,
Ich erspähe sie oben vom Gipfel.

Der Selbstmörder zuckt auf dem blutigen Boden des Schlafraums,
Ich gewahre den Leichnam mit seinem bespritzten Haar, ich beachte, wo der Revolver hinfiel.

Das Geschwätz auf der Straße, Reihen von Wagen, Schmutz an den Stiefelsohlen, Gespräch der Spaziergänger,
Der schwerfällige Omnibus, der Kutscher mit seinem fragenden Daumen, der Klang der beschlagenen Pferde auf dem Granit,


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Die Schlitten, Geklingel, lustige Rufe und Schneeballwerfen,
Die Hurras für Lieblinge der Menge, die Wut erregten Pöbels,
Das Flappen des Vorhangs der Sänfte, ein Kranker drinnen auf dem Weg zum Spital,
Aneinandergeraten von Feinden, der jähe Fluch, Schläge und Fall,
Das aufgeregte Gedränge, der Schutzmann mit seinem Stern, der sich rasch seinen Weg in die Mitte des Knäuels bahnt,
Die fühllosen Steine, die so manches Echo empfangen und wiedergeben,
Welch ein Stöhnen der überfütterten oder Halbverhungerten, die vom Hitzschlag oder in Krämpfen stürzen,
Welche Schreie von Weibern, die jäh betroffen nach Hause eilen und Kinder gebären,
Welche lebendig begrabene Sprache bebt hier allezeit, welch ein Geheul, von Anstand niedergehalten,
Verhaftungen von Verbrechern, Schmähungen, ehebrecherische Anträge, Annahmen, Abweisungen mit gekräuselten Lippen,
Ich achte auf sie, ihren Schein oder Widerhall — komme und gehe wieder davon.


9

Die großen Tore der Dorfscheune stehen offen bereit;
Das getrocknete Gras der Erntezeit wird auf den langsam fahrenden Wagen geladen,
Das helle Licht spielt auf dem grau und grün gefleckten Braun,
Ein Armvoll nach dem andern wird auf den Haufen gepackt.

Ich bin da, ich helfe, ich kam, auf die Höhe der Fuhre hingestreckt,
Ich fühlte die weichen Stöße, ein Bein überm andern ruhend,
Ich springe vom Querbalken ab und fasse in Klee und Gräser,
Rolle Hals über Kopf hinab und verwirre mein Haar in den Rispen.


10

Einsam, fern in der Wildnis der Berge jage ich,
Wandernd, erstaunt ob der eigenen Leichtigkeit und Lust,
Suche am späten Nachmittag einen geschützten Platz, um die Nacht zu verbringen,


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Zünde ein Feuer und brate das frischgetötete Wild,
Falle in Schlaf auf geschichteten Blättern mit meinem Hund und Gewehr an der Seite.
Der Yankeeklipper hat seine höchsten Segel gesetzt, durchschneidet Schaum und Dunst,
Meine Augen sichten das Land, ich lehne über den Bug oder schreie jubelnd vom Deck.

Die Schiffer und Muschelgräber machten sich früh auf den Weg und holten mich ab,
Ich schlug meine Hosen in meine Stiefel, ging mit und hatte einen vergnügten Tag;
Du hättest sitzen sollen an diesem Tag mit uns um den Muschelkessel herum.

Ich sah die Hochzeit des Pelzjägers unter freiem Himmel im fernen Westen, die Braut eine Rote,
Ihr Vater und seine Freunde hockten mit unterschlagenen Beinen dabei, stumm rauchend, sie hatten Mokassins an den Füßen und weite dicke Wolldecken hingen von ihren Schultern herab.
An einem Abhang streckte sich der Trapper, fast ganz in Felle gekleidet, sein üppiger Bart und Locken schützten den Hals, er hielt seine Braut bei der Hand,
Sie hatte lange Wimpern, war barhäuptig, ihr grobes Haar floß über ihre wollüstigen Glieder herab und reichte ihr bis an die Füße.

Der entlaufene Sklave kam an mein Haus und hielt draußen an,
Ich hörte seine Bewegungen an dem Knacken der Zweige des Reisighaufens,
Durch die offene Halbtür der Küche sah ich ihn schlapp und schwach
Und ging hin, wo er saß auf einem Holzklotz, und führt ihn hinein und beruhigte ihn,
Und brachte Wasser und füllte eine Wanne für seinen schweißigen Leib und seine wundgelaufenen Füße,
Und gab ihm eine Stube neben der meinen und gab ihm grobe und reine Kleider,


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Und erinnere deutlich seine rollenden Augen und seine Kindlichkeit,
Und wie ich Pflaster legte auf die Blasen seines Nackens und seiner Knöchel;
Er blieb eine Woche bei mir, bis er wieder hergestellt war und nordwärts zog,
Ich hatte ihn neben mir sitzen bei Tische, meine Flinte lehnte in einer Ecke.


11

Achtundzwanzig junge Männer baden an der Küste,
Achtundzwanzig junge Männer und alle gut Freund;
Achtundzwanzig Jahre weiblichen Lebens und alle so einsam.
Ihr gehört das schöne Haus an der Höhe des Ufers,
Sie verbirgt sich, lieblich und reich gekleidet, hinter den Schleiern des Fensters.
Welcher der jungen Männer ist ihr der liebste?
Ach der gewöhnlichste unter ihnen erscheint ihr schön.

Wo bist du hin, Frau? denn ich sehe dich,
Du plätscherst im Wasser dort, ob du auch stockstill in deiner Stube stehst.

Tanzend und lachend den Strand entlang kam die neunundzwanzigste Badende,
Die andern sahen sie nicht, aber sie sah sie und liebte sie.
Die Bärte der jungen Männer glitzerten vom Naß, es rann von dem langen Haar,
Kleine Ströme glitten über die Leiber.
Eine ungesehene Hand glitt auch über ihre Leiber,
Strich zitternd an ihren Schläfen und Rippen hinab.
Die jungen Männer schwimmen auf ihren Rücken, ihre weißen Leiber wölben sich in der Sonne; sie fragen nicht, wer begierig nach ihnen greift,
Sie wissen nicht, wer keucht und tief sich herniederlehnt in geschmeidiger Biegung,
Sie ahnen nicht, wen sie mit Schaum bespritzen.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 31] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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12

Der Metzgerbursche zieht seinen Schlächterrock aus oder schleift sein Messer in seinem Marktstand,
Ich schaue ihm müßig zu und freue mich an seiner Schlagfertigkeit, an seinem Schuffle und Breakdown.

Schmiede mit rußigen, zottigen Brüsten umringen den Amboß,
Jeder hat seinen Schmiedehammer, im Feuer ist Hochglut.

Von der aschebedeckten Schwelle folge ich ihrer Bewegung,
Der geschmeidigen Form ihrer Rümpfe und dem harmonischen Spiel ihrer nervigen Arme,
Die Hämmer fallen im Schwunge herab, so langsam herab, so sicher herab,
Sie hasten nicht, ein jeder trifft an seinen Platz.


13

Der Neger hält in festen Händen die Zügel des Viergespanns,
Unten schaukelt der Klotz an übergebundener Kette,
Den langen Lastwagen des Steinbruches fährt er, fest und hoch steht er da, den einen Fuß auf den Holm gestützt,
Sein blaues Hemd zeigt seinen starken Nacken und Brust, hängt lose über den Hüftgurt, sein Blick ist still und gebietend, er schiebt seinen Hut aus der Stirn,
Die Sonne fällt auf sein krauses Haar, seinen Schnurrbart, fällt auf das Schwarz seiner glänzenden, herrlichen Glieder.

Ich beschaue den malerischen Giganten und liebe ihn, doch halte mich nicht bei ihm auf,
Ich laufe auch mit dem Gespann.

Nach allen Seiten regt sich in mir der Liebkosende des Lebens, rückwärts wie vorwärts sich wendend,
Spähend in alle Ecken, abseits und nie entdeckt, kein Wesen noch Ding übersehend,
Aufnehmend alles in mich und für diesen Gesang.


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Ochsen, die ihr mit Joch und Kette rasselt oder im Schatten des Laubes ruht, was ist's, das ihr ausdrückt in euren Augen?
Es scheint mir mehr als alles Gedruckte, das ich je las in meinem Leben.

Mein Schritt scheucht Waldenterich und -ente auf meinem fernen taglangen Streifzug,
Sie schrecken zusammen auf, ziehn langsame Kreise.

Ich glaube an diese beflügelten Zwecke
Und bestätige Rot, Gelb, Weiß, spielend in mir,
Und halte Grün und Violett und des Laubwerks Krone für Absicht,
Und ich nenne die Schildkröte nicht unwürdig, weil sie nichts anderes ist,
Und der Häher im Walde hat niemals die Tonleiter studiert und trillert mir dennoch lieblich,
Und der Blick der Fuchsstute treibt alle Albernheiten beschämend aus mir aus.


14

Der wilde Gänserich führt sein Volk durch die kühle Nacht,
„Ja-honk“ sagt er und ruft es herab zu mir wie eine Einladung,
Die Vorwitzigen mögens für sinnlos halten, ich aber nahe horchend,
Erkenne seinen Zweck und Ort dort oben gegen den winterlichen Himmel.

Das scharfhufige Elen im Norden, die Katze auf der Haussschwelle, die Schwarzmeise, der Steppenhund,
Der Wurf der grunzenden Sau, der an den Zitzen saugt,
Die Brut der Truthenne und sie selber mit halbgespreiteten Flügeln,
Ich sehe in ihnen und in mir selber dasselbe alte Gesetz.

Meines Fußes Druck auf die Erde läßt hundert Zärtlichkeiten sprießen, sie spotten all meiner Mühe, sie aufzuzählen.

In bin verliebt in das, was im Freien wächst,
In Männer, die mit dem Vieh leben oder nach Meer oder Wäldern riechen,


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In Erbauer und Steurer von Schiffen und Schwinger von Äxten und Schlegeln und Lenker von Pferden,
Ich kann essen und schlafen mit ihnen Woche um Woche.

Was am gewöhnlichsten, billigsten, nächsten, leichtesten ist, bin Ich.
Ich, versuchend mein Glück, verschwendend, um wiederzuernten in Fülle,
Schmückend mich selbst, um mich selbst zu verschenken dem Ersten, der mich will,
Nicht fordernd vom Himmel, daß er mir zu Gefallen herunter komme,
Sondern ihn ausstreuend mit vollen Händen für ewig.


15

Die reine Altstimme singt auf dem Chor der Orgel,
Der Tischler zimmert an seinem Brett, die Zunge des Hobels pfeift ihr wildansteigendes Zischen,
Die Kinder und Schwiegerkinder reiten zum Dankfest heim,
Der Steuermann greift ins Rad, dreht es herauf mit starkem Arm,
Der stämmige Maat steht aufrecht im Walfischboot, Harpune und Lanze bereit,
Der Entenjäger pirscht auf lautlosem Schleichweg,
Der Priester amtiert an dem Altar mit gefalteten Händen,
Die Spinnerin beugt sich vor und zurück zu dem Summen des großen Rades,
Der Farmer bleibt an dem Grenzrain stehn beim ersten Morgengang durch Hafer und Roggen,
Der unheilbare Irre wird endlich in die Anstalt gebracht,
(Nie wird er schlafen, wie er einst schlief in der Wiege seiner Mutter Gemach);
Der Zeitungsdrucker mit grauem Kopf und hageren Kinnbacken plagt sich an seinem Kasten,
Er dreht seinen Priem im Munde, indes seine Augen flimmern über dem Text,
Die verwachsenen Glieder sind auf den Tisch des Chirurgen geschnallt,
Abgeschnittnes fällt grausig in einen Eimer;
Die junge Halbmulattin wird am Markte verkauft, der Trinker nickt an dem Ofen der Schenke,


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 34] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Der Maschinist streift seine Ärmel hoch, der Schutzmann geht sein Revier ab,
Der Torwächter achtet darauf, wer vorbeigeht,
Der junge Bursche kutschiert die Eilpost (ich liebe ihn, ob ich ihn gleich nicht kenne);
Der Mischling schnürt seine leichten Schuh für den Wettlauf,
Die Truthahnjagd im Westen lockt alt und jung, die einen lehnen auf ihren Büchsen, die andern sitzen auf Blöcken,
Aus ihrem Kreis tritt der Schütze hervor, stellt sich in Positur und nimmt sein Ziel aufs Korn;
Die Gruppen neugelandeter Einwandrer füllen die Werft oder sind grade beim Aufstehn,
Der Aufseher überblickt von seinem Sattel die Wollschädel, wie sie im Zuckerfeld hacken,
Der Hornstoß ruft in den Ballsaal, die Herrn eilen zu ihren Damen, die Tänzer verbeugen sich voreinander,
Der Jüngling liegt wach in der zedergetäfelten Dachstube und lauscht der Musik des Regens,
Der Vielfraß legt sich auf Lauer am Bach, der hilft den Huronsee füllen,
Die Squaw, gehüllt in ihr gelbgesäumtes Gewand, bietet Perlenbeutel und Mokassins zum Kauf,
Der Kenner beschaut die Gemäldegalerie, mit verkniffenen Augen seitwärts geneigt,
Während das Dampfboot anlegt, wird die Planke geworfen für die aussteigenden Passagiere,
Die jüngere Schwester hält das Garn, das die ältre zum Knäuel wickelt, und stockt dann und wann bei den Knoten,
Die junge Frau erholt sich und fühlt sich glücklich, nachdem sie vor einer Woche ihr erstes Kind gebar,
Das saubergekämmte Yankeemädchen arbeitet an ihrer Nähmaschine in der Fabrik oder Spinnerei,
Der Mann, der die Straße pflastert, lehnt sich über seine doppelgriffige Ramme, der Stift des Reporters fliegt rasch über das Notizbuch, der Schildermaler malt Lettern blau und gold,
Der Flußschifferbursche stapft den Treidelweg lang, der Buchhalter rechnet an seinem Tisch, der Schuhmacher wachst seinen Zwirn,
Der Kapellmeister schlägt den Takt und alle Spieler folgen ihm,
Das Kind wird getauft, der Bekehrte legt sein erstes Bekenntnis ab,


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 35] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Die Regatta ist über die Föhrde entfaltet, das Rennen begann (wie weiß die Segel glühn!),
Der Treiber, der seine Herde bewacht, ruft singend das Vieh, das ausbrechen will,
Der Krämer schwitzt mit dem Pack auf dem Rücken (der Käufer feilscht um den letzten Pfennig),
Die Braut glättet ihr weißes Kleid, der Minutenweiser der Uhr geht langsam,
Der Opiumesser lehnt steifen Kopfes zurück mit halbgeöffneten Lippen,
Die Straßendirne zerrt ihren Schal, die Kapotte baumelt an ihrem trunkenen, finnigen Halse,
Der Pöbel belacht ihre Zuhälterflüche, die Männer höhnen und winken einander,
(Ärmste! Ich lache nicht über deine Flüche und höhne dich nicht);
Der Präsident, der Kabinettsrat hält, ist umringt von den Staatssekretären,
über den Platz spazieren drei Matronen stattlich und freundlich Arm in Arm,
Die Mannschaft der Fischerbarke verstaut Schichten von Heilbutten in den Raum,
Der Missourier wandert quer durch die Steppen, Vieh und Ware berechnend,
Der Billetschaffner, der durch den Zug geht, macht sich bemerkbar durch das Klimpern des Wechselgelds,
Die Schreiner legen die Dielen, die Dachdecker decken das Dach, die Maurer rufen nach Mörtel,
In der Reihe, jeder den Kübel schulternd, gehen die Arbeiter einer hinter dem andern.

Schnell wandeln die Zeiten des Jahrs, unbeschreiblich drängt sich die Menge, es ist der vierte Juli (welch ein Salut aus Gewehr und Geschütz!),
Schnell wandeln die Zeiten des Jahrs, der Pflüger pflügt, der Mäher mäht und das Winterkorn fällt in den Boden,
Draußen weit auf den Seen lauert der Hechtfischer am Loch der gefrorenen Fläche,


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 36] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Die Stümpfe stehen dicht um die Lichtung, tief trifft des Ansiedlers Axt,
Prahmschiffer eilen bei sinkender Dämmerung in den Schutz des Pappelund Hikoryhains,
Waschbärjäger streifen durch die Gebiete des Redriver oder des Tennessee oder Arkansas,
Fackeln leuchten im Dunkel, das über dem Chattehooche oder Altamahaw hängt,
Patriarchen sitzen beim Abendmahl mit Söhnen und Enkelsöhnen und Großenkelsöhnen um sich her,
In Hütten aus Lehm, in Segeltuchzelten ruhn Jäger und Trapper aus nach der Arbeit des Tags,
Die Stadt schläft und das Land schläft,
Die Lebenden schlafen ihre Zeit, die Toten schlafen ihre Zeit,
Der alte Ehemann schläft bei seinem Weib, und der junge Ehemann schläft bei seinem Weib,
Und diese alle drängen herein in mich und ich dränge aus mir hinaus in sie,
Und was es heißt, eines von diesen zu sein, mehr oder weniger, das bin Ich,
Und aus diesen, einem und allen, webe ich den Gesang von mir selbst.


16

Ich bin alt und jung, närrisch und weise,
Unbekümmert um andre, stets um andre besorgt,
Mutter sowohl wie Vater, Kind sowohl wie Mann,
Voll von dem Stoff, der grob ist, und voll von dem Stoff, der fein ist,
Sohn der Nation, die viele Nationen umfaßt, die kleinste sowohl wie die größte,
Südländer und Nordländer, ein Pflanzer gemütlich und gastfrei lebe ich unten am Oconee,
Ein Yankee, der seine Wege geht, zum Handel gerüstet, meine Gelenke die geschmeidigsten und sehnigsten Gelenke auf Erden,
Ein Kentuckier streifend im Elkhorntal in meinen Rehfellgamaschen, ein Lousisianier oder Georgier,


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Ein Bootsführer über Seen und Buchten und an Küsten entlang, ein Hoosier, Badger, Buckeye;
Zu Haus auf kanadischen Schneeschuhn oder droben im Busch und mit Fischern fern bei Neufundland,
Zu Haus auf der Eisbootflotte, mit den andern segelnd und kreuzend,
Zu Haus in den Hügeln von Vermont, den Wäldern von Maine und der Texasfarm,
Gefährte von Kaliforniern, Gefährte freier Nordwestler (liebend ihre mächtigen Glieder),
Gefährte von Flößern und Köhlern, Gefährte aller, die einem die Hand schütteln und einen willkommen heißen zu Speise und Trank,
Ein Schüler der Einfältigsten, ein Lehrer der Gedankenreichsten,
Ein Neuling und Anfänger, doch erfahren in Myriaden von Jahren,
Von jeder Farbe und Kaste bin ich, von jedem Rang und jeder Religion,
Ein Farmer, Mechaniker, Künstler, Edelmann, Schiffer, Quäker, Gefangener, Dandy, Raufbold, Rechtsanwalt, Priester, Arzt.

Alles bewältige ich leichter als meine eigene Vielfältigkeit,
Atme die Luft, doch lasse genügend übrig,
Ich bin nicht aufgeblasen und bin am rechten Ort.

(Die Motte und die Fischeier sind am rechten Ort,
Die hellen Sonnen, die ich sehe, und die dunklen Sonnen, die ich nicht sehen kann, sind am rechten Ort,
Das Greifbare ist am rechten Ort und das Ungreifbare am rechten Ort.)


17

Dies sind wirklich die Gedanken aller Menschen, aller Zeiten und Länder, sie sind nicht ursprünglich mein eigen,
Sind sie nicht die deinen sowohl wie die meinen, so sind sie nichts oder so gut wie nichts,


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Sind sie nicht das Rätsel und die Lösung des Rätsels, so sind sie nichts,
Sind sie nicht ebenso nahe als ferne, so sind sie nichts,
Dies ist das Gras, das überall wächst, wo Land und Wasser ist,
Dies ist die gemeinsame Luft, die den Erdball badet.


18

Ich komme mit starker Musik, mit meinen Hörnern und Trommeln,
Ich spiele nicht Märsche allein für gefeierte Sieger, ich spiele Märsche Besiegten, Erschlagnen.

Hörtest du, es sei gut den Sieg zu gewinnen?
Ich sage, auch fallen ist gut, Schlachten werden verloren im selben Geist wie gewonnen.

Ich rühre die Trommel den Toten,
Ich blase durch meine Trompeten meinen lautesten, fröhlichsten Klang für sie.

Vivat denen, die unterlagen!
Und deren Kriegsschiffe sanken in See!
Und denen, die selber sanken in See!
Und allen Feldherrn, die Schlachten verloren, und allen besiegten Helden!
Und den zahllosen unbekannten Helden, den größten bekannten Helden gleich.


19

Dies ist das Mahl, für alle gleicherweise gerichtet, dies das Fleisch für natürlichen Hunger,
Es ist für den Bösen bestimmt wie für den Gerechten, ich verhandle mit allen,
Ich will, daß nicht einer verachtet und übergangen werde,
Mätresse, Schmarotzer und Dieb sind hiermit geladen,
Der dicklippige Sklav ist geladen, der Geschlechtskranke ist geladen;
Es soll kein Unterschied sein zwischen ihnen und andern.


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Dies ist der Druck einer schüchternen Hand, dies das Fluten und Duften von Haar,
Dies ist der Hauch meiner Lippen auf deine, dies das Flüstern der Sehnsucht,
Dies ist die ferne Tiefe und Höhe, die spiegelt mein eigenes Antlitz,
Dies das gedankenvolle Versinken in mich und das Wiederhervorgehn.

Wähnst du, ich hätte eine heimliche Absicht?
Nun ja, ich habe eine, denn die Aprilschauer haben eine und der Glimmer an einer Felswand hat eine.

Meinst du, ich wolle verblüffen?
Verblüfft das Tageslicht oder das frühe Rotschwänzchen, das durch die Wälder zwitschert?
Errege ich mehr Erstaunen als sie?

In dieser Stunde sag ich vertrauliche Dinge,
Nicht jedem mag ich sie sagen, aber ich sage sie dir.


20

Wer geht da? gierig, grob, mystisch, nackt;
Wie kommts, daß ich Kraft ziehe aus dem Rindfleisch, das ich esse?

Was ist ein Mann überhaupt? Was ich? Und was bist du?
Allem, was ich als mein bezeichne, sollst du das deine entgegenstellen,
Anders wär es verlorene Zeit, mich zu hören.

Ich winsle nicht das Allerweltsgewinsel,
Daß die Monate leer sind und der Boden nur Schlamm und Kot.

Wimmern und Zukreuzekriechen mögt ihr Kranken in ihre Pulver mischen, Anpassung ist für die Vettern vierten Grads,
Ich trag meinen Hut, wie es mir gefällt, drinnen und draußen.

Warum sollte ich beten? Warum verehren und feierlich sein?


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Da ich die Erdschichten durchspäht und bis aufs Haar untersucht und mit Gelehrten beraten und peinlich berechnet habe,
Finde ich doch kein süßeres Fett als an meinen eigenen Knochen klebt.

In allem Volk seh ich mich selbst, keiner mehr und keiner ein Gerstenkorn weniger,
Und das Gute und Schlechte, das ich von mir sage, sage ich auch von ihnen.

Ich weiß, ich bin fest und gesund,
Zu mir strömen von allen Seiten die Dinge des Weltalls unaufhörlich,
Alle sind sie an mich geschrieben und ich muß die Schrift entziffern.

Ich weiß, ich bin todlos,
Ich weiß, daß dieser mein Kreis von keines Zimmermanns Zirkel umspannt wird,
Ich weiß, ich kann nicht vergehn wie ein Feuerreif, den ein Kind mit glühendem Stock durch die Nacht schlägt.
Ich weiß, ich bin erhaben,
Ich quäle meinen Geist nicht, sich selber zu rechtfertigen oder verstanden zu werden,
Ich sehe, daß die Urgesetze sich niemals entschuldigen,
(Ich denke, ich betrage mich am Ende nicht hochmütiger als die Wasserwage, nach der ich mein Haus gründe).

Ich bin wie ich bin, das ist genug,
Gewahrt mich kein Mensch in der Welt, so sitz ich zufrieden;
Und gewahren mich alle und jeder, so sitz ich zufrieden.

Eine Welt ist meiner gewahr, bei weitem die größte für mich, und das bin ich selbst,
Und ob ich zum meinigen heute gelange oder in zehntausend oder in zehn Millionen Jahren,
Ich kann es fröhlich heute nehmen oder ebenso fröhlich warten.
Meines Fußes Halt ist verzapft und vermörtelt in Granit,
Ich verlache das, was ihr Auflösung nennt,
Und kenne die Fülle der Zeit.


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21

Ich bin der Dichter des Leibs und bin der Dichter der Seele,
Die Freuden des Himmels sind bei mir, und die Qualen der Hölle sind bei mir,
Die ersten veredle und mehre ich in mir sebst, die zweiten übersetz ich in eine neue Sprache.

Ich bin der Dichter des Weibs sowohl wie des Manns,
Und nenne es ebenso groß, ein Weib zu sein, wie Mann,
Und sage, es gibt nichts größeres als die Mutter von Menschen.
Ich singe den Gesang von Entfaltung und Stolz,
Ducken und demütigen hatten wir grade genug,
Ich zeige, daß Größe nichts als Entwicklung ist.

Hast du die andern überholt? Bist du der Präsident?
Das ist eine Kleinigkeit, sie werden alle weiter als so weit gelangen, und immer noch weiter.

Ich bin, der da geht mit der zarten, wachsenden Nacht,
Ich rede laut zu Erde und Meer, den halb Umfangenen von der Nacht.

Drücke dich fest an mich, bloßbusige Nacht — drücke dich fest an mich, magnetische nährende Nacht!
Südwindsnacht — Nacht der wenigen großen Sterne!
Still nickende Nacht — toll nackte Sommernacht.

Lächle, o wollüstige, kühl überhauchte Erde!
Erde der schlummernden, saftfließenden Bäume!
Erde nach Sonnenuntergang, Erde der dunstgegipfelten Berge!
Erde mit gläsernem Gusse des Vollmonds, bläulich durchhaucht!
Erde des Scheins und Schattens, sprenkelnd den Spiegel des Stroms!
Erde durchleuchteten Wolkengrau's, heller und klarer um meinetwillen!
Weit umfangende Erde — üppige Apfelblüten-Erde!
Lächle, denn dein Geliebter kommt.

Verschwenderin, du hast mir Liebe gegeben, darum gebe auch ich dir Liebe,
O unaussprechliche, leidenschaftliche Liebe.


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22

Du Meer! auch dir ergebe ich mich, ich seh, was du willst,
Ich gewahre vom Strand aus deine gekrümmten, lockenden Finger,
Mich dünkt, du willst nicht ebben, ohne mich einmal gefühlt zu haben,
Wir woll'n einen Gang miteinander wagen, ich werfe die Kleider ab, reiße mich außer Sicht des Landes,
Bette mich weich, wieg' mich in welligem Schlummer,
Spritze mich mit verliebtem Naß, ich kann dir's vergelten.

Meer langgestreckter Dünung,
Meer, atmend in breiten, bebenden Zügen,
Meer mit dem Salz des Lebens und mit den ungegrabnen, immer bereiten Gräbern,
Heulend und hohl in Stürmen, launische, liebliche See,
Eines Wesens bin ich mit dir, eines Zustandes und aller Zustände Kenner auch ich.

Mitströmender ich mit Ebbe und Flut, Lobsänger ich von Haß und Versöhnung,
Lobsänger zärtlicher Freunde und aller, die sich in Armen ruhn.

Ich bin der Verkünder von Sympathie,
(Soll ich meine Liste der Dinge machen und das Haus übergehen, das sie enthält?)

Ich bin nicht der Dichter der Güte allein, ich weigere mich nicht, auch der Dichter der Bosheit zu sein.
Was ist das für ein Geplärr über Tugend und Laster?
Übel treibt mich vorwärts und Kampf gegen das Übel treibt mich vorwärts, ich stehe und richte nicht,
Mein Weg ist nicht eines Sündenjägers oder Verächters Weg,
Ich netze die Wurzeln alles Gewachsenen.

Hattest du Angst vor Skrofeln aus der nie erschlaffenden Zeugungsfülle?
Meintest du, die himmlischen Gesetze müßten noch einmal bearbeitet und berichtigt werden?


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Ich erkenne in allem Gewicht und Gegengewicht,
Sanfte Lehre ebenso sicherer Halt wie starke Lehre,
Gedanken und Taten der Gegenwart unser Anbruch und Frühbeginn.

Diese Minute, die zu mir kommt über vergangene Dezillionen,
Nichts besseres gibt es als sie und jetzt.
Was tüchtig war einst und was tüchtig ist heute, ist kein so großes Wunder,
Das Wunder ist immer wieder, daß es einen gemeinen Menschen geben kann oder einen Ungläubigen.


23

Zahllos entfaltete Worte der Zeiten!
Und meins ein Wort der Moderne, das Wort Enmasse.

Ein Wort des Glaubens, der niemals täuscht,
Hier oder einst ist ganz dasselbe für mich, ich nehme Zeit an unbedingt.
Sie allein ohne Riß, sie allein vollendet und rundet alles,
Dieses beirrende, mystische Wunder allein vollendet alles.

Ich nehme die Wirklichkeit an und wage sie nicht zu bezweifeln,
Durchtränkt von Materialismus von Anfang bis Ende.

Hurra der positiven Wissenschaft! lang lebe die exakte Forschung!
Bringt Mauerpfeffer mit Zedernund Fliederzweigen vermischt!
Dies ist der Lexikograph, dieses der Chemiker, dieser verfaßte eine Grammatik der alten Keilschriften,
Diese Schiffer lenkten das Schiff durch gefährliche neue Meere,
Dies ist der Geologe, dies ist ein Mathematiker, und dieser führt das Skalpell.

Ehre, ihr Herren, euch vor allen und allezeit!
Eure Tatsachen sind von Nutzen, doch Wohnung sind sie mir nicht,
Durch sie erst tret ich in einen Vorraum zu meiner Wohnung ein.
Nicht so sehr die Verkünder ausgesprochner Errungenschaften sind meine Worte,


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Sondern vielmehr die Verkünder unausgesprochenen Lebens und von Entwicklung und Freiheit,
Und machen kurzen Prozeß mit Kastraten und Zwittern und lieben vollausgestattete Männer und Weiber
Und schlagen den Gong des Aufruhrs und stehn auf der Seite von Flüchtlingen und Verschwörern.


24

Walt Whitman, ein Kosmos, von Manhattan der Sohn,
Ungestüm, fleischlich, sinnlich, essend, trinkend und zeugend,
Kein Empfindsamer, keiner, der über Männern und Weibers steht oder abseits von ihnen,
Nicht bescheiden, noch unbescheiden.

Schraubt die Schlösser der Türen los!
Schraubt die Türen selbst von den Pfosten los!

Wer einen andern erniedrigt, erniedrigt mich,
Und jedes Wort oder Tun trifft mich am Ende.

Durch mich schwellen und schwellen die Fluten des Geists,
Durch mich der Strom und Zeiger.

Ich spreche die urerste Losung, ich gebe das Zeichen der Demokratie,
Bei Gott! Ich will nichts haben, woran nicht alle zu gleichen Bedingungen teilhaben können.

Durch mich viel langverstummte Stimmen,
Stimmen endloser Geschlechter, Gefangener und Sklaven,
Stimmen der Kranken und Verzweifelnden und von Dieben und Zwergen,
Stimmen von Kreisläuften des Werdens und Wachsens
Und von den Fäden, die die Sterne verbinden, und von Vatersamen und Mutterschoß
Und von dem Rechte derer, die unterdrückt sind von andern,
Der Verwachsenen, Blöden, Flachen, Narren, Verfehmten,
Des Dunsts in der Luft, der Käfer, die Bällchen aus Dünger rollen.


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Durch mich verbotene Stimmen,
Stimmen der Geschlechter und der Begierden, verschleierte Stimmen, ich ziehe den Schleier weg,
Unzüchtige Stimmen, durch mich erhellt und verklärt.

Ich presse mir nicht die Hand auf den Mund,
Ich bin so rein in den Eingeweiden, als wie in Kopf und Herz,
Begattung ist mir nicht geiler als Tod.

Ich glaub an das Fleisch und an die Begierden,
Sehen, Hören und Fühlen sind Wunder, und jeder Teil und Fetzen von mir ist ein Wunder.

Göttlich bin ich innen und außen und heilige was ich berühre oder was mich berührt,
Der Duft dieser Achselhöhlen ist ein feinres Arom als Gebete,
Dies Haupt mehr als Kirchen, Bibeln und jedes Bekenntnis.

Wenn ich Eines höher schätze als andere Dinge, so solls das Bereich meines eigenen Körpers sein oder irgend eines Teiles von ihm.
Durchsichtige Form von mir, du sollst es sein!
Schattige Leisten und Stufen, ihr sollt es sein!
Festes männliches Pflugeisen, du sollst es sein!
Was mir den Acker des eigenen Ich bestellt, das soll es sein!
Du mein reiches Blut! Du milchiger Strom und bleicher Extrakt meines Lebens,
Brust, die sich preßt' an andere Brüste, du sollst es sein!
Mein Hirn, es sollen deine geheimen Windungen sein!
Wurzel des wasserumspülten Kalmus! Scheue Teichschnepfe! Nest behüteter Doppeleier! Ihr sollt es sein!
Verworrenes Heu auf Kopf, Bart, Brust, du sollst es sein!
Tropfender Saft des Ahorns, Samen des männlichen Weizens, du sollst es sein!
Verschwendende Sonne, du sollst es sein!
Dämpfe, beleuchtend, beschattend mein Antlitz, ihr sollt es sein!
Schweißperlender Bach und Morgentau, ihr sollt es sein!
Winde, deren sanftkitzelnde Genitalien über mich streichen, ihr sollt es sein!


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Breite, muskelschwellende Felder, Äste der immergrünen Eiche, die ihr liebevoll ruht über meinen gewundenen Pfaden, ihr sollt es sein!
Hände, die ich gedrückt, Antlitz, das ich geküßt, Sterblicher, den ich jemals berührt, du sollst es sein!

Ich bin vernarrt in mich selbst, diese Fülle von mir, und alles so köstlich,
Jede Sekunde und alles Geschehen durchbebt mich mit Freude,
Ich kann nicht sagen, wie meine Knöchel sich biegen, noch wo meines leisesten Wunsches Ursprung ist,
Noch wo der Ursprung der Freundschaft ist, die ich ausströme, oder der Freundschaft, die ich empfange.

Daß ich die Stufen zu meinem Hause ersteige: Ich stocke, um mich zu besinnen, ob es Wirklichkeit sei.
Eine Winde an meinem Fenster befriedigt mich mehr als alle Metaphysik der Bücher.

Den Tagesanbruch zu schauen!
Vor dem Schimmer Lichts verblassen die ungeheuren, durchscheinenden Schatten,
Die Luft schmeckt meinem Gaumen gut.

Sprossen der rollenden Welt erheben sich lautlos und frisch, frohlockend in unschuldigen Sprüngen,
Schräg hinschießend hoch und tief.

Etwas, das ich nicht sehen kann, streckt lüsterne Zacken empor,
Meere leuchtenden Safts überschwemmen den Himmel.

Die Erde, vom Himmel besucht, ihre täglich erneute Umarmung,
Die schwellende Balz aus dem Osten just mir zu Häupten,
Die spottende Antwort: Siehe denn, ob du Herr wirst!


25

Blendend und furchtbar, wie jählings würde der Sonnenaufgang mich töten,
Könnt ich nicht jetzt und immerdar aus mir selber Sonnenaufgang entsenden.


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Auch wir gehn blendend und furchtbar auf wie die Sonne,
Wir fanden uns selber, o meine Seele in der Stille und Kühle der Morgendämmerung.

Meine Stimme erjagt, was meine Augen niemals erreichen,
Mit dem Schlag meiner Zunge umfange ich Welten und Massen von Welten.
Sprache ist meines Schauens Zwilling, sie ist nicht imstande, sich selber zu messen,
Sie reizt mich beständig, sie redet spottend:
Walt, du enthältst genug, warum läßt du's denn nicht heraus?

Höre, ich laß mich nicht quälen, du hältst zu viel vom Ausdruck,
Weißt du, o Sprache nicht, wie unter dir die Keime gefaltet liegen,
Wartend im Dunkeln, geschützt vor Frost?

Die gelockerte Erde weicht vor meinen prophetischen Rufen zurück,
Ich lege mich allen Ursachen zugrunde, um sie endlich ins Gleichgewicht zu bringen,
Mein Wissen sind meine lebendigen Teile, im Einklang mit dem Sinn aller Dinge,
Glückseligkeit (wer immer mich hört, Mann oder Weib, mache sich auf, sie heut noch zu suchen),
Meinen letzten Wert verweigere ich dir, ich weigre mich, hinzugeben, was ich in Wahrheit bin;
Umfange Welten, aber versuche nicht, mich zu umfangen,
Blicke ich dich nur an, so verwirre ich deine schönste Klarheit.

Schreiben und Reden beweisen mich nicht,
Ich trage den vollen Beweis und alles andre in meinem Antlitz,
Mit dem Hauch meiner Lippen mach ich den Zweifler gänzlich zuschanden.


26

Nun will ich nichts tun als lauschen,
Um aufzufangen in diesem Gesang, was ich höre, um Laute herbeizulocken für ihn.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 48] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Ich höre Jubellieder von Vögeln, Rascheln von wachsendem Weizen, Geschwätz von Flammen, Knacken von Reisern, die mir die Mahlzeit kochen,
Ich höre den Laut, den ich liebe, den Laut der menschlichen Stimme,
Ich hör alle Laute zusammenfließen, vereint, verschmolzen oder einander folgend,
Laute der Stadt und Laute der Vorstadt, Laute des Tags und der Nacht,
Geschwätz der Jugend mit dem, der sie liebt, das laute Gelächter der Arbeiter bei der Mahlzeit,
Den zornigen Baß zerstörter Freundschaft, die dünnen Laute der Kranken,
Den Richter, die Hände ans Pult geklammert, mit bleichen Lippen ein Todesurteil verkündend,
Hoiho der Packer, die auf den Werften die Ladung der Schiffe löschen, eintönige Rufe beim Ankerlichten,
Das Läuten der Sturmglocken, den Feuerschrei, das Rasseln herbeiströmender Spritzen und Schlauchwagen, mit warnendem Klingeln und farbigen Lichtern,
Die Dampfpfeife, das wuchtige Rollen des nahenden Zugs,
Den langsamen Marsch, voran dem Verein, der zwei und zwei marschiert,
(Sie geben einer Leiche das letzte Geleit, die Fahnenspitzen mit Flor umwunden.)

Ich höre das Violoncell, die Herzensklage des Jünglings,
Ich höre das Horn, es gleitet mir schnell in die Ohren,
Es erschüttert mit wildsüßen Stößen mir Bauch und Brust.

Ich höre den Chor einer großen Oper,
Ah, das ist wahrlich Musik, die gefällt mir.

Eine Tenorstimme, groß und frisch wie die Schöpfung, erfüllt mich,
Die runde Wölbung des Mundes strömt und füllt mich voll.

Ich höre den wohlgepflegten Sopran (woher seine Wirkung?)
Das Orchester wirbelt mich weiter als Uranus fliegt,


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 49] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Es keltert solche Gluten aus mir, ich wußte nicht, daß ich sie hatte,
Es trägt mich wie See, ich platsche mit bloßen Füßen, sie sind von den lässigen Wellen umleckt.
Ich werde von scharfem, grimmigem Hagel geritzt, ich verliere den Atem,
Werde in honigsüßes Morphin getaucht, meine Kehle von Todesschwindel erdrosselt,
Endlich wieder emporgelassen, das Rätsel der Rätsel zu fühlen,
Und das nennen wir Sein.


27

Zu sein in irgendeiner Gestalt, was ist das?
(Allezeit in der Runde gehen wir alle und kommen immer auf dies zurück.)
Wenn nichts sich weiter entwickelt, so wäre die Muschel in ihrer gefühllosen Schale genug.

Ich stecke in keiner gefühllosen Schale,
Ich habe geschwinde Stromleiter über und über, wo immer ich gehe und stehe,
Sie fassen jegliches Ding und leiten es ohne Schaden durch mich

Ich rühre mich nur, drücke, fühle etwas mit meinen Fingern und bin beglückt;
Mit meinem Leib eines andern Leib zu berühren, ist fast so viel schon, wie ich ertragen kann.


28

Dies also ist Berührung, bebend von eines andern Nähe?
Flammen und Äther stürzen in meine Adern,
Verrät'rischer Fühler, der sich streckt und drängt aus mir, um ihnen zu helfen,
Blitze spielen aus meinem Fleisch und Blut, um das zu treffen, was doch mir selber gleicht,
Auf allen Seiten ein Reiz und Kitzel, der mir die Glieder strafft
Und letzten Tropfen aus meines Herzens Euter preßt,
Toll mit mir umgeht und sich nicht abweisen läßt,


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 50] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Mich wie mit Absicht des Besten beraubt,
Die Kleider mir aufknöpft und mich faßt um den bloßen Leib,
Meine Verwirrung narrt mit der Ruhe sonnigen Weidelands,
Rücksichtslos die Brudersinne verdrängt,
Sie besticht, der Berührung das Feld zu räumen und fern an meinen äußersten Rändern zu grasen,
Ohne Schonung für meine sinkende Kraft, ohne Acht auf meinen Zorn,
Rundum sammelt den Rest der Herde zu kurzem Ergötzen,
Endlich alle auf einem Vorsprung vereint, um mich zu plagen.

Die Wachen verlassen jeglichen andern Teil von mir,
Geben mich hilflos preis einem roten Räuber,
Sie alle drängen sich auf den Vorsprung, um wider mich zu zeugen und mitzuhelfen.

Ich bin von Verrätern verlassen,
Ich rede irre, ich hab den Verstand verloren, ich und sonst keiner, bin selber der größte Verräter.
Ich selber kam zuerst auf den Vorsprung, meine eigenen Hände trugen mich hin.

Du Schurke Berührung! Was tust du, mein Atem erstickt in der Kehle,
öffne die Schleusen, du bist mir zu stark.


29

Ringende, liebende, blinde Berührung, verhüllte, verkappte, scharfgezahnte Berührung!
Tat dir's so weh, mich loszulassen?

Dem Gehen folgt auf der Spur das Kommen, ewige Rückzahlung ewigen Darlehns,
Reich herniederschauernder Regen und reicher hinterdrein der Ertrag.
Sprossen gehn auf und stauen sich dicht am Ausgang lebendig und fruchtbar,
Ganze Felder der Mannheit, ausgeworfen golden und voll.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 51] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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30

Alle Wahrheiten warten in allen Dingen,
Sie haben's nie eilig mit ihrer Befreiung noch sträuben sie sich dagegen,
Sie brauchen die Zange des Geburtshelfers nicht;
Das Unbedeutende ist mir so wichtig wie irgendwas,
(Was ist mehr oder weniger als Berührung?)
Logik und Predigten überzeugen nie,
Der Dunst der Nacht dringt tiefer in meine Seele.

(Nur was sich jedem Manne und jedem Weibe von selber beweist ist so,
Nur was niemand leugnet, ist so.)

Ein Augenblick und ein Tropfen von mir beruhigen mein Gehirn,
Ich glaube, die nassen Schollen der Erde werden sich wandeln in Liebe und Licht,
Und ein Buch der Bücher ist das Fleisch eines Manns oder Weibes,
Und Gipfel und Blüte ist ihr Gefühl für einander,
Und sie sollen aus dieser Lehre sich unabsehbar verzweigen, bis sie allwirkend wird,
Und bis einer und alle für uns und wir für sie nichts sind als eitel Lust.


31

Ich glaube, ein Grashalm ist nicht geringer als das Tagwerk der Sterne,
Und die Ameise ist nicht minder vollkommen, und des Zaunkönigs Ei, und ein Sandkorn,
Und die Baumkröte ist ein Meisterstück für den Höchsten,
Und die Brombeerranken würden die Hallen des Himmels schmücken,
Und das schmalste Gelenk meiner Hand spottet aller Maschinen.
Und die Kuh, die wiederkäut mit gesenktem Kopf, übertrifft jedes Bildwerk,
Und eine Maus ist Wunders genug, um Sextillionen von Ungläubigen zu bekehren.
Mir scheint, ich verkörpere Gneis, Kohle, langhaariges Moos, Früchte, Ähren, eßbare Wurzeln,


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 52] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Ich bin über und über mit einer Stukkatur von Vierfüßlern und Vögeln bedeckt,
Ich habe, was hinter mir liegt, aus guten Gründen weit überholt.
Aber ich rufe, wenn ich es will, alles wieder zu mir heran.

Vergebens Eile und Scheu,
Vergebens spein die plutonischen Schluchten ihre alte Glut meinem Nahen entgegen,
Vergebens verkriecht sich das Mammut unter sein eigenes zerstäubtes Gebein,
Vergebens stehen die Dinge meilenweit voneinander und nehmen mannigfache Gestalt an,
Vergebens höhlt sich der Ozean und schmiegen die Ungeheuer sich in die Tiefe,
Vergebens sucht sich der Bussard im Himmel sein Haus,
Vergebens schlüpft die Schlange in Schlinggewächs und Geröll,
Vergebens sucht sich der Elch die innersten Pfade der Wälder,
Vergebens segelt der messerschnäblige Alk weit in den Norden hinaus bis Labrador,
Ich folge geschwind, ich erklettere das Nest in dem Felsspalt.


32

Ich glaube, ich könnte hingehn und mit den Tieren leben, sie sind so still und beschlossen in sich,
Ich stehe und schaue sie an, lange und lange.

Sie schwitzen und wimmern nicht über ihre Lage,
Sie liegen nicht wach im Dunkeln und weinen über ihre Sünden,
Sie empören mich nicht durch Erörterungen ihrer Pflichten vor Gott,
Keines ist unzufrieden, keines besessen von dem Wahnsinn, Dinge besitzen zu wollen,
Keines kniet vor dem andern oder vor seinesgleichen, das vor tausend Jahren gelebt,
Keins ist Respektsperson oder unglücklich auf der ganzen Erde.
So zeigen sie mir Verwandtes und ich nehme es an,
Sie bringen mir Zeichen meiner selbst und erweisen sie deutlich an sich.


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Ich möchte wissen, woher sie solcherlei Zeichen haben;
Bin ich vor unermeßlicher Zeit diesen Weg gegangen und ließ sie fallen?
Ich selbst — vorrückend damals und jetzt und ewig,
Sammelnd und offenbarend immer mehr und geschwind,
Unbegrenzt und von jeder Gattung und ihresgleichen mit ihnen,
Nicht zu vornehm für sie, die mir die Zeichen meiner eigenen Vergangenheit bringen,
Hier mir nun aussuchend einen, den ich liebe, um brüderlich mit ihm zu gehn:

Ein riesiges Prachtstück von Hengst, frisch und empfänglich für meine Liebkosung,
Kopf hoch in der Stirn, breit zwischen den Ohren,
Glieder geschmeidig und glänzend, der Schweif fegt den Boden,
Die Augen voll funkelnder Bosheit, fein geschnitten die leicht beweglichen Ohren.

Seine Nüstern blähn sich, wie meine Fersen ihn fassen,
Seine wohlgestalteten Glieder beben voll Lust, wie wir im Kreise jagen hin und zurück.

Nur eine Minute benutz ich dich, Hengst, dann laß ich dich frei,
Was brauche ich deinen Galopp, da ich ihn selbst überhole?
Stehend oder sitzend sogar komm ich schneller voran als du.


33

Raum und Zeit! Nun seh ich, daß wahr ist, was ich geahnt,
Was ich geahnt, als ich schlenderte über das Gras,
Was ich geahnt, als ich einsam im Bett lag,
Und wieder, als ich am Strande ging unter den verblassenden Steuern des Morgens.

Meine Fesseln und Ballast fall'n von mir ab, meine Ellbogen ruhen in Meeresbuchten,
Ich säume Sierras, meine Handflächen bedecken Kontinente,
Ich wandre mit meinen Gesichten.


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Zwischen den Häuserwürfeln der Stadt, in Blockhütten mit Holzknechten lagernd,
Den Geleisen der Landstraße lang, die trockene Schlucht entlang und am Bette des Bachs,
Jätend mein Zwiebelfeld oder Furchen hackend für Pastinaken und Möhren, Savannen durchkreuzend, durch Wälder mir Wege bahnend,
Land messend, Gold grabend, Bäume umzirkend auf einem neu erworbnen Stück Land,
Knöcheltief vom heißen Sande versengt, indes ich mein Boot schleppe den seichten Fluß hinab,
Wo der Panther hin und her mir zu Häupten auf einem Aste schleicht, wo der Rehbock wütend den Jäger angeht,
Wo die Klapperschlange auf dem Gestein ihre schlappe Länge sonnt, wo der Otter Fische frißt,
Wo der Alligator in seinem zähen Warzenpanzer schläft an der Bucht,
Wo der schwarze Bär nach Wurzeln und Beeren sucht, wo der Biber mit seinem Ruderschwanze den Schlamm patscht,
Über sprossendes Zuckerrohr, gelbblütige Baumwollstaude, über den Reis im tiefgelegenen feuchten Feld,
Über das spitzgegiebelte Farmhaus mit zackigem First und schlanken Güssen der Traufe,
Über die Dattelpflaumen des Westens, langblättrigen Mais und zartblau blühenden Flachs,
Über den Buchweizen weiß und braun, ein Brummer und Summer da mit den andern,
Über das dämmrige Grün des Roggens, das sich im Winde schattig wellt,
Berge erkletternd, vorsichtig mich hinaufziehend, an niedrigen rauhen Ästen mich haltend,
Ausgetretenen Pfad im Grase gehend oder mich durch das Dickicht schlagend,
Wo die Wachtel pfeift zwischen Weizen und Wald, wo die Fledermaus fliegt im Juliabend, wo der große Goldkäfer durch das Dunkel fällt,
Wo der Quell aus den Wurzeln des alten Baumes springt und in die Wiese fließt,


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Wo die Rinder stehn und mit zuckender Haut sich die Fliegen abschütteln,
Wo das Käsetuch in der Küche hängt, wo die Feuerböcke sich über dem Herdstein spreizen, wo Spinnweben in Festons von den Sparren hängen,
Wo Dampfhämmer krachen, wo die Presse ihre Zylinder wirbelt,
Überall wo das Menschenherz mit furchtbaren Krämpfen unter den Rippen schlägt,
Wo der birnförmige Ballon hoch oben schwebt (ich schwebe selber darin und schaue gelassen hinab),
Wo der Rettungskarrn an der Schlaufe geschleppt wird, wo die Hitze blaßgrüne Eier brütet im krausen Sand,
Wo das Walfischweibchen mit seinem Kalbe schwimmt und es nie verläßt,
Wo das Dampfschiff seinen langen Rauchwimpel hinter sich herzieht,
Wo die Flosse des Hais wie ein schwarzer Span aus dem Wasser schneidet,
Wo die halbverbrannte Brigg auf unbekannter Strömung treibt
Und Muscheln an ihr schleimiges Deck anwachsen und unten im Raum die Toten faulen,
Wo das dichtbesternte Banner weht an der Spitze des Regiments,
Das langgestreckte Eiland hinauf, Manhattan zu;
Unter Niagara, wo mir die Fälle übers Gesicht wie ein Schleier stürzen,
Auf einer Türstufe, auf dem Aufsteigeblock aus hartem Holz,
Auf der Rennbahn oder fröhlich bei Picknicks oder bei Tanz oder einer guten Partie Baseball,
Bei Männergelagen mit saftigen Späßen, beißender Wildheit, Bulltänzen, Saufen, Gelächter,
An der Apfelweinpresse, wo ich die Süße des braunen Breis koste, und den Saft sauge durch einen Halm
Und beim Apfelschälen Küsse verlange für jede rote Frucht, die ich finde,
Bei Musterung, Strandpartie, Kaffeekränzchen, beim Maishülseund Richtfest;
Wo der Spottvogel seine wonnigen Kehllaute flötet, kichert, schreit, schluchzt,


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Wo der Heuschober steht in der Scheune, wo die Streu gemacht ist, wo die Zuchtkuh wartet im Stall,
Wo der Bulle kommt, sein männliches Werk zu tun, wo der Hengst die Stute deckt, wo der Hahn die Henne tritt,
Wo die Färse grast, wo die Gänse ihr Futter rupfen mit kurzen Rucken,
Wo Abendschatten über die endlos einsame Steppe wachsen.
Wo der Büffelherden kriechende Decke sich zieht über Meilen fern und nah,
Wo der Kolibri glänzt, wo der Hals des langlebenden Schwans sich windet und biegt,
Wo die Lachmöwe am Strande blitzt und ihr fast menschliches Lachen lacht,
Wo Bienenkörbe stehn, auf grauer Bank im Garten gereiht, halbverborgen vom hohen Unkraut,
Wo Halsband-Rebhühner schlafen im Kreis an den Boden gedrückt, die Köpfe hoch,
Wo Leichenwagen durchs Bogentor eines Friedhofs fahren,
Wo Winterwölfe bellen in Wüsten von Schnee und vereisten Bäumen,
Wo der gelbe Kronreiher nachts an den Sumpfrand kommt, um Krabben zu fischen,
Wo das Spritzen von Schwimmern und Tauchern den warmen Mittag kühlt,
Wo die Grille ihre chromatische Pansflöte übt auf dem Nußbaum über dem Brunnen,
Durch Zitronenund Gurkenbeete mit silbergeäderten Blättern,
Durch die Salzlache und den Orangenhain, unter den Kegeln der Fichten,
Durch die Turnhalle, den verhangnen Salon, das Bureau und die öffentliche Halle;
Voll Lust am Einheimischen und am Fremden, am Alten und Neuen,
Am unansehnlichen Weib und am schönen,
An der Quäkerin, wie sie die Haube ablegt und klangvoll spricht,
An dem Lied des Chors in der weißgetünchten Kirche,
An den ernsten Worten des schwitzenden Methodistenpredigers und am ergreifenden Feldgottesdienst;
Die Schaufenster am Broadway den ganzen Morgen betrachtend, das Fleisch meiner Nase platt drückend an dicken Spiegelscheiben,


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Wandernd am selben Nachmittag mit hoch zu den Wolken gekehrtem Gesicht, einen Feldweg oder am Strand entlang,
Meine Arme rechts und links um zwei Freunde gelegt und ich in der Mitte;
Heimkehrend mit dem schweigsamen, dunkelwangigen Waldburschen (hinter mir reitet er in Schleiern des Abends),
Fern von den Siedlungen spähend die Fährte des Wilds oder Spuren von Mokassins,
Am Bett im Spital einem Fieberkranken sein Glas Limonade reichend,
Dicht an der Leiche im Sarg, wenn alles still, mit Kerzenlicht sie beleuchtend;
Reisend nach jedem Hafen auf Abenteuer und Tausch,
Hastend mit dem Gedränge der Neuzeit, so zapplig und flink, wie nur einer,
Heiß gegen den, den ich hasse, bereit, ihn niederzustechen in meiner Wut,
Einsam um Mitternacht im Garten hinter dem Hause, meine Gedanken fern von mir, eine lange Zeit,
Wandelnd über die alten Hügel Judäas, dem schönen gütigen Gott zur Seite,
Sausend durch Raum und sausend durch Himmel und Sterne,
Sausend zwischen den sieben Planeten, dem breiten Ring und den achtzigtausend Meilen des Durchmessers,
Sausend mit Meteoren geschwänzt, Feuerbälle schleudernd wie sie,
Tragend das wachsende Mondeskind, das seine eigene volle Mutter in seinem Bauche trägt,
Stürmend, genießend, planend, liebend, warnend,
Wieder zurück ins Glied mich reihend, erscheinend, verschwindend,
Wandle ich solche Wege Tag und Nacht.

Ich besuche die Obstgärten der Sphären und schau ihre Früchte an,
Ich schaue auf Quintillionen reife und schaue auf Quintillionen grüne.

Ich fliege den Flug einer strömenden, trinkenden Seele,
Mein Kurs läuft tief unterm Lot.


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Ich verhelfe mir selber zu Körperlichem und Unkörperlichem,
Keine Wache kann mir den Weg versperren und kein Gesetz mich hindern.
Eine kleine Weile nur lasse ich meine Schiffe vor Anker gehn,
Meine Boten kreuzen ständig draußen und bringen ihre Berichte zu mir.

Ich gehe auf Jagd nach Polarfell und Seehund, spring über Spalten an eisengeschlagenem Stock, klammere mich ans splitternde Blau der Zacken.
Ich erklettre den Topp,
Setze mich spät in der Nacht in den Mastkorb,
Wir segeln durch arktische See, es ist reichlich hell,
Durch klare Luft blick ich rundum auf die wunderbare Schönheit,
Die riesigen Eismassen treiben an mir vorbei und ich an ihnen, nach allen Seiten kann ich das Bild überschaun,
Weißgipflige Berge zeigen sich in der Ferne, ich schick ihnen meine Träume entgegen;
Wir nähern uns einem großen Schlachtfeld, wo wir bald mitkämpfen müssen,
Wir passieren die riesigen Vorposten des Lagers, behutsam und lautlos gleiten wir ihnen vorbei,
Oder wir ziehn durch die Vororte ein in eine große, verwüstete Stadt,
Die Blöcke und Trümmer der Bauten mächtiger als alle lebenden Städte des Erdballs.

Ich bin ein Freischärler, biwakiere an Wachtfeuern der Erobrer,
Ich werfe den Bräutigam aus dem Bett und lege mich selber zur Braut,
Ich drück sie an meine Schenkel und Lippen, die ganze Nacht.

Meine Stimme des Weibes Stimme, der Aufschrei am Treppengeländer,
Sie bringen mir meines Mannes Leiche herauf, triefend, ertrunken.

Ich verstehe die großen Herzen der Helden,
Den Mut von heute und je,


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Wie der Schiffskapitän das steuerlose, von Menschen wimmelnde Wrack des Dampfers sah, das der Tod auf und nieder jagte im Sturm,
Wie er fest zugriff und nicht einen Zoll breit wich und treu blieb Tag und Nacht
Und mit Kreide große Lettern schrieb auf ein Brett: „Seid ruhig, wir verlassen euch nicht!“,
Wie er mit ihnen fuhr und lavierte drei Tage lang und nicht nachließ,
Wie er die Treibenden endlich aufnahm,
Wie die erschöpften Weiber in losen Kleidern aussahn, als man sie wegbootete vom Rand ihrer offenen Gräber,
Und die verstummten Kinder mit altgewordnen Gesichtern, die emporgehobenen Kranken und unrasierten, scharflippigen Männer;
All das saug ich in mich, es schmeckt mir gut, wird mein, ich habe es gern,
Ich bin der Mann, ich litt, ich war dabei.

Die Weltverachtung und Ruhe von Märtyrern,
Die Mutter von einst, als Hexe verdammt, verbrannt vor den Augen der Kinder auf dürrem Holz,
Der Sklave, mit Hunden gehetzt, vom Laufen erschöpft, an den Zaun gelehnt, keuchend, bedeckt mit Schweiß,
Die Stiche wie Nadeln an Beinen und Hals, die mörderischen Rehposten und Kugeln,
All das fühle oder bin ich.

Ich bin der gehetzte Sklav, ich krümme mich unter den Bissen der Hunde,
Höll und Verzweiflung über mir, Krach auf Krach die Schüsse der Jäger,
Ich umkrampfe die Pfähle des Zauns, mein klumpiges Blut tropft, verdünnt vom Schweiß meiner Haut,
Ich falle auf Unkraut und Steine,
Die Reiter spornen die sträubenden Pferde, reißen sie dicht an mich heran,
Schreien mir Hohn in die schwindligen Ohren und schlagen mich wütend mit Peitschenstöcken über den Kopf.


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Qualen sind mir wie Kleiderwechsel,
Ich frage den wunden Menschen nicht, wie's ihm geht, ich selber werde der wunde Mensch,
Indes ich auf meinen Stock mich stütze und zuschaue, werden die Wunden brandig auf mir.

Ich bin der zerquetschte Feuerwehrmann mit gebrochenem Brustbein,
Stürzende Mauern begruben mich unter Trümmern,
Ich atmete Glut und Rauch, ich hörte die gellenden Rufe der Kameraden,
Hörte das ferne Picken ihrer Hacken und Schaufeln,
Sie haben die Balken weggeräumt, sie ziehen mich sanft hervor.

Ich liege in meinem roten Hemd in der Nachtluft, ringsum ist tiefes Schweigen um meinetwillen,
Schmerzfrei nach allem lieg ich erschöpft, doch nicht eben unglücklich,
Weiß und schön sind die Gesichter um mich, die Köpfe entblößt von den Feuerhelmen,
Die knieende Schar erlischt mit dem Licht der Fackeln.

Ferne und Tote stehn wieder auf,
Sie sind wie Ziffernblatt und Zeiger von mir, ich selber die Uhr.

Ich bin ein alter Artillerist, ich erzähle von der Beschießung des Forts,
Wieder bin ich dabei.

Wieder das lange Rollen der Trommeln,
Wieder die Kanonen und Mörser der Feinde,
Wieder in meinem lauschenden Ohr die Antwort unsrer Kanonen.

Ich bin dabei, sehe und höre alles,
Schreie, Flüche, Gebrüll, Jubel über gutsitzende Schüsse,
Der Ambulanzen langsamer Zug mit tropfender, roter Spur,
Arbeiter, die nach Schäden spähn und das Nötigste flicken,
Granatentreffer ins spaltende Dach, ihr fächerförmiges Platzen,
Sausende Garbe von Gliedern, Köpfen, Steinen, Holz, Eisen hoch in der Luft.


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Wieder gurgelt der Mund meines sterbenden Generals, wütend schwenkt er die Hand,
Er keucht durchs geronnene Blut: „Denkt nicht an mich — denkt — an die Schanzen.“


34

Jetzt erzähl ich, was ich in Texas erfuhr in früher Jugend
(Ich spreche nicht von dem Fall von Alamo,
Keiner entkam, zu berichten den Fall von Alamo,
Die hundertundfünfzig liegen noch stumm in Alamo)
Dies ist die Geschichte des kaltblütigen Mords von vierhundertzwölf jungen Männern.

Auf dem Rückzug hatten sie ein Karree formiert, das Gepäck als Brustwehr,
Neunhundert Leben aus den umzingelnden Feinden, neunmal ihre eigene Zahl,
Das war der Preis, den sie selber vorausgenommen;
Ihr Oberst war verwundet und ihre Munition verschossen,
Sie packtieren auf ehrenvolle Kapitulation, empfingen Schrift und Siegel, streckten die Waffen und zogen als Kriegsgefangene ab.

Sie waren die Blüte des Jägervolks,
Unvergleichlich im Reiten, Schießen, Singen, Schmausen und Werben,
Hochgewachsen, ungestüm, freigebig, stattlich, stolz, zärtlich,
Bärtig, sonnengebräunt, gekleidet in freie Jägertracht,
Kein einziger über dreißig alt.

Am Morgen des zweiten Sonntags wurden sie rottenweise hinausgeführt und niedergemetzelt, es war ein herrlicher Frühsommertag,
Das Werk begann gegen fünf und war zu Ende um acht.

Keiner vollzog den Befehl zu knien.
Einige machten einen verzweifelten, hilflosen Anlaut, einige standen aufrecht und starr,
Einige wenige fielen sogleich, in Herz oder Schläfen getroffen, Tote und Lebende lagen zusammen,


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Die Verstümmelten und Zerfetzten wühlten im Schmutz, die Neuankommenden sahen sie so,
Ein paar Halbgetötete suchten beiseite zu kriechen,
Diese wurden mit Bajonetten erledigt oder mit Kolben niedergeschlagen.
Ein junger Bursch, noch nicht siebzehn alt, bekam seinen Mörder zu packen, bis zwei andre kamen, ihn zu befrein,
Allen dreien wurden die Kleider zerfetzt und bedeckt mit des Jünglings Blut.

Um elf begann die Verbrennung der Leichen;
Das ist die Geschichte des Mords der vierhundertzwölf jungen Männer.


35

Willst du von einer Seeschlacht hören aus alter Zeit?
Willst du wissen, wer siegte beim Licht von Sternen und Mond?
Höre das Garn, das meiner Großmutter Vater, der Seemann, mir spann.

Unser Feind (erzählt' er) war keine Memme in seinem Schiff, das kann ich dir sagen,
Er hatte den mürrischen, englischen Mut, und keiner ist oder war oder wird je zäher und treuer sein als der;
Im tiefen Abend kam er heran und deckte uns furchtbar ein.

Wir legten uns dicht an ihn, die Rahen verfitzten sich, die Kanonen stießen zusammen,
Mein Käpt'n belegte mit eigener Hand.

Ein Paar Achtzehnpfünder hatten wir unter Wasser bekommen,
Auf dem untern Geschützdeck waren zwei große Rohre beim ersten Feuer geplatzt und hatten ringsherum alles getötet und in die Luft gejagt.

Kampf bei sinkender Sonne, Kampf in der Dunkelheit,
Zehn Uhr nachts, der Vollmond herauf, unsere Lecks immer größer, und fünf Fuß Wasser gemeldet,
Der Kommandant entläßt die Gefangnen im Achterraum, damit sie sich selber zu retten suchen.


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Der Gang zur Pulverkammer ist jetzt von Wachen gesperrt,
Sie sehen so viele fremde Gesichter, sie wissen nicht, wem noch traun.

Unsre Fregatte fängt Feuer,
Die andern fragen, ob wir Pardon erbitten,
Ob die Flagge gestrichen, der Kampf zu Ende?

Nun lach ich vergnügt, denn ich hör meines kleinen Käpt'ns Stimme:
„Wir streichen nicht!“ ruft er gelassen, „wir fangen jetzt erst an!“

Nur drei Geschütze sind noch in Gang,
Eines richtet der Käpten selbst auf den feindlichen Hauptmast,
Zwei, mit Kartätschen wohl bedient, bringen seine Musketen zum Schweigen und klaren sein Deck.
Die Topps allein unterstützen das Feuer der kleinen Batt'rie, vor allen der Großtopp,
Sie halten tapfer durch bei der ganzen Aktion.

Kein Augenblick Pause,
Die Pumpen können gegen die Lecks nicht mehr an, das Feuer frißt an die Pulverkammer,
Eine der Pumpen ist weggeschossen, wir denken alle, wir sinken.

Heiter steht der kleine Kaptän,
Er hat keine Eile, seine Stimme ist weder laut noch schwach,
Seine Augen geben uns helleres Licht, als unsre Gefechtslaternen.

Gegen zwölf, in den Strahlen des Monds, ergibt sich der Feind.


36

Weit und still liegt die Mitternacht,
Zwei große Rümpfe regungslos im Schoße der Finsternis,
Unser Schiff ist durchsiebt und sinkt allmählich, wir rüsten uns, auf das eroberte überzugehn,
Der Kommandant auf dem Achterdeck gibt kalt, mit einem Gesicht weiß wie ein Laken, seine Befehle,
Nahe bei ihm die Leiche des Knaben, der in der Koje diente,


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 64] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Das tote Gesicht eines alten Seebärs mit langem weißen Haar und sorglich gekräuseltem Backenbart,
Flammen, trotz aller Abwehr flackernd oben und unten,
Die heisern Stimmen der zwei oder drei Offiziere, die noch dienstfähig sind,
Formlose Leichenhaufen und einzelne Leichen, Fleischfetzen an Masten und Spieren,
Zerschnittne Taue, Geschaukel von Takelwerk, leichte Stöße vom Wiegen der Wellen,
Schwarze, starre Geschütze, zerstreute Pulverpakete, scharfer Geruch,
Ein paar große Sterne zu Häupten mit stummem, traurigem Licht,
Zarte Düfte der Brise von See, und Schilfund Wiesengeruch von Land,
Aufträge Sterbender an Überlebende,
Das Zischen des Wundmessers, die knirschenden Zähne der Knochensäge,
Schnaufen, Glucksen, Rieseln von Blut, kurzer wilder Schrei und langes, dumpfes, immer höher steigendes Stöhnen,—
So war's! so unvergeßlich.


37

Ihr Faulpelze dort auf Wache! Auf, zu den Waffen!
In die eroberten Tore dringen sie ein! Ich bin erstürmt!
Ich verkörpere alle Wesen geächtet und leidend,
Sehe mich selbst im Kerker in eines andern Mannes Gestalt,
Und fühle die dumpfe, ununterbrochene Pein.
Um meinetwillen schultern die Zuchthausposten ihre Gewehre und halten Wacht,
Ich bin es, den man herausläßt am Morgen und einriegelt bei Nacht.

Kein Meuterer geht an Handschellen ins Gefängnis, ich ginge denn mit ihm an Handschellen ihm zur Seite.
(Nicht der Lustige bin ich so sehr, wie der Stumme, mit Schweiß auf meinen verkniffenen Lippen.)
Kein Bursche wird wegen Diebstahls gefaßt, ich ginge denn auch vor Gericht und würde verhört und verurteilt.
Kein Cholerakranker liegt im letzten Krampf, ich läge denn auch im letzten Krampf,


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Mein Gesicht aschfahl, meine Sehnen verkrümmt, die Menschen fliehen vor mir.

Bittende sind verkörpert in mir, und ich bin verkörpert in ihnen,
Ich streck meinen Hut hin, sitze mit dem Gesicht der Scham und bettle.


38

Genug! Genug! Genug!
Irgendwie war ich betäubt. Zurück!
Gebt mir ein wenig Zeit, mich zu erholen von meinem zerschlagenen Kopf, meinem Schlummern, Träumen und Gaffen.

Ich ertappe mich just vor einem oft begangenen Irrtum.
Daß ich die Spötter und Schmäher vergessen konnte!
Daß ich die rinnenden Tränen und Schläge der Keulen und Hämmer vergessen konnte!
Daß ich mit unbeteiligtem Blick meiner eigenen Kreuzigung und blutigen Krönung zusehn konnte!

Jetzt erinnre ich mich,
Ich nehme die übriggebliebene Bruchzahl auf,
Das Felsengrab vervielfältigt das, was ihm oder allen Gräbern anvertraut worden,
Leichen stehn auf, klaffende Wunden heilen, Binden roll'n von mir ab.

Ich ziehe weiter, wieder mit höchster Kraft erfüllt, einer im allgemeinen, unendlichen Zuge,
Durch Binnenland und an Küsten marschieren wir und über alle Grenzen hinweg,
Unsere schnellen Sendboten breiten sich über die ganze Erde,
Blüten tragen wir an den Hüten, das Wachstum vieler Jahrtausende.

Meine Schüler, ich grüße euch! kommt voran!
Fahrt fort mit euren Anrufen, fahrt fort mit euren Fragen!


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39

Der freundliche, freie Wilde, wer ist er?
Harrt er der Zivilisation, oder hat er sie hinter sich und längst überwunden?
Ist er Südwestler, im Freien erzogen? ist er Kanadier?
Kommt er vom Mississippi? aus Jowa, Oregon, Kalifornien?
Aus dem Gebirge? Prärie oder Busch? oder fährt er zur See?

Äberall, wo er hinkommt, nehmen Männer und Frauen ihn auf und verlangen nach ihm,
Sie wollen, daß er sie lieb habe, berühre, mit ihnen rede, bei ihnen bleibe.

Benehmen, zwanglos wie Schneeflocken, Worte schlicht wie Gras, ungekämmter Kopf, Lachen, Ursprünglichkeit,
Langsam schreitende Füße, gewöhnliche Züge, gewöhnliche Art und Wirkung,
Sie strömen in neuen Formen von seinen Fingerspitzen,
Sie wehen im Duft seines Körpers und Atems, sie fliegen im Blick seiner Augen.


40

Prunkender Sonnenschein, ich brauche dein Leuchten nicht,—schon gut!
Du beleuchtest nur Oberflächen, ich dringe durch Oberflächen und Tiefen.

Erde! mir scheint, du erwartest etwas aus meinen Händen.
Sprich, alte Haube, was willst du?

Mann oder Weib, ich möchte euch sagen, wie lieb ich euch habe, und kann's nicht,
Und möchte euch sagen, was in mir ist und in euch, und kann's nicht,
Und möchte die Sehnsucht sagen, die in mir ist, den Puls meiner Tage und Nächte.


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Sieh, ich gebe keine Vorlesung und gebe kein Almosen,
Wenn ich gebe, geb ich mich selbst.

Du da, kraftlos, schlapp in den Knien,
Mach deine klapprigen Kinnbacken auf, daß ich dir Mark einblase,
Mach deine Hände auf und lüfte die Klappen der Taschen,
Ich laß mich nicht abweisen, ich zwinge dich, ich habe Vorrat im Überfluß,
Und was ich habe, verschenk ich.

Ich frage nicht, wer du bist, das ist mir gleich,
Du kannst nichts tun oder sein, als was ich in dich lege.

An den Knecht im Baumwollfeld, an den Abtrittputzer steh ich gelehnt,
Auf seine rechte Wange drück ich den Bruderkuß
Und schwöre in meiner Seele, ihn nie zu verleugnen.

Zeugungstüchtigen Frauen mache ich stärkre und flinkere Kinder.
(Heut noch verspritz ich den Stoff zu viel kühneren Republiken.)

Zu jedem Sterbenden eil ich und drehe den Türknopf auf,
Schlage die Decken zurück bis übern Fuß des Betts,
Schicke den Arzt und den Priester nach Hause.
Ich packe den sinkenden Mann und heb ihn mit unwiderstehlichem Willen.
O Verzweifler! Hier ist mein Nacken,
Bei Gott, du sollst nicht untergehn! Hänge dein ganzes Gewicht an mich,
Ich blase dich voll mit gewaltigem Odem, ich mache dich flott,
Alle Räume im Hause füll ich mit einer bewaffneten Macht,
Geliebten von mir, Besiegern des Grabs.

Schlafe,— ich und sie halten Wache die ganze Nacht,
Nicht Zweifel, nicht Tod soll wagen, den Finger an dich zu legen,
Ich hab dich umarmt und hinfort gehörst du mir,
Und wenn du aufstehst morgen früh, so wirst du sehn, daß es ist, wie ich sage.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 68] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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41

Ich bin, der Hilfe bringt den Kranken, die stöhnend auf ihren Rücken liegen,
Und starken, aufrechten Männern bringe ich Hilfe, die sie noch nötiger brauchen.

Ich hörte, was über das Weltall gesagt worden ist,
Hörte und hört' es von manchem Jahrtausend,
Es ist so weit leidlich gut — aber ist das alles?

Ich komme als Mehrer und Nutzanwender,
Ich überbiete die alten behutsamen Krämer von Anfang an,
Ich nehme selbst die genauen Maße Jehovas.
Mache Lithographien von Kronos und Zeus, seinem Sohn, und Herkules, seinem Enkel,
Kaufe Skizzen von Isis, Osiris, Belus, Brahma, Buddha,
Lege Manitu lose in meine Mappe, Allah auf einem Blatt und einen Kupfertisch des Gekreuzigten,
Dazu Odin, Mexitli mit scheußlicher Fratze und jegliches Bild und Idol,
Schätze sie alle nach ihrem Wert und nicht einen Pfennig mehr,
Gebe zu, sie haben gelebt und das Werk ihrer Tage getan
(Sie trugen Milben für noch nicht flügge Vögel, die sich nun selber erheben und fliegen und singen sollen),
Nehme die rohen Götterentwürfe an, um in mir selber bessre zu machen, die ich frei ausstreue, an jeden Mann und jedes Weib, das ich treffe,
Entdecke ebensoviel und mehr in dem Zimmermann, der das Gebälk eines Hauses richtet,
Stelle höheren Anspruch für ihn, wie er dort mit aufgeschlagenen Ärmeln Schlegel und Meißel führt,
Verwerfe besondere Offenbarung nicht und halte ein Wölkchen Rauch oder ein Härchen auf meinem Handrücken für ebenso wunderbar wie eine Offenbarung;
Burschen an Feuerspitzen und Feuerleitern sind mir nicht weniger als die Götter der alten Kriege,
Ich lausch ihren Stimmen, die durch das Krachen des Einsturzes dringen,


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Ihre sehnigen Glieder bewegen sich sicher über verkohlte Latten, ihre weißen Stirnen gehn heil und unversehrt durch die Flammen;
Bei des Handwerkers Weib mit dem Kind an der Brust halte ich Fürbitte für jeden Geborenen,
Drei Sensen sausen in einer Reihe im Erntefeld, geschwungen von drei rüstigen Engeln in Hemden, die sich bauschen an ihren Hüften,
Der Hausknecht mit Raffzähnen und roten Haaren büßt vergangene und künftige Sünden,
Verkauft seine ganze Habe und macht sich zu Fuß auf den Weg, um den Anwalt für seinen Bruder zu zahlen und bei ihm zu sitzen, während er wegen Fälschung gerichtet wird;
Was gestreut war ins Breiteste, ist auf die Quadratrute um mich her gestreut und füllt sie nicht einmal aus,
Der Stier und der Käfer sind noch nicht halb genug heilig,
Dung und Schmutz bewundernswerter als man sich träumen ließ
Das Übernatürliche ist ohne Belang, ich selber harre nur meiner Zeit,
Um einer der Allerhöchsten zu werden,
Schon wird mir der Tag bereitet, da ich Gutes so viel wie die Besten erreichen werde und wunderbar sein wie sie;
Bei meinem Lehmkloß Lebens! Schon werde ich Schöpfer
Und stürze mich, hier und jetzt, in den verborgenen Schoß der Schatten.


42

Ein Ruf inmitten der Menge,
Meine eigene Stimme, volltönig dahinbrausend im Finale.

Kommt, meine Kinder,
Kommt, meine Jungen und Mädchen, meine Frauen, Hausgenossen und Freunde,
Jetzt erst vergibt der Spieler all seine Kraft, sein Vorspiel im Innern auf seiner Rohrflöte hat er beendet.

Leicht hingeschriebne, lässig gegriffne Akkorde — ich fühle das Beben eures Crescendos zum Schluß.


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Mein Kopf kreist mir auf meinem Nacken,
Es wogt Musik, doch nicht von der Orgel,
Volk ist um mich, doch nicht aus meinem Haus.

Immer der feste dauernde Grund,
Immer die Esser und Trinker, immer die aufund niedersteigende Sonne,
Immer die Luft und unablässige Flut der Gezeiten,
Immer ich und die Nachbarn, erfrischend, mutwillig, wirklich,
Immer die alte unerklärliche Frage, immer dieser gekrümmte Daumen, dieses Atmen der Lüste und Süchte,
Immer des Quälgeists Ruf „Hier! Hier!“, bis wir entdecken, wo der Schalk sich verbirgt, und ihn hervorziehn,
Immer Liebe, immer das schluchzende Naß des Lebens,
Immer die Binde unter dem Kinn und die Bahre des Tods.

Allenthalben gehn sie mit Groschen vor ihren Augen,
Verfüttern rückhaltlos ihr Gehirn an die Gier ihres Bauches,
Verkaufen und kaufen die Eintrittskarten zum Fest, ohne jemals selber hineinzugehen,
Schwitzen und pflügen und dreschen, und bekommen die Spreu zum Lohn,
Wenige Träge besitzen und fordern den Weizen immer für sich.

Dies ist die Stadt, und ich bin einer der Bürger,
Was die andern bewegt, bewegt auch mich, Politik, Kriege, Märkte, Zeitungen, Schulen,
Bürgermeister und Räte, Banken, Tarife, Dampfschiffe, Fabriken, Aktien, Läden, Grundbesitz und bewegliche Habe.
Die kleinen unzähligen Männchen, die da hüpfen in Kragen und Fracks,
Ich weiß, wer sie sind (es sind wirklich nicht Würmer und Flöhe),
Ich erkenn meine Doppelgänger, der schwächste und hohlste ist todlos mit mir,
Was ich tue und sage, das steht auch ihnen bevor,
Jeder Gedanke, der in mir zuckt, zuckt auch in ihnen.


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Ich kenne sehr wohl meine Ich-Besessenheit,
Kenne meine allesverschlingenden Zeilen und darf nicht eine weniger schreiben,
Und will dich holen, wer immer du seist, in meine Fülle.

Keine Worte der Routine dieser mein Gesang,
Jähe Fragen will er stellen, hinausspringen über sie und sie dennoch näher bringen;
Dieses gedruckte, gebundene Buch — doch der Drucker und der Laufbursch der Druckerei?
Die wohlgetroffenen Photographien — aber dein Weib oder Freund, nah und leibhaftig in deinem Arm?
Das schwarze, eisengepanzerte Schiff, seine mächtigen Geschütze in ihren Türmen — aber der Mut des Kapitäns und der Maschinisten?
In den Häusern die Schüsseln und Speisen und Möbel — aber der Wirt und die Wirtin und der Blick aus ihren Augen?
Der Himmel dort oben — aber hier — nebenan, oder über der Straße?
Die Weisen und Heiligen der Geschichte — aber du selbst?
Predigten, Glaubensbekenntnisse, Theologie — aber das unergründliche menschliche Hirn?
Und was ist Vernunft? und was ist Liebe? und was ist Leben?


43

Ich verachte euch nicht, ihr Priester aller Zeiten und aller Welt,
Mein Glaube ist der größte der Glauben und der geringste der Glauben
Und schließt in sich alten und neuen Kult und jeden zwischen altem und neuem.
Ich glaube, daß ich nach fünftausend Jahren wieder auf die Erde kommen werde,
Ich warte auf Antworten von Orakeln, ehre die Götter, grüße die Sonne,
Mache den nächsten Stein oder Stumpf zum Fetisch, tanze im Kreise der Obis den Knütteltanz,
Helfe dem Llama oder Brahminen die Götzenlampen zu putzen,


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Tanz in der Phallusprozession durch die Straßen, lebe verzückt und asketisch als Gymnosophist in den Wäldern,
Trinke Met aus dem Schädelbecher, bewundere die Shastas und Veden, achte den Koran,
Steig auf die Teokallis, befleckt mit Blut von Messer und Stein, schlage die Trommel aus Schlangenhaut,
Nehme die Evangelien an, nehme ihn an, der gekreuzigt wurde, und weiß gewiß, daß er göttlich ist,
Knie bei der Messe, steh beim Gebet des Puritaners auf oder sitze geduldig in dem Gestühl,
Ich tobe und schäume in der Krisis meines Wahnsinns oder warte totengleich, bis mich mein Geist erweckt,
Schaue hinaus auf Pflaster und Land oder hinweg über Pflaster und Land,
Bin einer der Vollender des Kreises der Kreise,
Einer aus diesem zentripetalen und zentrifugalen Schwarm, wende ich mich und rede wie einer, der vor einer Reise Aufträge gibt.

Niedergeschlagene Zweifler, trübe und ausgestoßen,
Frivol, mürrisch, verdrossen, verärgert, unnatürlich, entmutigt, atheistisch,
Ich kenn einen jeden von euch, ich kenne die See von Qual, Zweifel, Verzweiflung und Unglauben.

Wie die Flossen schlagen!
Wie sie sich blitzschnell krümmen, mit Zucken und Sprudeln von Blut!

Seid ruhig, blutende Flossen der Zweifler und mürrischen Grübler,
Ich nehm meinen Platz unter euch gleichwie unter allen,
Die Vergangenheit trägt euch, und mich, und alle, eins wie den andern,
Und was noch unerprobt in der Zukunft liegt, ist für euch, und mich, und alle, eins wie den andern.

Ich weiß nicht, was noch unerprobt in der Zukunft liegt,
Aber ich weiß, es wird hinreichend sein zu seiner Zeit und kann nicht fehlen.


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Des, der vorbeigeht, wird gedacht, und dessen, der still steht, wird gedacht, kein einziger wird übergangen.

Nicht der Jüngling, der starb und begraben ward,
Noch das junge Weib, das starb und ihm zur Seite gelegt ward,
Noch das kleine Kind, das zur Türe hereinguckte und dann sich zurückzog und nie mehr gesehen ward,
Noch der Greis, der zwecklos gelebt und es fühlt mit Bitterkeit schlimmer als Galle,
Noch der Armenhäusler, tuberkulös von Schnaps und verschleppter Krankheit,
Noch die zahllosen Hingeschlachteten und Gescheiterten, noch der tierische Unflat, Auswurf der Menschheit genannt,
Noch die Säcke, die bloß mit offenen Mäulern herumschwimmen, damit Speise hineinschlüpfe,
Noch irgendwas in der Erde oder tief in den ältesten Gräbern der Erde,
Noch irgendwas in den Myriaden von Sphären, noch die Myriaden von Myriaden, die sie bewohnen,
Noch das Jetzt, noch der geringste Wisch, den es gibt.


44

Es ist Zeit, daß ich mich erkläre — stehen wir auf.

Alles Bekannte streife ich ab,
Ich reiße alle Männer und Weiber vorwärts mit mir ins Unbekannte.

Die Uhr zeigt den Augenblick an — aber was zeigt die Ewigkeit an?

Bis hierher haben wir Trillionen von Wintern und Sommern erschöpft,
Trillionen liegen vor uns, und Trillionen vor diesen.

Geburten brachten uns Fülle und Mannigfaltigkeit,
Und neue Geburten werden uns Fülle und Mannigfaltigkeit bringen.


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Ich nenne nicht eines größer und eines kleiner,
Was seine Spanne Zeit und seinen Platz erfüllt, ist jedem andern gleich.
Waren die Menschen mordgierig oder eifersüchtig gegen dich, mein Bruder? meine Schwester?
Es tut mir leid um dich, sie sind nicht mordgierig oder eifersüchtig gegen mich,
Alles war freundlich zu mir, Klage steht nicht in meiner Rechnung.
(Was hab ich mit Klagen zu tun?)

Ich bin ein Gipfel vollbrachter Dinge und bin ein Schoß zukünftiger Dinge.

Meine Füße betreten eine Höhe des Treppenaufstiegs,
Auf jeder Stufe Büschel von Zeiten, und größeres Büschel zwischen den Stufen,
Alle unter mir hab ich richtig durchwandert, und immer noch steig ich und steige.

Aufstief nach Aufstieg neigen die Phantome sich hinter mir,
Tief unten seh ich das riesige erste Nichts, ich weiß, dort war auch ich,
Ich wartete ungesehen seit je und durchschlief lethargischen Dunst
Und nahm mir Zeit und nahm von dem stinkenden Kohlenstoff keinen Schaden.

Lange war ich so fest umarmt — lange und lange.

Ungeheuer waren die Vorbereitungen für mich,
Treu und freundlich die Arme, die mir geholfen,
Kreisläufte fuhren meine Wiege, rudernd und rudernd wie muntere Bootsleute,
Um mir Platz zu machen, blieben die Sterne beiseite in ihren Bahnen,
Sie sandten Kräfte, zu schauen nach dem, was mich bringen sollte.

Eh ich aus meiner Mutter geboren ward, führten mich Generationen,
Niemals war mein Embryo träge, nichts konnt ihn erdrücken.


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Für ihn ballte der Weltnebel sich zur Kugel,
Lang und langsam türmte sich Schicht auf Schicht, daß er darauf ruhe,
Ungeheure Pflanzen gaben ihm Nahrung,
Riesige Saurier trugen ihn in dem Rachen und setzten ihn sorgsam nieder.

Alle Kräfte wurden unablässig beschäftigt, um mich zu vollenden und mir zur Lust,
Nun steh ich auf diesem Fleck mit meiner starken Seele.


45

O Spannkraft der Jugend: Immer gedrängte Elastizität!
O Mannheit, im Gleichgewicht, blühend und voll.

Meine Geliebten ersticken mich,
Drängen sich auf meinen Lippen, dicht in den Poren meiner Haut,
Stoßen mich an in den Straßen und Hallen der Stadt, kommen bei Nacht zu mir nackt,
Rufen bei Tag Ahoi! von den Felsen am Fluß, schaukeln und zwitschern mir überm Kopf,
Rufen meinen Namen aus Blumenbeeten, Reben und wirrem Unterholz,
Lassen sich nieder auf jeden Augenblick meines Lebens,
Küssen meinen Leib mit weichen, balsamischen Küssen,
Bringen in aller Stille mir Händevoll ihres Herzens und geben sie mir zu eigen.

O Alter, das herrlich aufsteigt! Willkommen, unaussprechliche Anmut sterbender Tage!

Jeder Zustand kündet nicht sich selber allein, er kündet auch das, was nach ihm und aus ihm wächst,
Und die dunkle Stille kündet ebensoviel.

Ich öffne nachts meine Luke und sehe die fern verstreuten Systeme,
Und alle, die ich sehe, multipliziert so hoch ich nur rechnen kann, grenzen nur an den Rand der noch fernern Systeme.


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Weiter und weiter verbreiten sie sich, wachsend, immer wachsend,
Drüber hinaus und ewig drüber hinaus.

Meine Sonne hat ihre Sonne und rollt gehorsam um sie herum,
Sie schließt sich mit ihren Gefährten an eine Gruppe von größerem Kreislauf,
Und größere Scharen folgen, die die größten innern zu Pünktchen machen.

Es gibt keinen Stillstand und kann nie Stillstand geben.
Wenn ich und du und die Welten und alles unter und auf ihrer Oberfläche in diesem Augenblick wieder verwandelt würde in einen bleichen, schwebenden Dunst, so wäre das auf die Dauer bedeutungslos,
Wir würden sicherlich wieder heraufkommen an den Platz, wo wir jetzt stehn,
Und würden gewiß noch einmal so weit, und dann noch weiter und weiter kommen.

Ein paar Quadrillionen von Zeitaltern, ein paar Oktillionen Kubikmeilen gefährden die Spannkraft nicht oder machen sie ungeduldig,
Sie sind nur Teile, jegliches Ding ist nur ein Teil.

Schau noch so weit, darüber hinaus ist doch unendlicher Raum,
Zähl noch so hoch, rundum ist doch unendliche Zeit.

Mein Stelldichein ist festgesetzt und ist gewiß,
Der Herr wird dort sein und warten, bis ich komme in aller Ordnung;
Der große Camerado, der rechte Geliebte, nach dem ich mich sehne, wird dort sein.


46

Ich weiß, ich habe das Beste von Zeit und Raum, und wurde niemals gemessen und werde niemals gemessen werden.


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Ich wandre eine ewige Reise (kommt alle und hört!),
Meine Abzeichen sind ein regendichter Rock, gute Schuh und ein Stock aus den Wäldern geschnitten,
Keiner von meinen Freunden macht sich's auf meinem Stuhle bequem,
Ich hab weder Stuhl noch Kirche noch Philosophie,
Ich führe niemand zu Tisch, in Bibliothek oder Börse,
Doch einen jeden von euch, Mann oder Weib, führ ich auf eine Höhe,
Meine linke Hand faßt dich rund um den Leib,
Meine rechte Hand zeigt auf Landschaften von Kontinenten und die offene Landstraße.

Nicht ich noch irgendwer kann diese Straße wandern für dich,
Du selber mußt sie gehn.

Sie ist nicht weit, sie ist in erreichbarer Nähe,
Vielleicht befandest du dich auf ihr seit deiner Geburt und wußtest es nicht,
Vielleicht ist sie überall zu Wasser und zu Lande.

Schultre dein Pack, lieber Sohn, wie ich das meine, und laß uns vorwärts eilen,
Herrliche Städte und freie Völker holen wir ab unterwegs.

Wirst du müde, so gib mir beide Lasten und stütze den Ballen deiner Hand auf meine Hüfte,
Und später sollst du mir gleichen Dienst erweisen,
Denn einmal aufgebrochen, halten wir nie wieder an.

Heute vor Sonnenaufgang stieg ich auf einen Hügel und sah in den wimmelnden Himmel
Und sagte zu meinem Geist: „Wenn wir all diese Welten umfassen werden und die Lust und das Wissen um jegliches Ding darauf, werden wir dann erfüllt und befriedigt sein?“
Und mein Geist sprach: „Nein, diese Höhe erreichen wir nur, um daran vorbei und darüber hinaus zu kommen.“


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Auch du stellst Fragen an mich und ich hör sie,
Ich antworte, daß ich nicht antworten kann, du mußt dich selber herausfinden.

Sitz eine Weile, mein lieber Sohn,
Hier ist Zwieback zu essen und Milch zu trinken,
Aber sobald du geschlafen und dich in frischen Kleidern erquickt,
Küsse ich dich mit Abschiedskuß und öffne das Tor für deinen Ausgang von hier.

Lange genug hast du verächtliche Träume geträumt,
Jetzt wasche ich dir den Schleim aus den Augen,
Du mußt dich nun an das Blenden des Lichts und jedes Augenblicks deines Lebens gewöhnen.

Lange hast du furchtsam, an eine Planke dich klammernd, am Ufer gewatet,
Nun will ich, daß du ein kühner Schwimmer seist,
Abspringst mitten hinein in die See, wieder emportauchst, mir zunickst, jauchzest und lachend das Wasser schüttelst aus deinem Haar.


47

Ich bin der Lehrmeister von Athleten,
Wer eine breitere Brust vor mir dehnt als die meine, beweist nur die Breite der meinen,
Der ehrt meine Kunst am besten, der durch sie lernt, den Lehrer zu überwinden,
Der Bursche, den ich liebe, wird zum Manne nicht durch Anpassung, sondern aus eigenem Recht,
Böse lieber, als tugendhaft aus Anbequemung und Furcht,
Er liebt seine Liebste, läßt seinen Braten sich schmecken,
Unerwiderte Liebe oder Geringschätzung schneiden ihn schärfer als scharfer Stahl,
Meister ist er im Reiten, Fechten, Scheibeschießen, Segeln, Liedersingen und Banjospielen,


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Narben, Bärte und pockenzerfressene Wangen sind ihm lieber als Milchgesichter
Und wohlgebräunte lieber als die, die die Sonne fürchten.

Ich lehre, von mir zu gehn, doch wer kann von mir gehn?
Ich folge dir, wer immer du seist, von dieser Stunde an,
Meine Worte jucken dich in den Ohren, bis du sie verstehst.

Ich sag diese Dinge nicht für einen Dollar oder um mir die Zeit beim Warten aufs Dampfboot zu kürzen
(Du bists, der spricht, ebensowohl wie ich, ich bin deine Zunge,
Gebunden in deinem Mund, fängt sie in meinem sich an zu lösen).

Ich schwöre: nie wieder will ich Liebe und Tod im Innern eines Hauses erwähnen,
Und schwöre: keinem will ich mich je verdolmetschen, außer ihm oder ihr, die mit mir allein im Freien stehn.

Wünschest du mich zu verstehn, so geh auf die Hügel oder zur Meeresküste,
Die nächste Mücke ist eine Erklärung, ein Tropfen und eine Regung der Wellen ein Schlüssel,
Der Schlegel, das Ruder, die Handsäge bekräftigen meine Worte.

Kein geschlossener Raum, keine Schule kann mit mir umgehn,
Aber grobes Volk und kleine Kinder besser als sie.

Der junge Arbeiter ist ganz nahe bei mir, er kennt mich gut,
Der Wäldler, der seine Axt und Krug mit sich nimmt, soll auch mich mit sich nehmen den ganzen Tag,
Der Bauernbursche, der seinen Acker pflügt, fühlt sich wohl beim Klang meiner Stimme,
In segelnden Schiffen segeln meine Worte, ich gehe mit Fischern und Schiffern und liebe sie.


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Der Soldat im Lager und auf dem Marsche ist mein,
In der Nacht vor der Schlacht suchen viele mich auf und ich enttäusche sie nicht,
In dieser feierlichen Nacht (vielleicht ihrer letzten) suchen mich die, die ich kenne.

Mein Gesicht streift des Jägers Gesicht, wenn er einsam in seiner Decke liegt,
Der Fuhrmann, der an mich denkt, vergißt das Rütteln des Wagens,
Die junge Mutter und alte Mutter verstehn mich,
Das Weib und das Mädchen lassen die Nadel einen Augenblick ruhn und vergessen, wo sie sind,
Sie und alle möchten wieder durchdenken, was ich ihnen gesagt.


48

Ich habe gesagt, die Seele ist nicht mehr als der Leib,
Und habe gesagt, der Leib ist nicht mehr als die Seele,
Und nichts, auch Gott nicht, ist größer für dich als dein eigenes Ich,
Und wer eine Stunde Wegs ohne Mitgefühl wandert, der wandert zu seinem eigenen Begräbnis, gehüllt in sein Leichentuch,
Und ich oder du, ohne einen Heller in der Tasche, können das Beste der Erde kaufen,
Und einen Blick aus dem Auge zu tun, oder eine Bohne in ihrer Hülse zu zeigen, wirft alle Gelehrsamkeit aller Zeiten über den Haufen,
Und es gibt kein Geschäft und keinen Beruf, in dem ein junger Mann nicht ein Held werden könnte,
Und es gibt kein Ding so weich, daß es nicht zur Nabe des kreisenden Weltalls werden könnte,
Und ich sage zu Mann oder Weib: laß deine Seele kühn und gefaßt vor Millionen von Weltalls stehn.

Und ich sage zur Menschheit: sei nicht neugierig nach Gott,
Denn ich, der neugierig ist nach allem, bin nicht neugierig nach Gott.
(Keine Heerschar von Worten kann sagen, wie tief ich in Frieden bin mit Gott und dem Tode.)


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Ich höre und sehe Gott in jeglichem Ding, aber begreife ihn nicht im geringsten,
Noch begreif ich, wer wunderbarer sein könnte als ich.

Warum sollte ich wünschen, Gott besser zu sehen als heut?
Ich sehe etwas von Gott in jeder der vierundzwanzig Stunden des Tags und in jeder ihrer Minuten,
In den Gesichtern von Männern und Frauen sehe ich Gott und in meinem eignen Gesicht im Spiegel,
Ich finde Briefe von Gott in den Straßen verstreut, ein jeder gezeichnet mit Gottes Namen,
Und ich lasse sie liegen an ihrem Ort, denn ich weiß: wohin ich auch gehe,
Werden andere pünktlich ankommen für immer und ewig.


49

Und du, Tod, und du, bittre Umarmung der Sterblichkeit: es ist eitel, daß ihr mich zu schrecken versucht.

An sein Werk tritt ohne zu zucken der Geburtshelfer,
Ich seh die erfahrene Hand drücken, empfangen und stützen,
Ich beuge mich zu den Schwellen der feinen, biegsamen Türen
Und merke den Auslaß und merk die Erleichterung und das Entweichen.

Und du, Leichnam, ich denke, du gibst einen guten Dünger, aber das kränkt mich nicht,
Ich rieche die weißen, süßduftenden, schwellenden Rosen,
Ich lange nach den Blätterlippen, ich lange nach den glatten Melonenbrüsten.

Und du, Leben, ich denke, du bist das Überbleibsel von vielen Toten,
(Sicherlich bin ich vordem zehntausend Male gestorben).

Ich höre auch flüstern oben, o Sterne des Himmels,
O Sonnen — o Gras auf Gräbern — o unaufhörlicher Übergang und Entwicklung,
Wenn ihr nichts sagt, wie sollte ich etwas sagen?


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Von dem trüben Pfuhl, der im Herbstwald liegt,
Von dem Mond, der hinab in die Tiefen der sausenden Dämmerung steigt,
Sprüht, Funken von Tag und Nacht — sprüht über die schwarzen Stämme, die faulen im Schlamm,
Sprüht in das klagende Schnattern der dürren Äste.

Ich steige empor vom Mond, empor aus der Nacht,
Ich seh, daß der Geisterschein nur der Abglanz mittäglicher Sonne ist,
Und dringe durch Sprößlinge groß und klein in das Dauernde und Zentrale.


50

Das ist dies Etwas in mir — ich weiß nicht was — doch ich weiß, es ist in mir.

Verkrümmt und schweißig — ruhig und kühl wird dann mein Leib,
Ich schlafe — ich schlafe lange.

Ich kenne es nicht — es ist namenlos — ein unausgesprochenes Wort,
In keinem Wörterbuch, Ausdruck, Sinnbild ist es enthalten.

Es kreist auf etwas, das ist mehr als die Erde, auf der ich kreise,
Ihm ist die Schöpfung der Freund, dessen Kuß mich erweckt.

Vielleicht vermöchte ich mehr zu sagen. Umrisse! Ich bitte für meine Brüder und Schwestern.

Seht ihr, meine Brüder und Schwestern?
Es ist nicht Chaos noch Tod — es ist Form, Einheit und Plan — es ist ewiges Leben, — Glückseligkeit.


51

Die Vergangenheit und die Gegenwart welken, ich hab sie erfüllt und hab sie geleert,
Und gehe daran, die nächste Tiefe der Zukunft zu füllen.


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Lauscher dort! Was hast du mir anzuvertrauen?
Sieh mir ins Antlitz, indes ich das Heranschmeicheln des Abends wittre
(Sprich ehrlich, es hört dich niemand sonst, und ich bleib nur noch eine Minute).

Widersprech ich mir selbst?
Nun gut, so widersprech ich mir selbst.
(Ich bin weiträumig, enthalte Vielheit.)

Es zieht mich zu denen, die nahe sind, ich wart auf der Türschwelle,
Wer hat sein Tagwerk getan? Wer wird zuerst mit seinem Abendbrot fertig sein?
Wer will mit mir gehn?

Willst du reden, ehe ich gehe? Oder willst du zu spät kommen?


52

Der gefleckte Falke stößt vorüber und klagt mich an, er schilt mein Schwatzen und Trödeln.

Auch ich bin bei Gott nicht zahm, auch ich bin unübersetzbar,
Ich rufe meinen barbarischen Raubvogelschrei über die Dächer der Welt.

Das letzte Leuchten des Tages weilt noch für mich.
Es wirft mein Ebenbild zu den andern und treu wie eins auf die schattige Wildnis,
Es schmeichelt mich in Nebel und Dämmrung hinein.

Ich scheide wie Luft, ich schüttle meine weißen Locken gegen die fliehende Sonne,
Ich verströme mein Fleisch in Wirbeln und laß es in flockigen Fetzen treiben.

Ich vermache mich selber dem Schmutz, um aus dem Gras, das ich liebe, zu keimen,
Wenn du mich wieder brauchst, so suche mich unter deinen Schuhsohlen.


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Kaum wirst du wissen, wer ich bin, oder was ich meine,
Trotz alledem werd ich dir gut bekommen
Und dein Blut klären und stärken.

Glückt es dir nicht, mich gleich zu fassen, behalte nur Mut,
Triffst du mich nicht an einer Stelle, so suche woanders,
Irgendwo bleib ich und warte auf dich.


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KINDER ADAMS


ZU DEM GARTEN WELT

Zu dem Garten Welt steig ich aufs neue empor,
Vor mir Präludium zeugungsstarker Gefährten, Töchter und Söhne,
Und ihrer Leiber Liebe und Leben, Sinn und Sein:
Siehe hier wunderbar meine Auferstehung vom Schlummer!
Die rollenden Kreisläufte haben mich weiten Schwunges wiedergebracht,
Liebend, gereift, alles schön für mich, alles wunderbar,
Meine Glieder, das bebende Feuer, das allezeit durch sie spielt nach wunderbarstem Sinn.

Und so tauche und dringe ich, der ich bin, immer noch weiter vor,
Zufrieden mit Gegenwart und Vergangenheit,
An meiner Seite oder hinter mir Eva folgend,
Oder vor mir und ich ihr folgend ebenso.


AUS SCHMERZHAFT AUFGESTAUTEN STRÖMEN

Aus schmerzhaft aufgestauten Strömen,
Aus dem in mir, ohne das ich ein Nichts wäre
Und das ich entschlossen bin zu verherrlichen, ständ ich auch einsam unter den Menschen,
Aus meiner eignen Stimme Klang, den Phallus singend,
Singend Gesang der Zeugung,
Singend Notwendigkeit herrlicher Kinder und in ihnen HerrlichErwachsener,
Singend der Muskeln Drang und die Mischung,
Singend der Bettgenossen Gesang (o unwiderstehliche Sehnsucht!
O für alle und jeden der wahlverwandte Leib, der ihn anzieht!
O für dich, wer immer du seist, dein wahlverwandter Leib! O er, der über alles andere dich entzückt):


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Aus dem hungrigen Nagen, das Tag und Nacht an mir frißt,
Aus Urmomenten, aus schamvoller Qual, die ich singe,
Suchend etwas noch Ungefundnes, obwohl ich so manches lange Jahr innig danach gesucht,
Singend den wahrhaftigen Gesang von der blindlings launischen Seele,
Wiedergeboren in gröbster Natur oder unter den Tieren, —
Davon, von ihnen und was sie begleitet Kunde bringend in meinen Gedichten,
Vom Duft der Zitronen und Äpfel, von der Paarung der Vögel,
Von der Feuchte der Wälder, vom Lecken der Wellen,
Von den tollen Stößen der Wellen ans Land, die ich singe,
Fröhlich im Rauschen der Ouvertüre das Thema vorausnehmend, —
Die willkommene Nähe, den Anblick vollkommenen Körpers,
Den Schwimmer, der nackt im Bade schwimmt oder regungslos auf dem Rücken liegt und treibt,
Die Weibgestalt, die mir naht, und ich in Gedanken; Liebesfleisch in zuckendem Schmerz;
Das göttliche Inventar aufstellend für mich oder dich und alle,
Das Antlitz, die Glieder, alle Einzelheiten von Kopf bis Fuß und die Empfindungen, die sie erwecken,
Den mystischen Taumel, verliebte Tollheit, das äußerste SichVerlieren —
(Horch nahe und still, was ich jetzt flüstre zu dir,
Ich liebe dich, o du besitzest mich ganz,
O daß du und ich entflöhen den andern und gingen weit davon, frei und gesetzlos,
Zwei Falken der Luft, zwei Fische schwimmend im Meer gesetzloser nicht als wir),
Den wütenden Sturm, der durch mich glühend Zitternden fegt,
Den Schwur der Untrennbarkeit zweiter Vereinten, der Untrennbarkeit von dem Weib, das mich liebt, das ich liebe mehr als mein Leben, schwörend solchen Schwur —
(O ich setze willig alles aufs Spiel für dich,
O laß mich verloren sein, wenn es sein muß!
O du und ich! Was bedeutet es uns, was die andern tun oder denken?
Was ist alles andre für uns? Einzig daß wir uns freun aneinander und uns einander zugrunde richten, wenn es so sein muß),


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Aus des Meisters Gewalt, des Lotsen, dem ich das Schiff überließ,
Des Führers, der Befehl über mich und alle hat, mit seiner Erlaubnis,
Aus Zeit, die mich drängt zur Erfüllung meines Programms (zu lange habe ich nun gezaudert),
Aus Geschlecht, aus Gewebes Kette und Einschlag,
Aus Zurückgezogenheit, aus vielem einsamen Grämen,
Aus zahlreichen Menschen nah und dennoch der rechte nicht nah,
Aus dem linden Streicheln von Händen über mich hin und Wühlen von Fingern in meinem Haar und Bart,
Aus dem lange verweilenden Kuß auf Mund oder Busen,
Aus der engen Umschlingung, die mich und jeglichen Mann berauscht, daß ihm die Sinne schwinden im Übermaß,
Aus dem Wissen göttlichen Gattentums, aus dem Werke der Vaterschaft,
Aus jubelnder Lust, Sieg und Erleichterung, aus der Bettgenossin Umarmung bei Nacht,
Aus den lebendigen Gedichten der Augen, Hände, Hüften und Brüste,
Aus der Klammer bebenden Arms,
Aus den Falten der — Seite an Seite — weggestoßenen Decke,
Aus der Betrübnis meiner Gefährtin, daß sie mich nun verlassen muß, und meiner eignen Betrübnis, daß ich sie lassen muß
(Doch einen Augenblick nur, o süße Erwarterin, und ich kehre zurück),
Aus der Nacht tauche ich einen Augenblick auf und schlüpfe hervor,
Dir ein Loblied zu singen, göttlicher Akt, und euch, meine Kinder, die ihr bereit seid zu ihm,
Und euch, kraftvolle Lenden.


ICH SINGE DEN LEIB, DEN ELEKTRISCHEN


1

Ich singe den Leib, den elektrischen,
Die Heerscharen derer, die ich liebe, umgürten mich, und ich umgürte sie,
Sie wollen mich nicht lassen, bis ich mit ihnen gehe, ihnen antworte,


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Und sie läutere und sie erfülle mit der Fülle der Seele,
Zweifelt jemand, daß die, die ihren eigenen Leib verderben, sich nicht verstecken können?
Und daß die, die die Lebendigen schänden, ebenso schlecht sind wie die, die die Toten schänden?
Und daß der Leib vollauf so viel gilt wie die Seele?
Und wäre der Leib nicht die Seele, was ist die Seele?


2

Die Liebe zum Leib eines Manns oder Weibes spottet jeglicher Rechenschaft, der Leib selber spottet jeglicher Rechenschaft.
Der männliche ist vollkommen und der weibliche ist vollkommen.
Der Ausdruck des Antlitzes spottet der Rechenschaft,
Aber der Ausdruck eines wohlgestalteten Mannes erscheint nicht in seinem Antlitz allein,
Er ist auch in seinen Gliedern und Gelenken, ist geheimnisvoll in den Gelenken seiner Hüften und Hände,
Er ist in seinem Gang, der Haltung seines Halses, der Biegung seiner Lenden und Knie, Kleidung verbirgt ihn nicht,
Seine starke, süße Wesenheit dringt durch Kattun und Tuch,
Ihn vorbeigehn zu sehn, gibt so viel wie das beste Gedicht, vielleicht mehr,
Du verweilst, seinen Rücken zu sehn, seinen Nacken und Schultern.

Das Sich-Spreizen rundlicher Babys, die Brüste und Köpfe von Weibern, die Falten ihrer Gewänder, ihre Haltung, wenn wir an ihnen auf der Straße vorbeigehn, der Umriß ihrer Gestalt nach unten,
Der Schwimmer nackt in dem Schwimmbad, sichtbar während er schwimmt durch das durchscheinende Grün oder mit dem Gesicht nach oben liegt oder lautlos hin und her im wiegenden Wasser rollt,
Die Beugung vor und zurück von Ruderern in Ruderbooten, der Reiter im Sattel,
Mädchen, Mütter, Hausfrauen in allen ihren Verrichtungen,
Die Gruppe von Arbeitern bei der Mittagspause mit ihren offenen Töpfen sitzend, ihre wartenden Weiber,


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Das Weib, das ein Kind einlullt, des Farmers Tochter im Garten oder im Viehhof,
Der Bursch, der Getreide jätet, der Schlittenkutscher, der seine sechs Pferde durch das Gedränge lenkt,
Das Ringen der Ringer, zweier Lehrburschen, ausgewachsen, voll Leben, gutmütiger Landeskinder, draußen auf dem leeren Bauplatz bei Sonnenuntergang nach der Arbeit
Die Röcke und Mützen abgeworfen, die Umschlingung in Liebe und Gegenwehr,
Der Obergriff und der Untergriff, die Haare vornüber gezaust und die Augen verdeckend,
Der Marsch der Feuerwehrmänner in ihrer besonderen Tracht, das Spiel männlicher Muskeln durch die prallen Hosen und Leibriemen,
Die langsame Rückkehr vom Feuer, das Stocken, wenn plötzlich die Glocke ruft, und das wachsame Aufhorchen,
Die natürlichen, in sich vollkommenen vielfältigen Stellungen — der geneigte Kopf, der gebogene Nacken, das Zählen;
Solcherlei liebe ich — ich löse mich los, geh ungebunden, lieg an der Mutter Brust mit dem kleinen Kind,
Schwimme mit den Schwimmern, ringe mit den Ringern, marschiere in Reih und Glied mit den Feuerwehrleuten, halte inne, horche und zähle.


3

Ich kannte einen Mann, einen einfachen Farmer, den Vater von fünf Söhnen,
Und in ihnen die Väter von Söhnen, und in ihnen die Väter von Söhnen.
Dieser Mann war von wundervoller Kraft, Ruhe, Schönheit der Person,
Die Form seines Kopfes, das blasse Gelb und Weiß seines Haares und Bartes, der unergründliche Sinn seiner schwarzen Augen, der Reichtum und die Breite seiner Art,
Dies alles zu sehen, pflegte ich zu ihm zu gehen zu Besuch; er war auch weise;
Er war sechs Fuß hoch, er war über achtzig Jahre alt, seine Söhne waren stark, wohlgepflegt, bärtig, wettergebräunt, schön,
Sie und seine Töchter liebten ihn, alle, die ihn sahen, liebten ihn,


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Sie liebten ihn nicht aus Pflicht, sie liebten ihn mit persönlicher Liebe;
Er trank nur Wasser, das Blut schien wie Scharlach durch die hellbraune Haut seines Gesichts.
Er war ein eifriger Jäger und Fischer, er segelte sein Boot selbst, er hatte ein schönes von einem Reeder geschenkt bekommen, er hatte Vogelflinten geschenkt bekommen von einem Mann, der ihn liebte;
Wenn er mit seinen fünf Söhnen und vielen Enkelsöhnen jagen und fischen ging, hättest du ihn in dem Trupp als den Schönsten und Kräftigsten bezeichnet,
Du hättest gewünscht, immer und immer mit ihm zu sein, du hättest gewünscht, neben ihm im Boot zu sitzen, so daß er und du euch berührtet.


4

Ich habe gefunden: mit denen zu sein, die ich liebe, ist genug,
Am Abend mit den andern in Gesellschaft zu verweilen, ist genug,
Umgeben zu sein von schönem, neugierigem, atmendem, lachendem Fleisch, ist genug;
Durch sie hinzugehn, oder eines von ihnen zu berühren, oder meinen Arm, wenn auch noch so leicht, um seinen oder ihren Nacken für einen Augenblick ruhen zu lassen, was ist dies doch?
Ich verlange nicht größere Lust, ich schwimme darin wie in einem Meer.

Es ist etwas im Nahesein von Männern und von Frauen und in ihrem Anblick und in ihrer Berührung und in ihrem Geruch, das der Seele wohlgefällt,
Alle Dinge gefallen der Seele, aber diese gefallen der Seele wohl.


5

Dies ist die weibliche Gestalt,
Ein göttlicher Nimbus haucht von ihr aus von Kopf bis Fuß,
Sie zieht an mit heißer, unwiderstehlicher Anziehungskraft,
Ich werde eingesogen von ihrem Atem, als wäre ich nur ein hilfloser Nebel, alles versinkt außer mir und ihr,


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Bücher, Kunst, Religion, Zeit, die sichtbare, feste Erde und was vom Himmel erhofft und von Hölle gefürchtet wurde, ist jetzt verweht,
Wilde Fühlfäden, unbändige Blitze zucken aus ihr, das Widerspiel auch unbändig,
Haar, Busen, Hüften, Biegung der Beine, lässiges Sinken der Hände ganz gelöst, die meinigen auch gelöst,
Ebbe, gestachelt von Flut und Flut, gestachelt von Ebbe, Liebesfleisch, schwellend und lustvoll schmerzend,
Üppige, reine Strahlen der Liebe, heiß und gewaltig, zuckende Gallert der Liebe, weiße Gischt und rasender Saft,
Bräutigam Liebesnacht, sicher und weich eindringend in die hingegebene Morgendämmerung,
Verwogend in den willigen, nachgiebigen Tag,
Verloren in des umklammernden, anschmiegenden Tages süßes Fleisch.

Dies ist der Keim — alsdann wird das Kind vom Weibe geboren, der Mann vom Weibe geboren,
Dies das Bad der Geburt, das Einsenken von klein und groß, und das Wiederhervorwachsen.

Schämt euch nicht, Weiber, euer Vorrecht umschließt alles Übrige und ist der Ausgang für alles Übrige,
Ihr seid die Pforten des Leibes und seid die Pforten der Seele.
Das Weib enthält alle Eigenschaften und gleicht sie aus,
Sie steht an ihrem Platz und bewegt sich in vollkommenem Gleichgewicht,
Sie ist alles in geziemendem Schleier, sie ist beides, passiv und aktiv,
Sie ist gemacht, um Töchter sowohl wie Söhne zu empfangen und Söhne sowohl wie Töchter.

Ich sehe meine Seele gespiegelt in der Natur,
Ich sehe durch einen Nebel e i n e in unaussprechlicher Vollkommenheit, Gesundheit, Schönheit,
Geneigten Haupts, die Arme gefaltet über der Brust, —
Ich sehe das Weib.


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6

Der Mann ist nicht minder die Seele, noch mehr, auch er ist an seinem Platz,
Auch er umschließt jede Eigenschaft, Tatkraft und Macht,
Die Blüte des bekannten Weltalls ist in ihm,
Hohn steht ihm gut, und Begierde und Trotz stehen ihm gut,
Die wildesten, stärksten Leidenschaften, äußerste Seligkeit, äußerstes Leid steht ihm gut, Stolz ist sein Teil,
Der vollentfaltete Stolz des Mannes ist herrlich beruhigend für die Seele,
Wissen steht ihm gut, er liebt es allezeit, er ist sich selber der Prüfstein für alles,
Wohin er auch schaut, wohin ihn auch See und Segel führt, Grund fühlt er am Ende hier allein
(Wo anders fühlte er Grund, als hier?).

Des Mannes Leib ist heilig und des Weibes Leib ist heilig,
Ganz gleich, wer es ist, er ist heilig — ist es der Niedrigste in der Arbeiterschar?
Ist es einer der Einwanderer mit stumpfem Gesicht, die eben gelandet sind an der Werft?
Jeder gehört hierher oder igendwohin, genau so gut wie der Wohlbestallte, genau so gut wie du,
Jeder hat seinen und ihren Platz in der Prozession.
(Alles ist eine Prozession,
Das Weltall ist eine Prozession in wohlgemessener, vollkommener Bewegung.)

Weißt du selber so viel, daß du den Niedrigsten unwissend meinst?
Meinst du, du habest ein Recht auf einen guten Platz und er oder sie habe kein Recht auf einen guten Platz?
Meinst du, die Materie habe sich zusammengeballt aus zerfließendem Dunst und der Erdboden sei an der Oberfläche und Wasserströme und Wachstum sprieße
Für dich allein und nicht für ihn und sie?


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7

Eines Mannes Leib zu verkaufen!
(Vor dem Kriege ging oft auf den Sklavenmarkt und sah dem Handel zu.)
Ich helfe dem Verkäufer, der Schmierfink hat keine Ahnung von seinem Geschäft.
Ihr Herren, schaut dies Wunder an!
Was immer dafür geboten wird, kann hoch genug nicht sein!
Um seinetwillen lag die Erde im Werden durch Quintillionen von Jahren, ohne Pflanze noch Tier,
Um seinetwillen schwangen sich treu und sicher die Weltkreise.

In diesem Kopf ist das allbestaunte Gehirn,
Darin und darunter die Taten von Helden.

Prüft diese Glieder, rot, schwarz oder weiß, sinnreich aus Sehnen und Nerven gemacht,
Man wird sie entblößen, damit ihr sie seht.

Zarteste Sinne, von Leben leuchtende Augen, Willen, Mut.
Der Schild des Brustmuskels, das biegsame Rückgrat und Nacken, festes Fleisch, wohlgeformte Arme und Beine,
Und noch mehr Wunder drinnen.

Drinnen strömt das Blut,
Dasselbe alte Blut! dasselbe rotströmende Blut!
Dort schwillt und zuckt ein Herz, und alle Leidenschaften, Begierden, Fähigkeiten, Wünsche.
(Denkt ihr, sie seien nicht darin, weil sie nicht in Salons und Vortragssälen sich zeigen?)
Dies ist nicht e i n Mann allein, dies ist der Vater derer, die selbst wieder Vater sein werden,
In ihm ist der Keim volkreicher Staaten und reicher Republiken,
In ihm zahllose unsterbliche Leben mit zahllosen Verkörperungen und Freuden.
Wie könnt ihr wissen, wer aus dem Samen seines Samens in den Jahrhunderten entspringen wird?
(Wen würdet ihr als euren eigenen Stammvater finden, wenn ihr die Spur durch Jahrhunderte verfolgen könntet?)


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8

Eines Weibes Leib zu verkaufen!
Auch sie ist nicht nur sie selbst, sie ist die fruchtbare Mutter von Müttern,
Sie ist die Trägerin derer, die wachsen und Gatten sein sollen neuer Mütter.
Hast du jemals eines Weibes Leib geliebt?
Hast du jemals eines Mannes Leib geliebt?
Siehst du nicht, daß diese ganz diesselben sind für alle in allen Völkern und Zeiten auf der ganzen Erde?
Wenn irgend etwas heilig ist, so ist der menschliche Körper heilig,
Und der Ruhm und die Lust eines Mannes ist die Unbeflecktheit des Zeichens seiner Mannheit,
Und bei Mann wie Weib ist ein reiner, starker, festgefügter Körper schöner als das schönste Gesicht.
Habt ihr den Narren gesehen, der seinen eigenen lebendigen Leib verdarb? oder die Närrin, die ihren eigenen lebendigen Leib verdarb?
Denn sie verbergen sich nicht und können sich nicht verbergen.


9

O mein Leib! Ich wage dein Ebenbild in meinen Mitmenschen, Mann und Weib, nicht zu verleugnen, noch in Ebenbildern deiner einzelnen Teile,
Ich glaube, deine Ebenbilder müssen stehn oder fallen mit den Ebenbildern der Seele (und sind die Seele),
Ich glaube, deine Ebenbilder müssen stehn oder fallen mit meinen Gedichten und sind meine Gedichte,
Gedichte von Mann, Weib, Kind, Jüngling, Gattin, Gatte, Mutter, Vater, jungem Mann und jungem Weib, —
Kopf, Hals, Haar, Ohren, Ohrläppchen und Trommelfell,
Augen, Augenwimpern, Augenstern, Augenbrauen und Wachen und Schlafen der Lider,
Mund, Zunge, Lippen, Zähne, Mundhöhle, Kiefer und Angel der Kiefer,
Nase, Nasenlöcher und Scheidewand,
Wangen, Schläfen, Stirn, Kinn, Kehle, Nacken und Nackenwirbel,


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Starke Schultern, männlicher Bart, Schulterblatt, hintere Schultern und die volle Seitenwölbung der Brust,
Oberarm, Achselhöhle, Ellbogengelenk, Unterarm, Armsehnen und Armknochen,
Handgelenk und Bänder des Handgelenkes, Hand, Handfläche, Knöchel, Daumen, Zeigefinger, Fingergelenke, Fingernägel,
Breite Vorderbrust, gekräuseltes Brusthaar, Brustbein, Brustseite,
Rücken, Bauch, Rückgrat, Wirbel des Rückgrats,
Hüften, Hüftgelenke, Stärke der Hüften, inneres und äußeres Rund, Manneseier, Manneswurzel,
Fester Bau der Schenkel, den Rumpf droben sicher tragend,
Beinsehnen, Knie, Kniescheibe, Oberbein, Unterbein,
Fesseln, Spann, Ballen, Zehen, Zehgelenke und Ferse;
Jede Haltung und schöne Form, alles Zubehör meines und deines Leibes oder des Leibes von irgendwem, Mann oder Weib,
Die Lungenschwämme, der Magensack, die Eingeweide frisch und rein,
Das Hirn mit seinen Windungen im Schädelgewölbe,
Sympathikus, Herzklappen, Gaumenklappen, Geschlecht und Mutterschaft,
Weibschaft und alles, was ein Weib ist und der Mann, der vom Weibe kommt,
Der Schoß, die Brüste, Brustwarzen, Brustmilch, Tränen, Lachen, Weinen, Liebesblicke, Unruhe und Schwellen der Liebe,
Die Stimme, Lautgebung, Sprache, Flüstern und lautes Rufen,
Speise, Trank, Pulsschlag, Verdauung, Schweiß, Schlaf, Gehen und Schwimmen,
Tragkraft der Hüften, Springen, Lehnen, Umfassen, Armbeugen und -spannen,
Der ewige Wechsel der Züge um Mund und Augen,
Die Haut, das sonnengebräunte Dunkel, Sommersprossen und Haar,
Die seltsame Sympathie, die man spürt, wenn man das nackte Fleisch des Körpers mit der Hand fühlt,
Die kreisenden Ströme des Atems und das Atmen aus und ein,
Die Schönheit der Lenden und tiefer der Hüften und tiefer hinab zu den Knien,
Die dünnen roten Gewebe in dir und in mir, die Knochen und das Mark in den Knochen,


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Das köstliche Bewußtsein von Gesundheit!
O ich sage, dies sind nicht die Teile und Gedichte des Leibes allein, sondern der Seele,
O nun sage ich, sie sind die Seele!


EIN WEIB WARTET AUF MICH

Ein Weib wartet auf mich, sie enthält alles, nichts fehlt,
Und doch würde alles fehlen, wenn Geschlecht fehlte oder der Saft des rechten Manns.

Geschlecht enthält alles, Leiber und Seelen,
Meinungen, Beweise, Reinheiten, Zartheiten, Ergebnisse, Weiterverbreitung,
Gesänge, Befehle, Gesundheit, Stolz, das Geheimnis der Mutterschaft, die Milch des Samens,
Alle Hoffnungen, Wohltaten, Spenden, alle die Leidenschaften, Lieben, Schönheiten, Wonnen der Erde,
Alle Regierungen, Richter, Götter, Führer der Erde,
Diese sind im Geschlecht enthalten als seine Teile und seine Rechtfertigung.

Ohne Scham kennt und bekennt der Mann, den ich liebe, die Köstlichkeit seines Geschlechts,
Ohne Scham kennt und bekennt das Weib, das ich liebe, das ihre.

Nun will ich mich abwenden von unempfindlichen Weibern,
Ich will hingehen zu der, die meiner wartet, und zu den Weibern, die warmblütig sind und erfüllend für mich,
Ich sehe, sie verstehn mich und weisen mich nicht zurück,
Ich sehe, sie sind meiner würdig, ich will dieser Weiber starker Gatte sein.

Sie sind kein Jota geringer als ich,
Sie sind gebräunt im Gesicht von scheinender Sonne und blasenden Winden,
Ihr Fleisch hat die alte göttliche Kraft und Geschmeidigkeit,


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Sie wissen zu schwimmen, zu rudern, zu reiten, zu ringen, zu schießen, zu schlagen, zurückzuweichen und anzugreifen, zu widerstehen und sich zu wehren,
Sie sind letztgültig in ihrem eigenen Recht — sie sind ruhig, klar und Herrinnen über sich selbst.

Ich ziehe euch dicht an mich, ihr Weiber,
Ich kann euch nicht lassen, ich tue euch gut,
Ich bin für euch und ihr seid für mich, nicht um euretwillen allein, sondern um anderer willen,
In euch gebettet schlummern größere Helden und Sänger,
Sie wollen durch keines anderen Mannes Berührung geweckt sein als durch die meine.

Ich bin es, ihr Weiber, ich gehe meinen Weg,
Ich bin grimmig, scharf, breit und unerbittlich, doch liebe euch,
Ich tue euch nicht weher, als euch nötig ist,
Ich ergieße den Stoff zu Söhnen und Töchtern, wie diese Staaten sie brauchen, ich presse mit langsamem rauhem Muskel,
Ich dränge unwiderstehlich, ich hör auf kein Flehen,
Ich darf nicht zurückziehen, bis ich eingepflanzt habe, was sich so lange in mir gestaut.

Durch euch leite ich ab die gestauten Ströme in mir,
In euch berge ich tausend künftige Jahre,
Auf euch pfropf ich die Keime von meinen und Amerikas Allergeliebtesten,
Die Tropfen, die ich filtre auf euch, sollen erwachsen zu Mädchen athletisch und wild, Künstlern neu, Musikanten und Sängern,
Die Kinder, die ich zeuge in euch, sollen Kinder zeugen zu ihrer Zeit,
Ich werde vollkommene Männer und Frauen fordern aus meinen Spenden der Liebe,
Ich werde verlangen, daß sie einander durchdringen, wie ich und du uns durchdringen heut,
Ich werde zählen auf die Früchte ihrer überschwenglichen Schauer, wie ich zähle auf die Früchte der überschwenglichen Schauer, die ich verströme heut,


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Ich werde ausschauen nach liebenden Ernten aus der Geburt, dem Leben, dem Tod, der Unsterblichkeit, die ich so liebend pflanze heut.


SELBSTHERRLICHES ICH

Selbstherrliches Ich, Natur,
Der liebende Tag, die steigende Sonne, der Freund, mit dem zusammen ich glücklich bin,
Der Arm meines Freundes, der lässig um meine Schultern hängt,
Der Hügelhang, von Blüten der Bergesche weiß,
Derselbige spät im Herbst, die Farbflecken rot, gelb, bräunlich, purpurn und hellund dunkelgrün,
Der reiche Teppich des Grases, Tiere und Vögel, abseitiges kahles Gestade, Wildäpfel, Kieselstein,
Bruchstücke, Schönheit, zuckend durch mich, nachlässig aufgezählt eins nach dem andern, wie ich sie zufällig rufe und ihrer gedenke,
Die wahren Gedichte (was wir Gedichte nennen sind nichts als Bilder),
Gedichte von der Entrücktheit der Nacht und von Männern gleich mir,
Dieses Gedicht, das scheu und ungesehen geschmiegt ich immerdar in mir trage, wie jeder Mann
(Wisse für allemal, ich bekenn es mit Absicht — wo immer Männer sind gleich mir, sind unsere heimlich-lebendigen Gedichte der Mannheit),
Liebesgedanken, Liebesseim, Liebesgeruch, Liebeswillfährigkeit, Liebessprung und -saft,
Arme und Hände der Liebe, phallischer Daumen der Liebe, Bäuche gepreßt und geleimt aneinander mit Liebe,
Erde keuscher Liebe, Leben, das Leben nur ist nach Liebe,
Der Leib meiner Liebe, der Leib des Weibes, das ich liebe, der Leib des Mannes, der Leib der Erde,
Linde Vormittagslüfte, die wehen aus Süd-West,
Die behaarte wilde Biene, die auf und nieder summt und sucht, die vollentfaltete weibliche Blüte ergreift, sich über sie krümmt mit zärtlichen, starken Beinen, ihr ihren Willen nimmt und sich bebend festhält, bis sie befriedigt ist;


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Feuchte der Wälder in Morgenstunden,
Zwei Schläfer bei Nacht, eng beieinanderliegend im Schlaf, des einen Arm schräg unter der Hüfte des andern,
Der Duft von Äpfeln, Arom von zerstoßenem Salbei, von Minze und Birkenborke,
Die Sehnsucht des Knaben, seine Glut und sein Anschmiegen, als er mir anvertraut, was er geträumt hat,
Das tote Blatt, das in Spiralen herabwirbelt und still und zufrieden zu Boden fällt,
Die unsichtbaren Stachel, mit denen Erscheinungen, Menschen, Dinge mich stechen,
Der Stachel in meinem eigenen Leibe, der mich so sticht wie nur irgendwen,
Die empfindlichen runden Zwillinge, unter schützendem Vorsprung, so daß nur bevorzugte Fühler ertasten mögen, wo sie sind,
Der seltsame Schmeichler, die Hand, die über den ganzen Körper schweift, das schamvolle Zurückweichen des Fleisches, bei dem die Finger zärtlich verweilen, wenn sie dahin geraten,
Der helle Saft in jungen Männern,
Die ätzende Unruhe, die so quälende Gedanken bringt,
Die Pein, der reizbare Strom, der nicht ruhen will,
Dasselbe, was ich und was alle anderen fühlen,
Der junge Mann, der glüht und glüht, und das junge Weib, das glüht und glüht,
Der junge Mann, der wach liegt tief in der Nacht und mit heißer Hand zurückzuhalten sucht, was ihn meistern will,
Die mystische, wollüstige Nacht, die seltsame, halbwillkommene Qual, Visionen, Schweiß,
Der Pulsschlag durch Handflächen und umklammernde bebende Finger hindurch, der junge Mann ganz rot vor Scham und Unmut;
Das Hinfluten meiner Geliebten, der See, über mich, wenn ich nackt und hingegeben liege,
Die Vergnügtheit der Zwillingsbabys, die übers Gras in der Sonne kriechen, immer bewacht von den niemals abgewendeten Augen der Mutter,
Der Walnußbaum, die Walnußschalen und die reifenden oder gereiften länglichrunden Nüsse,


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Das selbstverständliche Sein von Pflanzen, Tieren und Vögeln,
Das Bewußtsein, wie kläglich ich wäre, wenn ich mich selber unzüchtig finden und mich verkriechen müßte, während sich Vögel und Tiere niemals unzüchtig finden und sich verkriechen,
Die erhabene Keuschheit der Vaterschaft, ebenbürtig der erhabenen Keuschheit der Mutterschaft,
Der Schwur der Zeugung, den ich geschworen, meine frohen Adamstöchter,
Die Gier, die mich frißt bei Tag und Nacht mit hungrigem Nagen, bis ich das sättige, was Knaben erzeugen soll, die meinen Platz ausfüllen, wenn ich hindurch bin,
Die gesunde Erleichterung, Ruhe, Zufriedenheit, —
Und dieser Strauß, gepflückt aus mir selbst aufs Geratewohl, —
Er hat seinen Zweck erfüllt — ich werfe ihn achtlos fort, er mag fallen, wohin er will.


EINE STUNDE RASENDER LUST

Eine Stunde rasender Lust! O wild! o halte mich nicht!
Was befreit mich in Stürmen so?
Was ist meiner Schreie Sinn
Inmitten Blitzen und rasenden Winden?

O mystischen Rausch zu trinken tiefer als irgendein Mann!
O rauhe und zarte Qual! (Ich vermache sie euch, meine Kinder,
Ich künde sie euch, o Bräutigam und Braut.)

O dir hingegeben zu sein, wer du auch seist, und zu mir hingegeben der Welt zum Trotz!
O heimzukehren ins Paradies! O schamvoll Weibliches,
O dich an mich zu ziehen, zum erstenmal
Entschlossenen Mannes Lippen auf dich zu drücken!

O Rätsel, dreifach geknüpfter Knoten, Brunnen dunkel und tief, — gelöst nun und erhellt!
O hinzueilen, wo endlich Raum und Luft genug!
Ledig zu sein alter Fesseln und Sitten,
Meiner ich und deiner du!


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Ein neues, ungeahntes Sichgehenlassen zu finden im Besten der Natur!
Den Knebel aus dem Mund zu bekommen!
Zu fühlen: Heute und je bin ich genug so wie ich bin!

O etwas Unbewiesenes! in Verzückung!
Unerreichbar den Ankern und Klammern der andern entfliehn!
Frei zu treiben! Frei zu lieben! hinzustürmen gefährlich und wild!
Vernichtung mit Hohn und Lockung umwerben!
Klimmen, springen in die Himmel der Liebe, die winken!
Dorthin aufzusteigen mit trunkener Seele!
Verdammt sein, wenn es gilt!
Wegwerfen den Rest des Lebens
Für eine Stunde der Fülle und Freiheit,
Für eine kurze Stunde rasender Lust!


AUS DEM GEWÜHL DES ROLLENDEN OZEANS

Aus dem Gewühl des rollenden Ozeans sprang ein Tropfen lieblich zu mir,
Flüsternd: „Ich liebe dich, ich vergehe bald,
Weither bin ich gereist, einzig um dich zu sehen und dich zu berühren,
Denn ich konnte nicht sterben, ehe ich dich nicht einmal sah,
Denn ich fürchtete dich hernach zu verlieren.“

Nun haben wir uns getroffen und uns gesehen, nun sind wir geborgen,
Kehre in Frieden zurück in das Meer, mein Geliebtes,
Auch ich bin ein Teil dieses Meers, mein Geliebtes, wir sind nicht so sehr von einander getrennt,
Sieh das erhabene Rund, den Allzusammenhang, wie vollkommen!
Dich und mich ist die unwiderstehliche See bestimmt zu trennen,
Für eine Weile uns auseinanderzutragen, doch nicht für immer;
Habe Geduld — eine kleine Spanne — wisse, ich grüße die Luft, das Meer und das Land
Jeden Tag bei sinkender Sonne um deinetwillen, Geliebtes.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 102] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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DER ICH VON ÄONEN ZU ÄONEN WIEDERKEHRE

Der ich von Äonen zu Äonen wiederkehre immer aufs neue,
Unzerstörter, unsterblicher Wanderer,
Lustvoll, phallisch, mit ursprünglichen zeugungskräftigen Lenden in süßer Fülle,
Ich, Sänger von Adamsgesängen,
Durch den neuen Garten des Westens rufend und durch seine großen Städte,
Spiele trunken das Vorspiel alles Erzeugten,
Bringe meine Gesänge dar und mich selbst,
Bade mich selbst und bade meine Gesänge in Geschlecht,
Sprößlinge meiner Lenden.


WIR ZWEI

Wir zwei, wie lange waren wir genarrt;
Verwandelt nun, entschlüpfen wir hurtig, gleich wie Natur entschlüpft;
Wir s i n d Natur; lange verbannt, jetzt kehren wir heim,
Pflanzen und Stämme, Laub, Wurzeln und Rinde werden wir,
Wir sind im Boden gebettet, sind Felsen,
Eichen sind wir, wachsen in Lichtungen Stamm an Stamm,
Wir äsen, zwei inmitten wilder Herden, eigenwillig wie irgendeins,
Wir sind zwei Fische, die einig im Meere schwimmen,
Wir sind Akazienblüten, verströmen Wohlgeruch über die Feldwege morgens und abends,
Wir sind auch der grobe Abfall von Tieren, Pflanzen und Stein,
Wir sind zwei Raubfalken, kreisen hoch und schauen hinab,
Wir sind zwei Wolken, die droben gleiten durch Vormittag und Nachmittag,
Meere sind wir, die ineinander strömen, sind zwei der lustigen Wogen,
Die sich einander durchfluten und überrollen;
Wir sind, was die Luft ist, durchsichtig, empfänglich, durchdringlich, undurchdringlich,


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 103] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Schnee sind wir, Regen und Kälte und Finsternis und des Erdballs jegliche Wirkung und Geschöpf,
Wir haben Kreise um Kreise durchlaufen, bis wir wieder nach Hause gelangt, wir zwei,
Alles haben wir abgetan, außer der Freiheit und unserer eigenen Lust.


O HYMEN! O HYMENÄUS!

O Hymen! O Hymenäus! Was peinigst du mich so?
O warum stachelst du mich nur für einen flüchtigen Augenblick?
Warum kannst du nicht dauern? O warum schwindest du nun?
Ist es, weil du mich sicherlich töten würdest, wenn du länger anhieltest als diesen flüchtigen Augenblick?


ICH BIN, DER SCHMERZEN LEIDET

Ich bin, der Schmerzen leidet an sehnsüchtiger Liebe;
Gravitiert die Erde nicht? zieht nicht alle Materie, schmerzend, alle Materie an?
So mein Körper alle, die ich treffe oder kenne.


URGEFÜHLE

Urgefühle — wenn ihr über mich kommt — ah jetzt seid ihr da!
Gebt mir jetzt nichts als Freuden der Wollust,
Gebt mir den Trank meiner Leidenschaften, gebt mir Leben üppig und rauh,
Heute und heute nacht schließ ich Gemeinschaft mit den Lieblingen der Natur,
Ich bin für die, die an lockere Freuden glauben, ich teile die Mitternachtsorgien junger Männer,
Ich tanze mit den Tänzern und trinke mit den Trinkern,
Das Echo schallt von unserm wüsten Geschrei, ich greife mir einen niedrigen Menschen heraus als liebsten Freund,


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 104] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Er soll rechtlos sein und roh und ungebildet, er soll von den andern verdammt sein wegen Verbrechen, die er begangen,
Ich will nicht länger Komödie spielen, warum sollte ich mich ausschließen von meinen Gefährten?
O ihr Gemiedenen, ich meide euch nicht,
Ich komme sogleich in eure Mitte, ich will euer Dichter sein,
Ich will mehr für euch sein, als für alle andern.


EINST KAM ICH DURCH EINE VOLKREICHE STADT

Einst kam ich durch eine volkreiche Stadt und prägte mir zu künftigem Nutzen alles, was es in ihr zu sehen gab, all ihre Bauwerke, Sitten, Gewohnheiten in mein Gedächtnis ein,
Jetzt aber ist mir von dieser ganzen Stadt nur noch eine Frau im Gedächtnis geblieben, die ich dort zufällig traf, die mich zurückhielt aus Liebe zu mir,
Tag für Tag und Nacht für Nacht waren wir beieinander, — alles andere habe ich längst vergessen,
Nur dieser Frau gedenke ich noch, die leidenschaftlich an mir hing,
Wiederum gehen wir miteinander, lieben uns und scheiden wiederum,
Ich sehe sie dicht an meiner Seite, mit schweigenden Lippen zitternd und betrübt.


ICH HÖRTE EUCH, FEIERLICH-SÜSSE PFEIFEN DER ORGEL

Ich hörte euch, feierlich-süße Pfeifen der Orgel, als ich am letzten Sonntagmorgen der Kirche vorbeiging;
Herbstwinde, als in den Wäldern ich bei Dämmerung ging, hörte ich eure langgezogenen Seufzer droben so dunkel;
Ich hörte den vollkommenen italienischen Tenor in der Oper singen, hörte den Sopran singen im Quartett;
Herz meiner Geliebten, dich auch hörte ich leise tönend in einem der Handgelenke, die du an mein Haupt gelegt,
Hörte, als alles still war, deinen Pulsschlag kleine Glocken läuten letzte Nacht unter meinem Ohr.


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WIE ADAM FRüH AM MORGEN

Wie Adam früh am Morgen,
Ausgehend von der Hütte, vom Schlaf erfrischt —
Schaue mich an, wo ich vorbeikomme, höre meine Stimme, komm näher,
Berühre mich, berühre mit der Fläche deiner Hand meinen Leib, indes ich vorübergehe,
Fürchte dich nicht vor meinem Leibe.


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CALAMUS


AUF UNBEGANGENEN PFADEN

Auf unbegangenen Pfaden,
An den wunchernden Rändern sumpfiger Teiche,
Dem Leben entschlüpft, das sich zu Markte trägt,
Allen geltenden Regeln, Vergnügungen, aller Gewinnsucht, allem was sich nach anderen richtet
Und was ich nur allzulange meiner Seele zur Nahrung bot,
Klar erkennend bislang nicht geltende Regeln, klar erkennend, daß meine Seele,
Daß die Seele des Mannes, für den ich spreche, ihre Lust hat an Kameraden,
Einsam mit mir, fern von dem Lärm der Welt,
Zwiesprache haltend mit aromatischen Zungen,
Nicht länger scheu (denn an diesem entlegenen Ort kann ich antworten, wie ich es anderswo nicht wagte),
Durchglüht von dem Leben, welches sich nicht zu Markte trägt und doch all das Andre enthält,
Entschlossen, keine andern Lieder heute zu singen als die von männlicher Freundschaft,
Sie auszusenden in dieses leibhaftige Leben,
Vorbild zu schaffen athletischer Liebe,
An dieses köstlichen neunten Monats Nachmittag, in meinem einundvierzigsten Jahr,
Geh ich daran, für alle, die junge Männer sind oder waren,
Auszusprechen das Geheimnis meiner Tage und Nächte,
Zu feiern das Bedürfnis nach Kameraden.


DUFTENDES GRAS MEINER BRUST

Duftendes Gras meiner Brust,
Ich sammle deine Halme, schreibe sie nieder, daß man sie einst benütze,


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Grabhalme, Leibeshalme, emporwachsend über mir, über dem Tod,
Unvergängliche Wurzeln, hohe Halme, o der Winter soll euch nicht töten, zarte Halme,
Jedes Jahr sollt ihr aufs neue blühen, emporwachsen sollt ihr immer wieder aus eurer Tiefe,
O ich weiß nicht, ob viele Vorübergehende euch finden oder euren schwachen Geruch einatmen werden, aber ich weiß, einige werden es tun;
O schlanke Halme! o Blüten meines Blutes! ihr dürft auf eure Weise von dem Herzen reden, das unter euch liegt,
O ich weiß nicht, was ihr eigentlich bedeutet, ihr seid nicht Glück,
Ihr seid oft schmerzender, als ich ertragen kann, ihr brennt und stecht mich,
Und doch erscheint ihr mir schön, zartfarbige Wurzeln, ihr erweckt mir Gedanken an den Tod;
Tod, von euch verkündet, ist schön (was in der Tat ist endgültig schön, außer Tod und Liebe?).
O ich glaube, nicht für das Leben singe ich hier mein Lied der Liebenden; für den Tod wohl muß es sein;
Denn wie ruhevoll, feierlich schwillt er empor in das Reich der Liebenden,
Tod oder Leben erscheint mir dann gleich, meine Seele mag sich nicht entscheiden.
(Obwohl ungewiß, glaube ich doch, daß die hohe Seele der Liebenden am innigsten den Tod willkommen heißt.)
Wahrlich, o Tod, ich glaube jetzt, diese Halme bedeuten genau dasselbe wie du. —
Wachset höher empor, süße Halme, daß ich euch sehe! wachset empor aus meiner Brust!
Springt auf aus dem Herzen, das da verborgen ist!
Faltet euch nicht so in eure rosigen Wurzeln, schüchterne Halme!
Bleibe nicht so verschämt in der Tiefe, Gras meiner Brust!
Komm, ich bin willens, diese meine breite Brust zu entblößen; ich habe lange genug gewürgt und erstickt;
Sinnbildlich-launische Blätter, ich entlasse euch, ihr nützt mir nun nichts mehr,
Was ich zu sagen habe, will ich unmittelbar sagen,


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„Ich selbst und Kameraden“ sei mein einziger Gesang, nie wieder will ich anderen Ruf erheben,
Unsterblichen Widerhall will ich damit wecken durch die Staaten hin,
Ich will allen Liebenden ein Beispiel geben, Gestalt und Willen anzunehmen in allen Staaten,
Ich will die Worte sagen, die den Tod lustvoll machen;
So gib mir deinen Ton an, o Tod, daß ich danach stimme,
Gib mir dich selbst, denn ich sehe, daß du nun mir vor allen gehörst, und daß ihr untrennbar verschlungen seid, Tod und Liebe.
Nun dürft ihr mich nicht mehr hemmen mit dem, was ich Leben nannte,
Denn nun ist mir offenbar, daß ihr allein der Sinn von allem seid,
Daß ihr euch hier in den wechselnden Formen des Lebens verbergt — unbekannt weshalb — und daß sie allein um euretwillen da sind,
Daß ihr hinter der Maske der Erscheinungen geduldig wartet, gleichgültig, wie lange,
Daß ihr eines Tages vielleicht, alles beherrschend, diese ganze sichtbare Welt hinwegscheuchen werdet,
Deren Zweck ihr seid;
Sie wird nicht allzulange dauern,
Aber ihr werdet sehr lange dauern.


WER DU AUCH SEIST, DER MICH JETZT IN HÄNDEN HÄLT

Wer du auch seist, der mich jetzt in Händen hält,
Ohne eins wird alles vergeblich sein,
Ich warne dich ehrlich, eh du es ferner mit mir versuchst,
Ich bin nicht, was du vermutet, sondern ganz etwas andres.

Wer ist es, der mir folgen will?
Wer will sich Bewerber um meine Liebe nennen?


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Der Weg ist verdächtig, das Ziel ungewiß, vielleicht verderblich,
Du würdest alles andere lassen müssen, ich allein würde verlangen, der einzige zu sein, nach dem du dich ausschließlich richtest,
Selbst dann würde deine Probezeit lang und ermüdend sein,
All deine vorige Anschauung vom Leben und alle Anpassung an die Leben um dich her würdest du aufgeben müssen,
Deshalb lasse von mir, eh du dich weiter bemühst, laß deine Hand von meiner Schulter,
Lege mich weg und geh deines Weges.

Sonst aber, heimlich irgendwo im Walde zum ersten Versuch,
Oder im Schutz eines Felsens in freier Luft
(Denn im gedeckten Raum eines Hauses trete ich nicht hervor, noch in Gesellschaft,
Und in Bibliotheken liege ich wie ein Stummer, ein Tölpel, ein Ungeborner, ein Toter),
Aber vielleicht mit dir auf einem hohen Hügel, nachdem wir erst ausgeschaut, ob nicht auf Meilen in der Runde unversehens jemand naht,
Oder vielleicht, wenn ich segle, mit dir auf See, oder am Strand der See oder auf einer stillen Insel
Erlaub ich dir, deine Lippen auf meine zu drücken
Mit dem langhaftenden Kuß des Kameraden oder des Neuvermählten Kuß,
Denn ich bin der Neuvermählte und bin der Kamerad.

Oder wenn du willst, stecke mich unter dein Kleid,
Wo ich das Klopfen deines Herzens fühlen oder auf deiner Hüfte ruhen kann,
Trage mich, wenn du hinausziehst in Land oder See;
Denn dich bloß so zu berühren, ist genug, ist das Beste,
Und so dich berührend möchte ich schweigend schlummern und ewig getragen sein.

Aber wenn du dich in diese Blätter vertiefst, so tust du's auf eigne Gefahr,
Denn diese Blätter und mich wirst du nicht verstehn,


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Sie werden dir anfangs, und später noch mehr, entschlüpfen, ich werde dir sicher entschlüpfen
Und just wenn du glaubst, du hättest mich ohne Zweifel gefaßt — siehe!
So merkst du auch schon, daß ich dir entgangen bin.

Denn nicht um dessentwillen, was ich hineingesetzt, habe ich dieses Buch geschrieben,
Und nicht durch Lesen wirst du's erwerben,
Noch kennen mich die am besten, die mich bewundern und prahlerisch preisen,
Noch werden die Werber um meine Liebe (außer einigen wenigen) siegreich sein,
Noch werden meine Gedichte nur Gutes stiften, sie werden genau so viel Böses stiften, vielleicht noch mehr,
Denn alles ist nutzlos ohne das eine, was du vielleicht zuweilen ahnst und doch nicht triffst, das, was ich meinte;
Deshalb lasse von mir und geh deines Weges.


FÜR DICH, O DEMOKRATIE

Komm, ich will den Kontinent unzertrennlich machen,
Ich will die herrlichste Rasse schaffen, auf die je die Sonne schien,
Ich will göttlich magnetische Länder schaffen,
Mit der Liebe von Kameraden,
Mit der lebenslangen Liebe von Kameraden.

Ich will die Kameradschaft pflanzen dicht wie Bäume entlang den Strömen Amerikas, und entlang den Küsten der großen Seen und über alle Steppen hin,
Ich will unentzweibare Städte schaffen, die die Arme einander um den Nacken schlingen,
Durch die Liebe von Kameraden,
Durch die männliche Liebe von Kameraden.

Für dich dies von mir, o Demokratie, dir zu dienen, ma femme,
Für dich, für dich schmettre ich diese Lieder.


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DIES HIER PFLÜCKE ICH, SINGEND IM FRÜHLING

Dies hier pflücke ich, singend im Frühling, für Liebende.
(Denn wer anders als ich verstände Liebende und all ihren Kummer und Lust?
Wer anders als ich sollte der Dichter von Kameraden sein?)
Pflückend durchwandl' ich den Garten Welt, doch bald durchschreit ich die Pforten,
Jetzt an dem Teich entlang, jetzt watend ein wenig, ohne Scheu vor der Nässe,
Jetzt an den Holzzäunen hin, wo die alten Steine, von den Feldern gelesen, in Haufen liegen
(Wilde Blumen und Ranken und Unkraut wachsen zwischen den Steinen herauf und bedecken sie hier und da; ich gehe darüber hin),
Tief, tief im Wald, oder schlendernd später im Sommer, ohne Ziel,
Einsam, den Erdduft riechend, mache ich schweigend hier und da halt,
Dachte, ich sei allein, aber bald sammelt sich eine Schar um mich,
Einige gehen an meiner Seite und einige hinterdrein, einige halten meine Arme und meinen Nacken umfaßt,
Geister von lieben Freunden, toten und lebenden, dichter drängen sie sich, eine große Schar und ich in der Mitte,
Pflückend, austeilend, singend wandre ich hier mit ihnen,
Pflücke Andenken für sie, werfe sie denen zu, die mir just nahe sind,
Hier, Flieder, mit einem Fichtenzweig,
Hier, aus meiner Tasche, Moos, das ich in Florida von einer Eiche herunterzog, an der es in langen Streifen hing,
Hier ein paar Nelken und Lorbeerblätter und eine Handvoll Salbei,
Und hier, was ich jetzt aus dem Wasser ziehe, watend am Teichrand
(O hier sah ich ihn zuletzt, der mich zärtlich liebt und wiederkehrt, um sich nie mehr von mir zu trennen,
Und dies, o dies soll hinfort das Zeichen von Kameraden sein, diese Kalmuswurzel hier,
Tauscht sie, ihr Jünglinge, untereinander aus! jeder soll sie behalten!),
Und Ahornzweige und ein Busch aus Kastanienlaub und wilder Orange,


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Und Johannisbeerzweige und Pflaumenblüten und aromatische Zeder,
Auf diese alle, rings umschlossen von einer dichten Wolke von Geistern,
Deut ich im Wandern hin oder berühre sie im Vorbeigehn oder streue sie lose aus,
Jedem weisend, welche er haben soll, etwas für jeden spendend;
Doch was ich zog aus dem Wasser am Teichrand, behalt ich zurück,
Ich will davon geben, aber denen allein, die lieben, wie ich selber zu lieben vermag.


DIE FURCHTBARE UNGEWISSHEIT DER ERSCHEINUNGEN

Die furchtbare Ungewißheit der Erscheinungen —
Die Ungewißheit, ob wir nicht doch am Ende getäuscht sind,
Ob nicht am Ende Vertrauen und Hoffnung nichts als Vermutungen sind,
Ob nicht am Ende Wesenheit jenseits des Grabes nur eine schöne Fabel ist,
Ob nicht die Dinge, die ich gewahre, die Tiere, Pflanzen, Menschen, Hügel, die schimmernden, flutenden Wasser,
Die Himmel von Tag und Nacht, Farben, Stoffe und Formen bloße Erscheinungen sind (sie sind's ohne Zweifel) und das wahre Etwas noch unbekannt.
(Wie oft treten sie jäh aus sich selber heraus, wie um mich zu verwirren und meiner zu spotten!
Wie oft denk ich, weder ich noch irgendein Mensch weiß auch nur das geringste von ihnen!)
Vielleicht scheinen sie mir, was sie sind (und zweifellos scheinen sie nur), bloß für meinen jetzigen Blick, und würden sich (sicherlich!) als ganz etwas andres erweisen oder als nichts für einen gänzlich veränderten Blick;
Solche und ähnliche Fragen werden mir seltsam beantwortet von meinen Geliebten, von meinen lieben Freunden;
Wenn der, den ich liebe, mich auf der Reise begleitet oder lange neben mir sitzt und mich hält bei der Hand,
Wenn die feine Luft, die unfaßbare, die Empfindung, die Worte und Denken nicht fassen, uns umgibt und durchdringt,


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Dann bin ich voll unausgesprochner und unaussprechlicher Weisheit, ich schweige still und verlange nichts mehr,
Ich kann die Frage nach den Erscheinungen oder der Wesenheit jenseits des Grabes nicht beantworten,
Aber ich gehe oder sitze gleichmütig, ich bin zufrieden,
Der, der meine Hand hält, hat mich völlig zufriedengestellt.


DIE GRUNDLAGE ALLER METAPHYSIK

„Und nun, meine Herren,
Gebe ich Ihnen ein Wort, das Sie im Sinne behalten sollen
Als Grundlage und Krönung aller Metaphysik.“

(So zu den Hörern der alte Professor
Am Schluß seines dichtgefüllten Kollegs.)

Nachdem ich das Neue und Alte studiert, die Systeme der Griechen und Deutschen,
Kant studiert und begriffen und Fichte, Schelling und Hegel,
Platos Lehre begriffen und Sokrates, größer als Plato,
Und größer als Sokrates Christus den göttlichen lange durchdacht und begriffen,
Blicke ich heute zurück auf diese Systeme der Griechen und Deutschen,
Sehe alle die Philosophien, die christlichen Kirchen und Glaubenssätze,
Aber zutiefst in Sokrates und zutiefst in Christus sehe ich klar
Die innige Liebe des Mannes zu seinem Kameraden, die Anziehungskraft von Freund zu Freund,
Von Mann und Weib in glücklicher Ehe, von Kindern und Eltern,
Von Stadt zu Stadt und Land zu Land.


IHR, DIE IHR KUNDE GEBT VON MIR DEREINST

Ihr, die ihr Kunde gebt von mir dereinst,
Kommt, ich will euch hinabführen unter dies gelassene Äußere, ich will euch sagen, was ihr von mir berichten sollt;
Verkündet meinen Namen und hängt mein Bild auf als das des zärtlichsten Liebenden,


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Des Freundes, des Liebenden Bild, an dem sein Freund, sein Geliebter am innigsten hing,
Der nicht stolz war auf seine Lieder, doch auf das unermeßliche Meer von Liebe in ihm, das er frei verströmte,
Der oftmals einsame Wege ging in Gedanken an seine lieben Freunde, seine Geliebten,
Der gedankenvoll fern von einem, den er liebte, schlaflos und unbefriedigt lag bei Nacht,
Der nur zu gut die schlimme, schlimme Sorge kannte, der, den er liebte, sei heimlich gleichgültig gegen ihn,
Dessen glücklichste Tage es waren, wenn er fern durch Felder, in Wäldern, auf Hügeln wanderte, er und ein anderer Hand in Hand, sie zwei abseits von anderen Menschen,
Der oft, wenn er schlenderte durch die Straßen, mit seinem Arm die Schulter seines Freundes umschlang, indes seines Freundes Arm auch auf ihm ruhte.


ALS ICH AM SCHLUSS DES TAGES HÖRTE

Als ich am Schluß des Tages hörte, wie mein Name mit Beifall begrüßt worden war im Kapitol, war es doch keine glückliche Nacht für mich, die folgte;
Auch sonst, wenn ich zechte, oder wenn mir meine Pläne gelungen, war ich doch nicht glücklich;
Aber an dem Tage, als ich bei der Dämmerung mich erhob von dem Bett vollkommener Gesundheit, erfrischt, singend, einatmend den reifen Atem des Herbstes,
Als ich den Vollmond im Westen blaß werden sah und verschwinden im Morgenlicht,
Als ich allein über den Strand wanderte und, mich auskleidend, badete, lachend mit den kühlen Wassern, und die Sonne aufgehen sah,
Und als ich daran dachte, daß mein lieber Freund, mein Geliebter, auf dem Wege zu mir war, o da war ich glücklich,
O da schmeckte jeder Atemzug süßer, und diesen ganzen Tag näherte mich mein Essen mehr, und der schöne Tag verlief gut,
Und der nächste kam mit gleicher Freude, und mit dem nächsten am Abend kam mein Freund.


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Und jene Nacht, als alles still war, hörte ich die Wasser langsam, unablässig an die Küste rollen,
Hörte das zischende Geräusch von Wellen und Sand, wie zu mir geschickt, um mich zu beglückwünschen,
Denn der, den ich am liebsten habe, lag schlafend neben mir unter derselben Decke in der kühlen Nacht;
In der Stille, in den Mondstrahlen des Herbstes war sein Gesicht mir zugeneigt,
Und sein Arm lag leicht um meine Brust, — und diese Nacht war ich glücklich.


BIST DU DER NEULING?

Bist du der Neuling, den es zu mir zieht?
Zuvor sei gewarnt, ich bin sicherlich ganz etwas anderes als du glaubst;
Glaubst du in mir dein Ideal zu finden?
Denkst du, es sei so leicht, meine Liebe zu gewinnen?
Denkst du, meine Freundschaft würde ungetrübte Befriedigung sein?
Denkst du, ich sei verläßlich und treu?
Siehst du durch diese Fassade, diese milde, duldsame Art von mir nicht tiefer hindurch?
Glaubst du, du nahtest auf wirklichem Grund einem wirklich heroischen Mann?
Hast du, o Träumer, nicht bedacht, es sei vielleicht alles nur Maja, Schein?


WURZELN UND HALME SIND DIES NUR

Wurzeln und Halme sind dies nur,
Düfte, Männern und Weibern gebracht vom Teichrand und aus wildem Wald,
Herz-Sauerampfer und Liebesnelken, Finger, die fester umwinden als Reben,
Ergüsse aus Vogelkehlen, verborgen im Laub von Bäumen bei Sonnenaufgang,
Liebeshauche vom Land, von lebendigen Küsten gesandt zu euch auf lebendiger See, zu euch, o Schiffer!


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Frostreife Beeren und dritten Monats Zweige, frisch geboten jungem Volk, das hinauswandert in die Felder, wenn der Winter zum Aufbruch rüstet,
Liebesknospen, vor dich und in dich ausgestreut, wer du auch seist,
Knospen, die sich entfalten wollen, wie je,
Wenn du ihnen die Wärme der Sonne bringst, so werden sie aufgehen und werden dir Schönheit bringen, Farbe und Duft,
Wenn du ihnen Nahrung wirst und Naß, so werden sie Blumen werden und Früchte und schlanke Zweige und Bäume.


KEINE GLUT, AUFFLAMMEND UND VERZEHREND

Keine Glut, aufflammend und verzehrend,
Keine Wogen der See, ausund einstürmend,
Noch die Luft, köstlich und klar, des reifen Sommers Luft, die weiße Flocken mit Myriaden Samenkörnern leicht dahinträgt,
Wehend, lieblich segelnd, bis sie irgendwo niedersinken: —
O keines, keines von ihnen flammender als m e i n e Glut, verzehrend, brennend um dessentwillen, den ich liebe.
O keines stürmender als ich!
Stürmt die Flut einher, suchend nach etwas, und läßt nicht ab? O so auch ich!
O weder Samenflocken, noch Düfte, noch die hohen, regensendenden Wolken werden durch die freie Luft getragen
Irgend mehr, als meine Seele durch die freie Luft getragen wird,
Wehend nach allen Richtungen, o Liebe, um der Freundschaft—, um deinetwillen.


RINNT, TROPFEN!

Rinnt, Tropfen! meine blauen Adern verlassend!
O Tropfen aus mir! rinnt, langsame Tropfen,
Rein aus mir fallend, tropft, blutende Tropfen,
Aus Wunden, geschlagen, um euch zu befreien, von wo ihr gefangen wart,
Von meinem Gesicht, von meiner Stirn und Lippen,
Von meiner Brust, von innen her, wo ich verborgen war,
Dringt heraus, rote Tropfen, Bekenntnis-Tropfen,


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Färbt jede Seite, färbt jedes Lied, das ich singe, jedes Wort, das ich sage, blutige Tropfen.
Laßt sie eure purpurne Glut fühlen, laßt sie leuchten,
Durchtränkt sie mit euch, schamvoll und naß,
Glüht über alles, was ich geschrieben habe und schreiben werde, blutende Tropfen,
Laßt alles scheinen in eurem Lichte, schamrote Tropfen.


AN EINEN FREMDEN

Fremdling, der du vorbeigehst! du weißt nicht, wie sehnsüchtig ich nach dir blicke,
Du mußt der sein, den ich suchte, oder die, die ich suchte (es kommt mir wie aus einem Traum).
Ich habe sicherlich irgendwo ein Leben der Freude mit dir gelebt,
Alles ist wieder wach, da wir einander vorbeihuschen, flüchtig, zärtlich, keusch, gereift.
Du wuchsest auf mit mir, warst Knabe mit mir oder Mädchen mit mir,
Ich aß mit dir und schlief mit dir, dein Körper blieb nicht dein eigen allen, noch ließ er meinen Körper mir allein.
Du gibst mir die Lust deiner Augen, deines Gesichts und Fleisches, indes wir vorbeigehen, du nimmst von meinem Bart, Brust, Händen dafür,
Ich will nicht zu dir reden, ich will an dich denken, wenn ich allein sitze oder nachts allein wache,
Ich will warten, ich zweifle nicht, daß ich dir wieder begegnen werde,
Ich will darauf achten, daß ich dich nicht verliere.


WIE ICH HIER SITZE GEDANKENUND SEHNSUCHTSVOLL

Wie ich hier sitze gedankenund sehnsuchtsvoll,
Will es mir scheinen, daß es andere Männer in anderen Ländern gibt, gedankenund sehnsuchtsvoll,
Will es mir scheinen, als könnt ich hinüberblicken und sie gewahren in Deutschland, Italien, Frankreich, Spanien,


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Oder fern, fern in China, oder in Rußland und Japan, in anderen Mundarten redend,
Und will es mir scheinen, wenn ich sie kennte, so würde ich ihnen verbunden sein, wie den Männern meiner eigenen Länder,
O ich weiß, wir würden Brüder und Liebende sein,
Ich weiß, ich würde glücklich mit ihnen sein.


ICH HÖRE, DASS MAN MICH ANKLAGT

Ich höre, daß man mich anklagt, ich wolle Institutionen zerstören,
Aber in Wahrheit bin ich weder für noch gegen Institutionen.
(Was überhaupt hab ich mit ihnen gemein? oder was mit ihrer Zerstörung?)
Einzig und allein begründen will ich in Mannahatta und in jeder Stadt dieser Staaten im Inland und an der Seeküste
Und in den Feldern und Wäldern und über jedem Kiel klein oder groß, der dies Wasser furcht,
Ohne Bauwerke, Regeln, Verwalter und ohne jeden Beweisgrund
Die Institution der innigen Liebe von Kameraden.


DAS PRÄRIEGRAS DURCHSCHREITEND

Das Präriegras durchschreitend, seinen besonderen Duft atmend,
Rufe ich nach seinem Gleichnis im Geist,
Rufe nach der reichsten und innigsten Kameradschaft von Männern,
Rufe die Halme von Worten, Taten, Wesen auf, zu sprießen:
Die aus der freien Luft, rauh, sonnig, frisch, saftvoll,
Die ihren eigenen Gang gehen, aufrecht, mit Freiheit und Willen einherschreitend, führend, nicht folgend;
Die voll niegeduckter Kühnheit, die, deren Fleisch süß und lustvoll ist, rein von Makel,
Die, welche gleichmütig in die Gesichter von Präsidenten und Herrschern blicken, wie um zu sagen: „Wer bist du?“—
Männer voll irdischer Leidenschaft, einfach, nie bezwungen, nie gehorsam,
Männer aus Inneramerika.


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WENN ICH HÖRE VON DEM RUHM

Wenn ich höre von dem Ruhm, den Helden sich erobert,
Und den Siegen mächtiger Feldherrn, so beneide ich nicht die Feldherrn
Noch den Präsidenten in seiner Residenz, noch den Reichen in seinem großen Hause;
Aber wenn ich höre von der Bruderliebe von Freunden, wie es mit ihnen stand,
Wie sie zusammen durchs Leben gingen, durch Haß, Gefahren, unverändert, lange, lange Zeit,
Durch Jugend und Manneszeit und Alter; wie unerschütterlich, wie liebevoll und treu sie waren,
Dann bin ich nachdenklich, — ich gehe hastig hinweg, erfüllt vom bittersten Neide.


HIER MEINE ZARTESTEN HALME

Hier meine zartesten Halme und doch, die am kräftigsten dauern,
Hier beschatte und berge ich meine Gedanken, ich selber offenbare sie nicht,
Und dennoch offenbaren sie mich, mehr als alle meine andern Gedichte.


KEINE ARBEITSPARENDE MASCHINE

Keine arbeitsparende Maschine,
Keine Entdeckung hab ich gemacht,
Noch werd ich imstande sein, irgendeine reiche Stiftung zu hinterlassen zur Gründung eines Hospitals oder einer Bibliothek,
Noch die Erinnerung irgendeiner Heldentat für Amerika,
Noch literarischen Erfolg, noch Intellekt, noch Buch für das Bücherbrett,
Doch ein paar Lieder, zitternd durch die Luft, laß ich zurück
Für Liebende und Kameraden.


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ICH TRäUMTE IN EINEM TRAUM

Ich träumte in einem Traum, ich sähe eine Stadt, unüberwindlich den Angriffen der ganzen übrigen Erde,
Ich träumte, das sei die neue Stadt der Freunde,
Nichts Größeres geb es dort, als die Fähigkeit zu kraftvoller Liebe, sie führte alles,
Sie offenbarte sich jegliche Stunde in allem Tun der Menschen dieser Stadt
Und in all ihren Blicken und Worten.


AN EINEN KNABEN AUS DEM WESTEN

Vielerlei in dich aufzunehmen lehre ich dich, um dir zu helfen, mein Schüler zu werden,
Doch wenn nicht Blut gleich meinem durch deine Adern kreist,
Wenn du nicht schweigend erwählt wirst von Liebenden und nicht schweigend Liebende erwählst,
Was hat es für einen Zweck, daß du mein Schüler zu werden suchst?


FEST VERANKERT UND EWIG, O LIEBE!

Fest verankert und ewig, o Liebe! O Weib, das ich liebe!
O Braut! O Gattin! Unwiderstehlicher, als ich es sagen kann, ist der Gedanke an dich!
Gesondert aber und gleichwie körperlos und aus andern Bereichen geboren,
Ätherisch, die höchste starke Realität, meine Tröstung,
Zu der ich emporsteige, in deren Regionen ich schwebe, ist die Liebe zu dir, o Mann,
O Gefährte meines schweifenden Lebens.


DIESER SCHATTEN, MEIN EBENBILD

Dieser Schatten, mein Ebenbild, der hin und her geht und Zeitvertreib, Scherz und Gespräche sucht,
Wie oft ertappe ich mich, wie ich stehe und sehe, wie er vorbeihuscht,


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 121] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Wie oftmals frage und zweifle ich, ob ich das wirklich bin;
Aber wenn ich mit denen bin, die mich lieben, und diese Lieder singe,
O dann zweifle ich nie, ob ich das wirklich bin.


VOLL LEBEN JETZT

Voll Leben jetzt, greifbar und sichtbar,
Vierzig Jahre alt im dreiundachtzigsten Jahr der Staaten,
Sende ich einem, der ein Jahrhundert oder viele Jahrhunderte später lebt,
Sende ich dir diese Gedichte, und suche dich.

Wenn du sie liest, bin ich, der sichtbar war, unsichtbar geworden,
Du bist es nun, der, greifbar, sichtbar, meine Gedichte lebendig macht und der mich sucht
Und der sich ausdenkt, wie glücklich er wäre, könnte ich bei ihm sein und wäre sein Kamerad;
Sei's, als w ä r ich bei dir! (Sei nicht zu sicher, daß ich nicht jetzt bei dir bin.)


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SALUT AU MONDE


1

O nimm meine Hand, Walt Whitman!
O flutende Wunder! Gesichte, Geräusche!
O Glieder endlos, eins dem andern verkettet,
Jedes antwortend allen, jedes die Erde teilend mit allen!

Was weitet sich in dir, Walt Whitman?
Was Flüssig und Festes schwillt?
Was Warm und Kaltes? was Wesen und Städte hier?
Wer sind die Kinder, spielend die einen, schlafend die andern?
Wer sind die Mädchen? wer die Frauen?
Wer sind die Gruppen von Greisen, wandelnd langsam mit Armen einander um den Hals?
Was sind für Flüsse dies und was für Wälder und Früchte?
Was ist der Berge Namen, die in Nebel steigen so hoch?
Was dies für Myriaden Wohnstätten, mit Wohnern gefüllt?


2

Breite dehnt sich, Länge streckt sich in mir,
Asien, Afrika, Europa im Osten, — für Amerika ist im Westen Raum,
Die Wölbung der Erde bindend, windet der heiße Äquator sich,
Wunderbar drehen in Nord und Süd sich die Enden der Achse,
Der längste Tag ist in mir, in schrägen Ringen kreist die Sonne monatelang, ohne unterzugehn,
Im gemessenen Bogen hebt sich über den Horizont in mir die Mitternachtssonne und sinkt hinab,
Zonen in mir und Meere, Katarakte und Wälder, Vulkane und Archipele,
Die malaiischen und polynesischen und die großen westindischen Inseln.


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3

Was hörst du, Walt Whitman?

Ich höre den Arbeiter singen und singen des Farmers Weib,
Ich höre fern die Stimmen von Kindern und Tieren am Morgen früh,
Ich höre Geschrei von Australiern im Eifer der wilden Pferdejagd,
Ich höre den spanischen Tanz im Kastanienschatten, mit Kastagnetten, Gitarre und Geige,
Ich höre endloses Echo her von der Themse,
Ich höre feurige Freiheitslieder von Frankreich her,
Ich höre melodisches Rezitativ von alten Gesängen des italienischen Schiffers,
Ich höre die Heuschrecken Syriens, wie sie Weizen und Wiesen mit Schauern schrecklicher Wolken schlagen,
Ich höre den koptischen Abgesang, wie er träumerisch niederfällt auf die Brust des schwarzen, ehrwürdigen, breiten Vaters Nil,
Ich höre das Schnalzen des mexikanischen Maultiertreibers und die Glocken des Maultiers,
ich höre den arabischen Muezzin rufen vom Turm der Moschee,
Ich höre die Christenpriester an den Altären der Kirchen, ich höre, sich antwortend, Baß und Sopran,
Ich höre den Schrei des Kosaken und des Schiffers Ruf in Ochotsk, der in die See geht,
Ich höre das Schnaufen der Sklavenkoppel in Marsch, der keuchenden Trupps zu zweit und dritt, aneinandergekettet an Handgelenken und Fußgelenken,
Ich höre den Juden sein Testament und seine Psalmen lesen,
Ich höre den Wohllaut griechischer Mythen und die heroischen Sagen der Römer,
Ich höre die Kunde vom göttlichen Leben und blutigen Tode des herrlichen Gottes Christ,
Ich höre den Hindu den Lieblingsschüler die Kunde von Liebe und Krieg und Weisheit der Sprüche lehren, treulich bis heutigen Tags überliefert von Dichtern drei Jahrtausende alt.


4

Was siehst du, Walt Whitman?
Wer sind, die du grüßest und die eins nach dem andern dich grüßen?


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Ich seh durch den Raum hinrollen ein Wunder groß und rund,
Ich sehe winzige Farmen, Dörfer, Ruinen, Kirchhöfe, Gefängnisse, Werkstätten, Paläste, Schuppen, Hütten von Wilden, Nomadengezelt an der Oberfläche,
Ich sehe beschattet die eine Seite, wo Schläfer schlafen, und sonnbeleuchtet die andre,
Ich sehe den seltsam jagenden Wechsel von Schatten und Licht,
Ich sehe Länder fern, so wirklich und nah für ihre Bewohner wie dieses Land für mich.

Ich sehe Wasser in Fülle,
Ich sehe Berggipfel, sehe die Kette der Anden gezogen,
Ich sehe deutlich den Himalaya, Chian-Shah, Altai, Ghaut,
Ich sehe die Riesenzinnen des Elbrus, Kasbek, Basardzusi,
Ich sehe die Steirischen Alpen und Kärntner Alpen,
Ich sehe Pyrenäen, Balkan und Karpathen, und hoch im Norden das Dovrefjeld und weit überm Meere den Hekla,
Ich sehe den Ätna und Vesuv, die Mondgebirge, die roten Felsen von Madagaskar,
Ich sehe die libyschen, arabischen und asiatischen Wüsten,
Ich sehe die riesigen, furchtbaren arktischen und antarktischen Eisberge,
Ich sehe die großen Meere und kleineren Meere, Atlantischen und Pazifischen Ozean, die Mexikanische See, die Brasilische See und die See von Peru,
Die Gewässer von Japan, die herrliche Nagasakibai, umklammert von ihren Bergen,
Die Zungen der Ostsee, das Kaspische Meer, die englischen Küsten, die Bai von Biscaya,
Das sonnige Mittelmeer von einer Insel zur andern,
Das Weiße Meer und die Grönländische See.

Ich gewahre die Schiffer der Welt,
Manche im Sturm, bei Nacht mit der Wache im Ausguck,
Andere hilflos treibend, andre mit Seuchen beschleppt.


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Ich gewahre die Segler und Dampfer der Welt, manche im Hafen gedrängt, die andern auf Reisen,
Manche umschiffen das Kap der Stürme, manche Kap Verde, manche die Kaps von Bon, Bajadore und Guardafui,
Andere Dondra Head, andere Kap Lopatka, andre durchfahren die Sundastraße, andre die Behringstraße,
Andre Kap Horn, andre segeln im Golf von Mexiko oder von Kuba, Haiti entlang, oder Hudsonbai oder Baffinbai,
Andre passieren die Enge von Dover, andre fahren ein in die Bucht von Wash, andre in Firth of Solway, oder vorbei am Kap Clear oder Lands End,
Andre durch Zuydersee oder Schelde,
Andere aus und ein bei Gibraltar und Dardanellen,
Andere brechen sich grimmigen Weg durch nördliches Packeis,
Andere den Ob und Lena hinauf und hinab,
Niger und Kongo, Indus, Kambodscha und Brahmaputra hinauf und hinab,
Andre warten fertig zur Fahrt unter Dampf in australischen Häfen,
Warten in Liverpool, Glasgow, Dublin, Marseille, Lissabon, Hamburg, Bremen, Bordeaux, Neapel, Haag, Kopenhagen.
Warten in Valparaiso, Rio Janeiro, Panama.


5

Ich sehe die Geleise der Eisenbahnen der Erde,
Ich seh sie in Großbritannien, sehe sie in Europa,
Ich sehe sie in Asien und Afrika.

Ich sehe die Telegraphendrähte der Erde,
Ich seh das Gewebe der Nachrichten von Krieg, Tod, Verlust, Gewinn, Leidenschaften, — von meiner Rasse.

Ich sehe die langen Furchen der Flüsse der Erde,
Ich sehe den Amazonenstrom und den Paraguay,
Ich sehe die vier gewaltigen Ströme Chinas, Amur, Hoang-ho, Si-kiang und Jang-tse-kiang,
Ich seh, wo die Seine fließt und wo Donau, Loire, Rhône und Guadalquivir fließen,
Ich sehe die Windungen der Wolga, des Dnjepr, der Oder,


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Ich seh den Toskaner fahren den Arno hinab und den Venetianer den Po hinab,
Ich sehe den griechischen Schiffer aussegeln aus der Äginabucht.


6

Ich sehe den Sitz der alten Reiche Assyrien, Persien und Indien,
Ich sehe des Ganges Sturz über den Hochrand von Saukara.
Ich sehe die Stätten der Idee der Gottheit, fleischgeworden in Avataras menschlicher Form.
Ich sehe die Stätten der Nachfolge von Priestern der Erde, Orakeln, Opferpriestern, Brahmanen, Sabiern, Lamas, Mönchen, Muftis, Propheten,
Ich seh, wo Druiden walten im Haine Monons, ich sehe Mistelzweig und Verbene,
Ich sehe die Tempel, die sterblichen Überreste von Göttern, ich sehe die alten Zeichendeuter,
Ich sehe Christus essen das Brot seines Abendmahls inmitten junger und alter Gefährten,
Ich seh, wo der starke Götterjüngling Herkules treulich und lange sich plagte und endlich starb,
Ich sehe die Stätten des unschuldig reichen Lebens und Unterganges des schönen nächtigen Sohns, des rundgliedrigen Bacchus,
Ich sehe Kneph, blühend, mit blauer Haut und der Federkrone auf seinem Haupt,
Ich sehe Hermes, zutraulich geliebt, sterbend, sprechend zum Volke; „Weinet nicht um mich,
Dies hier ist nicht mein wahres Reich, ich lebte verbannt aus meinem wahren Reich und kehre nun zurück,
Kehre heim in die himmlische Sphäre, in die ein jeder eingeht zu seiner Zeit.“


7

Ich sehe die Schlachtfelder der Erde, Gras wächst auf ihnen und Blüten und Korn,
Ich sehe die Spuren alter und neuer Forschungsreisen.

Ich sehe die namenlosen Mauerreste, ehrwürdige Denkmale unbekannter Abenteuer, Helden, Erinnerungen der Erde.


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Ich sehe die Stätten der Sagas,
Ich sehe Kiefern und Fichten vom Nordwind verzerrt,
Ich sehe granitene Kegel und Klippen, grüne Wiesen und Seen,
Ich sehe die Felsengräber skandinavischer Krieger,
Ich sehe sie hochgetürmt mit Blöcken am Rande ruhlosen Ozeans, daß die Geister der toten Männer, wenn sie des stillen Grabes müde, aufsteigen mögen durch steinerne Last und ausschauen auf die brandenden Wogen und sich erquicken an Sturm, Unendlichkeit, Freiheit, Tat.

Ich sehe die Steppen Asiens,
Ich sehe die runden Hügel Mongoliens, sehe die Zelte von Kalmücken und Baschkiren,
Ich seh die Nomadenstämme mit Ochsen und Kühen,
Ich sehe die Tafelgebirge, von Schluchten gekerbt, ich sehe die Dschungeln und Wüsten,
Ich seh das Kamel, das wilde Pferd, die Trappe, das fettschwänzige Schaf, die Antilope, den scharrenden Wolf,
Ich sehe das Hochland von Abessyinien,
Ich sehe weidende Ziegenherden, sehe den Feigenbaum, Tamarinde und Dattelpalme
Und sehe Felder von Tef-Weizen und Plätze grün und gold,
Ich sehe den brasilianischen Rinderhirten,
Ich seh den Bolivier den Berg Sorata ersteigen,
Ich sehe den Vacho die Ebnen durchkreuzen, sehe den unvergleichlichen Reiter mit seinem Lasso am Arm,
Ich sehe die Jagd auf wilde Herden über die Pampas hin, um ihr Fell zu erbeuten.


8

Ich sehe die Reiche des Schnees und Eises,
Ich sehe den scharfäugigen Samojeden und Finnen,
Ich sehe den Seehundjäger im Boot, seine Lanze wägend,
Ich seh den Sibirier, auf leichtgebauten Schlitten von Hunden gezogen,
Ich sehe die Meerschweinjäger, ich sehe die Walfischfänger im Südlichen Eismeer und Nördlichen Eismeer,
Ich sehe die Klippen, Gletscher, Wasserstürze und Täler der Schweiz, — ich achte der langen Winter und der Abgeschlossenheit.


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9

Ich sehe die Städte der Erde und bin ihr Bürger nach meinem Belieben,
Ich bin ein echter Pariser,
Ich bin ein Bewohner von Wien, Petersburg, Berlin, Konstantinopel,
Ich bin aus Adelaïde, Sydney, Melbourne,
Ich bin aus London, Manchester, Bristol, Edinburg, Limerick,
Ich bin aus Madrid, Cadiz, Barcelona, Oporto, Lyon, Brüssel, Bern, Frankfurt, Stuttgart, Turin, Florenz,
Ich gehöre nach Moskau, Krakau, Warschau und in den Norden nach Christiana oder Stockholm und nach sibirisch Jrkutsk oder in eine Straße Islands,
Ich lasse mich nieder in all diese Städte und hebe mich wieder aus ihnen.


10

Ich sehe Dunst aufsteigen aus unerforschten Ländern,
Ich sehe die Typen der Wilden, Bogen und Pfeil, den vergifteten Feuerstein, den Fetisch, die Inseln Obi.

Ich sehe afrikanische und asiatische Städte,
Ich sehe Algier, Tripolis, Derna, Mogador, Delhi, Kalkutta, Tokio,
Ich sehe den Kruneger in seiner Hütte, Dahomeund Aschantineger in ihren Hütten,
Ich sehe den Türken Opium rauchen in Aleppo,
Ich sehe das malerische Gedränge der Märkte in Khiva und Herat,
Ich sehe Teheran, sehe Musrat und Medina und den wehenden Flugsand, ich sehe die Karawanen sich ostwärts mühn,
Ich sehe Ägypten und die Ägypter, die Pyramiden und Obelisken,
Ich schau auf Geschichte in Keilschrift, Bericht von Erobererkönigen und Dynastien, eingeschnitten in Sandsteinplatten oder Granitblock,
Ich sehe in Memphis Mumiengräber, die Mumien drin balsamiert, in Leinen gewickelt, ruhend seit vielen Jahrhunderten,
Ich schaue auf den gefallnen Thebaner, die groß-kugeligen Augen, den seitwärts sinkenden Nacken, die Hände gefaltet über der Brust.


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Ich sehe alle Knechte der Erde fronen,
Ich seh die Gefangenen in den Gefängnissen,
Ich seh die verkrüppelten Menschenleiber der Erde,
Die Blinden, Taubstummen, Blöden, Buckligen, Irren,
Die Seeräuber, Diebe, Betrüger, Mörder, Sklavenjäger der Erde,
Die hilflosen Kinder und hilflosen alten Männer und Fraun.

Ich sehe Mann und Weib überall,
Ich seh die erhabene Bruderschaft von Denkern,
Ich sehe die aufbauende Kraft meiner Rasse,
Ich sehe die Früchte von Ausdauer und Fleiß meiner Rasse,
Ich sehe die Klassen, Farben, Barbaren und Zivilisierte, ich wandle mit ihnen, ich mische mich unter sie ohne Wahl,
Und ich grüße alle Bewohner der Erde.


11

Du, wer immer du seist!
Du Sohn oder Tochter Englands!
Du aus den mächtigen Slavenstämmen und -reichen!
Du Russe in Rußland!
Du dämmerentstammter schwarzer, göttlich beseelter Afrikaner, groß, schmalschädlig, rassig gebaut, zu Stolz geboren, — du gleich und gleich mit mir!
Du Norweger! Schwede! Däne! Isländer! Preuße!
Du Spanier und Portugiese!
Du Mann oder Weib aus Frankreich!
Du Belgier! Du Freiheitsfreund in den Niederlanden (du Stamm, aus dem ich selber erwachsen)!
Du standhafter Österreicher! Lombarde, Ungar und Böhme! Bauer in Steiermark!
Du Nachbar der Donau!
Du Werkmann von Rhein, Elbe und Weser! Du Werkfrau auch!
Sardinier! Bayer! Schwabe! Sachse! Wallache! Bulgar!
Du Römer! Grieche und Neapolitaner!
Du geschmeidiger Matador in Sevillas Arena!
Du rechtlos lebender Bergräuber im Taurus und Kaukasus!
Du kroatischer Pferdehirt, deine Stuten bewachend und Hengste fütternd!


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Du schöngewachsener Perser, aus dem Sattel im vollen Galopp Pfeile schießend ins Ziel!
Du Chinese in China! Tatar in der Tatarei!
Ihr Weiber der Erde, unter eure Arbeit gebeugt!
Du Jude, pilgernd im hohen Alter duch alle Gefahr, um einmal auf syrischem Boden zu stehn!
Ihr andern Juden, wartend in allen Ländern auf euren Messias!
Du gedankenvoller Armenier, sinnend an einem der Euphratflüsse! auftauchend zwischen den Trümmern Ninives! steigend empor zum Berge Ararat!
Du wundfüßiger Pilger, grüßend das ferne Blinken der Minarette von Mekka!
Ihr Scheiks und Herrscher eurer Sippe und Stämme entlang der Enge von Suez bis Bab el-Mandeb!
Ihr Olivenbauer, die ihr eure Früchte zieht auf den Feldern von Nazareth, Damaskus und See Tiberias!
Du Händler aus Tibet im weiten Hochland oder schachernd in den Läden von Lhasa!
Japaner, Mann und Weib! Bewohner von Madagaskar, Ceylon, Sumatra, Borneo!
Alle vom Festlande ihr in Europa, Asien, Afrika, Australien, gleichviel wo!
Alle ihr von den zahllosen Inseln der Archipele der See!
Und ihr, Jahrhunderte später Geborene, wenn ihr mir lauscht!
Und du, ein jeder und überall, den ich nicht nenne, doch mit umschließe, —
Heil euch allen und guten Mut von mir und Amerika!

Jedes von uns unerläßlich,
Jedes von uns unbegrenzt — jedes von uns mit seinem und ihrem Recht auf der Erde,
Jedes von uns beteiligt am ewigen Sinn der Erde,
Jedes von uns so göttlich hier wie irgendeins.


12

Du Hottentott mit schnalzendem Gaumen! wollhaarige Horden!
Leibeigene ihr, Schweißtropfen und Blutstropfen schwitzend!


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Ihr Menschengestalten mit den unergründlich erschütternden Angesichtern von Vieh,
Du armer Kobuu, auf dessen stammelnden Geist und Sprache die Niedrigsten noch verachtend herabsehn.
Du zwergiger Lappe, Grönländer und Kamtschadale!
Du australischer Neger, nackt, rot, schmutzig, mit wulstigen Lippen, am Boden kriechend nach Futter!
Du Kaffer, Berber und Sudanese!
Du hagerer, rauher, unwissender Beduine!
Ihr Pest-Schwärme in Madras, Nanking, Kabul und Kairo!
Du im Dunkel der Seele gefangner Nomade vom Amazonas! Du Patagonier! Du Fidschimann!
Ich bevorzuge andere nicht so sehr vor euch allen,
Ich sage kein einziges Wort gegen euch, weit hinten dort, wo ihr steht —
(Ihr werdet nach vorn kommen an meine Seite zur rechten Zeit).


13

Mein Geist ist mitfühlend und leidenschaftlichen Willens um die ganze Erde gereist,
Ich habe nach meinesgleichen gespäht und Liebenden und fand sie in allen Ländern bereit für mich.
Ich glaube, mich machte eine göttliche Kraft ihnen gleich.
Ihr Wasserdämpfe, mit euch wohl bin ich aufgestiegen, gereist zu fernen Kontinenten und dort gesunken,
Ich habe mit euch wohl geweht, ihr Winde,
Ihr Wogen, mit euch an jeder Küste gespielt,
Ich habe mich durchgedrängt, wo immer ein Fluß oder Meerenge auf diesem Erdball sich durchgedrängt hat,
Ich habe Fuß gefaßt auf dem Sockel von Halbinseln und auf den hochgelagerten Felsen, von da zu rufen:
Salut au monde!

Wo irgend Licht oder Wärme die Städte durchdringt, diese Städte durchdringe auch ich,
Zu allen Inseln, zu denen Vögel sich hinschwingen, schwinge auch ich mich hin:


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Gegen euch alle, in Amerikas Namen,
Erhebe ich die senkrechte Hand, ich gebe das Zeichen,
Daß es nach mir in Sicht bleibe für immer,
Für aller Menschen Heim und Herd!



AUF DER BROOKLYN-FÄHRE


1

Flut unter mir! Ich sehe dich von Angesicht zu Angesicht!
Wolken im Westen — Sonne dort, eine halbe Stunde hoch — ich sehe dich auch von Angesicht zu Angesicht.

Ihr Massen, Männer und Frauen, angetan mit den gewöhnlichen Kleidern, wie merkwürdig seid ihr mir!
Auf den Dampfbooten die Hunderte und Hunderte, die überfahren nach Hause, sind mir merkwürdiger, als ihr glaubt,
Und du, der du in vielen Jahren von Küste zu Küste überfahren wirst, bedeutest mir mehr und bist mehr in meinen Gedanken, als du glaubst.


2

Die unsichtbare Nahrung, die ich aus allen Dingen zu allen Stunden des Tages ziehe;
Das einfache, feste, wohlverbundene Ganze, ich selbst unbeträchtlich, jeder einzelne unbeträchtlich und doch Teil des Ganzen;
Die Wiederkehr in Vergangenheit und Zukunft;
Der Glanz, der gleich aufgereihten Perlen leuchtet über meinem geringsten Sehen und Hören beim Spaziergang in den Straßen oder bei der Fahrt über den Fluß;
Die Strömung, die da so schnell hineilt und weit fortschwimmt mit mir;
Die andern, die mir folgen werden, die Bande zwischen ihnen und mir,
Die Gewißheit der andern, Leben, Liebe, Sehen und Hören der andern.

Andere werden durch die Tore der Brücke eintreten und von Küste zu Küste gehen,


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Andere werden zuschauen dem Einströmen der Flut,
Andere werden das Schiffsgetriebe Manhattans im Norden und Westen sehen und die Höhen Brooklyns im Süden und Osten;
Andere werden die Inseln sehen klein und groß;
In fünfzig Jahren werden andre die überfahrt sehen, die Sonne, eine halbe Stunde hoch;
In hundert Jahren und aber hundert Jahren werden wiederum andre sie sehen,
Werden sich freuen des Sonnenuntergangs, des Einströmens der Flut, des Abströmens der Ebbe.


3

Es gilt nichts, weder Zeit noch Raum, — Entfernung gilt nichts.
Ich bin mit euch, ihr Männer und Frauen einer Generation oder Generationen nach mir,
Just wie ihr fühlt, wenn ihr auf Fluß oder Himmel blickt, so fühlte auch ich,
Just wie eines von euch Teil einer lebendigen Masse ist, so war ich Teil einer Masse,
Just wie ihr euch erfrischt an des Flusses Fröhlichkeit und heller Flut, so erfrischte ich mich daran,
Just wie ihr steht und am Geländer lehnt und doch hineilt mit der geschwinden Strömung, so stand auch ich und eilte dahin,
Just wie ihr auf die zahllosen Schiffsmasten und die dickstämmigen Schlote der Dampfboote schaut, so schaute auch ich.

Auch ich kreuzte den Fluß dereinst unzähligemal,
Schaute den Möwen des zwölften Monats zu, sah sie schwimmen hoch in der Luft mit regungslosen Flügeln, die Körper schwingend,
Sah, wie das gleißende Gelb Teile ihrer Körper beschien und den Rest in scharfem Schatten ließ,
Sah ihre langgewundenen Kreise und ihr ruckweises Kanten, dem Süden zu;
Sah den Widerschein des Sommerhimmels im Wasser,
Fühlte meine Augen geblendet von der schimmernden Strahlenspur,
Schaute hinab auf die feinen, strahlenden Lichtspeichen um die Form meines Kopfes im sonnigen Wasser,


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 134] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Schaute den Duft auf den Hügeln südund südwestwärts,
Schaute den Dampf, wie er hinflog in wolligen Flocken, lila behaucht;
Schaute hinüber zur unteren Bai, der ankommenden Schiffe zu achten,
Sah ihre Einfahrt, blickte, wenn sie mir nahekamen, an Bord;
Sah die weißen Segel von Schaluppen und Schonern, die Schiffe vor Anker,
Die Matrosen bei der Arbeit im Tauwerk oder rittlings auf äußersten Raen;
Die runden Maste, das Schaukeln der Rümpfe, die schlanken, sich schlängelnden Wimpel,
Die großen und kleinen Dampfer in Fahrt, die Lotsen in ihren Lotsenhäusern,
Des Kielwassers weißen Schweif, das schnelle, bebende Schlagen der Räder,
Die Flaggen aller Nationen, ihr Sinken bei Sonnenuntergang,
Die wie Muscheln gezackten, wie Becher gehöhlten Wellen im Zwielicht, die hüpfenden Kämme und Lichter,
Sah den Streif in der Ferne, der matter und matter wird, die grauen Wände der granitenen Speicher der Docks,
Auf dem Fluß die Schattengruppe, den großen Schlepper, flankiert von den Barken, dem Heuboot und dem verspäteten Leichter,
Auf der Nachbarküste die Glut von den Schloten der Eisenwerke, die hoch und blendend brennen in die Nacht
Und ihr Flackern, schwarz, mit wildem, rot und gelbem Licht, hinwerfen über die Dächer der Häuser und in die Schlünde der Straßen hinab.


4

Diese und alle andern Dinge waren für mich dieselben wie für euch,
Ich liebte heiß diese Städte, liebte den stattlichen, schnellen Strom;
Die Männer und Frauen, die ich sah, waren mir alle nah,
Und andere ebenso, — andere, die zurückschauen auf mich, wie ich vorausschaute auf sie
(Die Zeit wird kommen, ob ich gleich heute und heute Nacht hier weile).


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 135] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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5

Was ist alsdann zwischen uns?
Was sind alle Zahlen der Kalender, alle Hunderte von Jahren zwischen uns?

Was immer es sei, es gilt nichts, — Entfernung gilt nichts und Ort gilt nichts,
Auch ich lebte, das weithügelige Brooklyn war mein,
Auch ich ging in den Straßen von Manhattans Insel und badete in den Wogen, die sie umgeben,
Auch ich fühlte das seltsame, jähe Fragen in mir sich regen,
Am Tage im Menschengedränge kam es über mich,
Auf dem Heimwege spät in der Nacht oder wenn ich im Bette lag, kam es über mich;
Auch ich war ein Splitter vom festen Kern alles fließenden Seins,
Auch ich hatte Identität empfangen durch meinen Körper,
Ich wußte: was ich war, war ich durch meinen Körper, und was ich je sein würde, würde ich durch meinen Körper sein.


6

Nicht auf dich allein fallen die finstern Flecken,
Die Finsternis warf ihre Flecken auch über mich,
Das Beste, was ich getan, erschien mir fragwürdig und leer,
Meine vermeintlichen großen Gedanken, waren sie nicht in Wahrheit dürftig?
Und du nicht allein bist es, der weiß, was es heißt, schlecht zu sein,
Ich bin es, der wußte, was schlecht sein hieß,
Auch ich knüpfte den alten Knoten des Widerspruchs,
Schwatzte, schämte mich, schmollte, log, stahl, haßte,
Hatte Arglist, Zorn, Wollust, heiße Wünsche, die ich nicht laut zu sagen wagte,
War launisch, eitel, gierig, hohl, verschlagen, feig, boshaft,
Wolf, Schlange, Schwein fehlten nicht in mir,
Der tückische Blick, das leichtsinnige Wort, die ehebrecherische Gier fehlten nicht,
Unerbittlichkeit, Haß, Nachlässigkeit, Gemeinheit, Faulheit, keines von diesen fehlte;


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 136] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Ich war einer unter den andern und nahm teil an ihrem Tun und Treiben,
Wurde von jungen Männern mit lauten Stimmen bei meinem vertrautesten Namen gerufen, wenn sie mich kommen oder vorbeigehn sahen,
Ich fühlte ihre Arme um meinen Nacken, wenn sie neben mir standen, oder das nachlässige Lehnen ihres Fleisches gegen mich, wenn ich saß,
Ich sah viele, die ich liebte, auf der Straße oder im Dampfboot oder bei der öffentlichen Versammlung und sprach doch kein Wort zu ihnen,
Ich lebte dasselbe Leben mit den andern, dasselbe alte Lachen, Kauen, Schlafen,
Ich spielte die Rolle, die immer wieder gespielt wird,
Dieselbe alte Rolle, die das ist, was wir aus ihr machen: groß, wenn wir wollen,
Oder klein, wenn wir wollen, oder beides, groß und klein.


7

Näher noch komme ich dir.
Gedanken, die du jetzt über mich hast, hatte ich ebensowohl über dich, — ich versorgte mich im voraus,
Ich dachte lange und ernsthaft über dich nach, eh du geboren wurdest.

Wer konnte wissen, was mir davon zugute kommen würde?
Wer weiß, ob ich nun dein Leben nicht mitgenieße?
Wer weiß, trotz aller Entfernung, ob ich dich jetzt nicht wirklich anblicke, wenn du auch mich nicht sehen kannst?


8

Ach, was kann herrlicher je und bewundernswerter für mich sein als das mastengesäumte Manhattan?
Strom und Sonnenuntergang und muschelzackige Wellen der Flut?
Möwen, die ihre Körper schwingen, Heuboot im Zwielicht und verspäteter Leichter?


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 137] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Welche Götter könnten mir lieber sein als die, die mich bei der Hand fassen und mit Stimmen, die ich liebe, mich lebhaft und laut bei meinem vertrautesten Namen rufen, wenn ich mich nähere?
Was ist zarter als das Band, das mich dem Weib oder Manne verbindet, der mir ins Gesicht schaut?
Was schmilzt mich in dich und ergießt meinen Sinn in dich?

Wir verstehen uns nun, nicht wahr?
was ich dir bot, ohne es zu nennen, nimmst du's nun an?
Was keine Wissenschaft zu lehren und keine Predigt zu wirken vermocht,
Ist es nun erreicht?


9

Fließe nur zu, Strom! schwill an mit der Flut und sinke mit der Ebbe!
Tanzt nur zu, kammgeschmückte, muschelzackige Wellen!
Prunkende Wolken des Sonnenuntergangs, tränkt mit eurem Glanze mich oder die Männer und Frauen Generationen nach mir!
Kreuzt von Küste zu Küste, zahllose Menschenmassen!
Ragt auf, hohe Masten Manhattans! ragt auf, schöne Hügel von Brooklyn!
Pulsiere, du staunendes, wißbegieriges Hirn! wirf Fragen und Antworten auf!
Schwebe hier und überall, ewiger Kern alles Fließenden!
Schaut, liebende, dürstende Augen, in Haus und Straße und öffentliche Versammlung!
Tönt, junger Männer Stimmen! laut und klingend ruft mich bei meinem vertrautesten Namen!
Lebe, du altes Leben! spiele die Rolle, die immer wieder gespielt wird,
Die alte Rolle, groß oder klein, je nachdem man sie auffaßt!
Bedenke, der du mich liest, ob ich dich nicht vielleicht anblicke kraft unbekannter Mächte;
Sei fest, du Geländer über dem Strom, zu stützen, die müßig an dich sich lehnen und doch hineilen mit der eilenden Strömung;
Fliegt, ihr Seevögel! fliegt seitwärts oder kreist in weiten Ringen hoch in der Luft;


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 138] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Nimm in dich den Sommerhimmel, du Wasser, und halte ihn treulich, bis alle herniederschauenden Augen ihn wieder trinken können aus dir!
Strahlt, feine Lichtspeichen, um das Spiegelbild meines Kopfes, oder des Kopfes irgendeines anderen, in dem sonnigen Wasser;
Kommt heran, Schiffe aus der unteren Bai! fahrt hinauf und hinab, weißsegelnde Schoner, Schaluppen, Leichter!
Prangt in der Luft, Flaggen aller Nationen! senkt euch bei Sonnenuntergang!
Laßt hoch eure Feuer lohen, ihr Hüttenschlote! werft schwarze Schatten in die beginnende Nacht, werft rot und gelbes Licht über die Dächer der Häuser!
Erscheinungen, nun und fürderhin, zeigt an, was ihr seid,
Du unentbehrliches Gewebe, nimm deine Hülle nicht von der Seele!
Um meinen Körper und um deinen Körper soll göttlichstes Arom schweben.
Gedeiht, ihr Städte, — bringt eure Fracht, eure Pracht, ihr weiten reichen Flüsse;
Breite dich aus, du Wesen, du geistigstes vielleicht, das es gibt,
Wahrt euren Platz, Dinge, ihr dauerndsten, die es gibt.

Ihr habt gewartet, ihr wartet immer, ihr stummen, schönen Diener,
Wir empfangen euch nun endlich mit freiem Sinn und sind von nun an unersättlich,
Ihr sollt uns nun nicht mehr täuschen oder euch uns entziehen,
Wir gebrauchen euch und werfen euch nicht beiseite — wir pflanzen euch für immer in uns,
Wir begreifen euch nicht — wir lieben euch, auch in euch ist Vollendung,
Ihr steuert bei euer Teil für die Ewigkeit,
Groß oder klein, ihr steuert bei euer Teil für die Seele.



EIN GESANG DER FREUDEN

O zu dichten den jubelndsten Gesang,
Voller Musik, — voller Mannheit, Weibheit, Kindheit!
Voller Alltagstun, — voller Korn und Bäumen.


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O die Stimmen der Tiere, — o die Geschwindigkeit und das Gleichgewicht der Fische!
O das Fallen der Regentropfen in einem Liede!
O Sonnenschein und Wellenschlag in einem Liede!

O die Lust meines Geistes, — er ist uneingesperrt, — schießt hin wie Blitze!
Es ist nicht genug, diesen Erdball zu haben und eine Spanne Zeit,
Tausend Erdkugeln will ich haben und alle Zeit!

O die Freuden des Ingenieurs! auf einer Lokomotive zu fahren!
Das Zischen des Dampfes zu hören, den lustigen Schrei, die Dampfpfeife, die lachende Lokomotive!
Vorzudringen in unaufhaltsamer Fahrt und hinzueilen in Ferne.

O das glückselige Schweifen über Felder und Hügel!
Die Blätter und Blüten des gewöhnlichsten Unkrauts, die feuchte, frische Stille der Wälder,
Der köstliche Geruch der Erde bei Tagesanbruch und am ganzen Vormittag.

O des Reiters und der Reiterin Freuden!
Der Sattel, der Galopp, der Druck im Sitz, das kühle Sausen an Ohren und Haar.

O die Freuden des Feuerwehrmannes!
Ich höre den Alarm in der totenstillen Nacht,
Ich höre Glocken, Rufe! Ich dringe durch die Menge, ich renne!
Der Anblick der Flamme berauscht mich mit Lust.

O die Freude des muskelstarken Fechters, der hochragend und ohne Fehl in der Arena steht, seiner Kraft bewußt, dürstend nach seinem Gegner.

O die Freude des weiten, ursprünglichen Mitgefühls, das allein die menschliche Seele zu erzeugen und auszugießen vermag in steten, endlosen Fluten.

O die Freude der Mutter!
Das Behüten, Erdulden, die kostbare Liebe, die Qual, das geduldig hingegebene Leben.


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O die Freude des Zunehmens und Wachsens, der Erneuerung,
Die Freude des Tröstens und Beruhigens, die Freude der Eintracht und des Einklangs.

O zurückzukehren an den Ort, wo ich geboren wurde,
Noch einmal die Vögel singen zu hören,
Im Haus und in der Scheune und in den Feldern noch einmal zu schweifen,
Und im Obstgarten und auf den alten Pfaden noch einmal.

O aufgewachsen zu sein an Meeresbuchten, Lagunen oder an der Küste,
Dort zu bleiben und beschäftigt zu sein mein ganzes Leben lang,
Der salzige, feuchte Geruch, der Strand, der Tang, der bei Ebbe entblößt wird,
Die Arbeit der Fischer, die Arbeit des Aalfischers und des Muschelfischers;
Ich komme mit meiner Muschelharke und Spaten, ich komme mit meinem Aalstecher,
Ist die Flut gewichen? Ich schließe der Schar der Muschelgräber mich an auf den Sandbänken,
Ich lache und grabe mit ihnen, spaße bei meiner Arbeit, ein ausgelassener Bursche.
Im Winter nehme ich meinen Aalkorb und Aalstecher und mache mich auf zu Fuß übers Eis, — ich hab eine kleine Axt, um Löcher ins Eis zu schlagen.
Sieh mich warm angezogen und fröhlich hinausgehn oder nachmittags zurückkehren, begleitet von meiner Brut zäher Jungen,
Meiner Brut erwachsener und halbwüchsiger Jungen, die bei keinem so gern sein mögen wie bei mir,
Am Tage mit mir arbeiten und in der Nacht mit mir schlafen.
Ein andermal bei warmem Wetter hinaus im Boot, die Hummerkörbe heraufzuholen, wo sie mit schweren Steinen versenkt sind (ich kenne die Bojen),
O die Lieblichkeit des Morgens des fünften Monats auf dem Wasder, da ich just vor Sonnenaufgang hinrudere zu den Bojen;
Ich ziehe die Weidenkörbe schräg herauf, die dunkelgrünen Hummern kämpfen verzweifelt mit ihren Scheren, wie ich sie aushebe, ich klemme Holzkeile in die Gelenke der Zangen.


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Ich gehe zu all den Plätzen der Reihe nach und rudere dann ans Ufer zurück,
Dort in riesigem Kessel mit kochendem Wasser sollen die Hummern gesotten werden, bis sie wie Scharlach leuchten.
Ein andermal beim Makrelenfang:
Gefräßig, wild nach dem Köder, nahe der Oberfläche, scheinen sie meilenweit das Wasser zu füllen;
Ein andermal beim Klippfischfang in Chesapeake Bai, ich einer von der gebräunten Mannschaft;
Ein andermal beim Blaufischfang mit Schleppnetzen vor Paumanok, ich steh gespannten Leibs,
Mein linker Fuß ruht auf dem Bord, mein rechter Arm wirft die gerollten dünnen Leinen weit hinaus,
In Sicht um mich her das flinke Wenden und Gleiten von fünfzig Kähnen, meinen Begleitern.

O Bootfahrten auf den Flüssen!
Die Reise den St. Lawrencestrom hinab, die herrliche Landschaft, die Dampfer,
Die Segelschiffe, die „Tausend Inseln“, ein Holzfloß dann und wann, die Flößer mit weitreichenden Schwungrudern,
Die kleinen Hütten auf den Flößen und der Streifen Rauchs, wenn sie am Abend ihr Essen kochen.

(O etwas Gefährliches und Furchtbares!
Etwas weitab von einem schwächlichen, frommen Leben!
Etwas Unbewiesenes! etwas in Verzückung!
Etwas vom Anker Losgerissenes und frei Treibendes.)

O in Bergwerken zu arbeiten, oder Eisen zu schmieden,
Eisen gießen, die Gießerei selbst, das rohe, hohe Dach, der weite und schattige Raum,
Der Hochofen, die heiße Flut, die sich ergießt und hinschießt.

O der Freuden des Soldaten zu gedenken!
Die Nähe eines tapferen Führers zu fühlen,— seine Fürsorge zu fühlen!
Seine Ruhe zu sehen, — erwärmt zu werden von den Strahlen seines Lächelns,


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In die Schlacht zu gehen, — die Hörner blasen und die Trommeln schlagen zu hören!
Das Krachen der Artillerie zu hören, — das Glitzern der Bajonette und Flintenläufe in der Sonne zu sehen!
Männer fallen und ohne Klage sterben zu sehen,
Den wilden Geschmack von Blut zu schmecken,—so teuflisch zu sein,
Sich so zu weiden an Wunden und Tod des Feinds!

O die Freuden des Walfischfängers! O ich fahre wieder meine alte Fahrt!
Ich fühle den Schwung des Schiffes unter mir, ich fühle die atlantische Brise mich fächeln,
Ich höre den Ruf wieder vom Mastkorb: Da bläst er!
Wieder spring ich im Takelwerk empor mit den andern, — wir klettern hinunter, wild vor Erregung,
Ich springe in das herabgelassene Boot, wir rudern hin, wo unsere Beute liegt,
Wir nähern uns vorsichtig und schweigend, ich sehe die bergartige Masse, schläfrig, sich sonnend,
Ich sehe den Harpunier aufstehen, sehe die Waffe seinem kräftigen Arm entfliegen;
O schnell weit hinaus in den Ozean schleppt mich wiederum der verwundete Wal, untertauchend, windwärts fliehend,
Wieder sehe ich ihn auftauchen, um Atem zu holen, wir rudern ganz nahe,
Ich sehe eine Lanze in seine Seite getrieben, tief hineingestoßen und in der Wunde umgedreht,
Wieder flüchten wir rückwärts, ich sehe ihn noch einmal untersinken, das Leben verläßt ihn schnell,
Als er auftaucht, speit er Blut, ich sehe ihn schwimmen in Kreisen enger und enger, wild das Wasser teilend — ich sehe ihn sterben,
Er tut einen krampfhaften Sprung in der Mitte des Kreises und fällt dann schlapp und still in den blutigen Schaum.

O mein Greisenalter, die edelste aller meiner Freuden!
Meine Kinder und Enkelkinder, mein weißes Haar und Bart,
Meine Breite, Ruhe und Würde, gewonnen aus der langen Dauer meines Lebens.


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O gereifte Freude der Weibheit! O Glück zuletzt!
Ich bin mehr als achtzig Jahre alt, ich bin die ehrwürdigste Mutter,
Wie klar ist mein Geist, — wie werden alle zu mir hingezogen!
Was für Anziehungskräfte sind das, mehr als je zuvor? welch ein Blühen, mehr als das Blühen der Jugend?
Welch eine Schönheit ist das, die auch mich niedersinkt und aus mir emporsteigt?

O des Redners Freuden!
Die Brust zu schwellen, den Donner der Stimme aus Rippen und Hals zu rollen,
Die Menge mit dir rasen, weinen, hassen, begehren zu machen,
Amerika zu führen, — Amerika mit gewaltiger Zunge zu bezwingen.

O Lust meiner Seele, die im Gleichgewicht auf sich selber ruht, die ihr Ich durch den Körper gewinnt und es liebt, die andere Wesen schaut und in sich aufnimmt;
Meine Seele zittert zurück zu mir von jenen, von Gesicht, Gehör, Gefühl, Verstand, Laut, Vergleich, Gedächtnis und desgleichen;
Das wahre Leben meiner Sinne und meines Fleisches geht über meine Sinne und mein Fleisch hinaus,
Mein Körper hat die Materie abgetan, mein Sehen hat meine leiblichen Augen abgetan,
Erwiesen ist mir heutigen Tags über allen Zweifel, daß es nicht meine leiblichen Augen sind, die endgültig sehen,
Noch mein leiblicher Körper, der endgültig liebt, geht, lacht, ruft, umarmt, zeugt.

O die Freuden des Farmers!
Die Freuden des Mannes aus Ohio, Illinois, Wisconsin, Kanada, Jowa, Kansas, Missouri, Oregon!
Aufzustehen bei Tagesgrauen und behende zur Arbeit hinauszueilen, Land zu pflügen im Herbst für die Wintersaat,
Land zu pflügen im Frühling für Mais,
Obstgärten zu ziehen, Bäume zu pfropfen, Äpfel zu ernten im Herbst.

O im Schwimmbad zu baden oder an guter Stelle am Ufer,
Im Wasser zu plantschen! knöcheltief zu waten, oder nackt zu rennen am Ufer entlang.


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O des Raums sich bewußt zu werden!
Der Fülle des Alls! Daß es keine Grenzen gibt!
Emporzutauchen und mit dem Himmel, mit Sonne, Mond und fliegenden Wolken zu sein, wie eines der Ihren.

O die Freude männlichen Selbstgefühls!
Keinem dienstbar zu sein,
Zu schreiten in aufrechter Haltung mit leichtem, federndem Schritt,
Zu schauen mit ruhigem Blick oder blitzendem Auge,
Zu sprechen mit voller, tönender Stimme aus breiter Brust,
Die eigne Persönlichkeit entgegenzustellen allen andern Persönlichkeiten der Erde.

Kennst du die herrlichen Freuden der Jugend?
Freuden der lieben Gefährten und fröhlichen Worts und lachenden Angesichts?
Freude des frohen, lichtstrahlenden Tags, Freude hochatmender Spiele?
Freude süßer Musik, Freude des leuchtenden Ballsaals und der Tänzer?
Freude reichlichen Mahls, wilden Schlemmens und Zechens?

Doch, o du Höchste, meine Seele!
Kennst du die Freuden sinnender Gedanken?
Freuden des freien, einsamen Herzens, des zärtlichen, dunkeln Herzens?
Freuden des einsamen Wanderns, ehrerbietigen Geistes, doch stolz; das Leiden und Ringen?
Die tödlichen Wehen, Ekstasen, Freuden des stillen Denkens bei Tag und Nacht?
Freuden des Gedankens an den Tod, an die großen Sphären Zeit und Raum?
Seherfreuden besserer, höherer Liebeslust, — die göttliche Gattin, der süße, einzige, vollkommene Gefährte?
Freuden, alle dein eigen, du Unsterbliche, — Freuden, deiner würdig, o Seele!

O so lange ich lebe, Herr des Lebens zu sein, nicht Sklave,
Dem Leben zu begegnen als mächtiger Eroberer,


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Keine Dünste noch Langeweile, keine Klagen noch hämisches Kritteln mehr;
Diesen stolzen Gesetzen der Luft, des Wassers und der Erde zu zeigen, daß meine innere Seele unerschütterlich ist,
Und daß nichts äußeres je Gewalt über mich haben soll.

Denn nicht die Freuden des Lebens allein singe ich: immer wieder — die Freude des Todes!
Die wundervolle Beruhigung des Todes, besänftigend und betäubend für eine kleine Weile, da es so sein muß,
Ich selbst entlasse meinen verwesenden Körper, daß er verbrannt oder zu Staub gemacht oder begraben werde,
Mein wahrer Leib bleibt mir sicherlich für andere Sphären,
Mein leerer Leib ist mir nichts mehr, er kehrt zur Reinigung zurück, zu ferneren Diensten, zu den ewigen Zwecken der Erde.

O anzuziehen mit mehr als gewöhnlicher Kraft!
Wie es kommt, weiß ich nicht, — doch sieh! das Etwas, das keinem andern gehorcht,
Angreifend, nie abwehrend, — wie magnetisch es zieht!

O zu kämpfen gegen große Übermacht, Feinden unerschrocken zu begegnen!
Ganz allein mit ihnen zu sein, zu erproben, wieviel man aushalten kann!
Streit, Qual, Kerker, Haß des Volkes von Angesicht zu Angesicht zu sehn,
Das Schafott zu besteigen, vor die Mündungen der Gewehre hinzutreten mit vollkommenem Gleichmut!
Wirklich ein Gott zu sein!

O in See zu segeln mit einem Schiff!
Dieses starre, unerträgliche Land zu verlassen,
Die ermüdende Gleichheit der Straßen, Bürgersteige und Häuser zu lassen,
Dich zu verlassen, du festes, unbewegliches Land, ein Schiff zu besteigen
Und segeln, segeln, segeln!


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O das Leben hinfort als Gedicht neuer Freuden zu haben!
Tanzen, händeklatschen, frohlocken, schreien, hüpfen, springen, weiter rollen, weiter schwimmen!
Ein Seefahrer der Welt zu sein, allen Häfen zu,
Selber ein Schiff (ja sieh diese Segel, die ich in Sonne und Luft entfalte),
Ein schnelles, schwellendes Schiff voll reicher Worte, voll Freuden.



GESANG VOM BEIL


1

Schöne Waffe, hell und bloß,
Gezogen aus der Mutter Erde Schoß,
Holz dein Fleisch, Stahl dein Gebein, ein Glied allein, eine Lippe allein,
Graublaues Blatt, in Rotglut geglüht, Schaft, aus kleinen Samen erblüht
Im grünen Gras voll Saft und Kraft,
Feste Stütze, starker Schaft.

Starke Gestalten und Merkmal starker Gestalten, männliches Tun, männliche Bilder und Klänge,
Langer, bunter Zug von Emblemen, Fetzen Musik,
Finger des Organisten, staccato über die Tasten der großen Orgel hüpfend.


2

Gegrüßt alle Länder der Erde, jedes nach seiner Art,
Gegrüßt die Länder der Tanne und Eiche,
Gegrüßt die Länder der Zitrone und Feige,
Gegrüßt die Länder des Golds,
Gegrüßt die Länder voll Weizen und Mais, gegrüßt die des Weins,
Gegrüßt die Länder voll Zucker und Reis,
Gegrüßt die Baumwolländer, die Länder der weißen Kartoffel, der süßen Kartoffel,
Gegrüßt die Gebirge, Ebenen, Wüsten, Wälder und Steppen,
Gegrüßt die reichen Ufer von Flüssen, Lichtungen und Plateaus,


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Gegrüßt die unermeßlichen Weideländer, gegrüßt der fruchtbare Boden, der Obst, Flachs, Honig und Hanf trägt;
Gegrüßt nicht minder die andern, rauheren Länder,
Länder so reich wie Goldund Weizenund Fruchtland,
Länder der Minen, Länder der männlichen, rauhen Erze,
Länder der Kohle, des Kupfers, Bleis, Zinns und Zinks,
Länder des Eisens — Geburtsländer des Beils.


3

Der Klotz auf dem Holzstoß, das Beil, das daran lehnt,
Die Waldhütte, die Rebe über der Tür, der gesäuberte Gartenplatz,
Das unregelmäßige Tropfen des Regens die Blätter hinab, nachdem das Gewitter verrauscht ist,
Das Klagen und Stöhnen von Zeit zu Zeit, der Gedanke ans Meer,
Der Gedanke an Schiffe, vom Sturm getroffen, auf die Seite geschleudert, die Masten gebrochen,
Das Gefühl von den mächtigen Balken altmodischer Häuser und Scheunen,
Die Erinnerung an ein Buch oder eine Erzählung, die Reise von Männern, Familien, Waren auf gut Glück,
Die Landung, die Gründung einer neuen Stadt,
Die Reise derer, die ein Neu-England suchten und fanden, der Anfang irgendwo,
Die Siedlungen von Arkansas, Colorado, Ottawa, Willamette,
Der langsame Fortschritt, die kärgliche Kost, das Beil, die Büchse, die Satteltaschen;
Die Schönheit aller wagemutigen Abenteurer,
Die Schönheit der Waldburschen und Waldleute mit ihren klaren, ungepflegten Gesichtern,
Die Schönheit der Freiheit, des Aufbruchs, des Handelns, das auf sich selber gestellt ist,
Die Verachtung des Amerikaners gegen Satzung und Brauch, die schrankenlose Ungeduld gegen Zwang,
Der freie Trieb des Charakters, das Aufblitzen von Möglichkeiten in irgendeinem Typus, die Festigung;
Der Schlächter im Schlachthaus, die Mannschaft an Bord von Schonern und Schaluppen, der Flößer, der Kolonist,


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Holzarbeiter in ihrem Winterlager, Tagesbeginn in den Wäldern, Schneestreifen auf den Ästen der Bäume, das Knacken dann und wann,
Der frohe, klare Klang der eigenen Stimme, der heitre Gesang, das natürliche Leben im Wald, das kraftvolle Tagewerk,
Das lohende Feuer bei Nacht, der frische Geschmack des Mehls, das Gespräch, das Bett aus Tannenzweigen und Bärenfell;
Der Hausbauer bei der Arbeit in Städten und anderswo,
Das Verpassen, Vermessen, Sägen, Verzapfen zuvor,
Das Hochwinden der Balken, die an ihren Platz gebracht und gerichtet werden,
Das Einfügen der Enden mit ihren Zapfen in die Zapfenlöcher, so wie es zuvor berechnet war,
Die Schläge der Schlegel und Hämmer, die Stellungen der Männer, ihre gebogenen Glieder,
Wenn sie sich bücken, rittlings über den Balken stehen, Nägel einschlagen, sich an Pfosten und Streben halten,
Der gekrümmte Arm über der Holzfläche, der andere schwingt das Beil,
Die Leute, die den Fußboden legen und die Planken dicht aneinander rücken, um sie zu nageln,
Ihre Stellungen, um von unten mit ihren Werkzeugen an die Träger heranzukommen,
Das Echo, das durch das leere Gebäude schallt;
Das riesige Lagerhaus, das in der City gebaut wird und schon im Werden ist,
Die sechs Leute, die das Gerüst bauen und sorgsam, zwei in die Mitte und zwei an jedem Ende, eine schwere Stange auf ihren Schultern tragen, um sie als Kreuzbalken zu verwenden,
Die dichte Reihe der Maurer mit Maurerkellen in ihrer rechten Hand, die hurtig die lange Seitenmauer legen, zweihundert Fuß von der Front bis zur Rückwand,
Das geschmeidige Auf und Nieder der Rücken, das beständige Ticken der Maurerkellen gegen die Ziegel,
Die Ziegel alle der Reihe nach so kunstgerecht an ihre Stelle gelegt und mit einem Stoß des Kellengriffes befestigt,
Die Haufen von Baustoff, der Mörtel auf den Mörtelbrettern, der ständig ergänzt wird aus dem Trog;


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Spierenmacher in ihrem Hof, die wimmelnde Reihe gutgewachsener Lehrburschen,
Der Schwung ihrer Beile auf den vierkantigen Balken, um ihm die Form eines Mastes zu geben,
Das flinke, kurze Knirschen des schräg in das Kiefernholz getriebenen Stahls,
Die butterfarbigen Späne, die in großen Flocken und Schuppen herumfliegen,
Die geschmeidige Bewegung kräftiger junger Arme und Hüften in leichter Kleidung;
Der Erbauer von Werften, Brücken, Piers, Molen, Flößen, Dämmen gegen die See;
Der städtische Feuerwehrmann, das Feuer, das plötzlich ausbricht an dem dichtgedrängten Platz,
Die anfahrenden Spritzen, die heisern Rufe, das kühne, behende Hin und Her,
Der laute Befehl durch die Feuertrompeten, die Ordnung in Reihen, das Auf und Nieder der Arme, die Wasser pumpen,
Die schlanken, zuckenden, blauweißen Strahlen, das Anbringen der Feuerleitern und ihre Verwendung,
Das Krachen herausgehauenen Holzwerks zwischen den Mauern oder der Fußböden, unter denen das Feuer schwelt,
Die gaffende Menge mit angeleuchteten Gesichtern, der Glanz und die dichten Schatten;
Der Schmied am Schmiedeherd und der zweite, der das Eisen hämmert,
Der Beile macht, groß und klein, und der Schweißer und Härter,
Der Käufer, der seinen Atem haucht auf den kalten Stahl und die Schneide mit seinem Daumen versucht,
Der Mann, der den Schaft glättet und ihn fest in die Hülse treibt;
Die schattenhaften Züge all derer, die dereinst auch Beile führten,
Die geduldigen Handwerker früher Zeiten, die Architekten und Ingenieure,
Die uralten Bauten von Assyrien und Mizra,
Die Liktoren Roms, die den Konsuln voranschritten,
Der alte europäische Krieger mit seinem Beil im Kampf,


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Der erhobene Arm, die schallenden Schläge auf das behelmte Haupt,
Das Todesgeheul, der schlaff hintaumelnde Körper, das Herzueilen von Freund und Feind,
Die Belagerung aufständischer Lehnsleute, die sich Freiheit geschworen,
Die Aufforderung zur Übergabe, die wilden Schläge ans Burgtor, der Waffenstillstand und die Verhandlung,
Die Plünderung einer Stadt in alter Zeit,
Das Einbrechen der Söldner und Glaubensfeinde in wildem Gewühl,
Gebrüll, Flammen, Blut, Trunkenheit, Wahnsinn,
Schätze, frech aus Häusern und Kirchen geraubt, Schrei von Weibern unter dem Griff von Räubern,
Diebische Künste der Lagerhyänen, Männer im Lauf, Greise im Jammer,
Die Hölle des Kriegs, die Grausamkeiten des Glaubens,
Die ganze Liste leibhaftiger Taten und Worte, recht oder unrecht,
Die Gewalt der Persönlichkeit, recht oder unrecht.


4

Muskel und Mut für immer!
Was das Leben stärkt, stärkt auch den Tod,
Und die Toten kommen so weit, wie die Lebenden kommen,
Und Zukunft ist nicht ungewisser als Gegenwart,
Denn die Rauhheit von Erde und Mensch umschließt so viel wie die Zartheit von Erde und Mensch,
Und nichts ist dauerhaft, außer persönlichen Eigenschaften.

Was hältst du für dauerhaft?
Hältst du eine große Stadt für dauerhaft?
Oder einen wimmelnden Industriestaat? oder eine wohlgegründete Verfassung? oder die bestgebauten Dampfschiffe?
Oder Hotels aus Granit und Stahl? oder sonst irgendwelche Meisterwerke der Technik, Festungen, schweres Geschütz?

Hinweg damit! Diese sollen nichts gelten um ihrer selbst willen,
Sie erfüllen ihre Stunde, die Tänzer tanzen, die Musikanten spielen für sie,


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Die Schau geht vorüber, alles ist sicherlich gut und schön,
Alles ist gut und schön, bis ein Blitz der Herausforderung leuchtet.

Eine große Stadt ist die, die die größten Männer und Frauen hat,
Und wären es nur ein paar lumpige Hütten, so wäre es doch die größte Stadt in der ganzen Welt.


5

Die Stätte, wo eine große Stadt steht, ist nicht die Stätte weitgestreckter Werften, Docks, Fabriken, Speicher allein,
Noch die Stätte nie endender Grüße von Neuankommenden oder von Ausfahrenden, die ihre Anker lichten,
Noch die Stätte der höchsten und teuersten Bauwerke oder der Läden, die Güter aus aller Herren Länder verkaufen,
Noch die Stätte der besten Bibliotheken und Schulen, noch die Stätte, wo Geld am reichlichsten rollt,
Noch die Stätte der zahlreichsten Bevölkerung.

Wo die Stadt steht, die das stärkste Geschlecht von Rednern und Dichtern hat,
Wo die Stadt steht, die von ihnen geliebt wird und sie wiederliebt und versteht,
Wo es kein Denkmal für Helden gibt, außer in den Worten und Taten des Alltags,
Wo Sparsamkeit an ihrem Ort ist und Klugheit an ihrem Ort,
Wo die Männer und Frauen nicht viel von Gesetzen halten,
Wo es keine Sklaven mehr gibt und keine Herren von Sklaven,
Wo die Bevölkerung unverweilt sich erhebt gegen die nimmersatte Anmaßung gewählter Führer,
Wo unbändige Männer und Frauen ausströmen, gleichwie die See auf den Pfiff des Todes ihre befreiten, alles niederreißenden Wogen verströmt,
Wo äußere Autorität allezeit hinter innerer Autorität zurücksteht,
Wo der Bürgermeister allezeit das Haupt und das Ideal ist, und Präsident, Bürgermeister, Statthalter, oder wer sonst, nur bezahlte Beauftragte sind,
Wo Kindern gelehrt wird, sich selber Gesetz zu sein und auf sich selber zu stehen,


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Wo Gleichmut bewiesen wird in Geschäften,
Wo Betrachtung der Seele gefördert wird,
Wo Frauen in öffentlichen Umzügen durch die Straßen gehen, ebensogut wie die Männer,
Wo sie in öffentliche Versammlungen gehen und dort ihre Plätze einnehmen, ebensogut wie die Männer,
Wo die Stadt der treuesten Freunde steht,
Wo die Stadt der Reinheit der Geschlechter steht,
Wo die Stadt der gesündesten Väter steht,
Wo die Stadt der bestgestalteten Mütter steht,
Dort steht die große Stadt.


6

Wie bettelhaft erscheinen alle Beweisgründe vor einer trotzigen Tat!
Wie schrumpft aller blühende Reichtum von Städten zusammen vor eines Mannes oder Weibes Blick!

Alles stockt oder geht, so gut es geht, bis ein starker Mensch erscheint;
Ein starker Mensch ist der Beweis für die Rasse und für die Kräfte des Weltalls,
Wenn er oder sie erscheint, ist alles Materielle gebannt,
Alles Streiten über die Seele hört auf,
Die alten Bräuche und Phrasen werden geprüft, verworfen oder beiseite getan.

Was ist dein Geldverdienen jetzt? was kann es jetzt nützen?
Was ist deine Achtbarkeit jetzt?
Was ist deine Theologie, Erziehung, Gesellschaft, deine Traditionen, Gesetzbücher jetzt?
Was sind deine Lebenskünste jetzt?
Was ist dein Tüfteln über die Seele jetzt?


7

Eine öde Landschaft ist über das Erzlager gebreitet;
Dort liegt ein Gut, so gut wie das Beste, dem widrigen Schein zum Trotz,


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Dort ist die Mine, dort sind die Bergleute,
Dort ist der Schmelzofen, der Guß ist vollendet, die Männer sind bei der Hand mit ihren Zangen und Hämmern,
Was uralte Dienste leistete und immer noch leistet, ist bei der Hand.
Besser als dies hat nichts gedient, es hat allen gedient,
Gedient den leichtzüngigen, zartsinnigen Griechen und lange Zeit vor den Griechen,
Gedient beim Bau von Gebäuden, die fester stehen als alle,
Gedient dem Juden, dem Perser, dem uralten Inder,
Gedient dem Erdhüttenbauer am Mississippi und denen, deren Überreste in Mittelamerika liegen,
Gedient den Albischen Tempeln in Wäldern oder auf Hochflächen mit unbehauenen Pfeilern und mit ihren Druiden,
Gedient den künstlichen Höhlen, weit, hoch, still, auf den schneebedeckten Bergen Skandinaviens,
Denen gedient, die vor undenklicher Zeit in die Granitwände rohe Skizzen gruben von Sonne, Mond, Sternen, Schiffen und Meereswogen,
Gedient auf den Pfaden des Einfalls der Goten, gedient den Nomaden und Hirtenstämmen,
Gedient dem Kelten im fernen Norden, den kühnen Piraten der Ostsee,
Gedient noch lange vor alledem den ehrwürdig-unschuldigen Menschen Äthiopiens,
Gedient, um Ruder zu machen für Lustgaleeren und Kriegsgaleeren,
Gedient allem großen Vollbringen zu Wasser und Land,
Im Mittelalter und Altertum,
Gedient nicht den Lebenden nur, damals wie jetzt, — gedient auch den Toten.


8

Ich sehe den europäischen Scharfrichter,
Er steht maskiert, gekleidet in Rot, mit mächtigen Schenkeln und starken, nackten Armen
Und lehnt auf einem gewichtigen Beil.

(Wen hast du zuletzt geschlachtet, europäischer Scharfrichter?
Wes ist das Blut auf dir, so klebrig und naß?)


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Ich sehe den leuchtenden Untergang von Märtyrern,
Ich sehe die Geister herabsteigen vom Schafott,
Geister getöteter Lords, entkrönter Frauen, angeklagter Minister, gestürzter Könige,
Rivalen, Verräter, Giftmischer, in Ungnade gefallener Führer und aller der andern.

Ich sehe die, die in allen Ländern gestorben sind für die gute Sache,
Die Saat ist spärlich, aber das Korn wird niemals ausgehn.
(Gedenkt, o Könige fremder Länder, o Priester, das Korn wird niemals ausgehn.)

Ich sehe all das Blut hinweggewaschen von dem Beil,
Klinge und Schaft sind beide rein,
Sie lassen nicht mehr das Blut des Adels Europas spritzen, sie greifen nicht mehr in die Nacken von Königinnen.

Ich sehe den Scharfrichter verschwinden und unnütz werden,
Ich sehe das Schafott vermodert und leer, ich sehe kein Beil mehr auf ihm,
Ich sehe das mächtige, freundliche Sinnbild der Kraft meiner eigenen Rasse, der jüngsten und größten von allen.


9

(Amerika! Ich prahle nicht mit meiner Liebe zu dir,
Ich weiß, was ich habe.)

Das Beil klingt!
Dem starken Forst entströmen Gebilde,
Sie stürzen hervor, erheben und formen sich,
Hütte, Zelt, vermessenes Land,
Dreschflegel, Pflug, Hacke, Brechstange, Spaten,
Schindel, Zaun, Pfahl, Getäfel, Türpfosten, Latte, Türfüllung, Giebel,
Zitadelle, Zimmerdecke, Salon, Akademie, Orgel, Ausstellungsgebäude, Bibliothek,
Fries, Spalier, Pilaster, Balkon, Fenster, Türen, Portal,


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 155] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Harke, Rechen, Heugabel, Bleistift, Lastwagen, Stock, Säge, Hobel, Schlegel, Keil, Raspel,
Stuhl, Faß, Reifen, Tisch, Tür, Wetterfahne, Fensterrahmen, Fußboden,
Werkzeugkasten, Kiste, Saiteninstrument, Boot, Bilderrahmen und was nicht alles,
Kapitole von Staaten und Kapitole des Bundes von Staaten,
Lange, stattliche Häuserreihen in Avenuen, Waisenhäuser, Armenund Krankenhäuser,
Dampfund Segelschiffe Manhattans, die alle Meere durchmessen.

Gestalten steigen!
Gestalten aller, die Beile führen, und all ihrer Nachbarn,
Holzfäller und Flößer vom Penobscot oder Kennebec,
Hüttenbewohner der kalifornischen Berge oder an kleinen Seen oder auf dem Kolumbia,
Siedler im Süden am Ufer des Gila und Rio Grande, ihre trauliche Runde, die verschiedenen Charaktere, der Spaß, den sie treiben,
Siedler am St. Lawrence entlang oder nördlich in Kanada, oder unten am Yellowstone, Siedler an Küsten und fern von Küsten,
Seehundjäger, Walfischfänger, Polarfahrer, die sich Wege brechen durchs Eis.

Gestalten zeigen!
Fabriken, Zeughäuser, Gießereien, Märkte,
Die doppelgleisigen Eisenbahnstrecken,
Brückenschwellen, hohe Gerüste, Brückenträger und Bögen,
Flotten von Booten und Schleppern, See-, Flußund Kanalfahrt,
Schiffswerften und Trockendocks an den Küsten in Ost und West und vielen Buchten und Nebenstellen,
Die Eichenkiele, die Fichtenplanken, die Spieren,
Die Schiffe selber auf ihren Seestraßen, die Sitzreihen von Tribünen, die Arbeiter drinnen und draußen bei ihrer Arbeit,
Das herumliegende Handwerkszeug, der große Bohrer und kleine Bohrer, das Breitbeil, Bolzen, Richtschnur, Winkelmaß, Meißel und Hobel.


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10

Gestalten steigen!
Gemessen, gesägt, gehobelt, verzapft und gefärbt,
Die Form des Sargs für den Toten, darin er liegen soll im Leichentuch,
Die Form von Pfosten, Pfosten der Bettstatt, Pfosten des Brautbetts,
Die Form der winzigen Mulde, der Schaukelbretter darunter, der Wiege des Säuglings,
Die Form der Planken der Diebe für die Füße der Tänzer,
Die Form der Planken des Wohnhauses, des Heims der freundlichen Eltern und Kinder,
Die Form des Daches des Heims des glücklichen jungen Mannes und Weibes, des Daches über dem glücklich vermählten jungen Mann und Weib,
Des Daches über dem Mahl, fröhlich gekocht von dem keuschen Weib und fröhlich verzehrt von dem keuschen Gatten, zufrieden nach seines Tages Arbeit.

Gestalten!
Die Anklagebank im Gerichtshof, und er oder sie, die dort sitzen,
Der Schenktisch, an dem der junge Schapstrinker lehnt und der alte Schapstrinker lehnt,
Die schamvoll zornig knarrenden Stufen unter Schritten von Schleichern,
Die verborgene Bank und das ehebrecherische, verworfene Paar,
Der Spieltisch mit seinem Teufelsgewinn und -verlust,
Die Leiter für den schuldigen, gerichteten Mörder, der Mörder mit hagerm Gesicht und gefesselten Armen,
Der Richter daneben mit seinen Begleitern, die schweigende Menge mit bleichen Lippen, das Schlenkern des Seils.

Gestalten steigen!
Türen, die vielerlei Ausgang und Eingang sehen,
Die Tür, durch die der verschmähte Freund erhitzt und hastig hinauseilte,
Die Tür, die gute Botschaft und schlechte Botschaft einläßt,


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Die Tür, durch die der Sohn zuversichtlich und aufgeblasen das Haus verließ,
Die Tür, durch die er wiederum eintrat nach langem, schimpflichem Fernsein, krank, niedergebrochen, seiner Unschuld und aller Mittel beraubt.


11

I h r e Gestalt steigt auf,
Minder behütet als je, doch mehr behütet als je,
Roheit und Schmutz, durch die sie geht, machen sie nicht schmutzig und roh,
Sie kennt die Gedanken, indes sie vorübergeht, nichts ist ihr verborgen,
Sie ist darum nicht weniger freundlich und fürsorglich,
Sie ist die am meisten geliebte, überall; sie hat keinen Grund, sich zu fürchten und fürchtet sich nicht,
Flüche, Streit, betrunkene Lieder, schmutzige Worte sind nicht vorhanden für sie, indes sie vorübergeht,
Sie ist schweigsam, sie ist im Besitz ihrer selbst, sie verletzen sie nicht,
Sie nimmt sie entgegen, gleichwie die Naturgesetze sie nehmen, sie ist voll Kraft,
Auch sie ist Naturgesetz, — es gibt kein Gesetz, das stärker wäre als sie.


12

Die höchsten Gestalten steigen empor!
Gestalten allumfassender Demokratie, Frucht von Jahrhunderten,
Gestalten, die immer neue Gestalten erzeugen,
Gestalten stürmischer, männlicher Städte,
Gestalten der Freunde und Gastgeber der ganzen Erde,
Gestalten, erfrischend die ganze Erde und erfrischt von der ganzen Erde.


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GESANG DES ROTHOLZBAUMS


1

Ein kalifornischer Sang,
Eine Weissagung und Deutung, ein Gedanke, ungreifbar, zu atmen wie Luft,
Ein Chor von Dryaden oder Hamadryaden, die scheiden und schwinden,
Eine raunende, schicksalstiefe Riesenstimme hervor aus Erdreich und Himmelsraum,
Stimme eines gewaltigen, sterbenden Baums im dichten Rotholz-Forst.

„Fahrt wohl, meine Brüder,
Fahr wohl, o Erdreich und Himmelsraum, fahrt wohl, ihr Nachbargewässer,
Meine Zeit ist erfüllt, mein Ende ist da.“

An nördlicher Küste,
Just hinter dem felsenumsäumten Strand und den Höhlen,
In der salzigen Luft von der See im Mendocino-Land,
Mit der Brandung als Baß und Begleitung tief und rauh,
Zu krachenden Schlägen helltönender Äxte, von starken Armen geführt,
Tief zerspalten von den scharfen Klingen der Äxte dort in dem dichten Rotholz-Forst,
Hört ich den mächtigen Baum sein Todeslied singen.

Die Holzfäller hörten nicht, die Lagerhütten gaben kein Echo,
Die hellhörigen Furhleute und die Männer an Kette und Winde hörten nicht,
Wie die Waldgeister hervorkamen aus ihren tausendjährigen Nestern, den Kehrreim zu schlingen,
Aber ich hörte es deutlich in meiner Seele.

Raunend aus seinen Myriaden von Blättern,
Herab von dem zweihundert Fuß hoch ragenden Wipfel,
Hervor aus dem festen Stamm und Ästen, aus seiner fußdicken Rinde
Hörte ich diesen Gesang von Zeit und Jahreszeit, Gesang von Vergangenheit nicht allein, sondern auch von der Zukunft.


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„Du mein unausgesprochenes Leben,
Und all ihr ehrwürdigen, unschuldigen Freuden,
Überdauerndes, harsches Leben voll Freuden im Regen und manch eines Sommers Sonne,
Im weißen Schnee und in Nacht und wilden Winden;
O die großen, geduldigen, rauhen Freuden, meiner Seele starke Freuden, von Menschen nicht gewußt,—
(Denn ich weiß, ich trage in mir die Seele, die zu mir gehört, auch ich habe Bewußtsein und Wesenheit,
Wie alle Felsen und Berge auch und die ganze Erde) —
Freuden des Lebens in mir und Brüder mein,
Unsere Zeit, unser Ende ist da.

Aber nicht klagend ergeben wir uns, majestätische Brüder,
Wir, die wir unsere Zeit in Größe erfüllt;
Mit der stillen Zufriedenheit der Natur, mit tiefer, stummer Lust
Grüßen wir die, für die wir wirkten allezeit
Und lassen ihnen das Feld.

Für sie, die lange verkündet,
Für ein höheres Geschlecht, gleichfalls bestimmt, ihre Zeit in Größe zu erfüllen,
Für sie danken wir ab, — in ihnen wir selbst, ihr Könige des Walds!
In ihnen diese Himmel und Lüfte, diese Berggipfel, Schastas, Nevadas,
Diese riesigen, steilen Klippen, diese Weite, diese Täler, das weite Yosemite,
Aufgenommen und einverleibt in sie.“

Dann zu erhabnerer Weise,
Stolzer noch und ekstatischer stieg der Gesang,
Als fielen die Erben, die Gottheiten des Westens,
Mit führenden Stimmen ein.

„Nicht bleich von Asiens Götzenbildern,
Noch rot von Europas altem dynastischem Schlachthaus,
(Schauplatz von Mörderränken der Throne, heute noch aller Enden nach Krieg und Schafotten stinkend),
Sondern geworden in den langen, leidlosen Mutterwehen der Natur, friedlich aus ihnen erwachsen:


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Diese jungfräulichen Länder, Länder der westlichen Küste —
Dem neuen, höchsten Menschen und dir, du neues Reich,
Du lang verheißenes, verpfänden und weihen wir sie.

Du tief verborgenes Wirken,
Du Durchschnitt geistiger Mannheit, Endziel von allem, ruhend in dir, Gesetze weder gebend noch nehmend,
Du göttliche Weibheit, Herrin und Quelle von allem, Quelle von Leben und Liebe und allem, was Liebe und Leben entsprießt,
Du unsichtbarer, sittlicher Geist des großen Körpers Amerika (Geschlecht auf Geschlecht wirkend im Tod wie im Leben),
Der du, sichtbar zuweilen, doch öfter verborgen, in Wahrheit formst und bildest die Neue Welt und sie einfügst in Zeit und Raum,
Du heimlicher Volkswille, der du in deinen Tiefen liegst, verborgen, doch immer wach,
Ihr Ziele von einst und jetzt, beharrlich verfolgt, euch selbst vielleicht unbewußt,
Niemals verloren trotz aller vergänglichen Irrungen, Störungen an der Oberfläche,
Ihr lebendigen, all-gemeinsamen, todlosen Keime, die ihr unter allen Glaubensbekenntnissen, Künsten, Satzungen, Literaturen ruht:
Hier baut euer Haus für immer, hier siedelt euch an, —
All diese Gefilde, die Länder der westlichen Küste
Verpfänden und weihen wir euch.

Für e u r e n Menschen, e u r e eigenste Rasse!
Hier mag er wachsen, kühn, frisch und gigantisch, hier sich erheben zu den Maßen der Natur,
Hier sich ausbreiten in die weiten, reinen, grenzenlosen Räume, ungehemmt von Mauer und Dach,
Hier lachen mit Sonne und Sturm, hier fröhlich sein, hier Wurzeln schlagen in Geduld,
Hier achten auf sich selbst (nicht auf die Regeln andrer), sich entfalten, hier seine Zeit erfüllen,
Um endlich hinzusinken, um Anderer willen abgetan,
Zu dienen, zu verschwinden.“


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So an der nördlichen Küste,
Im Echo der Fuhrmannsrufe, der klirrenden Ketten und in der Musik der Holzfälleräxte,
Des stürzenden Stamms und der Äste, in dem Krachen, dem dumpfen Schreien und Stöhnen,
Erlauschte ich solche Worte, verwoben wie aus ekstatischen Stimmen uralt und rauschend aus dem Rotholzbaum,
Stimmen jahrhundertealter, unsichtbarer Dryaden, die sangen und Abschied nahmen,
All ihre Verstecke in Wald und Gebirg verließen
Von der Kaskada-Kette bis Wahsatch und zum fernen Idaho und Utah,
Weichend hinfort den Gottheiten neuer Zeit;
Chor und Verkündung, Vision zukünftiger Menschheit und all ihrer Siedlungen und Gestalten
Habe ich in den Wäldern von Mendocino erlauscht.


2

Die funkelnde, goldne Pracht Kaliforniens,
Das jähe, üppige Schauspiel, die sonnigen, weiten Länder,
Die lange und bunte Strecke vom Puget-Sund bis Süd-Colorado,
Länder, gebadet in süßerer, reinerer, frischerer Luft, Täler und Felsen,
Die Felder, seit langem bereitet und brach in stiller Chemie des Kreislaufs der Natur,
Die langsame, stetige Arbeit der Zeiten, die die unbebaute Oberfläche reiften und reiche Erze anhäuften darunter;
Und endlich das Neue, das kommt und Besitz ergreift,
Ein wimmelndes, fleißiges Menschengeschlecht, das sich überall anbaut und Ordnung schafft,
Schiffe, die einlaufen aus der ganzen runden Welt und auslaufen in alle Welt,
Nach Indien, China, Australien und zu den tausend paradiesischen Inseln des Stillen Ozeans,
Volkreiche Städte, die neuesten Erfindungen, die Dampfer auf den Flüssen, die Eisenbahnen, viele blühende Farmen, Maschinen,
Und Wolle und Weizen und Wein und Minen voll gelben Golds.


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3

Doch mehr als dies in euch, Länder der westlichen Küste!
(Dies sind nur die Mittel und Werkzeuge, das Fundament).
Ich sehe in euch, was sicherlich kommt, die Verheißung von vielen tausend Jahren, aufgeschoben bis jetzt,
Gegeben jedoch, um erfüllt zu werden: Unsre gemeinsame Art und Rasse,
Die neue Gemeinschaft endlich, ebenbürtig den Maßen der Natur,
In euren Männern, mehr als eure Berggipfel oder starken, königlichen Bäume,
In Weibern, mehr, weit mehr als all euer Gold und Wein oder selbst eure lebendige Luft.

Frisch angekommen in eine neue, doch seit langem bereitete Welt,
Seh ich den Genius der neuen Zeit, Kind des Realen und Idealen,
Den Boden bereiten für breites Menschentum, das wahre Amerika, den Erben so großer Vergangenheit,
Für eine noch größere Zukunft.



EIN GESANG VON DER ROLLENDEN ERDE


1

Ein Gesang von der rollenden Erde und Worten, die zu ihr stimmen!
Glaubtest du, dies seien die Worte, diese aufrechten Linien? Diese Kurven, Winkel, Punkte?
Nein, dies sind nicht die Worte, die wahren Worte sind in Erdreich und Meer,
Sie sind in der Luft, sie sind in dir.

Glaubtest du, dies seien die Worte, diese köstlichen Laute aus deiner Freunde Mündern?
Nein, die wahren Worte sind köstlicher als sie.

Menschenleiber sind Worte, Myriaden von Worten.
(In den besten Gedichten kommt der Leib wieder zum Vorschein, Mannes Leib oder Weibes Leib, wohlgestaltet, natürlich, froh,
Jeglicher Teil tüchtig, tätig, aufnahmefähig, ohne Scham noch Bedürfnis nach Scham.)


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Luft, Erdreich, Wasser, Feuer, — das sind Worte,
Ich selbst bin ein Wort wie sie, — meine Eigenschaften sind mit den ihren verschmolzen, — mein Name ist ihnen nichts,
Würde er auch in dreitausend Sprachen gesprochen, was wüßten Luft, Erdreich, Wasser, Feuer von meinem Namen?

Ein gesundes Sein, eine freundliche oder gebieterische Bewegung sind Worte, Ausdrücke, Sprache,
Der Zauber, der in dem bloßen Blick mancher Männer und Frauen liegt, ist Ausdruck und Sprache.

Das Werk der Seelen verrichten diese unhörbaren Worte der Erde,
Die Meister kennen die Worte der Erde und gebrauchen sie mehr als hörbare Worte.

Entwicklung ist eines der Worte der Erde,
Die Erde zaudert und hastet nicht,
Sie trägt alle Eigenschaften, alles Wachstum und Wirken in sich von Anbeginn,
Sie ist nicht halb nur schön, Fehler und Auswüchse offenbaren ebensoviel wie Vollendung.

Die Erde hält nichts zurück, sie ist freigebig genug,
Ihre Wahrheiten warten allezeit, sie sind auch nicht gar so verborgen,
Sie sind still und fein, unübertragbar durch Druckerschwärze,
Sie sind in alle Dinge verwoben, sie teilen sich willig mit,
Sie teilen ein Gefühl und eine Aufforderung mit: „Ich rede und rede,
Nicht mit Worten, wenn du mich aber nicht hörst, was kann ich dir nützen?
Zu bessern, zu reifen, — wenn jene fehlen, was kann ich nützen?“

(Accouche! accouchez!
Willst du deine eigene Frucht in dir selber verderben?
Willst du in dich gekauert ersticken?)

Die Erde rechtet nicht,
Ist nicht pathetisch, schließt keine Vergleiche,
Schreit nicht, hastet nicht, schmeichelt, droht, verspricht nicht,


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Macht keine Unterschiede, geht niemals fehl,
Verbirgt nichts, verweigert nichts, schließt nichts aus,
Alle Kräfte, Dinge, Zustände, die sie trägt, sind ihr willkommen.

Die Erde bietet sich nicht feil und verwehrt sich auch nicht, sie ruht in sich selber in tiefem Grund,
Tief unter den scheinbaren Lauten, dem erhabenen Chorus von Helden, der Klage von Sklaven,
Schmeicheln von Liebenden, Flüchen, Keuchen der Sterbenden, Lachen der Jugend, Tonfall von Handelslauten,
Ruhen die wahren Worte, die nie versagen.

Für ihre Kinder versagen die Worte der großen, stummen, beredten Mutter nie,
Die wahren Worte versagen nicht, denn Bewegung und Strahlung versagen nicht,
Tanzt, die wir kennen, die schöne Schwester dahin.

Den breiten Rücken jedem Beschauer zugekehrt,
Im Zauber der Jugend und gleichen Zauber des Alters,
Sitzt sie, die auch ich wie die andern liebe, ungestört,
Und hält etwas hoch in der Hand, das gleicht einem Spiegel, indes ihre Augen rückwärts schauen,
Schauen, indes sie sitzt, ohne einzuladen noch abzuwehren,
Und unermüdlich bei Tag und Nacht einen Spiegel hält vor ihr eigenes Antlitz.

In nächster Nähe oder von fern geschaut
Erscheinen die Vierundzwanzig pünktlich jeden Tag,
Erscheinen pünktlich und gehen vorüber mit ihren Begleitern oder einem Begleiter,
Blickend nicht aus eigenem Angesicht, sondern aus den Gesichtern derer, die mit ihnen sind,


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Aus den Gesichtern von Kindern und Frauen oder aus männlichem Angesicht,
Aus den offnen Gesichtern von Tieren oder aus leblosen Dingen,
Aus Landschaft und Wassern oder dem holden Schein des Himmels,
Aus unsern Gesichtern blickend, meinem und deinem (sie geben sie treulich wieder zurück),
Erscheinen sie jeden Tag, doch nimmer zweimal mit denselben Begleitern.

Die Menschen umschließend, alles umschließend, rollen die Dreihundertfünfundsechzig unwiderstehlich rund um die Sonne dahin,
Alles umschließend, wiegend und tragend, folgen die nächsten Dreihundertfünfundsechzig dicht ihnen nach, notwendig und sicher wie sie.

In furchtlosem Schwunge unverwandt
Sonnenschein, Sturm, Kälte und Hitze allezeit trotzig durchstürmend und mit sich tragend,
Immerdar Erbe des Dranges der Seele nach Offenbarung,
In die flutende Leere rund um sich her und vor sich immerdar tauchend, sie teilend,
Von keiner Schranke gehemmt, von keinem Anker gehalten, von keiner Klippe gestoßen,
Geschwind, freudig, zufrieden, unversehrt und ohne Verlust,
Allezeit stark und bereit, für sich selber einzustehn,
Segelt das göttliche Schiff durch göttliche See.


2

Wer immer du bist! Bewegung und Licht sind eigens für dich,
Das göttliche Schiff segelt duch göttliche See für dich.

Wer immer du bist! Du bist er oder sie, für die die Erde flüssig und fest ist,
Du bist er oder sie, für die Sonne und Mond am Himmel hängt,
Denn kein andrer als du bist Gegenwart und Vergangenheit,
Denn kein andrer als du bist Unsterblichkeit.


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Jeder Mann für sich selbst und jedes Weib für sich selbst ist das Wort der Gegenwart und Vergangenheit und das wahre Wort der Unsterblichkeit,
Keiner kann für den andern etwas gewinnen, — nicht einer,
Keiner kann für den andern wachsen, — nicht einer.

Das Lied ist des Sängers und fällt auf ihn zurück,
Die Lehre ist des Lehrers und fällt auf ihn zurück,
Der Mord ist des Mörders und fällt auf ihn zurück,
Der Diebstahl ist des Diebes und fällt auf ihn zurück,
Die Liebe ist des Liebenden und fällt auf ihn zurück,
Die Gabe ist des Gebers und fällt unfehlbar auf ihn zurück,
Die Rede ist des Redners, das Spiel ist des Schauspielers und der Schauspielerin und nicht für das Publikum,
Und niemand begreift Größe und Güte, als allein seine eigene oder was er als eigene ahnt.


3

Ich schwöre, die Erde wird sicher vollkommen sein für ihn oder sie, die vollkommen sind,
Die Erde bleibt Stückwerk und brüchig für ihn oder sie allein, die Stückwerk und brüchig bleiben.

Ich schwöre, es gibt keine Größe noch Kraft, es sei denn, sie wetteifert mit der Erde,
Es kann keine Lehre geben, die etwas taugt, es sei denn, sie bekräftigt die Lehre der Erde,
Nicht Politik, nicht Dichtung, Religion noch Sitte oder was sonst, hat Bedeutung, es sei denn, es kann sich messen mit der Weite der Erde,
Es sei denn, es kann sich vergleichen mit der Genauigkeit, Lebenskraft, Unparteilichkeit, Redlichkeit der Erde.

Ich schwöre, ich fange an zu erkennen, daß Liebe die süßere Erschütterung ist, als Gegenliebe,
Liebe ist ganz in sich selber enthalten, sie fordert nie und verweigert nie.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 167] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Ich schwöre, ich fange an zu erkennen, daß wenig und nichts in hörbaren Worten liegt,
Alles drängt zur Offenbarung des unausgesprochenen Sinnes der Erde,
Zu ihm, der die Lieder singt von dem Leib und den Wahrheiten der Erde,
Zu ihm, der die Wörterbücher der Worte schafft, die kein Drucker erreicht.

Ich schwöre, ich sehe, was besser ist, als das Beste zu sagen,
Nämlich das Beste allezeit ungesagt zu lassen.

Wenn ich versuche, das Beste zu sagen, so sehe ich, daß ich nichts kann,
Meine Zunge liegt hilflos in meinem Munde,
Mein Atem gehorcht nicht seinen Organen,
Ich werde ein stummer Mann.

Das Beste der Erde läßt sich auf keinerlei Weise sagen, es ist alles und jedes,
Es ist nicht das, was du meintest, es ist wohlfeiler, einfacher, näher,
Die Dinge verbleiben an ihren Plätzen wie je,
Die Erde ist just so positiv und unmittelbar wie je,
Tatsachen, Religionen, Neuerungen, Handel und Politk sind so wirklich wie je,
Doch auch die Seele ist wirklich, auch sie ist positiv und unmittelbar,
Kein Vernunftgrund und kein Beweis hat sie geschaffen,
Unanfechtbares Wachstum hat sie geschaffen.


4

Alle die andern Dinge sind da als Echo der Laute der Seele und der Sprache der Seele.
(Wären sie nicht das Echo der Sprache der Seele, was wären sie dann?
Hätten sie nicht Beziehung zu dir besonders, was wären sie dann?)
Ich schwöre, ich will hinfort nichts mehr zu tun haben mit dem Glauben, der das Beste ausspricht,


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 168] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Ich will nur noch zu tun haben mit dem Glauben, der das Beste unausgesprochen läßt.

Sprecht weiter, Sprecher! Singt weiter, Sänger!
Grabt! formt! türmt die Worte der Erde auf!
Schafft weiter, Geschlecht auf Geschlecht, nichts geht verloren,
Es mag lange warten müssen, doch sicherlich wird es Verwendung finden;
Wenn all der Baustoff bereitet und fertig ist, werden die Baumeister erscheinen.

Ich schwöre dir, die Baumeister werden unfehlbar erscheinen,
Ich schwöre dir, sie werden dich verstehen und rechtfertigen,
Der größte von ihnen wird der sein, der dich am besten kennt und alles treu umschließt,
Er und die andern werden dich nicht vergessen, sie werden erkennen, daß du kein Jota weniger bist als sie,
Du wirst voll verherrlicht werden in ihnen.



AN DICH

Wer immer du bist, ich fürchte, du wandelst die Wege des Traums,
Ich fürchte, diese scheinbaren Wirklichkeiten sind bestimmt, unter deinen Füßen und Händen hinwegzuschmelzen,
Ja, schon jetzt schwinden deine Gesichtszüge, Freuden, deine Sprache, dein Haus, Geschäft, dein Benehmen, deine Sorgen, Torheiten, deine Kleidung, deine Verbrechen hinweg von dir,
Deine wahre Seele und dein wahrer Leib erscheinen vor mir,
Sie steigen empor aus all deinem Tun, aus Handel, Geschäften, Arbeit, Farmen, Kleidern, aus Haus und Kauf und Verkauf und Essen, Trinken, Leiden und Sterben.

Wer immer du bist, hier lege ich meine Hand auf dich, daß du mein Gesicht seist,
Ich flüstre mit meinen Lippen dicht an deinem Ohr,
Ich habe viele Frauen und Männer geliebt, aber keinen liebe ich mehr als dich.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 169] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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O ich war nachlässig und stumm,
Ich hätte schon längst geradeswegs zu dir kommen sollen,
Ich hätte von nichts anderem reden sollen, als von dir, ich hätte nichts singen sollen, als dich.

Ich will alles lassen und kommen und die Hymnen dichten von dir,
Keiner hat dich verstanden, doch ich verstehe dich,
Keiner ist dir gerecht geworden, du selbst bist dir nicht gerecht geworden,
Alle fanden dich unvollkommen, ich allein finde keine Unvollkommenheit in dir,
Alle wollten dich unterordnen, ich allein werde niemals einwilligen, dich unterzuordnen,
Ich allein bin der, der keinen Meister, Herrn, Vorbild, Gott über dich stellt, über das, was in deinem eigenen Innern wartet.
Maler haben ihre vielköpfigen Gruppen gemalt und die Hauptfigur in der Mitte
Und strahlend vom Scheitel der Hauptfigur eine Glorie goldfarbenen Lichts,
Ich aber male Myriaden von Häuptern und male kein Haupt ohne seine Glorie goldfarbenen Lichts,
Durch meine Hand strömt sie vom Hirn jedes Mannes und Weibes aus, leuchtend für ewig.

O solche Größe und Glorie könnte ich singen von dir!
Du hast nicht gewußt, wer du bist, du hast auf dir selber geschlummert dein Leben lang,
Deine Lider waren so gut wie geschlossen die ganze Zeit,
Was du getan hast, zeigt sich schon jetzt als Blendwerk.
(Dein Streben, Wissen und Beten, ist es nicht Blendwerk, was ist es denn?)

Das Blendwerk bist nicht du,
Unter und in ihm sehe ich dich verborgen,
Ich suche dich, wo dich noch keiner gesucht hat,
Schweigen, das Arbeitspult, geschwätzige Mienen, die Nacht, die angewöhnte Routine, mögen sie dich vor andern und vor dir selber verbergen, sie verbergen dich nicht vor mir,


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 170] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Das glattrasierte Gesicht, das unstete Auge, die unreine Haut, mögen sie andere hindern, mich hindern sie nicht,
Die modische Kleidung, die Mißgestalt, Trunkenheit, Gier, vorzeitigen Tod, sie alle schieb ich beiseite.

Es gibt keine Begabung in Mann oder Weib, die nicht ihr Widerspiel fände in dir,
Es gibt keine Tugend noch Schönheit in Mann oder Weib, die nicht auch lebte in dir,
Keinen Mut, keine Standhaftigkeit in andern und nicht auch in dir,
Keine Lust, die andern bereitet wäre und nicht auch dir.

Was mich angeht, so gebe ich keinem etwas, es sei denn, ich gäbe genau dasselbe auch dir,
Ich singe die Lieder der Herrlichkeit keinem, auch Gott nicht, es sei denn, ich sänge sie auch dir.

Wer immer du bist! fordre dein Eigen auf alle Gefahr!
Diese Fülle in Ost und West ist schal, verglichen mit dir,
Diese unermeßlichen Wiesen, diese endlosen Ströme, du bist unermeßlich und endlos wie sie,
Diese rasenden Elemente, Stürme, Wallungen der Natur, diese Krämpfe scheinbarer Auflösung, du bist der oder die, der Meister oder Meisterin ist über sie,
Meister udn Meisterin kraft deines eigenen Rechts über Natur, Elemente, Schmerz, Leidenschaft, Auflösung.

Die Fesseln fallen von deinen Gelenken, du findest unfehlbares Genügen,
Alt oder jung, Mann oder Weib, roh, niedrig, von den andern verworfen, — was immer du bist, macht seinen Weg
Durch Geburt, Leben, Tod, Grab; es ist für alles gesorgt, was du brauchst, mit nichts ist gespart,
Durch Sorgen, Verluste, Ehrgeiz, Unwissenheit, überdruß sucht sich das, was du bist, seinen Weg.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 171] - - - - - - - - - - - - - - - - - -


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SEETRIEB


AUS DER EWIG SCHAUKELNDEN WIEGE

Aus der ewig schaukelnden Wiege,
Aus der Spottdrossel Kehle, dem Webeschiffchen des Wohllauts,
Aus neunten Monats Mitternacht,
Über den öden Sand und die Felder dahinter, wo das Kind, das sein Bett verlassen, einsam wanderte, barhäuptig, barfuß,
Herab aus dem feuchten Hof des Monds,
Herauf aus dem mystischen Spiel der Schatten, die sich winden und schlingen, als ob sie lebten,
Aus dem Dornund Brombeergebüsch,
Aus der Erinnerung an den Vogel, der mir sang,
Aus der Erinnerung an dich, trauernder Bruder, aus dem jäh wechselnden Schwellen und Sinken, dem ich lauschte
Unter dem gelben späten, wie von Tränen geschwellten halben Mond,
Aus jenen ersten Lauten der Sehnsucht und Liebe dort in dem Dunst,
Aus den tausend Antworten meines Herzens, nie wieder verstummten,
Aus Myriaden Worten, die sie erweckt,
Aus dem Wort, stärker und süßer als alle,
Worten, wie sie jetzt wieder aufwachen in mir, da ich wiederkehre an diese Stelle,
Aufsteigen in Schwärmen, zwitschernd, und über mich hin, —
Hierher geführt, schnell, ehe mir alles wieder entflieht,
Werf ich, ein Mann, doch durch diese Tränen wieder ein kleiner Knabe,
Mich auf den Sand im Anblick der Wogen,
Singe — Sänger ich von Qual und Lust, Verknüpfer von einst und jetzt —,
Aller Zeichen wieder gewahr, über die Kluft der Jahre hinweg,
Ein Lied der Erinnerung.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 172] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Einst Paumanok,
Als Fliederduft in der Luft war und Gras des fünften Monats wuchs,
Zwei gefiederte Gäste aus Alabama, zwei miteinander,
In den Dornbüschen am Ufer herauf,
Und ihr Nest und vier hellgrüne Eier, gefleckt mit Braun,
Und täglich das Männchen hin und her in der Nähe,
Und täglich das Weibchen aufs Nest geschmiegt, lautlos, mit glänzenden Augen,
Und täglich ich, neugieriger Knabe, niemals zu nah, niemals sie störend,
Vorsichtig spähend, lauschend, den Vogellaut übersetzend.

„Scheine, scheine, scheine!
Gieße dein Licht herab, große Sonne!
Daß wir uns wärmen, wir zwei miteinander.“

„Zwei miteinander!
Weht, Winde von Nord oder Winde von Süd,
Tag komm weiß oder Nacht komm schwarz,
Heimat und Flüsse und Berge der Heimat,
Allezeit singend, die Zeit vergessend,
Hausen wir zwei miteinander.“

Bis plötzlich —
Vielleicht getötet, ohne Wissen des Männchens —
Eines Vormittags das Weibchen nicht mehr aufs Nest sich schmiegte,
Und auch an diesem Nachmittag nicht wiederkam und auch an dem nächsten nicht
Und niemals wieder erschien.
Und von da ab den ganzen Sommer lang beim Rauschen der See
Und nachts unterm Vollmond bei stillerem Wetter
Über dem heiseren Schwellen der Brandung
Oder huschend von Dorn zu Dorn,
Sah ich, hörte ich immer wieder das verlassene Männchen,
Den einsamen Gast aus Alabama.

„Weht! weht! weht!
Weht, Winde, über Paumanoks Ufer hin;
Ich warte und warte, bis ihr meine Gefährtin zu mir weht.“ —


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Ja, wenn die Sterne gleißten,
Die ganze Nacht auf der Spitze eines moosbewachsenen Pfahls,
Dicht an den klatschenden Wellen,
Saß der vereinsamte Sänger, Tränen weckend.

Er rief sein Weibchen,
Sandte die Rufe aus, die ich allein von allen Menschen verstehe.

Mein Bruder, ja, ich verstehe,
Alle andern würden dich nicht verstehen, aber ich habe jeden einzigen Ton bewahrt,
Denn mehr als einmal schlich ich mich ungesehen hinab zum Strand,
Lautlos, den Mondschein meidend, mich in die Schatten mischend,
Der dunkeln Gestalten gewahr, der Echos, aller der Laute und Formen,
Der weißen Arme, die unermüdlich sich aus der Brandung reckten,
Mit bloßen Füßen, ein Kind, das Haar vom Wind verweht,
Und lauschte lang und lang.
Lauschte, um deine Töne in mich zu trinken und sie nun wieder in Worten zu singen,
So wie du sie, mein Bruder, sangst.

„Weich, weich, weich
Schmiegt sich an jede Welle die nächste Welle
Und wieder die nächste, umarmend und schmeichelnd, dicht, so dicht,
Aber mein Liebstes schmiegt sich nicht an mich, an mich.

Tief hängt der Mond, spät ging er auf,
Er ist müde, — ich glaub, er ist schwer von Liebe, von Liebe.

O wild drängt die See aufs Land
In Liebe, in Liebe.

O Nacht! seh ich nicht mein Geliebtes dort draußen zwischen der Brandung flattern?
Was ist der kleine schwarze Fleck dort im Weißen?


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Laut! laut! laut!
Laut ruf ich nach dir, Geliebtes!
Hoch und hell schmettre ich meine Stimme über die Wellen,
Sicherlich mußt du erkennen, wer hier ist — hier ist,
Mußt du erkennen, wer ich bin, mein Geliebtes!

Tiefhängender Mond!
Was ist dieser dunkle Fleck in deinem bräunlichen Gelb?
O es ist die Gestalt, die Gestalt meiner Gefährtin!
O Mond, halte sie mir nicht länger zurück!

Land! Land! Land!
Wohin ich mich wende, o ich glaube, du könntest mir meine Gefährtin wiedergeben, wenn du nur wolltest,
Denn ich glaube bestimmt, ich seh sie im Dunkel, wohin ich auch blicke.

Aufgehende Sterne!
Vielleicht wird die, nach der mich so sehr verlangt, aufgehen, aufgehen mit einem von euch!

O Kehle! O zitternde Kehle!
Klinge noch heller durch die Luft!
Durchdringe die Wälder, die Erde,
Irgendwo, lauschend, um dich zu vernehmen, ist sicherlich die, nach der mich verlangt.

Verströme Lieder!
Einsam hier, Lieder der Nacht!
Lieder verlassener Liebe! Todeslieder!
Lieder unter dem müden, gelben, abnehmenden Mond!
O unter dem Mond, der fast bis herunter ins Meer hängt!
O hoffnungslos verzweifelnde Lieder.

Doch leise! leiser!
Ich will nur noch flüstern,
Und sei einen Augenblick still, du heiser lärmende See,
Denn irgendwo war mir, als hört ich meine Gefährtin mir Antwort geben,


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So schwach, ich muß still sein, um zu lauschen,
Aber nicht völlig still, denn sonst würde sie sich nicht sogleich zu mir finden.

Hierher, Geliebtes!
Hier bin ich! hier!
Mit diesem just noch hörbaren Laut geb ich mich dir zu erkennen,
Dieser zarte Ruf gilt dir, Liebling, dir.

Laß dich nicht irreführen anderswohin,
Dies ist das Zischen des Windes, nicht meine Stimme,
Dies ist das Flattern, das Flattern des Schaums,
Dies sind die Schatten von Blättern.

O Dunkelheit! O vergeblich!
O ich bin bitterlich krank und betrübt.

O brauner Schein um den Mond am Himmel, niederhängend bis in die See!
O zuckender Widerschein in der See!
O Kehle! o klopfendes Herz!
Und ich, der ich singe vergeblich, vergeblich die ganze Nacht.

O einst! o glückliches Leben! o Lieder der Freude!
In der Luft, im Wald, über Feldern,
Geliebt! geliebt! geliebt!
Aber mein Liebling nicht mehr, nicht mehr bei mir!
Nie mehr wir zwei miteinander.“

Das Lied erlosch,
Alles andere blieb, die Sterne schienen,
Die Winde wehten, das Echo der Vogellaute klang noch fort,
Mit zornigen Klagen klagte die wilde alte Mutter fort und fort,
Den Sand von Paumanoks Küste grau überrauschend,
Der gelbe Halbmond schwoll und sackte tief herab, beinahe das Antlitz der See berührend, —
Und der Knabe, verzückt, — die bloßen Füße von Wellen, das Haar vom Winde umspielt, —


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Die Liebe, lange im Herzen gestaut und nun gelöst, nun endlich stürmisch befreit,
Des Liedes Sinn, von Ohr und Seele jäh erfaßt,
Seltsame Tränen, niederstürzend über die Wangen,
Dieses Gespräch, dies Trio, jeder Laut,
Der Unterton, der wilden alten Mutter unaufhörlicher Ruf,
Finstere Fragen rhythmisch zurauschend der Seele des Knaben, zischend ein tief versunknes Geheimnis
Dem werdenden Sänger.

Dämon oder Vogel! (rief die Seele des Knaben)
Singst du wirklich für deine Gefährtin? oder in Wahrheit für mich?
Denn ich, der ich ein Kind war, dessen Zunge noch ungelöst,
Jetzt, da ich dich hörte, weiß ich mit einem Male, wozu ich da bin, und wache auf,
Und tausend Sänger, tausend Gesänge, heller, lauter, schmerzlicher noch als deine,
Tausend klingende Echos sind in mir zum Leben erwacht, um nie mehr zu verstummen.

O du einsamer Sänger, der du sangst für dich, Vorbote für mich,
O du mein einsam lauschendes Ich, nimmermehr werd ich aufhören, eure Lieder weiterzusingen,
Nimmermehr eurem Banne entgehn, nimmermehr wird der Widerhall,
Nimmer die Rufe ungestillter Liebe in mir verhallen,
Nimmer werde ich wieder das friedliche Kind sein, das ich war, eh dort in der Nacht,
Am Meere, unter dem gelben, tiefen Mond
Bote in mir das Feuer erweckte, die süße Hölle im Innern,
Das unbekannte Verlangen, das Schicksal in mir.

O gib mir den Schlüssel (irgendwo liegt er hier in der Nacht versteckt),
O soll ich so viel haben, so gib mir noch mehr!

Ein Wort denn (ich will es erringen),
Das letzte Wort, erhabner als alle,


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Leise zu mir herauf — wie heißt es? — ich lausche —
Flüstert ihr Seewogen es und habt es die ganze Zeit her geflüstert?
Kommt es von euern flutenden Kämmen her und vom nassen Sand?

Und zögernd nicht
Und eilend nicht
Antwortete mir die See,
Wisperte mir durch die Nacht und ganz deutlich vor Tagesanbruch,
Lispelte mir das leise und süße Wort: Tod,
Und wiederum Tod, Tod, Tod, Tod,
Melodisch rauschend, nicht wie der Vogel und nicht wie mein aufgewühltes Kinderherz,
Sondern nahe heranspülend, wie eigens für mich, und rauschend zu meinen Füßen,
Und immer höher hinauf zu meinen Ohren, gelinde mich badend über und über:
Tod, Tod, Tod, Tod, Tod.

Ich vergesse es nie,
Ich verschmelze das Lied meines dunklen Dämons und Bruders,
Das er mir sang im Mondlicht auf Paumanoks grauem Strand,
Mit all den tausend antwortenden Liedern,
Meinen eigenen Liedern, die in jener Stunde erwachten,
Und mit ihrem Schlüssel, dem Wort aus den Wellen,
Dem Wort der süßesten Lieder und aller Lieder,
Dem starken, köstlichen Wort, das, bis an die Füße mir schwellend,
(Oder gleich einer alten Amme, die Wiege wiegend, in linde Gewänder gehüllt und sich zur Seite neigend)
Die See mir geflüstert.


TRÄNEN

Tränen! Tränen! Tränen!
In der Nacht, in der Einsamkeit, Tränen,
Tropfend, tropfend herab auf den weißen Strand, eingesogen vom Sand,
Tränen, nirgends ein Stern, alles öde und schwarz,
Nasse Tränen aus eines vermummten Hauptes Augen;


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O wer ist dieser Geist? Diese Gestalt im Dunkeln, voll Tränen?
Was für ein formloser Klumpen, gebeugt, gekrümmt dort auf dem Sand?
Strömende Tränen, schluchzende Tränen — wilde Schreie, von Krämpfen geschüttelt?
O Sturm, leibhaftig emporgerichtet, mit hastigen Schritten fegend den Strand entlang!
O wilder und schauriger Nachtsturm und Wind — verzweifelt und keuchend!
O Schatten — so ruhig und würdig bei Tage, mit gelassenem Angesicht und gemessenem Schritt,
Aber nun, da du hinfliehst in Nacht, wenn keiner dich sieht — o schmelzender Ozean
Von Tränen! Tränen! Tränen!


AN DEN FREGATTVOGEL

Der du die ganze Nacht schliefst auf dem Sturm,
Nun wieder wachst auf deinen Wunderschwingen —
(Tobte der wilde Sturm? Du stiegst hoch über ihn,
Ruhtest im Himmelsraum, der dich, dein Sklave, wiegte),
Jetzt, blauen Punkt, fern, fern im Himmel schwebend,
Erspäh ich dich vom Deck, auftauchend an das Licht
(Ich selbst ein Fleck, ein Punkt in flutend weiter Welt).

Fern, fern in See,
Nachdem das Ungestüm der Nacht den Strand mit Wracks bestreut
Und nun der Tag so selig und heiter wiederkehrt,
Die rosig frische Dämmerung, die blitzende Sonne,
Die klare Weite himmelblauer Luft,
Erscheinst auch du nun wieder.

Geboren, dich zu messen mit dem Sturm (du bist ganz Schwingen),
Mit Himmel und Erde, Woge und Orkan,
Du Schiff der Luft, das nie die Segel streicht,
Tage und Wochen unermüdet immer weiter durch Räume und Fernen wirbelt,
Der du am Abend Senegal, am Morgen Amerika siehst,


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Der du dein Spiel treibst zwischen Blitz und Donnerwolke, —
Hättst du dort oben bei allem Erleben meine Seele,
O welche Freuden! welche Freuden wären dein!


AM STRANDE BEI NACHT

Am Strande bei Nacht
Steht ein Kind mit dem Vater,
Nach Osten schauend zum herbstlichen Himmel.

Herauf durch die Finsternis,
Indes gefräßige Wolken, Grabeswolken, in schwarzen Massen sich breiten
Und grämlich und schnell quer über den Himmel und herab in die Tiefe quellen,
In glimmendem Ätherstreif, der noch im Osten steht,
Steigt groß und still der Lordstern Jupiter,
Und nahebei, nur wenig höher,
Schwimmen die zarten Schwestern, die Plejaden.

Vom Strande schaut das Kind, die Hand des Vaters haltend,
Den Grabeswolken zu, die siegreich immer tiefer quellen und alles bald verschlingen,
Und schweigt und weint.

Weine nicht, Kind,
Wein nicht, mein Liebling,
Mit diesen Küssen laß deine Tränen mich trocknen,
Die gefräßigen Wolken werden nicht lange siegreich sein,
Sie werden den Himmel nicht lange beherrschen, es sieht nur so aus, als ob sie die Sterne verschlingen,
Jupiter wird wieder auftauchen, habe Geduld, schau wieder nach in einer andern Nacht, die Plejaden werden wieder auftauchen,
Sie sind unsterblich, all diese Sterne silbern und golden werden wieder scheinen,
Die Sterne groß und klein werden wieder scheinen, sie bleiben bestehn,
Die großen unsterblichen Sonnen und die unvergänglichen, träumenden Monde werden wieder scheinen.


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Und liebstes Kind, trauerst du nur um Jupiter?
Denkst du nur an das Grab der Sterne?

Eines gibt es
(Mit meinen Lippen, dich zu beruhigen, flüstre ich, füg ich noch dies hinzu,
Ich gebe dir erste Ahnung, Rätsel und Hinweis),
Eines gibt es, unsterblicher selbst als die Sterne
(Viel sind der Gräber, viel der Tage und Nächte, die vergehn),
Länger als Sonne oder irgendein kreisender Trabant
Oder die funkelnden Schwestern, die Plejaden.


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EIN HANDSPIEGEL

Halte ihn ernst empor — sieh, was er zurückwirft (wer ist es? bist du es?) —
Außen schönes Kleid, innen Asche und Schmutz,
Kein blitzendes Auge mehr, keine volltönende Stimme mehr noch federnden Schritt,
Nur noch eines Sklaven Auge, Stimme, Hände und Schritt,
Eines Säufers Atem, unmäßigen Essers Gesicht, eines Venerischen Fleisch,
Lungen, die stückweise wegfaulen, Magen zerfressen und sauer,
Gelenke rheumatisch, Eingeweide verstopft von Greuel,
Blut, das in dunkeln, vergifteten Strömen kreist,
Worte, die lallen, Gehör und Gefühl abgestumpft,
Kein Hirn noch Herz mehr da, keine Anziehungskraft des Geschlechts;
Solches von einem Blick in diesen Spiegel, bevor du weitergehst,
Solch ein Ende so früh — und von solch einem Anfang!



ICH SITZE UND SCHAUE AUS

Ich sitze und schaue aus auf alle Plagen der Welt und auf alle Bedrängnis und Schmach,
Ich höre heimliches, krampfhaftes Schluchzen von jungen Männern, in Qualen der Reue allein mit sich nach begangenen Taten,
Ich seh in der Tiefe die Mütter, mißbraucht von den Kindern, sterbend, verlassen, verhärmt, verzweifelt,
Ich sehe die Frau, mißbraucht von ihrem Manne, ich sehe den falschen Verführer junger Weiber,
Ich merke das Schwelen der Eifersucht und unerwiderter Liebe, die sich zu verbergen sucht; ich sehe diese Gesichte auf Erden;


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Ich sehe die Mühsal der Schlacht, Pestilenz, Tyrannei, sehe Märtyrer und Gefangne,
Ich beobachte eine Hungersnot auf See, beobachte die Matrosen, wie sie Lose werfen, wer getötet werden soll, um die Leben der andern zu retten,
Ich beobachte die Geringschätzung und Erniedrigung, die die Arbeiter, Armen, Neger und dergleichen von Hochmütigen zu erleiden haben;
Auf all dieses — alle Gemeinheit und Qual ohne Ende, schaue ich sitzend hin,
Sehe, höre und schweige.


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TROMMELSCHLÄGE


DES HUNDERTJÄHRIGEN ERZÄHLUNG

Gib deine Hand mir, alter Freiheitskämpfer,
Die Spitze des Hügels ist nah, nur wenige Schritte noch (gebt Raum, ihr Herren!),
Den Weg herauf bist du mir gut gefolgt, trotz deiner hundert Jahre und mehr,
Du kannst gut laufen, Greis, obschon es beinah um deine Augen getan ist,
Deine Kräfte gehorchen dir und sollen sogleich auch mir von Nutzen sein.

Ruh aus, indes ich dir sage, was die Menschenmenge um uns bedeutet!
Auf dem Plan dort unten üben und exerzieren Rekruten,
Dort ist das Lager, ein Regiment bricht morgen auf,
Hörst du die Offiziere Befehle geben?
Hörst du das Klappern der Waffen?

Wie, was überkommt dich, alter Mann?
Warum bebst du und drückst meine Hand so krampfhaft?
Die Truppen üben ja nur, noch sind sie von Lächeln umgeben,
Rings um sie her die wohlgekleideten Freunde und Frauen,
Wärend strahlend und warm die Nachmittagssonne herabscheint;
Grün ist das Mittsommergras, und frisch bläst die spielende Brise
Über stolze, friedliche Städte und den Arm der See, der sie trennt.
Doch Drill und Parade ist aus — sie marschieren heim in ihre Quartiere,
Hör nur den Beifall! hör, welch ein Händeklatschen!
Sich abwendend bricht nun die Menge auf und zerstreut sich, — wir aber, alter Mann, —


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Nicht umsonst hab ich dich hergeführt, — wir müssen bleiben:
Du, um nun selber zu reden, — und ich, zu lauschen und zu berichten.


                                Der Hundertjährige

Als deine Hand ich drückte, war's nicht vor Schreck.
Doch plötzlich, über mich flutend hier von ringsumher,
Und drunten, dort, wo die Knaben übten, und über die Höhen, an denen herab sie stürmten,
Und wo die Zelte geschlagen sind, und wo immer nach Süden du schaust und Südost und Südwesten
Über Hügel und Hänge, am Rande der Wälder
Und den Küsten entlang, im Schlamm (jetzt zugeschüttet), kam wieder in jäher Wut,
Gleichwie vor fünfundachtzig Jahren, nicht nur Parade, von Freunden bejubelt,
Nein, eine Schlacht, und ich selber dabei, — ja, wie lange auch her, ich war dabei,
Schreitend über den Hügel hier, denselben Grund.
Ja, das ist der Boden.
Meine blinden Augen selbst, da ich rede, sehen ihn neu bevölkert aus Gräbern,
Die Jahre weichen, Straßen und stattliche Häuser schwinden,
Rauhe Schanzen erscheinen wieder, die alten Kanonen sind aufgefahren,
Ich sehe die Furchen aufgeworfener Erde vom Fluß zur Bai hinab,
Gewahre den Ausblick aufs Wasser, merke die Höhen und Hänge;
Hier stand unser Lager, Sommer war es auch damals.
Indem ich rede, denk ich an alles wieder, denke an den Armeebefehl,
Hier ward er verlesen, das ganze Heer paradierte, hier ward er uns verlesen;
Umgeben von seinem Stab, stand in der Mitte der General, er hielt seinen blanken Degen hoch,
Er glitzerte in der Sonne im Angesicht des ganzen Heers.

Das war eine kühne Tat, — die englischen Kriegsschiffe waren just angelangt,


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Wir konnten sie sehen, dort an der unteren Bai, wo sie Anker warfen,
Und die Transportschiffe wimmelnd von Soldaten.

Wenige Tage später landeten sie, und dann die Schlacht.
Zwanzigtausend wurden gegen uns geschickt,
Alte Feldtruppen, ausgerüstet mit guter Artillerie.
Ich erzähle jetzt nicht die ganze Schlacht,
Nur von einer Brigade, die früh am Vormittag vorgeschickt wurde, die Rotröcke anzugreifen,
Von dieser Brigade spreche ich, und wie unerschütterlich sie marschierte,
Und wie lange und gut sie stand im Angesicht des Todes.

Wer, glaubst du, marschierte so unerschütterlich und ernst im Anblick des Todes?
Es war die Brigade der jüngsten Leute, zweitausend stark,
Ausgehoben aus Virginia und Maryland, und die meisten von ihnen dem General persönlich bekannt.

Munter voran marschierten sie, schnellen Schrittes auf Gowanus Waters zu,
Bis plötzlich, unerwartet, durch Waldschluchten, die sie bei Nacht genommen,
Die Briten herankamen, von Osten sie mit Geschützfeuer umfaßten
Und so die Brigade der Jüngsten abschnitten auf Leben und Tod.

Der General beobachtete sie von diesem Hügel hier.
Sie machten immer neue verzweifelte Versuche, den Ring zu sprengen,
Dann zogen sie sich zusammen, ganz dicht, indes ihre Fahne wehte in ihrer Mitte,
Doch ach, von den Hügeln, wie schlugen die Kugeln in sie,
Mich schaudert noch jetzt vor diesem Schlachten!
Ich sah den Schweiß in Tropfen stehen auf dem Gesicht des Generals,
Ich sah, wie er seine Hände rang in Qual.

Indes manövrierten die Briten, um uns in offene Schlacht zu ziehen,
Aber wir wagten nicht, uns einzulassen auf offene Schlacht.


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Wir fochten den Kampf in Trupps,
In Ausfällen fochten wir an verschiedenen Punkten, aber überall war das Glück gegen uns,
Der Feind drang vor, immer Boden gewinnend, trieb uns zurück zu den Schanzen auf diesem Hügel,
Bis wir uns drohend hier wandten, dann ließen sie von uns ab.

Dies war das Ende der Brigade der Jüngsten, zweitausend stark,
Wenige kamen wieder, fast alle liegen in Brooklyn.

Das war — hier! — meines Generals erste Schlacht,
Nicht Frauen sahen zu, noch schöner Sonnenschein, sie endete nicht mit Beifall,
Niemand klatschte in Hände.

Im Dunkeln, im Nebel, am Boden unter Regen kalt
Lagen wir eine Nacht, erschöpft, geschlagen, verdrossen,
Während von drüben höhnisch herüberlachte manch hochmütiger Lord
Und wir es hören konnten, wie sie ihren Sieg feierten und Weingläser klingen ließen.

So stumpf und dumpf, und noch einen Tag.
Aber in der Nacht danach, als der Nebel sich hob, der Regen nachließ:
Still wie ein Geist, als sie dachten, sie wären seiner gewiß, begann mein General den Rückzug.

Ich sah ihn am Fluß,
An der Fähre drunten, die mit Fackeln beleuchtet war, wie er die hastige Einschiffung leitete;
Mein General wartete, bis die Soldaten und Verwundeten alle hinüber waren,
Und dann (es war just vor Sonnenaufgang) weilten diese Augen auf ihm zum letztenmal.

Alle andern schienen von düsterm Ernst erfüllt,
Mancher gewiß dachte an Kapitulation.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 187] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Aber als mein General an mir vorbeikam,
Als er in seinem Boot stand und gegen die nahende Sonne hinschaute,
Sah ich etwas, das war nicht Kapitulation!


                                     Beschluß

Genug, des Hundertjährigen Erzahlung endet,
Die zwei: Vergangenheit und Gegenwart, haben gewechselt,
Ich selbst als Vermittler, als Sänger großer Zukunft, spreche nun.

Und ist dies der Boden, den Washington trat?
Und diese Wellen, die ich achtlos täglich durchfahre, sind es die Wellen, die er durchfuhr,
So entschlossen im Unglück wie andere Feldherrn in ihren stolzesten Siegen?

Ich muß die Erzählung aufschreiben und sie nach Osten und Westen senden,
Ich muß diesen Blick lebendig erhalten, der über euch Flüsse von Brooklyn glänzte.

Sieh, — da des Jahres Rund zurückkehrt, kehren auch die Geister zurück,
Es ist der 27. August, die Briten gelandet,
Die Schlacht beginnt, das Glück ist gegen uns; sieh durch den Rauch das Antlitz Washingtons,
Die Brigade aus Virginia und Maryland ist vorgerückt, um den Feind zu halten,
Ist abgeschnitten — Geschützfeuer spielt auf sie von den Hügeln mörderisch,
Glied fällt nach Glied, und lautlos über die Fahne,
Getauft an diesem Tag in manches Jünglings Blut,
In Tod und Niederlage und Schwesterund Muttertränen.
Ach, Hügel und Hänge Brooklyns! Kostbarer seid ihr, als eure Besitzer wissen;
Mitten auf euch liegt ein Feldlager gar alt,
Liegt dieser toten Brigade ewige Ruhestatt.


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BEI DES BIWAKS FLACKERNDER FLAMME

Bei des Biwaks flackernder Flamme
Windet ein Zug sich um mich, feierlich, süß und langsam, — doch seh ich zuvor
Die Zelte des schlafenden Heers, der Felder und Wälder dämmrigen Rand,
Das Dunkel erhellt von Flecken Feuers, die Stille,
Fern oder nah gespenstische Form sich regen ab und zu,
Büsche und Bäume (wie ich die Augen erhebe, scheinen sie heimlich mich zu bewachen) —
Während im Zuge Gedanken sich winden, o zarte und wundersame Gedanken,
Von Leben und Tod, von Heimat, Vergangenem und Geliebtem und denen, die weit hinweg sind;
Feierlicher und langsamer Zug, indes ich am Boden sitze
Bei des Biwaks flackernder Flamme.


SELTSAME WACHT HIELT ICH IM FELD EINES NACHTS

Seltsame Wacht hielt ich im Feld eines Nachts. —
Als du, mein Sohn und Kamerad, an diesem Tag an meiner Seite fielst,
Wandte ich nur einen Blick zu dir, den deine lieben Augen erwiderten mit einem Blick, den ich nie vergesse.
Eine Berührung deiner Hand nur erreichte die meine, o Knabe, als du am Boden lagst,
Dann eilte ich weiter in die Schlacht, die unentschiedene Schlacht,
Bis ich, spät in der Nacht erlöst, endlich die Stelle wiederfand,
Dich fand, im Tode so kalt, Kamerad, deinen Körper fand, Sohn, der du meine Küsse erwidert (nie mehr auf Erden erwidern wirst).
Dein Antlitz entblößt ich im Sternenlicht; seltsames Bild, kühl wehte der gelinde Nachtwind,
Lange stand ich alsda auf Wacht, dunkel um mich das Schlachtfeld gebreitet,
Wacht wunderbar, Wacht süß dort in der duftenden, stillen Nacht,
Nicht eine Träne fiel; kein tiefer Seufzer, — lange, lange starrte ich;


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Dann am Boden, halb hingelehnt, saß ich an deiner Seite, mein Knie in die Hände stützend,
Süße Stunden durchlebend, unsterbliche, mystische Stunden mit dir, liebster Gefährte, — keine Träne, kein Wort.
Wacht in Schweigen, Liebe und Tod, Wacht für dich, mein Sohn und Krieger,
Während Sterne droben lautlos hingezogen und im Osten neue sich heraufstahlen;
Letzte Wacht für dich, tapferer Knabe (ich konnte dich nicht retten, jäh war dein Tod,
Ich liebte dich treu und herzlich im Leben; ich denke, wir werden uns sicher wieder begegnen).
Endlich, beim letzten Zögern der Nacht, als just die Dämmerung erschien,
Hüllte ich meinen Gefährten in seine Decke, umschloß seinen Körper wohl,
Faltete die Decke wohl, sorgfältig sie um das Haupt und sorgfältig um die Füße wickelnd,
Und selbigen Orts, gebadet von der aufgehenden Sonne, legte ich meinen Sohn in sein Grab, sein rauhes Grab,
Endend so meine Wacht, Nachtwache im dunklen Schlachtfeld,
Wacht für den Knaben, der meine Küsse erwidert (nie mehr auf Erden erwidern wird),
Wacht für jäh erschlagenen Gefährten, Wacht, die ich nie vergesse: — wie ich, als Tageslicht erschien,
Vom frostigen Boden mich erhob und meinen Krieger wohl in seine Decke hüllte
Und ihn begrub, wo er fiel.


EIN MARSCH IM GLIED

Ein Marsch im Glied, hart verfolgt, und unbekannt der Weg,
Ein Zug durch dichten Wald, mit gedämpftem Tritt in der Finsternis;
Unsre Armee geschlagen mit schwerem Verlust und der mürrische Rest auf dem Rückweg;
Bis nach Mitternacht ein Schein von düster erleuchtetem Bau vor uns aufzuckt.


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Wir kommen zu einem offenen Platz in den Wäldern und halten bei dem düster erleuchteten Bau;
Es ist eine große alte Kirche am Kreuzweg, nun ein Feldlazarett;
Einen Augenblick nur eintretend, seh ich ein Bild, weit über alles, was je gemalt und gedichtet worden,
Schatten von tiefstem, tiefstem Schwarz, dürftig erleuchtet von Kerzen und Lampen hin und her
Und von einer einzigen großen aufgesteckten Pechfackel mit wilder roter Flamme und Wolken von Qualm;
Bei solcher Beleuchtung seh ich Gedränge und Gruppen unkenntlich am Boden, etliche ins Gestühl gelegt;
Zu meinen Füßen deutlicher ein Soldat, ein bloßes Kind, in Gefahr, zu verbluten (er ist in den Unterleib geschossen),
Ich stille das Blut für eine Weile (des Knaben Gesicht ist lilienweiß),
Dann, ehe ich gehe, laß ich die Augen über das Bild hingleiten, begierig, alles zu fassen,
Gesichter, Einzelheiten, Stellungen, nicht zu beschreiben, die meisten im Dunkeln, einige tot,
Wundärzte, die schneiden, Gehilfen, die Lichter halten, der Geruch des Äthers, der Dunst des Blutes,
Die Haufen, o Haufen blutiger Gestalten, der Kirchhof draußen auch voll,
Diese auf bloßer Erde, jene auf Brettern und Bahren, einige schwitzend im Todeskrampf;
Manchmal ein Schrei oder Klagen, die lauten Befehle und Rufe der Ärzte,
Blinken der kleinen Stahlinstrumente im Scheine der Fackel, —
Dies beschwöre ich wieder herauf, da ich singe, ich seh die Gestalten wieder, rieche den Dunst,
Höre dann draußen Kommando: „Antreten, Leute, antreten!“
Doch zuvor noch beuge ich mich zu dem sterbenden Knaben, seine Augen sind offen, ein halbes Lächeln gibt er mir,
Dann schließen die Augen sich, schließen sich ruhig, und ich eile hinaus in die Finsternis,
Wiederum weitermarschierend, immer in Finsternis, in Reih und Glied,
Auf unbekanntem Wege immer noch marschierend.


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EIN GESICHT IM LAGER BEI TAGESANBRUCH

Ein Gesicht im Lager bei Tagesanbruch, grau und trüb,
Da ich aus meinem Zelte tauche schlaflos so früh,
Da ich langsam schreite in der kühlen, frischen Luft den Pfad beim Lazarettzelt,
Drei Gestalten sehe ich unbewacht auf der Bahre hier draußen liegen,
Über jede die Decke gebreitet, weite, bräunliche Decke,
Fahle und schwere Decke, umfaltend, bedeckend alles.

Neugierig halte ich inne und stehe stumm,
Dann mit leiser Hand vom Antlitz des nächsten, des ersten lüft ich die Decke;
Wer bist du, ältlicher Mann, so dürr und grimm, mit tiefergrautem Haar und dem Fleisch um die Augen ganz eingesunken?
Wer bist du, mein lieber Kamerad?

Zum zweiten dann trete ich, — und wer bis du, mein Kind und Liebling?
Wer bist du, Knabe hold, mit Wangen, die noch blühn?

Zum dritten endlich, — ein Antlitz weder Kind noch alt, sehr ruhig, gleichwie aus schönem Elfenbein, gelbweiß;
Jüngling-Mann, ich glaube, ich kenne dich, — ich glaube, dies Antlitz ist das Antlitz Christi selbst,
Tot und göttlich, und Bruder aller, und liegt aufs neue hier.


DER WUNDPFLEGER


1

Ein alter Mann, gebeugt, komm ich unter neue Gesichter,
Rufe, zurückblickend, Jahre wach, um den Kindern zu antworten,
Den jungen Männern und Mädchen, die mich lieben und rufen: Erzähl uns, alter Mann!

(Erweckt und wild, hatt ich gedacht, Alarm zu schlagen und unbarmherzigen Krieg zu schüren,


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Doch bald versagten meine Finger, mein Antlitz sank, und ich beschied mich,
Bei den Verwundeten zu sitzen und sie zu pflegen, oder schweigend bei den Toten zu wachen) —
Von diesen Bildern, rasenden Leidenschaften, Wagestücken,
Von unüberwundenen Helden (war die eine Seite so tapfer? die andre war ebenso tapfer!)
Zeuge du nun wieder, male die mächtigsten Heere der Welt!
Von diesen Heeren so stürmend und herrlich, was sahst du, das du uns berichten kannst?
Was blieb in dir am längsten und tiefsten? Von seltsamen Schrecken,
Von heißdurchkämpften Gefechten oder furchtbaren Belagerungen, was Tiefstes blieb dir im Sinn?


2

O Mädchen und Jünglinge, die ich liebe und die mich lieben,
Was ihr fragt und redet, ruft jäh meiner Tage seltsamste wach,
Flinker Soldat, komm ich nach langem Marsche an, bedeckt mit Schweiß und Staub,
In einem Nu bin ich da, tauche in das Gefecht, schreie laut im Sturm siegreichen Angriffs,
Dringe in die erstürmten Werke ein, — doch sieh! wie ein schnellrinnender Fluß ist alles dahin,
Vorbei und dahin, — ich weile nicht bei des Kriegers Gefahren noch Freuden.
(Beider gedenke ich wohl, — Beschwerden viel, Freuden wenig, doch war ich's zufrieden.)

In Schweigen aber, in Traumesbildern,
Indes die Welt des Gewinns, des Scheins und der Lust weiterlärmt, —
So schnell alles Vergangene vergessen, und Wellen waschen die Spuren aus dem Sand —,
Trete ich wiederum mit unermüdeten Knien durch die Tür (und du dort, wer du auch seist, folge lautlos, und dein Herz sei stark).

Die Binden tragend, Wasser und Schwamm,
Gehe ich unverweilt und schnell zu meinen Verwundeten.


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Wo sie am Boden liegen, hereingebracht nach der Schlacht,
Wo ihr unschätzbares Blut das Gras, den Grund rötet;
Oder zu den Reihen im Krankenzelt oder im Lazarett,
Zu den langen Reihen von Feldbetten auf und ab an jeder Seite komme ich wiederum,
Allem und jedem, der Reihe nach, nähere ich mich, nicht einen lasse ich aus,
Ein Gehilfe folgt mir, eine Schale haltend und einen alten Eimer,
Der bald gefüllt sein wird mit Klumpen von Stoff und Blut, geleert, und wieder gefüllt,
Ich gehe weiter, halte an,
Mit unermüdeten Knien und sicherer Hand Wunden zu pflegen,
Ich bin fest mit jedem, die Schmerzen sind scharf, doch unvermeidlich,
Einer wendet zu mir sein flehendes Auge, — armer Junge! ich kannte dich nie,
Doch glaube ich, ich könnte in diesem Augenblick es nicht abschlagen, für dich zu sterben, wenn das dich retten würde.


3

Weiter, weiter gehe ich (öffnet euch, Türen der Zeit! Türen der Lazarette!).
Den zerschmetterten Kopf pflege ich (arme, irre Hand, reiße den Verband nicht weg!),
Den Nacken des Kavalleristen mit dem Flintenschuß durch und durch untersuche ich,
Hart keucht der Atem, gläsern starrt schon das Auge, doch das Leben wehrt sich hart.
(Komm, süßer Tod! Laß dich erflehen! O schöner Tod! Aus Gnade komme schnell!)

Von dem Armstumpf, der abgenommenen Hand
Löse ich das verklebte Leinen, beseitige den Schorf, wasche Eiter und Blut ab;
Auf sein Kissen liegt der Soldat gelehnt mit zurückgebogenem Hals und seitwärts sinkendem Haupt,


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Seine Augen sind zu, sein Gesicht ist bleich, er wagt nicht, den blutigen Stumpf anzusehen
Und hat noch nicht darauf geblickt.

Ich pflege eine Wunde in der Seite, tief, tief,
Aber nur ein, zwei Tage noch, — denn sieh, wie der Leib ganz zerstört ist und einsinkt,
Und sieh das blaugelbe Gesicht.

Ich pflege die durchbohrte Schulter, den Fuß mit der Schußwunde,
Wasche das fressende und eiternde Geschwür, so ekelhaft und widerlich,
Während der Gehilfe dicht hinter mir steht, Schale und Eimer haltend.

Ich bin getreu, ich lasse nicht ab,
Den gebrochenen Schenkel, das Knie, die Wunde im Unterleib,
Diese und viele andere pflege ich mit unbeirrter Hand (doch tief in meiner Brust ein Feuer, eine brennende Flamme).


4

So in Schweigen in Traumesbildern
Wiederkehrend, wiederbeginnend, gehe ich meinen vielgewundenen Weg durch die Lazarette,
Die Geschlagenen und Wunden beruhige ich mit lindernder Hand,
Ich sitze bei den Ruhelosen die ganze finstere Nacht, viele sind so jung,
Viele leiden so sehr, ich rufe die Erinnerung süß und trüb—.
(Manch eines Kriegers liebende Arme haben diesen Nacken umfaßt und darauf geruht,
Manch eines Kriegers Kuß haftet auf diesen bärtigen Lippen.)


GIB MIR DIE STRAHLENDE, SCHWEIGENDE SONNE


1

Gib mir die strahlende, schweigende Sonne, voll-blendend mit all ihrem Licht,
Gib mir saftige Herbstfrüchte, reif und rot, aus dem Obstgarten,


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Gib mir ein Feld, wo ungemähtes Gras wächst,
Gib mir einen Baum, gib mir die Traube am Spalier,
Gib mir frisches Korn und Weizen, gib mir froh weidende Tiere, Vorbilder der Zufriedenheit,
Gib mir Nächte voll tiefer Stille, wie auf dem Hochland westlich vom Mississippi: ich blicke zu den Sternen empor;
Gib mir, im Sonnenaufgang duftend, einen Garten voll schöner Blumen, wo ich ungestört wandeln kann,
Gib mir zur Frau ein lieblich atmendes Weib, dessen ich niemals müde werde,
Gib mir ein Kind ohne Fehl, gib mir, abseits vom Lärm der Welt, ein ländlich häusliches Leben,
Gib mir, freie Lieder zu singen, allein mit mir und nur für meine Ohren,
Gib mir Einsamkeit, gib mir Natur, gib mir wieder, o Natur, deine Erstlingsfrische! —

Dies alles erflehend (müde der ewigen Unrast und gebrochen vom Streit des Krieges),
Nach all diesem unablässig verlangend mit Schreien meines Herzens,
Unablässig danach verlangend, häng ich doch fest an meiner Stadt;
Tag um Tag und Jahr um Jahr, o Stadt, geh ich auf deinen Straßen,
Wo du mich festhältst und mich nicht freiläßt —
Und mir doch g i b s t, mich überreich sättigst und meine Seele nährst; mir immerdar G e s i c h t e r gibst!
(O ich sehe das, wovor ich fliehen wollte, sich meinen Schreien entgegenstellen, sie überschreien,
Seh meine eigenen Seele mit Füßen treten das, worum sie bat!)


2

Behalte deine strahlende, schweigende Sonne,
Behalte deine Wälder, o Natur, und die stillen Plätze dort,
Behalte deine Kleeund Grasfelder, deine Kornfelder und Obstgärten,
Behalte die blühenden Buchweizenfelder, wo die Septemberbienen summen;


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 196] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Gib mir Gesichter und Straßen! — gib mir diese Phantome unerschöpflich und endlos die Trottoirs entlang!
Gib mir immer neue Augen, — gib mir Frauen, — gib mir Kameraden und Geliebte zu Tausenden!
Laß mich neue sehen jeden Tag, — mich neue an der Hand halten jeden Tag!
Gib mir zu schauen, — gib mir die Straßen von Manhattan!
Gib mir Broadway mit den marschierenden Soldaten, — gib mir den Klang der Trompeten und Trommeln!
(Die Soldaten in Kompagnien und Regimentern, — die einen ausrückend, ungeduldig und todesfroh,
Andere aus dem Feld zurückkehrend, mit gelichteten Reihen, jung und doch ganz alt, erschöpft hintrottend, ohne auf etwas zu achten);
Gib mir die Küsten und Werften, schwergesäumt mit schwarzen Schiffen! —
O solches für mich! O ein hochgespanntes Leben, voll bis zum Bersten und mannigfach!
Das Leben der Theater, Bars, Riesenhotels für mich!
Der Salon auf dem Dampfer! Das Gedränge des Ausflugs für mich! Der Fackelzug,
Die geschlossene Brigade, die in den Krieg zieht, mit hochgeladenem Troß dahinter;
Volk, endlos, strömend, mit starken Stimmen, Leidenschaften, Gepränge,
Manhattans Straßen mit ihrem mächtigen Pulsschlag, mit dröhnenden Trommeln, wie jetzt,
Der unaufhörliche, lärmende Chor, das Klirren und Rasseln der Flinten (ja auch der Anblick der Verwundeten),
Manhattan-Massen mit wildem, tönendem Chor,
Manhattan-Gesichter und -Augen immerdar für mich!


NICHT JUGEND IST MEIN

Nicht Jugend ist mein
Noch Zartheit, ich kann die Zeit nicht mit Geschwätz betrügen,
Ungeschickt bin ich im Salon, weder Tänzer noch Stutzer,
Im gelehrten Kreis sitz ich gezwungen und still, denn Gelehrsamkeit ist nicht mein Teil,


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Schönheit, Wissen sind nicht mein Teil, — doch zwei oder drei Dinge gibt es, die sind mein:
Ich habe die Verwundeten gepflegt und manch einen sterbenden Soldaten beruhigt
Und in Stunden des Wartens oder mitten im Lager diese Lieder gedichtet.


SIEH NIEDER, REINER MOND

Sieh nieder, reiner Mond, und bade dieses Bild,
Gieße hernieder sanft den flutenden Schein der Nacht auf Angesichter, grausig, geschwollen, purpurfarben;
Auf die Toten auf ihren Rücken, mit Armen weitgespreizt,
Gieße hernieder deinen fleckenlosen Schein, heiliger Mond.


AN EINEN BÜRGER

Wolltest du süße Reime von mir?
Verlangte es dich nach des Bürgers friedlich schmachtenden Reimen?
Fandest du, was ich je sang, so schwer zu verstehn? —
Nun, für dich sang ich niemals, daß du mir folgtest und mich verstündest, — noch tu ich es jetzt.
(Ich stamme her, wo der Krieg herstammt,
Wirbeln der Trommeln ist mir noch je willkommene Musik, ich liebe den heldischen Trauermarsch,
Der mit langsamer Klage und krampfhaftem Schlag Begräbnis des Offiziers anführt;)
Was soll einem wie du ein Dichter wie ich? Deshalb laß meine Dichtung.
Und geh und lulle dich ein mit dir Verständlichem und mit Salonmelodien,
Denn ich lulle niemanden ein, und du wirst mich nie verstehn.


STEHE, SIEGERIN AUF DEN GIPFELN

Stehe, Siegerin auf den Gipfeln,
Wo du mit mächtiger Braue die Welt beschaust,
(Die Welt, o Freiheit, die sich umsonst gegen dich verschwor) —


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 198] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Wo du, hoch über ihren zahllos verstrickenden Netzen, die du alle zerrissest,
Herrscherin, von der blendenden Sonne umgeben,
Nun unversehrt prangst in unsterblicher Kraft und Jugend, — siehe, in dieser heiligen Stunde
O kein stolzes Gedicht noch hochklingendes Meisterlied bring ich dir dar;
Nur dunkles Gebilde, enthaltend die Finsternis der Nacht und bluttriefende Wunden
Und Totenpsalmen.


ANDENKEN AN PRÄSIDENT LINCOLN


1

Als jüngst der Flieder blühte vor der Tür
Und der große Stern am westlichen Himmel früh in die Nacht sank,
Trauerte ich, und werde trauern mit jedem Frühling neu.

Sooft du, Frühling, wiederkehrst, Dreiheit immer wirst du mir bringen:
Flieder blühend jedes Jahr und sinkenden Stern im Westen
Und Gedanken an ihn, den ich liebe.


2

O starker gefallener Stern im Westen!
O nächtliche Schatten — o trübe, weinende Nacht!
O großer entschwundener Stern — o schwarzer Dunst, der ihn birgt,
O grausame Hand, die mich in Ohnmacht hält, — o hilflose Seele!
O rauhe Wolke rings um mich, die meine Seele nicht freiläßt!


3

Im Vorgarten des alten Farmhauses, nahe am weißgewachsenen Pfahlzaun,
Steht hochgewachsen der Fliederbusch mit herzförmigen Blättern, in vollem Grün,
Mit vielen spitzen Blüten zart, mit dem starken Duft, den ich liebe,


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Ein jedes Blatt ein Wunder; — und von diesem Busch vor der Tür mit zartfarbigen Blüten und herzförmigen Blättern in vollem Grün
Brech ich mit seinen Blüten ein Reis.


4

Im Sumpfdickicht, tief versteckt,
Schmettert ein scheuer Vogel sein Lied.

Einsam, ein Eremit,
Ganz nur mit sich, die Siedelungen meidend,
Singt die Drossel ein Lied.

Lied aus blutender Kehle,
Auswegs des Tods, obwohl Leben singend
(Denn wohl, o Bruder, weiß ich,
Wäre dir nicht gegeben, zu singen, du stürbest gewiß).


5

Über des Frühlings Brust, das Land, durch Städte hin,
Über Wege, durch Urwälder, wo erst die Veilchen lugen aus dem Grund, die grauen Steintrümmer tupfend,
Über das Gras der Felder neben den Wegen und durch die endlose Steppe hin,
Durch den gelb-spitzigen Weizen hin, jeder Halm gereckt aus Grabeshaft in dunkelbraunen Feldern,
Hin durch der Apfelbäume weiß und rosa Blust, —
Eine Leiche tragend dorthin, wo sie ruhen soll im Grab,
Reist Tag und Nacht ein Sarg.


6

Sarg, der du hinziehst durch Wege und Straßen,
Durch Tag und Nacht, mit der Wolke groß, die das Land verfinstert,
Mit dem Trauergepränge geraffter Fahnen, mit den schwarzbehangenen Städten
Und den Staaten selbst, die gleich florverschleierten Frauen stehn;
Mit weithin sich windenden Trauerzügen und Leuchtfeuern der Nacht,


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 200] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Mit den zahllosen Fackeln, mit dem schweigenden Meer von Gesichtern und bloßen Köpfen,
Mit dem Bahnhof, der dich erwartet, nahender Sarg, und den düstern Gesichtern,
Mit Grabgesang durch die Nacht, tausend Stimmen, die stark und feierlich sich erheben,
Alle die klagenden Stimmen, strömend über den Sarg,
Die matt erleuchteten Kirchen und schütternden Orgeln, — wo unter diesen allen du deine Reise vollendest,
Unter der läutenden, läutenden Glocken unaufhörlichem Klang,
Hier, Sarg, während du langsam vorbeiziehst,
Geb ich dir meines Flieders Reis.


7

(Und nicht für dich, für dich einen allein, —
Blüten und Zweige grün bring ich für a l l e Särge,
Denn frisch wie der Morgen möchte ich so lobsingen dir, o reiner, heiliger Tod.)

Sträuße von Rosen über und über!
O Tod, ich beschütte dich mit Rosen und Lilien jung,
Doch hier, vor allem, brech ich in Fülle
Flieder, der am frühesten blüht,
Breche die Zweige von Büschen,
Mit vollen Armen komm ich, hinschüttend sie für dich,
Für dich und deine Särge alle, O Tod.


8

O westlicher Stern, Segler am Himmel,
Nun weiß ich, was du wohl meintest, als ich vor Monatsfrist wanderte,
Schweigsam wanderte in der durchsichtigen, schattigen Nacht,
Als ich sah, du habest mir etwas zu sagen, da du Nacht für Nacht dich mir neigtest,
Da du vom Himmel tief hernieder dich senktest als wie an meine Seite (indes die andern Sterne alle zuschauten),
Da wir zusammen wanderten durch feierliche Nacht (denn etwas, ich weiß nicht was, ließ mich nicht schlafen),


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 201] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Da die Nacht vorrückte und ich am Rande des Westens sah, wie voller Weh du warst,
Da ich auf schwellendem Boden stand im Lufthauch in der kühlen, durchsichtigen Nacht,
Da ich spähte, wo du hingingst, und mich verlor im niedern Schwarz der Nacht;
Und meine Seele, trüb in ihrer Unruh, sank, wo du sankst, trauriger Stern,
Und endlich schwand in Nacht und war dahin.


9

Sing fort im Sumpfe dort,
O Sänger, scheu und zärtlich, ich höre deine Töne, höre deinen Ruf,
Ich höre, ich komme sogleich, ich verstehe dich,
Einen Augenblick nur säume ich noch, denn mich hält der strahlende Stern,
Mein Stern und scheidender Gefährte bannt und hält mich fest.


10

O wie soll ganz zu lautem Gesange ich werden für den Toten hier, den ich liebte?
Und wie soll ich schmücken mein Lied für die Seele groß und süß, die von uns ging?
Und was soll mein Wohlgeruch sein für das Grab dessen, den ich liebe?
Seewinde, blasend von Osten und Westen,
Blasend von der östlichen See und von der westlichen See, bis sie dort auf den Steppen sich treffen,
Mit eurem Duft und dem Atem meines Liedes
Will ich umhauchen das Grab dessen, den ich liebe.


11

O, was soll ich hängen an die Wände des Zimmers?
Was für Bilder soll an die Wände ich hängen,
Zu schmücken das Totenhaus dessen, den ich liebe?

Bilder des sprießenden Frühlings, Bilder von Farmen und Häusern,
Mit des vierten Monats Sonnenuntergang und dem grauen Duft, durchleuchtet und hell,


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Mit Fluten gelben Golds der prunkenden schweren sinkenden Sonne, das da brennt und die Luft schwellt,
Mit dem frischen, süßen Gras unter den Füßen und den blaßgrünen Blättern der sprossenden Bäume;
In der Ferne der fließende Glanz, die Brust des Stroms mit Windesstrichen hier und dort,
Hügel entlang den Ufern mit Umrissen wechselvoll gegen den Himmel und Schatten,
Und die Stadt in der Nähe mit Wohnungen dicht und Reihen von Schloten,
Und alle die Bilder und Stätten von Leben und Arbeit, und die Arbeiter alle, die heimwärts gehn.


12

Sieh, o mein Leib und Seele, — dies Land.
Sieh mein Manhattan mit Türmen und Wechselglanz der Gezeiten und Schiffen;
Das vielfältig weite Land, Süden und Norden im Licht, Ohios Küsten und aufblitzend Missouri,
Und unendlich die weitgebreiteten Steppen mit Gras und Korn.
Sieh: die herrlichste Sonne so ruhig und stolz,
Der veilchenund purpurfarbige Morgen mit kaum fühlbarem Luftzug.
Das sanfte mildgeborne unendliche Licht,
Das Wunder, das, anwachsend, alles badet; die Erfüllung des Mittags,
Der nahende Abend so köstlich, die willkommene Nacht und die Sterne,
Die da scheinen über meine Städte all, überblickend Volk und Land.


13

Weiter, sing weiter, du graubrauner Vogel,
Sing aus dem Sumpf, aus dem Dickicht hervor, laß deinen Sang von den Büschen strömen,
Uferlos aus der Dämmerung, aus den Zedern und Fichten hervor.

Singe fort, liebster Bruder, schmettre dein flötendes Lied,
Lautes Menschenlied, tönend von äußerstem Wehe.
O fließend und frei und zart!


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O wild und weit meiner Seele — o Zaubersänger! —
Dich allein höre ich — doch noch hält mich der Stern (bald wird er schwinden),
Noch hält mit bezwingendem Duft mich der Flieder.


14

Als ich im Licht des Tages saß,
Im Licht des sinkenden Tages, und hinschaute auf die Frühlingsfelder und auf die Farmer bei der Ernte,
In dem weiten, unschuldigen Gefilde meines Landes mit seinen Seen und Wäldern,
In der himmlischen Schönheit der Luft (nachdem Wind und Stürme getobt),
Unter der Wölbung des schnellvergehenden Nachmittagshimmels, — dazu die Stimmen von Kindern und Frauen,
Das vielbewegte Fluten der See; — und als ich zusah, wie die Schiffe segelten,
Und den Sommer nahen sah mit Fülle, und die Felder alle voll Arbeit,
Und unabsehbar verstreut die Häuser, ein jedes wohlversorgt mit seinen Mahlzeiten und Geschäften des Alltags,
Und die Straßen mit ihrem lebendigen Pulsschlag, und die gepferchten Städte, — siehe! alsda
Erschien die Wolke, erschien der lange schwarze Schatten,
Und ich erkannte den Tod, den Gedanken an ihn, und das heilige Wissen um den Tod.

Alsdann, mit dem Wissen um den Tod an meiner einen Seite
Und dem Gedanken an den Tod dicht an meiner andern Seite,
Und ich in der Mitte wandelnd wie mit Gefährten und gleichsam die Hände von Gefährten haltend,
Floh ich hinweg in die bergende, empfangende Nacht, die nicht redet,
Hinab zu den Küsten des Meers, den Pfad am Sumpf hin in der Dunkelheit,
Zu den feierlichen Schatten der Zedern und den geisterhaften Fichten so still.

Und der Sänger, so scheu vor den andern, empfing mich,
Der graubraune Vogel, den ich kenne, empfing uns drei Geselln,


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 204] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Und sang das Lied vom Tod, und eine Strophe für ihn, den ich liebe.

Aus tiefem Dickicht,
Von den duftenden Zedern und geisterhaften Fichten so still
Kam des Vogels Lied.

Und der Zauber des Liedes entzückte mich,
Indes wie bei Händen ich meine Gefährten hielt in der Nacht,
Und in das Lied des Vogels stimmte die Stimme meines Geistes ein:

„Komm, lieblicher, linder Tod,
Umflute die ganze Welt, heiter nahend
Bei Tage, bei Nacht allen, jedem,
Früh oder später, zarter Tod.

Gepriesen sei das unergründliche All
Für Leben und Freude, für Dinge und Wissen wunderbar,
Und für die Liebe, die süße Liebe, — doch Preis, Preis, Preis
Für die sichumfassenden Arme des kühleinhüllenden Todes.

Dunkle Mutter, die du allezeit nahest mit leisen Füßen,
Hat niemand für dich ein Lied heißen Willkommens gesungen?
So singe ich es für dich, ich verherrliche dich über alles,
Ich singe dir so, daß, wenn du denn kommen mußt, du ohne Zaudern kommst.

Komm, starke Befreierin!
Wenn es so ist: wenn du sie hinweggenommen, so besinge ich fröhlich die Toten,
Verloren in den liebenden Strömen deines Meeres,
Gebadet in der Flut deines Segens, o Tod.

Frohes Saitenspiel für dich!
Tänze für dich, dich zu grüßen! Kränze und Feste für dich!
Dazu die Landschaft frei und der hochgespreitete Himmel,
Und Leben und Treiben, die Felder, und die riesige gedankenerfüllte Nacht.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 205] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Die Nacht in Schweigen mit vielen Sternen,
Die Küste des Weltmeers und die rauh flüsternde Woge, deren Stimme ich kenne,
Und die Seele dir zugewandt, o weiter wohlverhüllter Tod;
Und der Körper dankbar enggeschmiegt an dich.

Über die Wipfel verströme ich ein Lied für dich,
Über die schwellenden und sinkenden Wogen, über die zahllosen Felder und wilden Steppen,
Über die dichtgefüllten Städte und alle die wimmelnden Werften und Wege
Verströme ich dies Lied mit Lust, mit Lust an dich, o Tod.“


15

Im Wettgesang mit meiner Seele
Schlug laut und stark der graubraune Vogel mit,
Mit reinen, sicheren Tönen weithin erfüllend die Nacht,—

Laut in den Fichten und Zedern schwarz,
Klar in der feuchten Frische, in Sumpfes Duft;
Und ich mit meinen Gefährten dort in der Nacht.

Indes der Blick meiner ungeschlossenen Augen
Gebannt an gespenstischer Bilder langem Zuge hing.

Schräg vor mir sah ich Armeen,
Fahnen sah ich zu hundert in lautlosem Traum,
Vorwärts durch Rauch der Schlachten, durchbohrt von Geschossen,
Hin und wieder getragen durch Rauch, zerrissen und blutig,
Zuletzt nur Fetzen noch an den Stangen (und alles stumm)
Und die Stangen zersplittert alle, zerknickt.

Leichen sah ich im Feld zu Tausenden,
Und weiße Gerippe von jungen Männern — ich sah sie —,
Ich sah ohne Ende Gebein erschlagener Krieger;
Aber ich sah, daß sie anders waren, als man gedacht.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 206] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Sie selber waren voll Ruhe, sie litten nicht,
Die Lebenden blieben übrig und litten, die Mutter litt,
Und das Weib und das Kind und der sinnende Kamerad,
Und die Heere, die übrigblieben, litten.


16

Bei solchen Gesichten durchlebt ich die Nacht,
Nicht loslassend meiner Gefährten Hände,
Durchlebte den Sang des Einsiedlervogels und den einstimmenden Sang meiner Seele,
Siegesgesang, todbefreienden Sang, wechselnden, immer neuen Gesang,
Leise und klagend, in klaren Tönen, schwellend und sinkend, die Nacht durchflutend,
Traurig, schwächer und schwächer, wie warnend, warnend und doch wieder ausbrechend mit Lust,
Die Erde deckend, die Weite des Himmels füllend:
Mächtiger Psalm, den ich nächtlich hörte aus dem Verborgnen! —

Und so scheide ich nun von dir, Flieder mit herzförmigem Laub,
Lasse dich dort im Vorgarten blühn, mit jedem Frühling neu,
Lasse von meinem Singen für dich,
Von meinem Schauen zu dir dort im Westen und meiner Zwiesprache mit dir,
O leuchtender Freund mit Silbergesicht in der Nacht.

Doch dauern sollen sie alle, die Troste der Nacht:
Das Lied, der wunderbare Gesang des graubraunen Vogels,
Der Wettgesang, das Echo meiner Seele,
Und der leuchtende, sinkende Stern mit dem Antlitz voll Weh,
Und die meine Hände hielten, als wir dem Ruf des Vogels folgten,
Meine Gefährten, und ich in der Mitte, — immer sollen sie Angedenken mir sein für den Toten, den ich so sehr geliebt,
Für die gütigste, weiseste Seele all meiner Zeit und all der Länder, die ich gekannt, — dies für den Teuersten:
Flieder und Vogel und Stern, verschwistert mit dem Gesang meiner Seele,
Dort in der Fichten Duft und den Zedern schwarz und still.


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BEIM LEICHENHAUS DER STADT

Beim Leichenhaus der Stadt, am Eingang,
Nachdem ich, müßig schlendernd, abgebogen aus dem Getöse, halte ich neugierig inne; denn sieh, ein ausgestoßener Körper, eine arme tote Straßendirne, die sie bringen. —
Ihre Leiche, nach der niemand fragt, lassen sie nieder, sie liegt auf den feuchten Ziegelfliesen,
Das göttliche Weib, ihr Körper, ich sehe den Körper, ich schaue auf ihn allein,
Dies Haus einst voll Leidenschaft und Schönheit, — nichts andres beachte ich,
Nicht die Starrheit so kalt, noch das Wasser, das wie aus Wasserhähnen rinnt, noch Gerüche der Fäulnis gewahre ich,
Sondern das Haus allein — dies wundersame Haus — dies zarte schöne Haus, — diese Trümmer!
Dieses unsterbliche Haus, mehr als die Reihen aller Wohnungen, je erbaut!
Mehr als das mit weißer Kuppel prangende Kapitol, überragt von majestätischem Standbild, oder alle die alten, hochtürmigen Dome,
Dieses kleine Haus allein mehr als sie alle, — armes elendes Haus!
Schönes, schreckliches Wrack — Behausung einer Seele, — selbst eine Seele,
Verworfnes, gemiedenes Haus, — nimm einen Hauch von meinen bebenden Lippen,
Nimm eine Träne, die mir entfällt, da ich deiner denke,
Totes Haus der Liebe — Haus der Tollheit und Sünde, zerfallen, zerschellt,
Haus des Lebens, allezeit redend und lachend, — doch ach, armes Haus, tot auch damals schon,
Monate, Jahre hindurch ein widertönendes, geschmücktes Haus, — doch tot, tot, tot.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 208] - - - - - - - - - - - - - - - - - -


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IHR ÜBELTÄTER VOR GERICHT

Ihr übeltäter vor Gericht,
Ihr Sträflinge in Kerkerzellen, ihr verurteilten Mörder in Ketten und Handschellen von Eisen,
Wer bin ich, daß ich nicht auch vor Gericht und im Kerker bin?
Ich, ruchlos und teuflisch wie einer, daß meine Handgelenke nicht auch in Eisen und meine Fußgelenke nicht auch in Eisen gekettet sind?

Ihr Dirnen, geputzt auf den Straßen oder unzüchtig in euren Stuben,
Wer bin ich, daß ich euch unzüchtiger nennen sollte als mich selbst?
O schuldig! Ich bekenne, ich stehe entblößt!
(O ihr Bewunderer, rühmt mich nicht — schmeichelt mir nicht — ihr macht mir Krämpfe,
Ich sehe, was ihr nicht seht, — ich weiß, was ihr nicht wißt.)

Hinter diesen Brustknochen hier lieg ich befleckt, gewürgt,
Unter diesem Gesicht, das so unempfindlich erscheint, rasen beständig die Fluten der Hölle,
Lüste und Bosheit sind mir willkommen,
Ich gehe mit Verbrechern in leidenschaftlicher Liebe,
Ich fühle, ich bin einer der ihren, — zu diesen Sträflingen und Dirnen gehöre ich selbst,
Und hinfort will ich sie nicht verleugnen, — denn wie verleugnete ich mich selbst?



AN EINE STRASSENDIRNE

Sei ruhig — sei, wie du bist, mit mir — ich bin Walt Whitman, freiherzig und lustvoll wie die Natur,
Nicht ehe die Sonne dich verstößt, verstoße ich dich,
Nicht ehe die Wasser sich weigern, zu glänzen für dich, und die Blätter, zu rauschen für dich, weigern sich meine Worte, zu glänzen und rauschen für dich.

Mein Schatz, ich verabrede mich mit dir und trage dir auf, dich vorzubereiten, um würdig zu sein, mich zu empfangen,
Und trage dir auf, geduldig und gut zu sein, bis ich komme.


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Bis dahin grüße ich dich mit einem bedeutsamem Blick,
Daß du mich nicht vergißt.



WAS BIN ICH AM ENDE?

Was bin ich am Ende anderes als ein Kind, mich freuend am Klang meines eigenen Namens? — Ich spreche ihn wieder und wieder aus,
Ich stehe abseits, zu lauschen, — und werd es nie müde.

So auch du und dein Name;
Dachtest du, nichts andres als zwei, drei Laute sei im Klang deines Namens?



DURCHFAHRT NACH INDIEN


1

Ich singe den heutigen Tag,
Singe die großen Werke der Gegenwart,
Singe die kühnen, leuchtenden Taten der Ingenieure,
Unsre modernen Wunder (hoch über den sieben Weltwundern der Alten),
In der Alten Welt des Ostens den Suezkanal,
Die Neue, von ihren mächtigen Schienensträngen umspannt,
Die Meere, durchsponnen von zahmen, sprechenden Drähten; —
Zuvor aber laß ich ertönen und immer wieder ertönen
Den Ruf, in den du, meine Seele, einstimmst:
Den Ruf der Vergangenheit!

Vergangenheit — der dunkle, bodenlose Blick in das Einst!
Der schwangere Abgrund — die Schläfer und Schatten!
Vergangenheit — die grenzenlose Größe des Einst!
Denn was ist die Gegenwart anderes, als ein Sproß aus Vergangenheit?
(Wie ein Geschoß, geformt, getrieben, vorbei und immer noch weiter fliegt,
So auch das Jetzt, geformt, getrieben vom Einst.)


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2

Durchfahrt, o Seele, nach Indien!
Erleuchte die asiatischen Mythen, die Fabeln der Urwelt,
Nicht euch allein, ihr stolzen Wahrheiten der Welt,
Noch euch allein, ihr Tatsachen moderner Wissenschaft,
Sondern auch euch, ihr Mythen und Fabeln von eh, Asiens, Afrikas Sagen,
Die weithinschießenden Strahlen des Geistes, die blühenden Träume,
Die tiefsinnigen Legenden und Bibeln,
Die kühnen Gespinste der Dichter, die Urreligionen!
O ihr Tempel, lichter als Lilien, überströmt vom Aufgang der Sonne!
O ihr Sagen, die ihr aller Wirklichkeit spottet, über die Schranken der Wirklichkeit springt und aufsteigt zum Himmel!
Ihr hohen, blendenden Türme, zinnengekrönte, rot wie Rosen, beglänzt mit Gold!
Fabeltürme, unsterblich gebaut aus sterblichen Träumen!
Auch euch biet ich Willkommen wie allen andern!
Auch euch singe ich freudevoll.

Durchfahrt nach Indien!
Siehst du nicht, Seele, Gottes Absicht von Anbeginn:
Daß die Erde umspannt und umflochten werde mit einem Netz,
Daß die Rassen, die Nachbarn Ehen untereinander schließen,
Daß die Ozeane durchquert, Entferntes nahegebracht
Und die Länder zusammengeschweißt werden sollen?

Eine neue Ehrfurcht singe ich,
Ihr Kapitäne, Reisenden, Forscher, die Ehrfurcht vor euch,
Ihr Ingenieure, ihr Architekten und Maschinisten, die Ehrfurcht vor euch,
Nicht um des Handels oder Verkehrs willen allein,
Sondern im Namen Gottes und um deinetwillen, o Seele.


3

Durchfahrt nach Indien!
Zwei Bilder siehe, o Seele, für dich:
Auf dem einen seh ich die Einweihung, die Eröffnung des Suezkanals,


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 211] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Ich sehe den Zug von Dampfschiffen, das der Kaiserin Eugenie voran,
Ich gewahre von Deck aus die fremde Landschaft, den klaren Himmel, den flachen Sand in der Ferne,
Ich gleite schnell an den malerischen Gruppen vorbei, den Arbeiterhaufen,
Den gigantischen Baggern.

Auf dem zweiten, ganz andern (doch dein, o Seele, ganz ebenso dein),
Sehe ich über meinen eigenen Erdteil hin die Pazifische Bahn jedes Hindernis übersteigen,
Ich sehe immer neue Wagenzüge sich winden entlang dem Platte, mit Gütern und Menschen beladen,
Ich höre die Lokomotiven brausen und donnern und die Dampfpfeife schrillen,
Ich höre die Echos hallen durch die gewaltigste Landschaft der Welt,
Ich durchquere die Laramie-Ebenen, sehe die grotesken Formen der Felsen,
Ich sehe die üppigen Felder voll Rittersporn und wilden Zwiebeln, die öden, farblosen Salbeiwüsten,
Ich sehe in flüchtigen Ausblicken fern oder jählings über mir ragend die Hochgebirge, sehe den Windstrom und die Wahsatchberge,
Ich sehe den Denkmalsberg und das Adlernest, ich komme am Vorgebirge vorbei und steige zu den Nevadas,
Ich erspähe das stolze Elkgebirge und winde mich um seinen Fuß herum,
Ich sehe die Humboldt-Kette, ich durchfahre das Tal und überquere den Fluß,
Ich sehe die klaren Gewässer des Sees Tahoe, ich sehe Wälder majestätischer Föhren
Oder durchquere die große Wüste, die Salzebene, und schaue bezaubernde Fata Morganas von Wassern und Wiesen —
Und erkenne inmitten all dieser Bilder immer wieder den schlanken Doppelstrang,
Der die Brücke schlägt über dreioder viertausend Meilen Land
Und die östliche See and die westliche knüpft:
Den Weg zwischen Asien und Europa.


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(Ah, Genueser, dein Traum! dein Traum!
Jahrhunderte, nachdem du ins Grab gelegt,
Macht das Gestade, das du entdeckt, deinen Traum zur Wahrheit.)


4

Durchfahrt nach Indien!
Mühsal manch eines Kapitäns, Geschichten von manch eines Seemanns Tod
Stehlen sich mir in den Sinn und breiten sich aus
Wie Wolken und Wölkchen im weiten Himmelsraum.

Durch alle Geschichte hin, die Hänge hinab,
Wie ein Bächlein rinnend, versickernd jetzt und wieder empor,
Sieh, Seele, eines nimmermüden Gedankens vielgestaltigen Lauf, —
Sieh, wie sie wieder auftauchen für dich, zu deiner Lust,
Die Forschungspläne, die Reisen, die Expeditionen;
Wiederum segelt Vasco de Gama aus,
Wiederum wird der Kompaß erfunden,
Werden Länder entdeckt und Nationen geboren, wirst du geboren, Amerika,
Zu gewaltigem Zweck, — die lange Probezeit des Menschen ist erfüllt, —
Du Rund der Welt endlich vollendet.


5

O weites Rund, schwimmend im Raum,
Über und über mit sichtbarer Kraft und Schönheit bedeckt,
Abwechselnd Licht und Tag und seelennährendes Dunkel,
Unaussprechlich hohes Wandeln von Sonne und Mond und zahllosen Sternen droben,
Drunten die tausendfältigen Gräser und Wässer, Tiere, Berge und Bäume,
Voll unerforschlichen Zwecks, voll verborgner prophetischer Absicht, —
Jetzt wohl zum erstenmal beginnt mein Gedanke dich zu umspannen.


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Herniedersteigend aus Asiens Gärten in alle Welt,
Nahn Adam und Eva und hinter ihnen die Myriaden ihrer Nachkommenschaft,
Wandernd, sehnsüchtig, nach Neuem begierig, mit rastlosem Forschen,
Mit Fragen, verwirrt, gestaltlos, fiebrig, mit nimmerglücklichen Herzen,
Mit dem traurigen, ewig wiederholten Refrain: „Wozu, du unbefriedigte Seele?“ und „Wohin, o trügerisches Leben?“
Ach, wer soll Ruhe bringen diesem rastlosen Forschen?
Wer das Geheimnis der fühllosen Erde sprechen?
Wer sie verbünden mit uns? Was ist diese von uns getrennte, so unnatürliche Natur?
Was ist diese Erde unserm Gefühl? (Lieblose Erde, mit keinem Pulsschlag unsere Liebe erwidernd,
Kalte Erde und Gräberplatz.)

Und dennoch, Seele, sei gewiß, die erste Absicht bleibt bestehn und wird auch ausgeführt,
Vielleicht ist sogar jetzt schon die Zeit gekommen.

Nachdem die Meere alle durchquert sind (und sie s i n d wohl schon durchquert),
Nachdem die großen Kapitäne und Ingenieure ihr Werk getan,
Nach den kühnen Erfindern, nach den Gelehrten, dem Chemiker, Geologen und Ethnologen
Soll endlich zuletzt der Dichter kommen, der dieses Namens würdig ist,
Der wahre Sohn Gottes soll kommen und seine Gesänge singen.

Dann werden nicht allein eure Taten, o ihr Weltfahrer, o ihr Gelehrten und Erfinder, gerechtfertigt sein,
All diese Herzen, als wie die Herzen geängstigter Kinder, sollen besänftigt werden,
Alle Liebe soll voll erwidert werden, das Geheimnis gesprochen,
All diese zerrissenen Bruchstücke sollen vereint und ineinandergefügt und geschlossen werden,


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 214] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Die ganze Erde, diese kalte, fühllose, stumme Erde soll bis ins Letzte gerechtfertigt werden,
Selige Trinität soll glorreich erfüllt und vollendet werden durch den wahren Sohn Gottes, den Dichter
(Er soll in Wahrheit durch die Meerengen fahren und die Gebirge erobern,
Er soll das Kap der Guten Hoffnung mit besonderer Botschaft umsegeln),
Natur und Mensch sollen nicht länger getrennt und geschieden sein,
Der wahre Sohn Gottes soll sie innig vereinen.


6

Jahr, an dessen weitgeöffnetem Tor ich singe!
Jahr der Erfüllung!
Jahr der Vermählung aller Erdteile, Zonen und Ozeane!
(Nicht mehr nur ein Doge von Venedig, der sich der Adria vermählt!)
Ich sehe, o Jahr, in dir den weiten Globus mit Festland und Meeren an alle gegeben und allen gebend,
Europa an Asien und an Afrika, und sie an die Neue Welt,
Die Länder des Erdballs tanzen vor dir in festlichem Reigen
Wie Bräute und Bräutigams Hand in Hand.

Durchfahrt nach Indien!
Kühlende Lüfte vom Kaukasus fern, der Schlummerwiege der Menschheit,
Des Euphrats Fluten, — Vergangenheit wieder erhellt.

Sieh, o Seele, Zurückgelegenes wiedergebracht,
Die alten, dichtbevölkerten, reichsten Länder der Erde,
Die Ströme Indus und Ganges und all ihr Netz
(Ich sehe sie alle, nehme sie alle auf, wandelnd an meinen Gestaden Amerikas heutigentags),
Die Kunde von Alexanders jähem Tod auf seinen Eroberungszügen,
China hier und Persien und Arabien dort,
Im Süden die großen Meere und die Bengalische Bai,
Die flutenden Literaturen, gewaltigen Epen, Religionen, Kasten,
Der alte, dunkle Brahma in grenzenloser Ferne, der zärtliche jüngere Buddha,


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 215] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Reiche der Mitte und Reiche des Südens, all ihre Vasallen und ihre Beherrscher,
Tamerlans Krieger, das Reich Aurungzebes,
Die Kaufleute, Herrscher, Erforscher, Moslems, Venezianer, Byzanz, die Araber, Portugiesen,
Die ersten Reisenden, heut noch berühmt, Marco Polo, Batuta der Maure,
Zweifel, die gelöst, Karten, die gezeichnet, leere Räume, die ausgefüllt werden müssen,
Der Fuß des Menschen, ewig wandernd, die Hände niemals in Ruh,
Du selbst, o Seele, jeder Herausforderung bereit.

Die Seefahrer des Mittelalters steigen vor mir auf,
Die Welt von 1492 mit frisch erwachtem Unternehmungsgeist;
Etwas schwillt in der Menschheit nun, wie der Saft der Erde im Frühling,
Sonnenuntergang des sinkenden Rittertums leuchtet.

Und wer bist du, schwermütiger Schatten?
Gigantisches Traumbild, selbst ein Träumer,
Mit hoheitsvoller Gestalt, fromm leuchtenden Augen,
Der du mit jedem deiner Blicke eine goldene Welt ausstrahlst um dich her
Und sie durchspiegelst mit üppigen Farben?

Gleichwie der Held auf einer großen Bühne
Hervor an das Rampenlicht schreitet,
So seh ich, alle andern beherrschend, ihn selbst, den Admiral
(Vorbild von Mut, Tatkraft und Glauben in aller Geschichte),
Sehe ihn aussegeln von Palos an der Spitze seiner winzigen Flotte,
Sehe seine Fahrt, seine Heimkehr und großen Ruhm,
Seine Mißgeschicke, Verleumder, sehe ihn gefesselt im Kerker,
Seine Entmutigung, Armut und seinen Tod.

(Neugierig steh ich in Zeit und Raum und schaue der Mühsal der Helden zu.
Ist der Aufschub lang? und bitter Verleumdung, Armut, Tod?


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Liegt die Saat unbeachtet Jahrhunderte lang im Boden? — Siehe, zu Gottes rechter Zeit,
Aufgehend über Nacht, sprießt sie und blüht
Und füllt die Erde an mit Gedeihen und Schönheit.)


7

Ja — Durchfahrt, o Seele, zum Erstlingsgedanken!
Nicht zu Ländern und Meeren nur, sondern zu deiner eigenen klaren Frische,
Zu der jungen Reife deines Werdens und Blühens,
Zu den Gefilden keimenden Gottesworts.

O Seele, unhemmbare, ich mit dir und du mit mir,
Beginne die Umsegelung der Welt, des Menschen, —
Die Heimkehr-Reise seines Geistes
Zum Ursprung früher Paradiese,
Zurück, zurück zur Wiege der Weisheit, zu den Erkenntnissen der Unschuld,
Zurück zur reinen Schöpfung.


8

O wir können nicht länger warten,
Auch wir, o Seele, steigen zu Schiff,
Freudig fahren auch wir hinaus auf pfadlose Meere,
Furchtlos nach unbekannten Küsten auf Wogen der Entzückung zu segeln,
Inmitten wehender Winde (du mich an dich, ich dich an mich, o Seele, drückend),
Lobsingend frei unsre Gesänge von Gott,
Singend unsern Gesang von frohgemuter Entdeckung.

Mit Lachen und manch einem Kuß
(Laß andere Abbitte tun, laß andere weinen in Sünde, Reue, Zerknirschung),
Du gefällst mir, o Seele, und ich gefalle dir.


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Ach, tiefer als irgendein Priester, o Seele, glauben wir zwei an Gott,
Aber mit dem Geheimnis Gottes wagen wir nicht zu tändeln.

O Seele, du gefällst mir, und ich dir;
Ja, wenn ich segle auf diesen Meeren oder wandle auf diesen Hügeln oder wache bei Nacht,
Tragen Gedanken, stumme Gedanken von Zeit und Raum und Tod,
Wie Wasser flutend, mich durch die grenzenlosen Bereiche,
Deren Luft ich atme, deren Wellenschlag ich höre, mit denen ich mich überflute,
Mich bade, Gott, in dir, aufsteigend zu dir,
In deine Höhe mich hebend, meine Seele und mich.

O Höchster du,
Namenlos, Leben und Atem,
Licht des Lichts, der du Welträume ausstreust und ihre Mitte bist
Und mächtigere Mitte noch von Wahrheit, Güte und Liebe.
Du Quelle von Reinheit und Geist — du unerschöpfliche Quelle der Liebeskraft, —
(O meine schauende Seele — o ungestillter Durst — wartet nicht dort,
Wartet nicht unser irgendwo dort vielleicht der vollkommene Kamerad?) —
Du Herzschlag, der Sterne, Sonnen, Systeme bewegt,
Die sicher, in Ordnung und Einklang, kreisen
Durch die gestaltlosen Weiten des Raums,
Wie könnte ich denken, sprechen, wie einen einzigen Atemzug atmen,
Wenn ich nicht aus mir selber Welten entsenden könnte,
Herrlicher noch als jene?

Jählings schrumpfe ich ein bei dem Gedanken an Gott,
An die Natur und ihre Wunder, Zeit, Raum und Tod;
Aber dann wende ich mich und rufe dich an, o Seele, du wirkliches Ich,
Und sieh! du meisterst sanft alle Sonnen,
Du meisterst Zeit und lächelst ruhig dem Tode
Und füllst mit schwellender Fülle die Weiten des Raums.


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Größer als Sterne und Sonnen,
Machst du dich, Seele, mit Lust auf deine Reise;
Welche Liebe könnte sich weiter dehnen als deine und unsre?
Welches Wollen und Wünschen das deine und unsere überbieten, o Seele?
Welche Träume vom Ideal? welche Gedanken von Reinheit, Vollkommenheit, Kraft?
Welche freudevolle Bereitschaft, um anderer willen alles daranzugeben?
Um anderer willen alles zu leiden?

O jetzt schon denke ich daran, meine Seele, wenn die Zeit erfüllt ist,
Die Meere alle durchquert, die Kaps umschifft, die Reise getan,
Und du, umgeben von Gott, vor ihm und in ihm stehst und, nun am Ziel, eingehst in ihn,
Wie wenn der jüngere Bruder den älteren gefunden
Und voll Freundschaft und höchster Liebe in seine Arme schmilzt.


9

Durchfahrt zu mehr als Indien!
Sind die Schwingen wirklich befiedert für Flüge so weit?
O Seele, fährst du wirklich auf solcher Fahrt?
Suchst deine Lust auf solchen Gewässern?
Lotest noch tiefer als Sanskrit und Veden?
Dann hab deinen Willen frei.
Durchfahrt zu euch, zu euern Küsten, ihr uralten, wilden Rätsel!
Durchfahrt zu euch, um euch zu meistern, ihr würgenden Fragen!
Ihr, die ihr besät seid mit den gebleichten Gerippen derer, die lebend euch nie erreicht.

Durchfahrt zu mehr als Indien!
O Geheimnis von Erde und Himmel!
Von euch, o Fluten der See! O gewundene Bäche und Ströme!
Von euch, o Wälder und Felder! und starke Gebirge meines Lands!
Von euch, o Steppen und graue Felsen!
O Morgenrot! o Wolken! o Regen und Schnee!
O Tag und Nacht, — Durchfahrt zu euch!


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 219] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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O Sonne und Mond und all ihr Gestirne! Sirius und Jupiter!
Durchfahrt zu euch!

Durchfahrt, Durchfahrt noch heut! Das Blut brennt mir in meinen Adern!
Vorwärts, o Seele! sofort den Anker gelichtet!
Kappe die Taue, — setz auf, wirf aus alle Segel!
Haben wir hier nicht lange genug wie Bäume im Boden gestanden?
Sind wir hier nicht lange genug gekrochen und haben gegessen, getrunken wie bloßes Vieh?
Haben wir uns nicht lange genug mit Büchern betäubt und verdüstert?

Fahr los! — Steure nur zu den tiefen Gewässern,
Auf tollkühne Entdeckungen, o Seele, ich mit dir und du mit mir,
Denn wir müssen dorthin, wohin noch kein Seemann zu fahren gewagt,
Und wir setzen das Schiff und uns selber und alles aufs Spiel.

O meine tapfere Seele!
O weiter, weiter segle hinaus!
O verwegene Lust! und doch in guter Hut! sind es nicht alles die Meere Gottes?
O weiter, weiter, weiter hinaus!



GEBET DES COLUMBUS

Ein zerschlagener, schiffbrüchiger alter Mann,
An diesen wüsten Strand geworfen, fern, fern von daheim,
Eingepfercht von der See, die wie aus finster empörten Augen mich anschaut,
Zwölf öde Monde,
Wund, steif von vieler Mühsal, siechend und nah am Tod,
Geh ich am Rande des Eilands hin,
Lüftend mein schweres Herz.

Ich bin zu voll von Weh!
Vielleicht werd ich nicht einen Tag mehr leben;


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 220] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Ich kann nicht ruhen, o Gott, ich kann nicht essen, noch trinken, noch schlafen,
Eh ich nicht einmal noch mich selber und mein Gebet zu dir erhebe,
Noch einmal atme in dir, mich bade in dir, mit dir rede,
Noch einmal von mir zu dir spreche.

Du kennst all meine Jahre, mein Leben,
Mein langes Leben, das erfüllt war von tätigem Werk, nicht Anbetung allein,
Du kennst die Gebete und Nachtwachen meiner Jugend,
Du kennst meines Mannesalters feierliches und visionäres Denken;
Du weißt, wie ich, eh ich begann, alles Künftige dir gelobte,
Du weißt, ich habe im Alter alle diese Gelübde wahrgemacht und streng gehalten,
Du weißt, ich habe nicht ein einziges Mal Glut und Glauben an dich verloren,
Habe in Ketten, in Kerker und Schande nicht gemurrt
Und alles angenommen von dir als deinen gerechten Willen.

All meine Unternehmungen waren erfüllt von dir,
Meine Berechnungen, Pläne begonnen und ausgeführt im Bewußtsein von dir,
Ich bin gesegelt über die Tiefen und gereist über Land für dich,
All meine Ziele, Bestrebungen, Absichten trugen Früchte für dich.

O ich bin sicher, sie kommen in Wahrheit von dir,
Der Drang, der Eifer, der unbeirrbare Wille,
Der starke, tief im Innern gefühlte Ruf, stärker als Worte,
Ein Auftrag vom Himmel, flüsternd zu mir sogar im Schlaf,
Sie trieben mich an.

Durch mich und sie ist das Werk so weit vollbracht,
Durch mich die erstarrten, stockenden Älterländer der Erde befreit und gelöst,
Durch mich die Hemisphären gerundet und miteinander verbunden, das Unbekannte mit dem Bekannten.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 221] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Das Ende weiß ich nicht, es liegt in dir,
Ob groß oder klein, ich weiß es nicht —
Vielleicht, daß das endlose, rohe Gestrüpp in der Tiefe der Menschheit, von dem ich weiß,
In neue weite Gefilde und Länder verpflanzt, zu hohem Wuchs sich erheben mag, zu deiner Ehre,
Vielleicht, daß die Schwerter, von denen ich weiß, dort wirklich verwandelt werden in Erntegerät,
Vielleicht, daß das leblose Kreuz, von dem ich weiß, Europas totes Kreuz, dort Knospen treibt und blüht.

Noch einmal erhebe ich mich zu dir, — mein Altar dieser kahle Sand;
Daß du, o Gott, mein Leben erleuchtet hast
Mit stetigem Strahl unnennbaren Lichts aus deiner Gnade,
Unsagbar herrlichem Licht, Licht alles Lichts,
Hoch über allen Zeichen, Namen, Sprachen, —
Dafür, o Gott, mit meinem letzten Wort, hier auf den Knien,
Alt, arm, gelähmt, sag ich dir Dank.

Mein Ende ist nah,
Die Wolken schließen sich schon über mir,
Die Fahrt ist versperrt, die Richtung verloren,
Ich gebe meine Schiffe in deine Hand.

Meine Hände und Glieder sind kraftlos,
Mein Hirn ist zerstört und verwirrt,
Laß das alte Gerüst versinken, ich will nicht versinken,
Ich will mich fest an dich klammern, o Gott, wenn auch die Wellen mich schlagen,
Denn dich, dich kenne ich.

Sprech ich Prophetengedanken oder rede ich irre?
Was weiß ich vom Leben? was von mir selbst?
Ich kenne nicht einmal mein eigenes Werk, jetzt oder je,
Dämmrige, ewigwechselnde Ahnungen vor mir gebreitet
Von neuen, besseren Welten und ihrem gewaltigen Werden,
Die mich verwirren und täuschen.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 222] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Ja, dieses alles sehe ich plötzlich, was will es bedeuten?
Als nähme ein Wunder, eine göttliche Hand die Binde von meinen Augen;
Schattenhafte Gestalten aller Enden aus Himmel und Luft,
Zahllose Schiffe segeln auf fernen Wogen
Und Hymnen hör ich in neuen Zungen mich grüßen.



DIE SCHLÄFER


1

Ich wandre jede Nacht im Geist,
Schreitend mit leichten Füßen, lautlos und rasch, und verweilend,
Mich beugend mit offenen Augen über geschlossene Augen von Schläfern,
Wandernd und irrend, mir selber verloren, verworren, widerspruchsvoll,
Innehaltend, spähend, mich niederbeugend und weilend.

Wie feierlich sie aussehn, hingestreckt und still,
Wie ruhig sie atmen, wie Kindlein in ihren Wiegen.

Die elenden Gesichter von Lebensmüden, die weißen Mienen von Leichen, die fahlen Gesichter von Trinkern, die kränklich-grauen Gesichter von Onanisten,
Die klaffenden Leiber auf Schlachtfeldern, die Irren in ihren stark verschlossenen Zellen, die heiligen Narren, die Neugeborenen, aus Pforten sich drängend, und die Sterbenden, aus Pforten sich drängend,
Die Nacht überwältigt sie und hüllt sie ein.

Das Ehepaar schläft ruhig in seinem Bett, er mit seiner Hand auf der Seite seines Weibes und sie mit ihrer Hand auf der Seite des Gatten,
Die Schwestern schlafen liebend Seite an Seite in ihrem Bett,
Die Männer schlafen liebend Seite an Seite in dem ihren,
Die Mutter schläft mit ihrem kleinen Kind, sorglich eingehüllt.
Die Blinden schlafen, und die Taubstummen schlafen,


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 223] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Der Gefangene schläft fest im Gefängnis, der entlaufene Sohn schläft,
Der Mörder, der am nächsten Tag gehenkt werden soll, wie schläft er?
Und der Ermordete, wie schläft er?

Das Weib, das unerwidert liebt, schläft,
Und der Mann, der unerwidert liebt, schläft,
Der Kopf des Geldmachers, der den ganzen Tag kalkuliert hat, schläft,
Und die, deren Seelen voller Wut und Verrat sind, alle, alle schlafen.

Ich stehe im Dunkeln mit gesenkten Augen bei den am schwersten Leidenden und den Ruhelosesten,
Ich bewege meine Hand besänftigend hin und her, wenige Zoll über ihnen,
Die Ruhelosen sinken in ihre Betten, entschlummern jäh.

Nun durchdring ich die Finsternis, neue Wesen erscheinen,
Die Erde weicht vor mir in die Nacht hinweg,
Ich sah, sie war schön, und seh, was nicht Erde ist, ist auch schön,
Ich gehe von Bettstatt zu Bettstatt, ich schlafe dicht bei den Schläfern, einem nach anderm,
Ich träume in meinem Traum alle Träume der andern Träumer,
Und ich selbst bin die andern Träumer.

Ich bin ein Tanz — spielt auf! Es wirbelt mich wild herum!
Ich bin der Immer-Lachende — Neumond ist es und Zwielicht,
Liebliches sehe ich sich verstecken, flinke Geister, wohin immer ich blicke,
Gehascht, huschend, immer wieder tief im Grund der See, und wo weder Grund noch See ist.

Wohl versteht es sein Spiel, das göttliche Gelichter,
Nur vor mir können sie nichts verbergen und würden nicht, wenn sie könnten,
Mir scheint, ihr Meister bin ich, und sie tun ihr Bestes für mich,
Und umwehn mich und ziehn mich und laufen voraus, wenn ich gehe.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 224] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Ihre listigen Schleier zu lüften und mit ausgestreckten Armen zu deuten, und nehmen den Weg wieder auf;
Vorwärts marschieren wir, ein lustiger Trupp! Mit jauchzender Musik und wildschlagenden Flaggen der Freude!

Ich bin der Schauspieler, die Schauspielerin, der Wähler, der Politiker,
Der Auswanderer und der Verbannte, der Verbrecher, der hinterm Gitter stand,
Bin der, der berühmt war, und der morgen berühmt sein wird,
Der Stotterer, der Wohlgestaltete, der Zerstörte und Schwache.
Ich bin, die sich schmückte und ihr Haar flocht in Erwartung,
Mein säumiger Geliebter ist gekommen, und es ist finster.

Verdopple dich, Finsternis, und nimm mich auf,
Nimm mich und meinen Geliebten auf, er will nicht lassen von mir.
Ich schmieg mich in dich wie in ein Bett, ich geb mich dem Dunkel hin.
Es antwortet mir, da ich rufe, und nimmt den Platz meines Liebsten ein,
Es erhebt sich schweigend mit mir vom Lager.

Dunkel, du bist zarter als mein Geliebter, sein Fleisch war schweißig und keuchend,
Ich fühle noch die heiße Feuchtigkeit, die er mir ließ.

Meine Hände sind ausgebreitet, ich streck sie nach allen Richtungen,
Ich möchte das Schattenufer ertasten, dem du zueilst.
Hab acht, Dunkel! Schon rührt mich — was war es? — an;
Ich dachte, mein Liebster sei davon, — sind Dunkel und er nicht eins? —
Ich höre den Herzschlag, ich folge, ich schwinde dahin.


2

Ich sinke meine westliche Bahn hinab, meine Sehnen sind schlaff,
Duft und Jugend strömen durch mich, ich bin ihre Kielspur.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 225] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Mein ist das gelbe, zerfurchte Gesicht des alten Weibes,
Ich sitze im Rohrstuhl und stopfe sorgfältig meinem Enkel die Strümpfe.

Ich auch bin die schlaflose Witwe, die ausschaut in die Mittwinternacht,
Ich sehe das Funkeln des Sternenscheins auf der eisigen, bleichen Erde.

Ein Leichentuch seh ich und bin das Leichentuch, ich hüll einen Körper ein und liege im Sarge,
Es ist finster hier unter der Erde, weder Leiden ist hier noch Pein, nur seltsame Leere.

(Mir scheint, ein jegliches Wesen in Licht und Luft sollte glücklich sein,
Wer nicht im Sarge und finstern Grabe liegt, wisse, daß er genug hat.)


3

Ich seh einen schönen, riesigen Schwimmer schwimmen nackt durch die Strudel der See;
Sein braunes Haar liegt dicht und glatt am Kopf, er greift mit tapfern Armen aus, er stößt sich vorwärts mit seinen Beinen,
Ich sehe den weißen Körper, die unerschrockenen Augen,
Ich hasse die wild hinströmenden Strudel, die an die Felsen ihn schmettern möchten, Kopf voran.

Was tut ihr, ihr ruchlos rot betropften Wogen?
Wollt ihr den tapfern Riesen töten? wollt ihr ihn töten in seines Mannesalters Mai?

Standhaft und lange ringt er,
Er wird betäubt, gestoßen, geschlagen, hält stand, solang seine Kraft nur standhält,
Die klatschenden Strudel sind fleckig von seinem Blut, sie tragen ihn fort, sie rollen, schwingen und drehen ihn,


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 226] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Sein schöner Körper wird von den kreisenden Strudeln gehoben, er schlägt unablässig auf Felsen auf,
Rasch und aus meinen Augen wird der tapfere Leichnam geschwemmt.


4

Ich wende mich, aber kann mich noch nicht lösen,
Ich unterscheide verwirrt ein anderes Bild aus vergangener Tiefe, aber noch immer in Finsternis.

Der messerscharfe Eiswind zerschneidet den Strand, die Schiffbruchskanonen dröhnen,
Der Sturm lullt ein, der Mond glänzt taumelig mit der Flut.

Ich schaue hinaus, wo das hilflose Schiff kopfüber treibt, ich höre das Krachen, als es zerbricht, ich höre das Heulen der Angst, es wird schwächer und schwächer.

Ich kann nicht helfen mit meinen ringenden Händen,
Ich kann nur zur Brandung stürzen, die mich durchnäßt und mir auf dem Leibe gefriert.

Ich suche mit all den andern, kein einziger von der Besatzung wird lebend angespült,
Am Morgen helf ich die Toten auflesen und sie in Reihen niederlegen in eine Scheune.


5

Nun aus den alten Kriegstagen, — die Niederlage bei Brooklyn.
Washington steht im Rücken der Linien, er steht auf den verschanzten Hügeln inmitten einer Schar von Offizieren.
Sein Gesicht ist kalt und feucht, er kann die weinenden Tropfen nicht unterdrücken,
Er hebt unaufhörlich das Glas an die Augen, die Farbe ist von seinen Wangen verblichen,
Er sieht das Gemetzel der Tapferen aus dem Süden, die ihm anvertraut sind von ihren Eltern.


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Und wieder e r, da endlich, endlich der Friede erklärt ist, —
Er steht in der Stube der alten Taverne, alle die geliebten Soldaten passieren hindurch,
Die Offiziere treten wortlos und langsam der Reihe nach heran,
Der Führer umschließt ihre Nacken mit seinem Arm und küßt sie auf die Wangen,
Er küßt die feuchten Wangen leicht, eine nach der andern, er schüttelt die Hände und sagt der Armee Lebewohl.


6

Nun was meine Mutter mir erzählte eines Tages, als wir beisammensaßen beim Mittagsmahl,
Aus der Zeit, da sie ein halbwüchsiges Mädchen war und daheim lebte mit ihren Eltern auf dem alten Gehöft.

Eine rote Indianerfrau kam einmal zur Frühstückszeit in das alte Gehöft,
Auf ihrem Rücken trug sie ein Bündel Binsen zum Stuhlflechten,
Ihr Haar, glatt, glänzend, grob und reich, verdeckte halb ihr Gesicht,
Ihr Schritt war frei und federnd, und ihre Stimme klang köstlich, als sie sprach.

Meine Mutter schaute mit Entzücken und Staunen auf die Fremde,
Sie schaute auf die Frische ihres hochgetragenen Gesichtes und ihre vollen, geschmeidigen Glieder,
Je mehr sie auf sie schaute, um so mehr liebte sie sie,
Nie zuvor hatte sie so wunderbare Schönheit und Reinheit gesehen;
Sie lud sie ein, auf der Bank am Herde zu sitzen, sie kochte Essen für sie,
Sie konnte ihr keine Arbeit geben, aber sie gab ihr Gedenken und Liebe.

Die rote Frau blieb den ganzen Vormittag, und um die Mitte des Nachmittags ging sie,
O meine Mutter ließ sie ungern gehn,


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Die ganze Woche lange dachte sie an sie, sie schaute aus nach ihr viele Monate lang,
Sie gedachte ihrer manchen Winter und manchen Sommer,
Aber die rote Frau kam nie, noch ward je wieder von ihr gehört.


7

Ein Gruß der Sommermilde — Berührung von etwas Unsichtbarem — ein Liebeshauch von Licht und Luft,
Ich bin eifersüchtig und übermannt von Zärtlichkeit,
Ich will selber hinspielen mit Licht und Luft.

O Liebe und Sommer, ihr seid in den Träumen und in mir,
Herbst und Winter sind in den Träumen, der Farmer träumt von der Farm,
Die Herden und Saaten gedeihen, die Scheunen sind wohlgefüllt.

Elemente verschmelzen mit der Nacht, Schiffe lavieren in Träumen,
Der Seemann segelt, der Verbannte kehrt heim,
Der Flüchtling kehrt wohlbehalten heim, der Auswanderer ist wieder zu Haus nach Monaten und Jahren,
Der arme Irländer lebt in dem schlichten Haus seiner Kindheit mit den vertrauten Nachbargesichtern,
Sie heißen ihn herzlich willkommen, er ist wieder barfüßig, er vergißt, daß er wohlhabend ist,
Der Holländer reist heim, der Schotte und der Walliser reisen heim, und der vom Mittelmeer stammt, reist heim,
In jeden Hafen Englands, Frankreichs, Spaniens kehren gefüllte Schiffe,
Der Schweizer wandert zu Fuß zu seinen Bergen, der Preuße geht seinen Weg, der Ungar geht seinen Weg und der Pole geht seinen Weg,
Der Schwede kehrt heim und der Däne und Norweger kehren heim.

Die heimwärts ziehen, die auswärts ziehen,
Der schöne, verlorene Schwimmer, der Lebensmüde, der Onanist, das Weib, das unerwidert liebt, der Geldmacher,
Der Schauspieler und die Schauspielerin, die fertig sind mit ihren Rollen und die warten, um anzufangen,


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Der zärtliche Bursch, der Gatte, die Gattin, der Wähler, der Kandidat, der gewählt ist, und der Kandidat, der nicht gewählt ist,
Der schon gefeierte Große und der Große jeglicher Zukunft,
Der Stotterer, der Kranke, der Wohlgestaltete, der Kümmerliche,
Der Verbrecher, der hinter der Schranke stand, der Richter, der saß und ihn verurteilte, die beredten Advokaten, die Geschworenen, die Zuhörer,
Der Lacher und Weiner, der Tänzer, die Witwe um Mitternacht, die rote Squaw,
Der Schwindsüchtige, der Aussätzige, der Idiot, der Unrecht Leidende,
Die Antipoden und alle und jeder zwischen ihnen und uns in der Dunkelheit, —
Ich schwöre, sie alle sind nun einander gleichgemacht, keiner ist besser als der andere,
Nacht und Schlaf haben sie gleichgemacht und wiederhergestellt.
Ich schwöre, sie alle sind schön,
Jeder, der schläft, ist schön, alles in dem verdunkelten Licht ist schön,
Das Wildeste und Blutigste ist vorüber, und alles ist Friede,

Friede ist immerdar schön,
Der Mythus des Himmels bedeutet Frieden und Nacht.

Der Mythus des Himmels bedeutet die Seele,
Die Seele ist immerdar schön, sie offenbart sich mehr oder weniger, sie tritt hervor oder zögert im Hintergrund,
Sie tritt aus ihrem umzäunten Garten und blickt voll Wohlgefallen auf sich selbst und umfaßt die Welt,
Makellos und rein die frei vorspringenden Zeugungsorgane und makellos und rein die Rundung des Mutterschoßes,
Ebenmäßig und aufrecht das wohlgeformte Haupt und ebenmäßig Gelenke und Eingeweide.

Die Seele ist immerdar schön,
Das Weltall ist in der rechten Ordnung, jedes Ding ist an seinem Ort,
Was da ist, ist an seinem Ort, und was noch wartet, wird kommen an seinen Ort,


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Der verrenkte Schädel wartet, das wäßrige oder verdorbene Blut wartet,
Das Kind des Fressers und des Geschlechtskranken wartet lange und das Kind des Säufers wartet lange und der Säufer selbst,
Die Schläfer, die lebten und starben, warten, die weit voraus sind, schreiten fort auf ihrem Weg, und die weit zurück sind, kommen nach auf ihrem Weg,
All die Verschiedenartigen sollen nicht minder verschieden sein, sie sollen sich flutend vereinen, — sie vereinen sich jetzt.


8

Die Schläfer sind sehr schön, wie sie entkleidet liegen,
Sie fluten Hand in Hand über die ganze Erde von Osten nach Westen, wie sie entkleidet liegen,
Die aus Asien und aus Afrika Hand in Hand, Europäer und Amerikaner, Hand in Hand,
Weise und Volk, Hand in Hand, Männer und Weiber, Hand in Hand,
Der bloße Arm des Mädchens liegt über der bloßen Brust ihres Geliebten, sie schmiegen sich aneinander ohne Begier, seine Lippen küssen ihren Nacken,
Der Vater hält seinen erwachsenen oder unmündigen Sohn in seinen Armen mit unermeßlicher Liebe, und der Sohn hält den Vater in seinen Armen mit unermeßlicher Liebe,
Das weiße Haar der Mutter glänzt auf dem weißen Handgelenk der Tochter,
Der Atem des Knaben geht mit dem Atem des Mannes, Freund ist umarmt von Freund,
Der Schüler küßt den Lehrer, und der Lehrer küßt den Schüler, Unrecht ist recht gemacht,
Der Ruf des Sklaven ist eins mit des Herren Ruf, und der Herr grüßt den Sklaven,
Der Verbrecher schreitet heraus aus dem Kerker, der Geisteskranke ist geheilt, das Leiden der Kranken ist von ihnen genommen,
Schweiß und Fieber enden, die Brust, die ungesund war, ist gesund, die Lungen der Schwindsüchtigen atmen wieder, das arme, kummervolle Haupt ist frei,


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Die Gelenke der Gichtbrüchigen bewegen sich so leicht, wie je zuvor und leichter als je zuvor,
Verstockter Strom wird frei, die Gelähmten werden geschmeidig,
Die Geschwollnen und Verkrampften und Stickblütigen erwachen und finden sich gesund,
Sie gehn durch die Stärkung der Nacht und die Heilkraft der Nacht und erwachen.

Auch ich gehe hinweg von der Nacht.
Ich bleib eine Weile ferne von dir, o Nacht, aber ich kehre zurück zu dir und liebe dich.
Warum sollt ich mich fürchten, mich dir anzuvertrauen?
Ich fürchte mich nicht, du hast mich wohlbehalten hervorgebracht,
Ich liebe den reichen strömenden Tag, aber ich verlasse nicht die, in der ich so lange lag;
Ich weiß nicht, wie ich aus dir kam, und weiß nicht, wohin ich mit dir gehe, aber ich weiß, ich kam wohlbehalten und werde wohlbehalten gehn.

Ich will nur für eine Zeit mit der Nacht sein und zuweilen aufstehn,
Ich will treu mit dem Tage gehen, o Mutter, und treulich zurückkehren zu dir.


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GEFLÜSTER VOM HIMMLISCHEN TODE


WAGST DU NUN, O SEELE

Wagst du nun, o Seele,
Auszugehen mit mir in das unbekannte Land,
Wo weder Grund für den Fuß ist noch Pfad zu folgen?

Weder Landkarte dort noch Führer,
Noch der Klang einer Stimme, noch die Berührung einer Menschenhand,
Noch ein Gesicht mit blühendem Fleisch, noch Lippen, noch Augen sind in diesem Land.

Ich kenne es nicht, o Seele,
Noch kennst du es, alles ist leerer Raum vor uns,
Alles wartet, nie erträumt, in diesem Gebiet, in diesem unzugänglichen Land.

Bis wenn die Fesseln sich lösen,
Alle, außer den ewigen Fesseln Zeit und Raum,
Wenn weder Finsternis, Schwerkraft, Sinne noch irgendwelche Bande uns binden:
Dann stürmen wir vor, dann fluten wir
In Raum und Zeit, o Seele, bereitet für sie,
Ihresgleichen, ausgerüstet endlich (o Freude! o Frucht alles Seins!), sie zu erfüllen, o Seele.


GEFLÜSTER VOM HIMMLISCHEN TODE

Geflüster vom himmlischen Tode hörte ich raunen,
Lippengeschwätz der Nacht, wispernde Chöre,
Schritte, sacht ansteigend, mystischen Luftzug leise und sanft,
Geriesel unsichtbarer Wasser, Wogen eines Stromes flutend, ewig flutend!


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(Oder ist es das Rinnen von Tränen? der unerschöpflichen Fluten menschlicher Tränen?)
Ich sehe, sehe just in der Höhe des Himmels große Wolkenmassen,
Schwermütig, langsam wälzen sie sich vorüber, lautlos schwellend und sich vermischend,
Und manchmal ein halbverdunkelter, trauriger Stern in weiter Ferne,
Auftauchend und verschwindend.
(Etwas Werdendes vielmehr, eine feierliche, unsterbliche Geburt;
An den Grenzen, zu denen das Auge nicht mehr dringt,
Gleitet eine Seele hinüber.)


ICH SINGE DAS GOTTSCHAFFENDE QUADRAT


1

Ich singe das gottschaffende Quadrat, hervorschreitend aus der Einheit, hervor von den Seiten her,
Hervor aus dem Alten und Neuen, aus dem Quadrat, dem vollkommenen, göttlichen,
Dem festen, vierseitigen (jegliche Seite notwendig).
Von dieser Seite bin ich Jehovah,
Das alte Bram bin ich und bin Saturn;
Zeit kann mir nichts anhaben, — ich bin die Zeit, alt oder neu,
Unerbittlich, unbarmherzig vollzieh ich gerechte Richtersprüche,
Gleich der Erde, dem Vater, dem alten braunen Kronos, umstarrt von Gesetzen,
Unerrechenbar alt, doch ewig neu, ewig daherrollend inmitten dieser machtvollen Gesetze,
Unbarmherzig, ohne Vergebung, — wer sündigt, stirbt, — sein Leben ist mir verfallen;
Also erwarte niemand Gnade, — kennen die Jahreszeiten, die Schwerkraft, die strengverketteten Tage Gnade? Ebenso- wenig ich,
Sondern wie Jahreszeiten und Schwerkraft und alle verketteten Tage nie vergehen,
So erlasse auch ich von dieser Seite unerbittliche Richtersprüche ohne jedes Erbarmen.


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2

Als mildester Tröster, als der Verheißene schreit ich hervor,
Mit gütig ausgestreckter Hand, der mächtigere Gott bin ich,
Geweissagt von Propheten und Dichtern in ihren verzücktesten Weissagungen und Gedichten,
Von dieser Seite, siehe! blickt Christus der Herr, — siehe, Hermes bin ich! — siehe, mein ist des Herkules Angesicht!
Allen Kummer, Mühsal und Leid leide ich mit und nehme sie in mich auf,
Vielmals bin ich verworfen worden, verspottet, in Ketten gelegt und gekreuzigt, und vielmals wird es wieder geschehn,
Die ganze Welt hab ich dahingegeben um meiner lieben Brüder und Schwestern willen, um ihrer Seelen willen,
Da ich wanderte meinen Weg durch die Stätten der Menschen, reich oder arm, mit dem Kuß der Liebe,
Denn ich bin Liebe, ich bin der trostbringende Gott, mit Hoffnung und allumfassendem Mitleid,
Mit nachsichtigen Worten, gleichwie zu Kindern, mit frischen, heilsamen Worten, einzig mir eignen,
Jung und stark schreit ich vorüber, wohl wissend, daß ich selber einem frühen Tode bestimmt bin;
Aber meine Barmherzigkeit kennt keinen Tod, — meine Weisheit stirbt weder früh noch spät,
Und meine milde Liebe, die ich vermache hier und überall, stirbt nie.


3

Abseits, unzufrieden, Empörung brütend,
Kamerad von Verbrechern, Bruder von Sklaven,
Tückisch, verachtet, ein unwissender Knecht,
Mit Sudraangesicht und zerwühlter Stirn, schwarz, doch in den Tiefen meines Herzens stolz wie nur irgendwer,
Aufsässig jetzt und immerdar gegen jeden, der mich verachtet und sich Herrschaft über mich anmaßt,
Grämlich, voll Arglist, voller Erinnerung, Ränke schmiedend
(Obwohl man glaubte, ich sei betäubt und verjagt und meine Ränke vernichtet; doch das wird nie geschehn),


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Trotzig lebe ich noch, ich, Satan, spreche noch immer mein Wort und erscheine wie je in neuen Ländern (und auch in alten)
Hier von meiner Seite in Ewigkeit, kriegerisch, wirklich und stark wie nur etwas,
Weder Zeit noch Wechsel wird jemals mich oder meine Worte verändern.


4

Santa Spirita, atmend, lebendig,
Jenseits des Lichtes, lichter als Licht,
Jenseits der Flammen der Hölle, freudig, leicht über Höllen hinweg,
Jenseits des Paradieses, durchduftet einzig von meinem eigenen Duft,
Alles Leben der Erde umschließend, — berührend, umschließend Gott, Heiland und Satan,
Ätherisch, alles durchdringend (denn ohne mich, was wäre alles? was wäre Gott?),
Wesenheit aller Gestaltung, Leben der wahren Identitäten, der dauernden, wirklichen, unsichtbaren,
Leben der großen, runden Welt, der Sonne und Sterne und Menschen, — Allseele ich,
Schließe ich hier das Quadrat, das feste, ich selber am festesten
Und atme meinen Atem auch durch diese Gesänge.


VON IHM, DEN ICH LIEBE

Von ihm, den ich liebe Tag und Nacht, träumte ich und hörte, er sei tot;
Und träumte, ich käme an den Ort, wo sie ihn, den ich liebe, begraben hatten; aber er war nicht dort.
Und ich träumte, ich wanderte suchend zwischen den Grabstätten, ihn zu finden,
Und ich fand, daß ein jeder Ort eine Grabstätte war;
Die Häuser voller Leben waren zugleich voller Tod;
Die Straßen, die Schiffe, die Stätten des Vergnügens; die Stadt Chicago, Boston, Philadelphia, die Stadt Mannahatta waren von Toten so voll wie von Lebenden,
Ja v o l l e r, o vielmals voller von Toten als von Lebenden.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 236] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Und was ich träumte, will ich hinfort allen Menschen, jung und alt, sagen,
Und ich stehe hinfort ein für das, was ich träumte,
Und nun will ich Grabstätten gering achten und nichts mehr von ihnen wissen,
Und wenn die Denkmäler der Toten ohne Unterschied ü b e r a l l aufgestellt würden, selbst in dem Zimmer, wo ich esse oder schlafe, so wäre es mir recht,
Und wenn der Leichnam eines Menschen, den ich liebe, oder mein eigener Leichnam einst zu Staub gemacht und verstreut würde ins Meer, so wäre es mir recht,
Oder wenn er in alle Winde verweht würde, so wäre es mir recht.


NACHT IN DER PRÄRIE

Nacht in der Prärie,
Das Abendmahl ist vorüber, das Feuer am Boden brennt tief,
Die müden Auswandrer schlafen, in ihre Decken gehüllt;
Ich gehe allein, — ich stehe und sehe zu den Sternen empor, und es ist mir, als hätt ich zuvor sie niemals wirklich gesehen.
Nun nehm ich Unsterblichkeit und Frieden in mich auf,
Nun bewundre ich Vorsehung und Tod.

Wie reich! wie durchgeistigt! wie festgehalten! —

Ich hielt den Tag für das Herrlichste, bis ich sah, was die Nacht mir zeigte,
Dieser Erdball schien mir genug, bis da so lautlos um mich her Myriade anderer Welten hervorsprang.

Nun, da die großen Gedanken von Raum und Ewigkeit mich erfüllen, will ich mich selber an ihnen messen,
Und angehaucht von den Leben anderer Welten, die so weit gekommen wie die der Erde
Oder so weit kommen werden oder schon weiter gekommen sind,
Will ich hinfort nicht weniger sie beachten als mein eigenes Leben
Oder die Leben der Erde, die so weit gekommen sind wie ich, oder so weit kommen werden.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 237] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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O, ich sehe nun, daß das Leben mir nicht alles offenbaren kann, ebenso wie der Tag es nicht kann,
Ich sehe, daß ich warten muß auf das, was der Tod offenbaren wird.


NACHDENKLICH UND STOCKEND

Nachdenklich und stockend
Schreib ich die Worte „Die Toten“,
Denn lebend sind die Toten.
(Vielleicht die einzig Lebenden, einzig Wirklichen,
Und ich die Erscheinung, ich das Gespenst.)


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 238] - - - - - - - - - - - - - - - - - -


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DU RUND DROBEN VOLL BLENDEND

Du Rund droben voll blendend! — Du heißt Oktobermittag!
Überflutend mit grellem Licht den grauen Ufersand,
Die zischend nahe See mit Aussicht weit und Schaum
Und lohfarbenen Streifen und Schatten und breitem Blau;
O flammende Mittagssonne! Zu dir rede ich laut!

Höre mich, Herrliche!
Deinen Liebenden mich, denn immer habe ich dich geliebt,
Als Säugling selbst, in die Sonne gesetzt, oder als glücklicher Knabe, allein am Rand eines Hains, allein mit deinen fern-nahen Strahlen,
Oder als reifer Mann, jung oder alt, — so wie ich jetzt meinen Ruf zu dir sende.

(Du kannst mir nicht trügen, du Stumme,
Ich weiß, dem rechten Mann ergibt sich die Natur,
Obschon nicht mit Worten erwidernd, hören die Himmel doch, die Bäume seine Stimme, — und du, o Sonne,
Mit deinen Wehen, Unruhen, jähen Ausbrüchen und Lodern riesiger Flammen, —
Ich verstehe sie, ich kenne diese Flammen, diese Unruhen wohl.)

Du, die du mit befruchtender Glut und Licht
Über Myriaden Farmen, über Land und Wasser in Nord und Süd,
Über Mississippis endlosen Lauf, über Texas' grasige Ebenen, Kanadas Wälder,
Über den ganzen Erdkreis, der dir im Raume Scheinenden sich zukehrt, —
Die du ohne Unterschied alles umfängst, nicht nur Festland und Meere,


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 239] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Die du Trauben und Samenkörnern und kleinen wilden Blumen so reichlich spendest,
Ergieße, ergieße dich über mich und das Meine, nur mit einem flüchtigen Strahl aus deinen Millionen Millionen
Flamme durch diese Lieder!

Aber nicht ihnen allein spende deinen reinen Glanz und deine Kraft,
Bereite mir selbst den späteren Nachmittag, — bereite meine länger werdenden Schatten,
Bereite meine sternerfüllten Nächte.



GESICHTER


1

Wenn ich über das Pflaster schlendre oder reite den Feldweg entlang, — sieh, diese Gesichter!
Gesichter der Freundschaft, Entschlossenheit, Vorsicht, Milde, Idealität,
Das Gesicht, das in geistige Fernen schaut, das immer willkommne gutmütige Alltagsgesicht,
Das Gesicht des Sängers beim Singen, die starken Gesichter geborener Anwälte und Richter mit breitem Schädel dahinter,
Die Gesichter von Jägern und Fischern mit vorspringenden Brauen, die glattrasierten, gebleichten Gesichter strenggläubiger Bürger,
Das reine, hochgespannte, suchende, fragende Künstlergesicht,
Das häßliche Gesicht einer schönen Seele, das schöne Gesicht, das Verachtung und Abscheu getroffen,
Die geweihten Gesichter von Unmündigen, das lichterfüllte Gesicht der Mutter vieler Kinder,
Das Gesicht einer Liebe, das Gesicht der Verehrung,
Das Gesicht wie aus Alptraum, Gesicht eines unbeweglichen Felsens,
Das Gesicht, dem sein Gutes wie Schlechtes geraubt ist, ein kastriertes Gesicht,
Ein wilder Falk, dem die Schwingen beschnitten,
Ein Hengst, der sich endlich der Zange und dem Messer des Beschneiders ergab.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 240] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Wenn ich so übers Pflaster schlendre oder auf niemals ruhender Fähre fahre, — Gesichter, Gesichter, Gesichter,
Ich sehe sie und beklage mich nicht und bin zufrieden mit allen.


2

Meinst du, ich könnte mit allen zufrieden sein, wenn ich glaubte, sie seien ihr eignes Finale?

Dies hier ist ein allzu jämmerliches Gesicht für einen Menschen,
Eine scheußliche Laus, die um Vergebung kriecht dafür, daß sie lebt,
Eine milchnasige Made, die dankbar ist, wenn sie sich in ihr Loch winden darf.

Dieses Gesicht ist eine Hundeschnauze, nach Abfall schnüffelnd,
Schlangen nisten in diesem Mund, ich höre ihr drohendes Zischen.

Dieses Gesicht ist ein Nebel, kälter als arktische See,
Die schläfrigen, wankenden Eisberge knirschen auf ihrer Fahrt.

Dies ist ein bittres Kräutergesicht, dieses ein Brechmittel, es bedarf keiner Aufschrift,
Und noch anderes aus dem Drogenschrank, Laudanum, Kautschuk, Talg.

Dies ist eines Fallsüchtigen Gesicht, seine wortlose Zunge lallt unheimlichen Schrei,
Seine Adern schwellen am Hals hinab, seine Augen rollen, bis nur noch das Weiße zu sehn ist,
Seine Zähne knirschen, die Flächen der Hände werden zerschnitten von den verkrallten Nägeln,
Der Mensch fällt zuckend und schäumend zu Boden, während er klar bei Bewußtsein ist.

Dieses Gesicht ist gebissen von Ungeziefer und Würmern,
Und dieses ist eines Mörders Messer, halb aus der Scheide gezogen.

Dies Gesicht schuldet dem Totengräber schaurigsten Sold,
Eine unablässige Totenglocke läutet in ihm.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 241] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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3

Angesichter von meinesgleichen, wollt ihr mich täuschen mit eurem verzerrten Leichenzug?
O ihr könnt mich nicht täuschen!
Ich seh euer unzerstörtes, volles Rund,
Ich sehe hinter die Ränder eurer verstörten, widrigen Masken.

Verrenkt und windet euch, wie ihr wollt, stoßt um euch mit euern wirren Rattenund Fischköpfen,
Der Maulkorb wird euch abgenommen, des seid gewiß.

Ich sah das Gesicht des schmierigsten, geiferndsten Trottels, den sie im Irrenhaus hatten,
Und ich wußte zu meinem Trost, was sie nicht wußten,
Ich kannte die Mächte, die meinen Bruder ausgezehrt und gebrochen hatten;
Dieselben Mächte warten darauf, den Schutt des gestürzten Hauses hinwegzuräumen,
Und ich will wieder schauen nach ihm in zehn oder zwanzig Jahren
Und werde den wahren Herren des Hauses treffen, vollkommen und unversehrt, jeder Zoll so gut wie ich selbst.


4

Der Herr schreitet vorwärts und immer vorwärts,
Immer geht ihm der Schatten voraus, immer führt er an ausgestreckter Hand die Nachzügler heran.

Banner und Rosse tauchen empor aus diesem Gesicht, — o herrlich, ich sehe, was kommt,
Ich sehe die hohen Helme der Bahnbrecher, sehe Trupps von Läufern den Weg bereiten,
Ich höre siegreiche Trommeln.

Dieses Gesicht ist ein Rettungsboot,
Dies ist ein Gesicht, gebietend und bärtig, es will keinen Vorteil vor andern,
Dieses Gesicht ist würzige Frucht, bereit, genossen zu werden,


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 242] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Dieses Gesicht eines braven, gesunden Burschen ist das Programm alles Guten.
Diese Gesichter geben Zeugnis in Schlaf oder Wachen,
Sie zeigen ihre Herkunft vom Meister selbst.

Das Wort, das ich gesprochen, gilt für alle, — rot, weiß, schwarz, sie alle gebären Gott,
In jedem Haus ist das ovum, es kommt nach tausend Jahren ans Licht.

Flecken und Risse an den Fenstern stören mich nicht,
Alles Hohe und Herrliche steht dahinter und gibt mir Zeichen,
Ich deute das Versprechen und warte geduldig.

Dies ist einer vollerblühten Lilie Antlitz,
Sie spricht zu dem schlankhüftigen Mann an den Gartenpfosten,
„Komm,“ ruft sie errötend, „komm nahe zu mir, schlankhüftiger Mann,
Bleib neben mir stehn, daß ich mich an dich schmiege, so hoch ich kann,
Füll mich mit weißem Honig, neige dich her zu mir,
Streif mich mit deinem rauhen Bart, streife an meine Brust und Schultern.“


5

Das alte Gesicht der Mutter vieler Kinder,
Still! ich bin tief zufrieden.

Still und spät ist der Dunst des frühen Morgens,
Er hängt tief über die Reihe der Bäume am Zaun,
Hängt dünn um den Sassafras, die wilde Kirsche, den Dornbusch darunter.

Ich sah die reichen Damen in festlicher Kleidung bei der Abendgesellschaft,
Ich hörte, was die Sänger seit je besangen,
Hörte, wer in purpurner Jugend aus weißem Schaum und Wasserblau sprang.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 243] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Siehe, ein Weib!
Sie schaut aus ihrer Quäkerhaube hervor, ihr Antlitz ist klarer und schöner als der Himmel.

Sie sitzt in einem Lehnstuhl unter dem schattigen Eingang des Farmhauses,
Die Sonne scheint just auf ihr altes weißes Haupt.

Ihr weites Gewand ist aus elfenbeinfarbenem Linnen,
Ihre Enkelsöhne zogen den Flachs, ihre Enkeltöchter spannen ihn mit Rocken und Rad:

Das harmonische Wesensbild der Erde,
Die Vollendung, über die keine Philosophie hinausgehen kann noch will,
Die rechte Mutter der Menschen.



EXCELSIOR

Wer ist am weitesten gegangen? denn ich gehe noch weiter,
Und wer war gerecht? denn ich bin der Gerechteste auf Erden,
Und wer war am bedachtsamsten? denn ich bin noch bedachtsamer,
Und wer war am glücklichsten? denn ich glaube, das bin ich, — ich glaube, niemand war jemals glücklicher als ich,
Und wer hat alles vergeudet? denn ich vergeude beständig das Beste, was ich habe,
Und wer war am stolzesten? denn ich glaube, ich habe ein Recht, der stolzeste aller Söhne auf Erden zu sein, — denn ich bin der Sohn der athletischen, hochhäusrigen Stadt,
Und wer war kühn und treu? denn ich bin das kühnste und treuste Geschöpf des Weltalls,
Und wer gütig? denn ich spende mehr Güte als alle anderen,
Und wer empfing die Liebe der meisten Freunde? denn ich weiß, was es heißt, die leidenschaftliche Liebe vieler Freunde zu empfangen,
Und wer besitzt einen vollkommenen und liebenden Leib? denn ich glaube nicht, daß irgend jemand einen vollkommeneren und liebenderen Leib besitzt als ich,
Und wer denkt die weitesten Gedanken? denn ich umspanne diese Gedanken,


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Und wer hat die rechten Hymnen gesungen für die Erde? denn ich bin rasend vor verzehrender Lust, freudige Hymnen für die ganze Erde zu singen.



ALTE KRIEGSTRÄUME

Im Mitternachtsschlaf von manchem Gesicht in Angst,
Von dem ersten Blick der zu Tode Getroffnen (von diesem unbeschreiblichen Blick),
Von den Toten auf ihren Rücken, mit Armen weitgespreizt,
Träume ich, träume ich, träume ich.

Von Bildern der Landschaft, Feldern und Bergen,
Von Himmeln, nach dem Gewitter so schön, und nachts von dem Monde, überirdisch klar,
Hold scheinend, niederscheinend, wo wir die Gräber schaufeln und Haufen schichten,
Träume ich, träume ich, träume ich.

Lange sind sie dahin, Gesichter und Gräber und Felder,
Wo ich verhärteten Angesichts durch das Gemetzel schritt oder vorwärts und weg
Von den Gefallenen stürmte, — doch jetzt von ihren Gestalten bei Nacht
Träume ich, träume ich, träume ich.



KLARE MITTERNACHT

Dies ist deine Stunde, o Seele, dein freier Flug in das Wortlose,
Fort von Büchern, fort von der Kunst, der Tag ausgelöscht, die Arbeit getan,
Du, ganz emportauchend, lautlos, schauend, den Dingen nachsinnend, die du am meisten liebst:
Nacht, Schlaf, Tod und die Sterne.



ASCHE VON KRIEGERN

Asche von Kriegern aus Süd und Nord!
Da, in Erinnerung verloren, ein Lied in Gedanken ich summe,


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Erhebt sich aufs neue der Kampf, erheben aufs neue vor meinem Geist sich eure Gestalten,
Aufs neue der Sturm der Heere.

Lautlos wie Nebel und Dunst
Empor aus den Gräbern in Schützengräben,
Von Grabfeldern her aus ganz Virginia und Tennessee,
Von jeder Richtung der Windrose aus den zahllosen Gräbern hervor,
In wehenden Wolken, in Myriaden breit, in Trupps zu zweit und dritt oder einzeln kommen sie
Und sammeln sich schweigend um mich.

Nun blast keinen Ton, Trompeter,
Keinen Laut meinen Reitern voran, die auf feurigen Rossen einherziehn,
Die blitzenden Säbel gezogen und Karabiner am Schenkel (ach meine braunen Reiter,
Meine schönen braunen Reiter! o wie war Leben, Lust und Stolz
Mit aller Fährnis euer!).

Und Trommler ihr, weder Reveille im Morgengrau,
Noch lang hinrollenden Alarm, noch auch gedämpften Trommelschlag, —
Nichts dieses Mal von euch, o meine Trommler, die ihr Krieges Trommeln tragt!
Doch abseits hier vom Markte des Reichtums und Promenadengewühl,
Zulassend rings um mich Kameraden dicht, unsichtbar den andern und stumm, —
Die Erschlagenen wieder hoch und lebendig, Staub und Überrest wieder lebendig, —
Singe ich diesen Gesang meiner schweigenden Seele im Namen aller toten Soldaten.
Gesichter, so fahl, mit seltsamen Augen, heißgeliebte, drängt euch noch näher,
Nahe kommt, doch redet nicht.


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Phantome zahlloser Toten,
Unsichtbar andern, seid mir Begleiter fortan,
Folgt mir für immer, — verlaßt mich nicht, solange ich lebe.

Süß sind die blühenden Wangen der Lebenden — süß der melodische Laut der Stimmen,
Doch süß, ach süß sind die Toten mit ihren Augen stumm.

Teure Gefährten, alles ist hin und lange vorbei,
Aber Liebe ist nicht dahin, — und welche Liebe, o Kameraden!
Duft von Schlachtfeldern steigend, empor aus Verwesung steigend.

So durchdufte meinen Gesang, o Liebe, unsterbliche Liebe,
Gib aller toten Krieger Gedächtnis mir, daß ich es bade,
Hülle sie, salbe sie, decke sie alle mit zärtlichem Stolz.

Durchdufte alle, heile sie alle,
Laß ihre Asche fruchtbar werden und blühn,
O Liebe, löse sie alle, befruchte sie alle mir letzter Heilkraft.

Gib mir unerschöpflich, mach mich zum Springquell,
Daß ich Liebe ausstäube, wo immer ich gehe, wie unablässigen Tau
Für aller toten Krieger Asche Süd und Nord.



ICH HÖRTE DIE ALLMUTTER

Ich hörte die Allmutter, als sie gedankenvoll auf ihre Toten schaute,
Verzweifelt auf die verzerrten Leiber, auf die Gestalten schaute, die das Schlachtfeld deckten
(Als das letzte Geschütz verstummt war und nur der Geruch des Pulvers noch blieb),
Als ihrer Erde sie zurief mit klagender Stimme, indes sie dahinschritt:
„Nimm sie wohl auf, o meine Erde,“ rief sie, „ich trage dir auf, meine Söhne nicht zu verlieren, nicht ein Atom zu verlieren;
Und ihr Ströme, nehmt sie wohl auf, nehmt auf ihr teures Blut,
Und ihr Stätten hier und dort und Lüfte, die ihr droben leicht unfühlbar schwimmt,
Und all ihr Säfte von Erdreich und Wachstum und ihr meiner Flüsse Tiefen


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Und Bergflanken ihr und Waldung, die meiner lieben Kinder sickerndes Blut gerötet,
Und Bäume ihr, hinab in eure Wurzeln, allen zukünftigen Bäumen sie zu vermachen,
Nehmt meine Toten auf, ob Süd oder Nord, — meiner Jünglinge Leiber nehmt auf und ihr teures, teures Blut,
Bewahrt es treu für mich, um es mir wiederzugeben dereinst nach vielen Jahren,
In unsichtbarer Würze und Duft von Boden und Gras, nach Jahrhunderten,
In wehender Luft von den Feldern gebt meine Lieblinge mir zurück, meine unsterblichen Helden,
Haucht sie mir zu nach Jahrhunderten, atmet mir ihren Atem, laßt kein Atom verlorengehn,
O Jahre und Gräber! O Luft und Boden! O meine Toten, Arom so süß!
Hauche sie aus, ewiger süßer Tod, nach Jahren, Jahrhunderten!



JUGEND, TAG, ALTER UND NACHT

Jugend, laut, lustvoll, liebend, — Jugend voller Anmut, Kraft, Zauber,
Weißt du, daß das Alter nach dir kommen mag mit ebensoviel Anmut, Kraft, Zauber?

Tag volltönend und strahlend, — Tag der ungeheuren Sonne, voll Tätigkeit, Ehrgeiz, Lachen:
Die Nacht folgt dir dicht mir Millionen von Sonnen und Schlaf und stärkendem Dunkel.



GROSS IST DAS SICHTBARE

Groß ist das Sichtbare für mich, das Licht, — groß sind Himmel und Sterne,
Groß ist die Erde, groß die Dauernden: Zeit und Raum,
Und groß ihre Gesetze, so vielfach, rätselhaft, voller Drang zur Entwicklung;
Doch größer viel ist meine unsichtbare Seele, die alles dies begreift und erfüllt,


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Die das Licht, den Himmel und die Sterne entzündet, die Erde durchgräbt und die See durchfährt.
(Was wären denn alle diese ohne dich, unsichtbare Seele? Welchen Wert hätten sie ohne dich?)
Viel drängender nach Entwicklung, viel weiter, rätselhafter, o meine Seele,
Viel mannigfacher und dauernder du als sie!



GESANG BEI SONNENUNTERGANG

Leuchten verendeten Tags flutet und füllt mich,
Prophetische Stunde, Vergangenheit schauende Stunde,
Meine Kehle weitend, singe ich dich, erhabener Alltag,
Dich, Erde und Leben, solange der letzte Strahl noch glüht.

Offener Mund meiner Seele, Freude verkündend!
Augen ihr meiner Seele, Vollendung schauend!
Leben in mir, naturhaft, das treulich die Dinge preist,
Triumph aller Dinge für ewig bejaht!

Glorreich ist alles!
Glorreich, was Raum heißt, Sphäre unzähliger Geister,
Glorreich das Rätsel Bewegung in allen Wesen, selbst in dem winzigsten Insekt,
Glorreich die Gabe der Sprache, die Sinne, der Leib,
Glorreich das gleitende Licht, — glorreich der blasse Widerschein auf dem neuen Mond im westlichen Himmel,
Glorreich was immer ich sehe, höre, berühre, bis zuletzt.

Gutes in allem, —
In der Zufriedenheit und Würde der Tiere,
In der Wiederkehr der Zeiten des Jahrs,
In der Heiterkeit der Jugend,
In der Stärke und Frische der Mannheit,
In der Hoheit und Zartheit des Alters,
In dem herrlichen Blick in den Tod.
Wundervoll, hinzuscheiden!
Wundervoll, hier zu sein!
Im Herzschlag zu treiben das all-gleiche, unschuldige Blut!
Die Luft zu atmen, wie köstlich!


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Zu reden — zu gehen — etwas mit der Hand zu ergreifen!
Sich zu bereiten für Schlaf und Bett, auf mein rosenfarbenes Fleisch zu blicken!
Bewußt zu sein meines Körpers, so breit und zufrieden!
Dieser unbegreifliche Gott zu sein, der ich bin!
Gewandelt zu sein unter anderen Göttern, den Männern und Fraun, die ich liebe.

Wundervoll, wie ich dich und mich selber preise!
Wie meine Gedanken innig spielen um die Erscheinungen ringsumher!
Wie die Wolken schweigend droben vorüberziehn!
Wie die Erde dahinfliegt fort und fort! und wie Sonne, Mond, Sterne dahinfliegen fort und fort!
Wie das Wasser spielt und singt (sicherlich ist es lebendig!),
Wie die Bäume wachsen und ragen mit starken Stämmen, mit Ästen und Laub!
(Sicherlich steckt in jedem der Bäume noch mehr, eine lebende Seele.)

O Wunder der Dinge, — auch des geringsten Teils!
O Geist der Dinge!
O Melodie, die durch Zeiten und Länder strömt und jetzt zu mir und Amerika kommt!
Ich nehme deine starken Akkorde auf, verwebe sie und sende sie fröhlich weiter.

Auch ich singe die Sonne, vor Aufgang oder um Mittag oder, wie jetzt, wenn sie sinkt,
Auch ich pulsiere mit Geist und Schönheit der Erde und alles Wachstums der Erde,
Auch ich habe den unwiderstehlichen Ruf meiner selbst gefühlt.

Da ich dampfte den Mississippi hinab,
Da ich wanderte über die Steppen,
Da ich lebte und schaute durch die Fenster meiner Augen,
Da ich ausging im Morgen und das Licht sah, das in dem Osten brach,
Da ich badete auf dem Strand der östlichen See und wiederum auf dem Strand der westlichen See,


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Da ich strich durch die Straßen von Binnland-Chikago, — durch welche Straßen immer ich strich,
Oder Städte und Wälder, oder mitten in Bildern des Kriegs,
Wo immer ich war, habe ich mich befrachtet mit Befriedigung und Triumph.

Ich singe bis zuletzt die Gleichheit von Neu oder Alt,
Ich singe allen Dingen das Finale ihrer Unendlichkeit,
Ich sage, Natur bleibt bestehn und alle Herrlichkeit bleibt bestehn,
Ich lobsinge mit elektrischer Stimme,
Denn ich sehe nicht e i n e Unvollkommenheit im Weltall,
Und ich sehe nicht e i n e Ursache oder Wirkung im Weltall, die zu beklagen wäre.

O sinkende Sonne! Obwohl meine Stunde erfüllt ist,
Schmettre ich doch unter dir, wenn keiner es tut, unbändige Gebete.



LEB WOHL!

Zum Schluß verkünde ich, was nach mir kommt.
Ich weiß, eh meine Halme noch sproßten, sagte ich,
Ich würde meine Stimme froh und stark erheben, Vollendung kündend.
Wenn Amerika erfüllt, was es verspricht,
Wenn durch diese Staaten hundert Millionen herrlicher Menschen schreiten
Und die übrigen danach streben, ebenfalls herrliche Menschen zu werden,
Wenn stolze Brut vollkommenster Mütter Amerikas Merkmal ist,
Dann mir und den Meinen verdienter Lohn!

Ich habe mich durchgesetzt kraft eigenen Rechts,
Ich habe den Leib und die Seele gesungen, Krieg und Frieden gesungen und die Gesänge von Leben und Tod
Und die Gesänge der Geburt, und habe gezeigt, daß vielerlei Geburten sind.
Ich habe mein Wesen jedermann dargeboten, ich bin gewandelt mit zuversichtlichem Schritt;


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Indes meine Lust noch in Fülle steht, flüstere ich: Leb wohl!
Und nehme des jungen Weibes Hand und des jungen Mannes Hand zum letztenmal.

Ich verkünde natürliche Menschen, die kommen werden,
Ich verkünde Triumph der Gerechtigkeit,
Ich verkünde unbestechliche Freiheit und Gleichheit,
Ich verkünde die Rechtfertigung von Reinheit und Stolz.
Ich verkünde, daß dieser Staaten Einheit nur eine vereinzelte Einheit ist,
Ich verkünde einen Bund, immer fester und unauflösbar,
Ich verkünde Glanz und Herrlichkeiten, vor denen alle frühere Staatsweisheit der Erde verblassen wird.

Ich verkünde Gemeinschaft, ich sage, sie wird ungelockert und grenzenlos sein,
Ich sage, du wirst den Freund finden, nach dem du suchtest.

Ich verkünde den Mann und das Weib, das kommen wird, vielleicht bist du es (leb wohl!).
Ich verkünde die große Persönlichkeit, strömend wie die Natur, keusch, zärtlich, mitfühlend, gegen alles gewaffnet.
Ich verkünde ein Leben, das völlig sein wird, leidenschaftlich, geistig, kühn,
Ich verkünde ein Ende, das leicht und freudig seine Wandlung hinnehmen wird.

Ich verkünde Myriaden von Jünglingen, schön, gewaltig, süßen Bluts,
Ich verkünde eine Rasse herrlicher und wilder Greise.

O dichter und schneller — (Lebt wohl!)
O zu nah um mich drängend,
Ich sehe zu viel, es gilt mehr als ich dachte,
Ich begreife, daß ich sterbe.

Eile dich, Kehle, und gib deinen letzten Laut,
Grüße mich — grüße den Tag noch einmal. Erhebe den alten Ruf noch einmal.
Bebenden Schreis, die Luft nützend,
Hin und her schauend alles, was ich sehe, einsaugend


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Eil ich dahin, dann wieder ein wenig verweilend,
Seltsam verhüllte Botschaft bringend,
Funken heiß, himmlische Saat hinstreuend in den Schmutz,
Fremd mir selbst, gehorsam meinem Auftrag, ohne zu fragen,
Jahrtausenden das Wachstum der Saat überlassend,
Scharen, die aus dem Kampfe tauchen und fortpflanzen, was ich gewollt;
Frauen Flüsterworte über mich selber vermachend, ihnen, deren Liebe mich klarer und verständlicher macht,
Jünglingen meine Probleme bietend — kein Schwätzer ich — Versucher ich der Stärke ihres Hirns —
So geh ich dahin, eine kleine Weile vernehmbar, sichtbar, gegensätzlich,
Danach ein melodisches Echo, leidenschaftlich belauscht (da Tod mich wahrhaft unsterblich macht),
Mein Bestes dann, wenn ich nicht mehr sichtbar bin, denn daraufhin habe ich unablässig gestrebt.

Was ist es, daß ich erlahme, und innehalte, und mich dahinstrecke mit ungeschlossenem Mund?
Gibt es ein einziges Lebewohl für immer?

Meine Lieder enden, ich lasse sie,
Hinter dem Schutz, der mich verborgen, komme ich selber, ganz allein, hervor und auf dich zu.

Camerado, dies ist kein Buch,
Wer dies berührt, berührt einen Mann,
(Ist's Nacht? Sind wir allein zusammen?)
I c h bin es, den du hältst und der dich hält,
Aus diesen Seiten spring ich in deine Arme — Tod ruft mich hervor.
O wie deine Finger mir schmeicheln,
Dein Atem fällt um mich wie Tau, dein Pulsschlag lullt mein Ohr,
Versunken fühl ich mich von Kopf bis Fuß —
So hold — genug.
Genug, o Geschehen flüchtig und unfaßbar,
Genug, o gleitendes Jetzt — o aufgestautes Einst!


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Mein teurer Freund, wer du auch seist, nimm diesen Kuß,
Ich gebe ihn dir besonders, vergiß mich nicht.

Mir ist wie einem, der nach getanem Tagewerk sich eine Weile zurückzieht,
Meiner vielen Wandlungen eine steht mir bevor, ich steige empor aus meiner Menschwerdung, wieder neuen Formen zu,
Eine unbekannte Sphäre, wirklicher als ich träumte, unmittelbarer, wirft erweckende Strahlen um mich — Leb wohl!
Gedenke meiner Worte, vielleicht komm ich wieder,
Ich liebe dich, ich scheide von der Welt des Stoffs,
Ich bin gleich wie entkörpert, triumphierend, tot.


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INHALT


Vorbemerkung. . . . . . . . . . . . . . .

1

Widmungen

     Ich singe das Selbst. . . . . . . . . . . .

3

     Als ich in Schweigen sann. . . . . . . . . . . . . .

3

     An fremde Länder. . . . . . . . . .

4

     An einen Historiker. . . . . . . . . .

4

     An einen Sängerin. . . . . . . . . . . .

4

     Schließt eure Türen nicht. . . . . . . . . . . . . .

5

     Dichter der Zukunft. . . . . . . . . . . . .

5

     An Dich. . . . . . . . . . . . .

5

     Du Leser. . .

5

Von Paumanok kommend. . . . . . . . . . . . .

6

Gesang von mir selbst. . . . . . . . . . . . . .

20

Kinder Adams

     Zu dem Garten Welt. . . . . . . . . . . . . . .

85

     Aus schmerzhaft aufgestauten Strömen. . . . . . . . . . . . . . . . . .

85

     Ich singe den Leib, den elektrischen. . . . . . . . . . . .

87

     Ein Weib wartet auf mich. . . . . . . . . . . . . . . .

96

     Selbstherrliches Ich. . . . . . . . . . . .

98

     Eine Stunde rasender Lust. . . . . . . . . . . .

100

     Aus dem Gewühl des rollenden Ozeans. . . . . . . . . . . .

101

     Der ich von Äonen zu Äonen wiederkehre. . . . . . . . . . . .

102

     Wir zwei. . . . . . . . . . . .

102

     O Hymen! O Hymenäus. . . . . . . . . . . .

103

     Ich bin, der Schmerzen leidet. . . . . . . . . . . .

103

     Urgefühle. . . . . . . . . . . .

103

     Einst kam ich durch eine volkreiche Stadt. . . . . . . . . . . .

104

     Ich hörte euch, feierlich-süße Pfeifen der Orgel. . . . . . . . . . . .

104

     Wie Adam früh am Morgen. . . . . . . . . . . .

105



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Calamus

    Auf unbegangenen Pfaden. . . . . . . . . . . .

106

     Duftendes Gras meiner Brust. . . . . . . . . . . .

106

     Wer Du auch seist, der mich jetzt in Händen hält. . . . . . . . . . . .

108

     Für Dich, o Demokratie. . . . . . . . . . . .

110

     Dies pflücke ich, singend im Frühling. . . . . . . . . . . .

111

     Die furchtbare Ungewißheit der Erscheinungen. . . . . . . . . . . .

112

     Die Grundlage aller Metaphysik. . . . . . . . . . . .

113

     Ihr, die ihr Kunde gebt von mir dereinst. . . . . . . . . . . .

113

     Als ich am Schlusse des Tages hörte. . . . . . . . . . . .

114

     Bist du der Neuling. . . . . . . . . . . .

115

     Wurzeln und Halme sind dies nur. . . . . . . . . . . .

115

     Keine Glut, aufflammend und verzehrend. . . . . . . . . . . .

116

     Rinnt, Tropfen. . . . . . . . . . . .

116

     An einen Fremden. . . . . . . . . . . .

117

     Wie ich hier sitze gedankenund sehnsuchtsvoll. . . . . . . . . . . .

117

     Ich höre, daß man mich anklagt. . . . . . . . . . . .

118

     Das Präriegras durchschreitend. . . . . . . . . . . .

119

     Wenn ich höre von dem Ruhm. . . . . . . . . . . .

119

     Hier meine zartesten Halme. . . . . . . . . . . .

119

     Keine arbeitsparende Maschine. . . . . . . . . . . .

119

     Ich träumte in einem Traum. . . . . . . . . . . .

120

     An einen Knaben aus dem Westen. . . . . . . . . . . .

120

     Fest verankert und ewig, o Liebe. . . . . . . . . . . .

120

     Dieser Schatten, mein Ebenbild. . . . . . . . . . . .

120

     Voll Leben jetzt. . . . . . . . . . . .

121

Salut au Monde. . . . . . . . . . . .

122

Auf der Brooklyn-Fähre. . . . . . . . . . . .

132

Ein Gesang der Freuden. . . . . . . . . . . .

138

Gesang vom Beil. . . . . . . . . . . .

146

Gesang vom Rotholzbaum. . . . . . . . . . . .

158

Ein Gesang von der rollenden Erde. . . . . . . . . . . .

162

An Dich. . . . . . . . . . . .

168

Seetrieb

     Aus der ewig schaukelnden Wiege. . . . . . . . . . . .

171

     Tränen. . . . . . . . . . . .

177



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     An den Fregattvogel. . . . . . . . . . . .

178

     Am Strande bei Nacht. . . . . . . . . . . .

179

Ein Handspiegel. . . . . . . . . . . .

181

Ich sitze und schaue aus. . . . . . . . . . . .

181

Trommelschläge

     Des Hundertjährigen Erzählung. . . . . . . . . . . .

183

     Bei des Biwaks flackernder Flamme. . . . . . . . . . . .

188

     Seltsame Wacht hielt ich im Feld eines Nachts. . . . . . . . . . . .

188

     Ein Marsch im Glied. . . . . . . . . . . .

189

     Ein Gesicht im Lager bei Tagesanbruch. . . . . . . . . . . .

191

     Der Wundpfleger. . . . . . . . . . . .

191

     Gib mir die strahlende, schweigende Sonne. . . . . . . . . . . .

194

     Nicht Jugend ist mein. . . . . . . . . . . .

196

     Sieh nieder, reiner Mond. . . . . . . . . . . .

197

     An einen Bürger. . . . . . . . . . . .

197

     Stehe, Siegerin auf den Gipfeln. . . . . . . . . . . .

197

     Andenken an Präsident Lincoln. . . . . . . . . . . .

198

Beim Leichenhaus der Stadt. . . . . . . . . . . .

207

Ihr Übeltäter vor Gericht. . . . . . . . . . . .

208

An eine Straßendirne. . . . . . . . . . . .

208

Was bin ich am Ende. . . . . . . . . . . .

209

Durchfahrt nach Indien. . . . . . . . . . . .

209

Gebet des Columbus. . . . . . . . . . . .

219

Die Schläfer. . . . . . . . . . . .

222

Geflüster vom himmlischen Tode

     Wagst du nun, o Seele. . . . . . . . . . . .

232

     Geflüster vom himmlischen Tode. . . . . . . . . . . .

232

     Ich singe das gottschaffende Quadrat. . . . . . . . . . . .

233

     Von ihm, den ich liebe. . . . . . . . . . . .

235

     Nacht in der Prärie. . . . . . . . . . . .

236

     Nachdenklich und stockend. . . . . . . . . . . .

237

Du Rund droben voll blendend. . . . . . . . . . . .

238

Gesichter. . . . . . . . . . . .

239

Excelsior. . . . . . . . . . . .

243

Alte Kriegsträume. . . . . . . . . . . .

244

Klare Mitternacht. . . . . . . . . . . .

244



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Asche von Kriegern. . . . . . . . . . . .

244

Ich hörte die Allmutter. . . . . . . . . . . .

246

Jugend, Tag, Alter und Nacht. . . . . . . . . . . .

247

Groß ist das Sichtbare. . . . . . . . . . . .

247

Gesang bei Sonnenuntergang. . . . . . . . . . . .

248

Leb wohl!. . . . . . . . . . . .

250



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