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German Editions



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Walt Whitmans Werk
in zwei Bänden
Zweiter Band

1922

S. Fischer Verlag

Berlin



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Ausgewählt, übertragen und eingeleitet von
Hans Reisiger

Erste bis vierte Auflage
Alle Rechte vorbehalten



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GRASHALME


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VORBEMERKUNG

Die Gestalt, in der uns Walt Whitman die „Grashalme“, sein dichterisches Lebenswerk, hinterlassen hat, ist die der 10. Auflage (1891, Philadelphia, bei McKay. — Die 11. Auflage ist, nach Whitmans Tod, bei Small, Maynard & Comp., Boston 1897, erschienen).

Die „Grashalme“ wuchsen sich im Laufe von Whitmans Leben von dem schmalen Bändchen der Erstausgabe allmählich zu dem starken Band der Ausgabe letzter Hand aus. Einzelne Gedichtkomplexe wurden zunächst in Einzelbroschüren unter besonderen Titeln, zum Teil mit Prosaaufsätzen vermischt, veröffenlicht und späterhin in die „Grashalme“ eingegliedert, wobei für W. keinerlei chronologische Gesichtspunkte maßgebend waren, da Plan und Geist seiner Dichtung von Anfang an der gleiche blieb und spätere Gedichte nur in die weiten Maschen dieses Planes eingewirkt wurden, so daß zum Beispiel Gesänge, die in der letzten Ausgabe mit vollem innerem Recht am Schluß stehen, wie etwa das „Lebwohl“, bereits aus seiner ersten Zeit, aus seinen vierziger Jahren stammen. Man kann übrigens nicht sagen, daß Whitman bei dieser Art von Kompilation immer eine glückliche Hand gehabt habe.

Die Erstausgabe erschien 1855 im Selbstverlag, Brooklyn, New York, 95 Seiten stark. Die zweite ebenfalls im Selbstverlag, New York 1856. 1860 folgte die 3. Auflage, die zum erstenmal einen Verleger fand, Thayer & Eldridge, Boston.

Während der Jahre des Sezessionskrieges, 1862—64, schrieb Whitman die „Drum-Taps“ („Trommelschläge“), die er 1865 als Sonderdruck im Selbstverlag, New York , und 1867 zusammen mit der 4. Auflage der „Grashalme“ (New York, Selbstverlag) veröffentlichte.

1871 gab er den Gesang „Passage to India“ („Durchfahrt nach Indien“) im Selbstverlag in Washington als Sonderdruck heraus, den er noch in demselben Jahre in die 5. Auflage der „Grashalme“ (Washington, Selbstverlag) aufnahm.

1872 folgte ein Bändchen Gedichte unter dem Titel „As a Strong Bird on Pinions free“ („Wie ein starker Vogel auf Schwingen frei“) ebenfalls im Selbstverlag, Washington.



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1876 erschien die sechste, die Zentenarauflage der „Grashalme“ und ein aus Gedichten und Prosa gemischtes Bändchen „November-Boughs“ („Novemberzweige“; ebenda) und eine einbändige Gesamtausgabe „Complete Poems and Prose“, von Whitman selbst verlegt und vertrieben.

1889 folgte eine Taschenausgabe der „Grashalme“ in beschränkter Auflage als Geburtstagsgabe mit dem Anhang „Sands at Seventy“ (etwa „Augenblicke aus dem Leben eines Siebzigjährigen“).

1891, im Dezember, im Winter vor seinem Todesjahr, erschien als Sonderdruck „Good-bye my Fancy“ („Ade, Phantasie“), aus Gedichten und Prosa gemischt, das noch im gleichen Jahr als zweites Anhängsel in die 10. Auflage der „Grashalme“ aufgenommen wurde (McKay, Philadelphia).

Nach Whitmans Tod erschien im Jahre 1897 im Verlage Small, Maynard & Co. die vorerwähnte 11. Auflage, die als drittes und letztes Anhängsel die posthume kleine Sammlung „Old Age Echoes“ („Nachhall aus dem Alter“) enthielt.

Die gegenwärtigen Verhältnisse erlaubten es nicht, eine deutsche Gesamtausgabe des umfangreichen und auch durchaus nicht innerlich gleichwertigen Werkes zu veranstalten. Immerhin ist diese Neuausgabe meiner Übertragung um mehr als das Doppelte erweitert und darf den Anspruch erheben, nahezu alles Wesentliche zu enthalten. Trotz der durch die Auswahl entstehenden Lücken bin ich in der Anordnung der Gesänge der letzten Ausgabe gefolgt, nur habe ich ein Gedicht aus dem Annex „Ade, Phantasie“, das Gedicht „Groß ist das Sichtbare“, etwas vorgerückt, da die großen Schlußgesänge unbedingt an das Ende einer geschlossenen Ausgabe gehören.

H. R.



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WIDMUNGEN


ICH SINGE DAS SELBST

Ich singe das Selbst, ein einfach Einzelner,
Doch spreche das Wort „demokratisch“ aus, das Wort „En Masse“.

Ich singe Physiologie vom Scheitel bis zur Sohle,
Nicht Physiognomie noch Hirn allein ist würdig für die Muse,
Ich sage, viel würdiger noch ist die ganze Gestalt,
Ich singe das Weibliche gleichwie das Männliche,

Das Leben, unermeßlich in Leidenschaft, Puls und Kraft,
Freudig, zu freiester Tat geformt nach göttlichem Gesetz,—
Ich singe den modernen Menschen.


ALS ICH IN SCHWEIGEN SANN

Als ich in Schweigen sann
Und langen Blicks zurückschaute auf meine Gedichte,
Erhob sich vor mir mißtrauischer Miene ein Phantom,
Schrecklich in Schönheit, Alter und Kraft,
Der Genius der Dichter der alten Länder,
Richtete seine Augen wie Flammen auf mich,
Deutete mit dem Finger auf viele unsterbliche Lieder
Und sprach mit drohender Stimme: „Was singst du?
Weißt du nicht, daß es nur einen Stoff für unvergängliche Sänger gibt?
Und das ist der Krieg, das Schicksal der Schlachten,
Die Züchtung vollkommener Krieger.“

„Sei es so,“ gab ich zur Antwort,
„Auch ich, hochmütiger Schatten, singe Krieg, und einen längern und größern, als je einer war,“


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Mit wechselndem Glück wogt er in meinem Buch, mit Flucht, Angriff und Rückzug und Sieg in ungewisser Ferne
(Aber am Ende, denk ich, gewiß oder so gut wie gewiß), das Schlachtfeld die Welt,
Um Leben und Tod, um den Leib und um die unsterbliche Seele,—
Sieh, auch ich bin gekommen, Gesang der Schlachten zu singen,
Auch ich züchte vor allem tapfere Krieger.“


AN FREMDE LÄNDER

Ich hörte, daß ihr nach etwas verlangtet, um das Rätsel der Neuen Welt zu lösen
Und euch Amerika zu erklären und seine athletische Demokratie,
Deshalb schick ich euch meine Gedichte, daß ihr in ihnen findet, was ihr verlangt


AN EINEN HISTORIKER

Der du Vergangenheit verherrlichst,
Der du die Außenseite, die Oberfläche der Rassen erforscht hast das Leben, das sich zur Schau stellt,
Der du vom Menschen gehandelt als einem Geschöpfe der Politik, der Gemeinschaft, der Herrscher und Priester,—
Ich, Bewohner der Alleghanies, handle von ihm, wie er ist in sich selbst in seinen eigenen Rechten,
Ich fühle dem Leben den Puls, das sich selten zur Schau stellt (dem großen Stolz des Menschen in sich selbst),
Ich, Sänger der Persönlichkeit,
Entwerfe die Umrisse dessen, was kommt,
Entwerfe die Geschichte der Zukunft.


AN EINE SÄNGERIN

Hier, nimm diese Gabe.
Ich wollte sie aufbewahren für einen Helden, Redner und Feldherrn,
Für einen, der der guten alten Sache dient,
Der großen Idee, dem Fortschritt und der Freiheit der Rasse,
Einen tapfern Tyrannenfeind, einen kühnen Rebellen;
Aber ich sehe, was ich bewahren wollte, kommt dir ebenso zu, wie irgendeinem andern.


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SCHLIESST EURE TÜREN NICHT

Schließt eure Türen nicht vor mir, ihr stolzen Bibliotheken,
Denn was auf allen euern wohlgefüllten Brettern fehlte und doch am meisten not tut, bringe ich;
Auftauchend aus Krieg, hab ich ein Buch gemacht,—
Die Worte meines Buches nichts, sein Wesen alles,
Ein Buch für sich, den andern nicht verwandt, dem Intellekt verschlossen,—
Du aber, unausgesprochnes Geheimnis, wirst jede Seite durchschauern.


DICHTER DER ZUKUNFT

Dichter der Zukunft! Redner, Sänger, Musiker der Zukunft!
Nicht das Heut kann zeugen für mich, noch Antwort geben, wozu ich da bin,
Ihr aber, ein neues Geschlecht, eingeboren, athletisch, kontinental, größer als alle zuvor Gekannten,
Erhebt euch! Denn ihr müßt zeugen für mich.

Ich selber schreibe nur ein oder zwei andeutende Worte für die Zukunft,
Ich trete nur einen Augenblick vor, um mich gleich wieder umzudrehn und wieder ins Dunkel zu tauchen.

Ich bin ein Mann, der lässig dahinschlendert, ohne doch anzuhalten, gelegentlich einen Blick auf euch wirft und dann sein Gesicht wieder abkehrt,
Der es euch überläßt, zu prüfen und zu erklären,
Und der die Hauptsache erwartet von euch.


AN DICH

Fremdling, wenn du mich im Vorbeigehen triffst und hast ein Verlangen, zu mir zu reden, warum solltest du nicht zu mir reden?
Und warum sollte ich nicht reden zu dir?


DU LESER

Du Leser bist von Leben, Liebe, Stolz durchpulst so gut wie ich,
Deshalb für dich die folgenden Gesänge.


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VON PAUMANOK KOMMEND


1

Von dem fischförmigen Paumanok kommend, wo ich geboren wurde,
Wohlgezeugt, aufgezogen von einer vollkommenen Mutter;
Nachdem ich viele Länder durchstreift, Freund volkreichen Pflasters,
Siedler in Mannahatta, meiner Stadt, oder auf den Savannen des Südens,
Oder Soldat im Lager oder meinen Tornister und Gewehr tragend, oder Goldgräber in Kalifornien,
Oder rauh behaust in Dakotas Wäldern, meine Speise Fleisch, mein Trank aus der Quelle;
Oder zurückgezogen, zu sinnen und nachzudenken in irgendeinem tiefen Versteck,
Fern von dem Lärm der Menge, Ruhepausen, entzückt und glücklich verfliegend;
Gewahr des frischen, freien Spenders, des flutenden Missouri, gewahr des mächtigen Niagara,
Gewahr der Büffelherden, die in der Ebene grasen, des rauhhaarigen, starkbrüstigen Bullen;
Der ich die Erde kenne und die Felsen und die Blumen des fünften Monats, Sterne, Regen und Schnee, mein Erstaunen;
Der ich des Spottvogels Töne erforscht habe und den Flug des Bergfelken
Und bei der Dämmerung die Unvergleichliche hörte, die Einsiedlerdrossel in den Sumpfzedern.
Einsam, singend im Westen, schlage ich die Saiten an für eine neue Welt.


2

Americanos! Eroberer! Menschheitsarmeen!
Voran! Armeen des Jahrhunderts! Libertad! Massen!
Für euch ein Programm von Gesängen!


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Gesänge von den Prärien,
Gesänge von dem weithinströmenden Mississippi und hinab zur Mexikanischen See,
Gesänge von Ohio, Indiana, Illinois, Jowa, Wisconsin und Minnesota,
Gesänge, ausbrechend aus dem Innern von Kansas und von da überallhin,
Hinschießend, unaufhörlich, in Feuerpulsen, alles zu beleben.


3

Sieg, Einigung, Glaube, Identität, Zeit,
Die unauflöslichen Bünde, Schätze, Mysterien,
Ewiger Fortschritt, der Kosmos, und die modernen Erfindungen—

Dies also ist Leben,
Hier ist, was an die Oberfläche gekommen ist nach so vielen Wehen und Krämpfen.

Wie seltsam! wie wirklich!
Zu Füßen der göttliche Boden, zu Häupten die Sonne.

Sieh den Erdball sich drehen,
Die Ahnkontinente drüben beisammenliegend,
Die Kontinente der Gegenwart und Zukunft hier, Nord und Süd, mit dem Isthmus dazwischen.
Sieh, weite, pfadlose Räume,
Wie in Traum verändern sie sich, füllen sich jäh,
Zahllose Massen strömen in sie,
Jetzt sind sie bedeckt mit dem führenden Volke, mit Künsten, Gesetzen.

Sieh durch die Zeit ergossen
Für mich eine unübersehbare Zuhörerschaft.

Mit festem, gleichmäßigem Tritt schwenken sie vorbei, sie halten nie an,
Kolonnen von Männern, Americanos, hundert Millionen,
Eine Generation, ihre Aufgabe erfüllend und weiterschreitend,
Eine zweite Generation, ihre Aufgabe erfüllend und, wenn sie an der Reihe ist, weiterschreitend;


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Die Gesichter zur Seite oder rückwärts gewandt zu mir, um mir zu lauschen,
Die Augen zurückblickend zu mir.


4

Nimm meine Blätter, Amerika, nimm sie, Süd, und nimm sie, Nord,
Bereite überall den Willkommen für sie, denn sie sind deines eigenen Ursprungs,
Umschließe sie, Ost und West, denn sie möchten auch euch umschließen,
Und ihr, meine Vorgänger, vereint euch liebend mit ihnen, denn sie vereinen sich liebend mit euch.

Ich erforsche die alten Zeiten,
Ich saß zu den Füßen der großen Meister und lernte,
O wie wünschte ich jetzt, die großen Meister kehrten wieder und läsen mich!

Soll ich um dieser Staaten willen die alte Zeit verachten?
Sie sind ja die Kinder der alten Zeit und ihre Erfüllung.


5

Ihr toten Dichter, Philosophen und Priester,
Märtyrer, Künstler, Erfinder und Herrscher von einst,
Sprachschöpfer andrer Gestade,
Völker, einst mächtig, jetzt zusammengeschrumpft, abseitig und öde,
Ich wage nicht weiterzugehen, eh ich nicht ehrfürchtig anerkannt habe, was ihr zu uns herübergesandt und uns hinterlassen habt,
Ich hab' es geprüft, ich gestehe, daß es bewunderungswürdig ist (nachdem ich eine Weile darin mich umgetan),
Ich denke, es kann nichts Größeres geben und nichts verdienstvoller sein,
Ich besah es mir alles lange Zeit genau und ließ es dann fahren,
Und stehe nun hier an meiner Stelle mit meiner Zeit.

Hier Länder weiblich und männlich,
Hier die Erbund Erbinnenschaft der Welt, hier lebenflammender Stoff,


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Hier die Verwandlerin Geistigkeit, die freie Bekennerin,
Die ewig Strebende, die Krönung der sichtbaren Formen,
Die Stillende, die lange gewartet und jetzt zur rechten Zeit wieder vorwärtsschreitet,
Ja, hier kommt meine Herrin, die Seele.


6

Die Seele,
Ewig und ewig—länger als Erdboden braun und fest ist—, länger als Wasser flutet und ebbt.

Ich will die Gedichte der Materie dichten, denn ich glaube, sie werden die geistigsten sein,
Und ich will die Gedichte meines Leibes und der Sterblichkeit dichten,
Denn ich glaube, so werde ich mir am besten die Gedichte meiner Seele und der Unsterblichkeit schaffen.

Ich will einen Gesang dichten für diese Staaten, daß kein einziger Staat jemals einem andern Staat unterworfen sei,
Ich will einen Gesang dichten, daß Freundschaft sein soll zwischen allen Staaten bei Tag und Nacht und zwischen jedem beliebigen Paar von ihnen,
Ich will einen Gesang dichten für die Ohren des Präsidenten, der von Waffen mit drohenden Spitzen starrt,
Und hinter den Waffen zahllose unzufriedene Gesichter;
Und einen Gesang dichten von der Einheit, geformt aus Allen,
Der wahrhaften schimmernden Einheit, deren Haupt über Allen ragt,
Kriegerische, entschlossene Einheit
(Wie hoch auch immer irgendein Haupt, dies Haupt über Allen!)

Ich will die zeitgenössischen Länder gelten lassen,
Ich will die ganze Geographie des Erdballs mustern und alle Städte groß und klein ritterlich grüßen,
Und ihr Berufe! Ich will es in meine Gedichte bringen, daß Heldentum in euch ist zu Wasser und zu Lande,
Und will zeugen von allem Heldentum von amerikanischem Stand punkt aus.


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Ich will das Lied der Kameradschaft singen,
Ich will zeigen, was letzten Endes allein diese Staaten einen muß,
Ich glaube, sie sind bestimmt, ihr eigenes Ideal von männlicher Liebe zu finden und es zu verkünden durch mich,
Daher will ich aus mir diese brennenden Feuer emporschlagen lassen, die mich zu verzehren drohen,
Ich will wegräumen, was diese schwelenden Feuer allzu lange niedergehalten hat,
Ich will ihnen freiesten Lauf geben,
Ich will das Evangeliumsgedicht von Kameraden und Liebe schreiben,
Denn wer sonst als ich sollte Liebe begreifen mit all ihrer Qual und Lust?
Und wer sonst als ich sollte der Dichter der Kameraden sein?


7

Ich bin, der an Fähigkeiten, Zeiten und Rassen glaubt,
Ich trete hervor aus dem Volk im Geiste des Volks,
Hier ist, was grenzenloser Glaube singt.

Omnes! omnes! Laß andere mit Stillschweigen übergehn, was sie wollen,
Ich schreibe auch das Gedicht des Bösen, ich erwähne auch diesen Teil,
Ich bin selber ebenso böse wie gut, und so auch mein Volk—und ich sage, es gibt in Wahrheit nichts Böses.
(Oder wenn doch, so sage ich, es ist ebenso wichtig für dich, für das Land und für mich, wie irgend etwas sonst.)

Auch ich, vielen folgend, von vielen gefolgt, verkünde eine Religion, ich steige in die Arena hinab.
(Mag sein, ich bin bestimmt, dort die lautesten Rufe ertönen zu lassen, des Siegers dröhnende Schreie,
Wer weiß? Vielleicht erheben sie sich aus mir und schwingen sich hoch über alles empor.)

Nichts ist um seiner selbst willen da,
Ich sage, die ganze Erde und alle Sterne des Himmels sind um der Religion willen da.


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Ich sage, kein Mensch war noch jemals halb genug fromm,
Keiner hat jemals halb genug angebetet oder verehrt,
Keiner hat noch begonnen, darüber nachzudenken, wie göttlich er selber ist und wie zuverlässig die Zukunft.

Ich sage, daß die wahre, dauernde Größe dieser Staaten in ihrer Religion liegen muß,
Anders gibt es keine wahre und dauernde Größe.
(Kein Charakter noch Leben würdig des Namens ohne Religion,
Kein Land noch Mann oder Weib ohne Religion.)


8

Was tust du, junger Mann?
Bist du so ernst, so ergeben der Literatur, der Wissenschaft, Kunst oder Liebe?
Diesen angeblichen Wirklichkeiten, politischen Fragen, Problemen?
Deinem Ehrgeiz oder Geschäft, was immer sie sind?

Gut,—gegen solcherlei sag ich kein Wort; auch ihr Dichter bin ich,
Aber sieh! Das alles schwindet flüchtig hinweg, wird verzehrt vom Feuer der Religion,
Denn wie aller Stoff Nahrung ist für die Glut, die unberührbare Flamme, das Urlebendige der Erde,
So auch dies alles für die Religion.


9

Wonach suchst du so nachdenklich und stumm?
Was fehlt dir, camerado?
Glaubst du, lieber Sohn, die Liebe?
Höre, mein lieber,—höre, Amerika, Tochter und Sohn,
Es ist ein schmerzliches Ding, einen Mann oder ein Weib überschwänglich zu lieben, und dennoch befriedigt es und ist groß,
Etwas anderes aber erst ist wahrhaft groß und verwandelt alles in Einheit,
Glorreich schweift es über alle Dinge hinaus und sorgt für alles mit unermüdlichen Händen.


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10

Wisse, einzig und allein um die Keime einer größeren Religion in die Erde zu senken
Sing' ich die folgenden Gesänge, jeden nach seiner Art.

Mein Kamerad!
An zwei Herrlichkeiten sollst du Anteil haben mit mir, und an noch einer dritten, die, sie umschließend und leuchtender noch, sich erhebt:
An der Herrlichkeit der Liebe und der Demokratie, und an der Herrlichkeit der Religion.

Mischung mein eigen, das Unsichtbare und Sichtbare,
Geheimnisvoller Ozean, in den die Ströme münden,
Prophetischer Geist von Materie, wechselvoll flackernd um mich,
Lebende Wesen, Identitäten zweifellos jetzt ganz nahe um uns in der Luft, von denen wir nur nichts wissen,
Berührung täglich und stündlich, die mich nicht losläßt,
Diese erwähle ich, diese werden in leisen Winken von mir verlangt.
Nicht er, der mich küßte mit täglichem Kuß seit Kindheit her,
Hat mich mit seinen Banden fester umfaßt und umflochten,
Als ich dem Himmel verbunden bin und aller geistigen Welt
Nach dem, was sie für mich getan, Themen mir flüsternd.

O was für Themen — Gleichheiten! O göttlicher Durchschnitt!
Jubellieder unter der Sonne, aufsteigend wie jetzt, oder um Mittag oder bei Sonnenuntergang,
Melodische Strophen, flutend durch Zeiten, und jetzt bis hierher,
Ich gebe mich euren kühnen, reichen Akkorden hin, füge neue hinzu und gebe sie fröhlich weiter.


11

Als ich in Alabama meinen Morgengang machte,
Sah ich das Spottdrosselweibchen auf seinem Neste sitzen und brüten.

Ich sah auch das Männchen,
Stand still, um ganz aus der Nähe zu hören, wie es mit schwellender Kehle freudevoll sang.


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Und wie ich so stillstand, kam es mir, daß es eigentlich nicht für etwas sang, was hier war,
Nicht für sein Weibchen und nicht für sich selbst, auch nicht für das antwortende Ferne,
Sondern fein und heimlich für etwas in weiter Ferne,
Geisterbotschaft und -gabe für Neugeburten.

12

Demokratie! nahe bei dir singt nun eine schwellende Kehle freudevoll.

Ma femme! für die Brut aus uns und nach uns,
Für die, die schon da sind und die, die noch kommen sollen,
Will ich nun, jubelnd bereit, Gesänge ausströmen, stärker und stolzer als je die Erde gehört.

Ich will die Gesänge der Leidenschaft singen und laß ihnen freien Lauf,
Und eure Gesänge, geächtete Sünder, denn ich seh euch ins Herz mit verwandten Augen und nehme euch mit mir so gut wie alle.

Ich will das wahre Gedicht des Reichtums dichten,
Zu ernten für Körper und Geist alles, was Dauer hat, weiterwächst und nicht im Tode vergeht;
Ich will Selbstgefühl ausströmen und zeigen, daß es allem zugrunde liegt, und will der Sänger der Persönlichkeit sein,
Und von Mann und Weib will ich zeigen, daß eins nur das gleiche des anderen ist.
Und Zeugungsorgane und -akte! verdichtet euch in mir! Denn ich bin willens, mit mutiger, klarer Stimme auch auszusprechen und zu bezeugen, daß ihr erhaben seid,
Und ich will zeigen, daß es keine Unvollkommenheit gibt in der Gegenwart und keine geben kann in der Zukunft,
Und ich will zeigen, daß alles, was einem widerfährt, sich zu herrlichem Ausgang wenden kann,
Und ich will einen Faden spinnen durch meine Gedichte hindurch, der bedeutet, daß Zeit und Geschehnisse eine geschlossene Einheit sind


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Und daß alle Dinge im Weltall vollkommene Wunder sind, eins so tief wie das andre.

Ich will keine Gedichte machen über einzelne Teile,
Sondern Gedichte, Gesänge, Gedanken für das Ganze,
Und ich will singen nicht für einen Tag, sondern für alle Tage,
Und ich will kein einziges Gedicht noch Teil eines Gedichtes machen, das nicht in Beziehung stünde zur Seele,
Denn ich habe alle Dinge im Weltall angeschaut und gefunden, daß es keines gibt und kein kleinstes Teilchen von einem gibt, das nicht in Beziehung stände zur Seele.


13

Verlangte jemand, die Seele zu sehen?
So sieh deine eigne Gestalt und dein Antlitz, Menschen, Stoffe, Tiere, die Bäume, die fließenden Ströme, die Felsen, den Sand am Meer.

Sie alle enthalten geistige Freuden und geben sie hernach wieder frei;
Wie kann der wahre Leib jemals sterben und begraben werden?

Dein wahrer Leib und jeglichen Mannes und Weibes wahrer Leib —
Stück für Stück wird er den Händen der Leichenwärter entweichen und in die Sphären gleiten, in die er gehört,
Und mit sich tragen alles was ihm erwuchs vom Augenblick der Geburt bis zum Augenblicke des Todes.
So treu, wie die Typen, die der Setzer setzt, ihren Abdruck prägen, die Bedeutung, den wesentlichen Sinn,
Genau so treu prägt eines Mannes Wesen und Leben oder eines Weibes Wesen und Leben sich in Leib und Seele aus,
Einerlei ob vor oder nach dem Tode.

Siehe, der Leib enthält und ist die Bedeutung, der wesentliche Sinn, und enthält und ist die Seele;
Wer du auch seist, wie herrlich und göttlich ist dein Leib oder irgendein Teil von ihm!


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14

Wer du auch seist, Verkündigung dir in unendlicher Fülle!

Tochter der Länder, harrtest du deines Dichters?
Erharrtest du einen mit überströmendem Mund und deutender Hand?

Den Männern dieser Staaten und den Frauen dieser Staaten
Frohlockende Worte, Worte den Ländern der Demokratie!

Engverkettete, fruchtgesegnete Länder!
Land der Kohle und des Eisens! Land des Golds, Land der Baumwolle, Zuckers und Reis!
Land des Weizens, der Rinder und Schweine! Land der Wolle, des Hanfs! Land der Äpfel und Trauben!
Land der Weideflächen, der Grasfelder der Welt! Land dieser endlosen Hochebene voll süßer Luft!
Land der Herden, der Gärten und der gesunden Lehmhäuser!
Land, wo im Nordwest der Kolumbia, im Südwest der Kolorado sich windet!
Land des östlichen Chesapeake! Land des Delaware!
Land des Ontario, Erie, Huron, Michigan!
Land der Alten Dreizehn! Massachusetts-Land! Land von Vermont und Connecticut!
Land ozeanischer Küsten! Land der Sierras und Piks!
Land der Schiffer und Seefahrer! Fischer-Land!
Unzertrennliche Länder! Verklammerte, leidenschaftliche Länder!
Seite an Seite ihr! die älteren und jüngeren Brüder! Starkknochige!
Das große Frauenland! Das Weibliche! Die klugen und törichten Schwestern!
Weit atmendes Land! Von arktischer Luft gestärkt! Von mexikanischer Luft gefächelt! Mannigfaltiges! Eines!
Das Pennsylvanische! Das Virginische! Das Karolinische Zwillingsland!
O alle und jedes heiß geliebt von mir! meine furchtlosen Staaten! O ich umfasse euch alle immerdar mit vollkommener Liebe!
Ich kann nicht los von euch! nicht von dem einen und nicht von dem anderen!
O Tod! O trotzdem bin ich bei euch unsichtbar zu dieser Stunde mit unbezwinglicher Liebe,


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Wandere durch Neu-England, ein Freund, ein Reisender,
Plätschere mit nackten Füßen am Rande der Sommerwellen auf Paumanoks Ufersand,
Ziehe durch die Prärien, wohne wieder in Chicago, wohne in jeglicher Stadt,
Beschaue mir alles, was es zu sehen gibt, alle Geburten, Neuerungen, Bauten und Künste,
Lausche Rednern und Rednerinnen in öffentlichen Hallen,
Bin Sohn und Wanderer dieser Staaten gleichwie da ich lebte, jeder Mann, jedes Weib mein Nachbar,
Der Louisianier, der Georgier mir noch immer so nah und ich ihm oder ihr noch immer so nah wie einst,
Der Mississippier und Arkansier immer noch bei mir und ich noch immer bei ihnen allen,
Immer noch auf den Ebenen westlich des Stroms der Mitte, in meinem Haus aus Lehm,
Kehre immer noch heim in den Osten, in den Küstenstaat oder Maryland,
Trotze immer noch als Kanadier guten Mutes dem Winter, begrüße Schnee und Eis,
Bin immer noch treuer Sohn von Mayne oder Sohn des Granitstaats oder des Buchtenstaats Narragansak oder des Führerstaats,
Segle noch immer zu andern Küsten, um sie zu besetzen, bewillkommne immer noch jeglichen neuen Bruder
Und reiche hier diese Blätter den neuen zur Stunde, da sie sich mit den alten vereinen,
Und trete selber unter die neuen, um ihr Gefährte und ihresgleichen zu sein, trete persönlich jetzt zu dir
Und rufe dich zu gemeinsamem Spiel mit mir auf die Szene.


15

Halte dich fest an mir und eile, eile mit mir voran.

Um deines Lebens willen klammere dich an mich.
(Lange vielleicht wirst du mich überreden müssen, ehe ich einwillige, mich dir wirklich zu geben, aber was tut's?
Muß nicht auch die Natur immer wieder überredet werden?)


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Kein zierlicher dolce affettuoso ich,
Bärtig, sonngebräunt, graunackig, abschreckend bin ich gekommen,
Daß man ringe mit mir, wenn ich vorbeikomme, um die wahren Preise des Weltalls,
Denn sie bringe ich jedem, der Ausdauer hat, sie zu gewinnen.


16

Auf meinem Wege halte ich einen Augenblick an,
Hier für dich! und hier für Amerika!
Die Gegenwart preise ich hoch, Vorbote bin ich der Zukunft der Staaten froh und stolz,
Und aus der Vergangenheit künde ich, was in der Luft von den roten Ureinwohnern noch nachklingt.

Die roten Ureinwohner —
Naturhauche ließen sie uns, Laute von Regen und Winden, Rufe gleichwie von Vögeln und Tieren in Wäldern, Silben, die Namen wurden,
Okonee, Koosa, Okonya, Monongahela, Sauk, Natchez, Chattahoochee, Kaqueta, Oronoco,
Wabasch, Miami, Saginaw, Chippewa, Oschkosch, Walla-Walla,
Solche ließen sie diesen Staaten zurück und schmelzen, verschwinden, nachdem sie Wasser und Land mit Namen beladen.


17

Nun aber breiten sich eilends aus
Elemente, Rassen, Verschmelzungen ungestüm, jäh und kühn,
Eine Urwelt wiederum, immer neue und weitere Ausblicke der Herrlichkeit,
Eine neue Rasse, alle frühern beherrschend und vielmals größer als sie, mit neuen Kämpfen,
Neuer Staatskunst, neuen Literaturen und Religionen, neuen Erfindungen, Künsten.

Diese verkündet meine Stimme — ich schlafe nicht mehr, ich stehe auf,


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Ihr Ozeane, die in mir ruhten! Wie ich euch fühle, bodenlos, schwellend, noch nie gesehene Wogen und Stürme brauend!


18

Sieh, Dampfer dampfen durch meine Gedichte,
Sieh, Einwanderer kommen unaufhörlich an und landen in meinen Gedichten,
Sieh, im Hintergrunde das Wigwam, die Fährte, des Jägers Hütte, das Flachboot, den Maishalm, die Landnahme, den rohen Zaun und das Dorf im Hinterwald,
Sieh auf der einen Seite die westliche See und auf der andern die östliche See, wie sie über meine Gedichte fluten und ebben wie über ihre eigenen Küsten,
Sieh Weiden und Forste in meinen Gedichten — sieh Tiere wild und zahm — sieh jenseits des Kaw zahllose Büffelherden grasen auf kurzem, krausen Gras,
Sieh, in meinen Gedichten, Städte fest und geräumig, Städte des Binnenlandes, mit gepflasterten Straßen, mit Eisenund Steingebäuden, endlosen Fahrzeugen und Handel,
Sieh die vielzylindrige Dampfpresse — sieh den elektrischen Telegraphen, der sich über den ganzen Kontinent spannt,
Sieh durch atlantische Tiefen Pulse Amerikas bis nach Europa schlagen und Pulse Europas sicher zurück,
Sieh die starke und schnelle Lokomotive, wie sie losfährt, keucht, und die Dampfpfeife bläst,
Siehe Pflüger die Farmen pflügen — sieh Bergleute Minen graben — sieh die unzähligen Fabriken,
Sieh Handwerker fleißig an ihren Bänken mit ihrem Werkzeug — sieh aus ihrer Mitte heraus vortreffliche Richter, Philosophen, Präsidenten hervorgehen, gekleidet in Arbeitertracht,
Sieh hinschlendernd durch die Läden und Felder der Staaten mich selbst, von Herzen geliebt, fest bei Händen gehalten Tag und Nacht,
Höre die lauten Echos meiner Gesänge dort — lies die Zeichen, die endlich erschienen sind.


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19

O camerado nah! O endlich du und ich und nur wir zwei.
O ein Wort, das den Pfad vor uns ins Unendliche lichtet!
O etwas Verzücktes und Unbeweisbares! O wilde Musik!
O jetzt triumphiere ich — und du sollst es auch;
O Hand in Hand — o gesunde Lust — o ein Verlangender und Liebender mehr!
O sich fest zu halten und vorwärts zu eilen — vorwärts, vorwärts mit mir!


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GESANG VON MIR SELBST


1

Ich feiere mich selbst und singe mich selbst,
Und was ich mir anmaße, sollst du dir anmaßen,
Denn jedes Atom, das mir gehört, gehört auch dir.

Ich schlendre und lade meine Seele zu Gaste,
Ich lehne und schlendre nach meinem Behagen,
Einen Halm des Sommergrases betrachtend.

Meine Zunge, jedes Atom meines Bluts geformt aus diesem Boden, dieser Luft;
Geboren hier von Eltern, die hier geboren wurden von gleichen Eltern, und diese von gleichen Eltern,
Ich, siebenunddreißig Jahre alt, in vollkommener Gesundheit, beginne
Und hoffe nicht aufzuhören bis zum Tod.

Glauben und Schulen im Hintergrund,
Sie weichen für eine Weile zurück mit dem, was sie sind, doch nie vergessen,
Ich beherberge Gut und Böse, ich lasse reden auf jede Gefahr,
Natur ohne Zwang mit ursprünglicher Kraft.


2

Häuser und Räume sind voller Wohlgerüchen, die Borde gedrängt voll Wohlgerüchen,
Ich selber atme den Duft und kenne und lieb ihn,
Ihre Essenz würde auch mich vergiften, aber ich laß es nicht zu.

Die Atmosphäre ist kein Parfüm, sie schmeckt nicht nach Essenz, sie ist geruchlos;


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Sie ist so recht für meinen Mund, ich bin verliebt in sie,
Ich will zu dem Hang am Walde gehn und unverkleidet und nackt sein,
Ich bin toll nach ihr und ihrer Berührung.

Der Rauch meines eigenen Atems,
Echos, Geriesel, Wispern und Flüstern, Liebeswurz, Seidenfaden, Gabelstock und Rebe,
Mein Ausund Einatmen, mein Herzschlag, das Strömen von Luft und Blut durch die Lungen,
Das Arom von grünem und trockenem Laub, von der Küste und dunkelfarbigen Klippen und Heu in der Scheune.

Der Klang der Worte, die meine Stimme ausstößt, in die Wirbel des Winds verweht,
Ein paar leichte Küsse, ein paar Umarmungen, Langen von Armen,
Das Spiel von Schatten und Schein in den Bäumen beim Schaukeln der biegsamen Äste,
Das Entzücken allein und im Trubel der Straßen oder an Feldern und Hügeln entlang,
Das Gefühl von Gesundheit, der Mittagstriller, mein Singen, wenn ich vom Bett aufstehe, der Sonne entgegen.

Hast du tausend Acker für viel gehalten? Hast du die Erde für viel gehalten?
Hast du dich so lange geplagt, um lesen zu lernen?
Warst du so stolz darauf, den Sinn von Gedichten zu fassen?

Bleib diesen Tag und diese Nacht bei mir, und du sollst den Ursprung aller Gedichte haben,
Du sollst das Gute von Erde und Sonne haben (Millionen von Sonnen bleiben noch übrig),
Du sollst nicht länger die Dinge nehmen aus zweiter und dritter Hand, noch schauen durch die Augen der Toten, noch dich nähren von den Gespenstern in Büchern,
Du sollst auch nicht schauen durch meine Augen, noch die Dinge nehmen von mir,
Du sollst lauschen nach allen Seiten und sie filtern durch dich selbst.


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3

Ich habe gehört, was die Schwätzer schwatzen, Geschwätz von Anfang und Ende,
Ich aber schwatze nicht vom Anfang oder vom Ende.

Niemals war mehr Anfang als jetzt
Nie mehr Jugend und Alter als jetzt,
Nie wird mehr Vollkommenheit als jetzt,
Nie mehr Himmel und Hölle als jetzt.

Drang und Drang und Drang,
Immer der zeugende Drang der Welt.
Hervor aus dem Dämmer steigen zwiefältige Gleiche, Stoff immer und Wachstum, immer Geschlecht,
Immer ein Weben von Identität, ein Sich-Sondern, immer des Lebens Brut.

Es weiter auszugrübeln ist unnütz, Gelehrte und Ungelehrte fühlen, daß es so ist.

Gewiß wie die stärkste Gewißheit, lotrecht im Gerüst, wohlverklammert, fest in den Balken,
Stämmig wie ein Roß, zärtlich, stolz, elektrisch,
Ich und dies Geheimnis — hier stehn wir.

Klar und süß ist meine Seele, und klar und süß ist alles, was nicht meine Seele ist.
Fehlt eins, so fehlen beide, und das Unsichtbare wird bewiesen durch das Sichtbare,
Bis dieses wieder unsichtbar wird und selber Beweise erhält.

Das Beste zu weisen und es zu scheiden vom Schlechtesten, plagt sich Geschlecht um Geschlecht,
Ich aber kenne die vollkommene Schicklichkeit und Gelassenheit der Dinge, schweige, während sie diskutieren, gehe baden und bewundre mich selbst.

Willkommen ist jedes Organ und Glied von mir und von jedem herzhaften, reinen Mann,


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Kein Zoll noch Bruchteil eines Zolls ist schlecht, und keins soll minder vertraut sein als die andern.

Ich bin zufrieden — schaue, tanze, lache, singe;
Wenn der herzende, liebende Bettgesell an meiner Seite schläft die Nacht hindurch und bei Tagesgrauen verstohlenen Trittes hinwegschleicht,
Körbe zurück mir lassend, mit weißen Tüchern bedeckt, die das Haus mir schwellen mit Fülle,
Soll ich dann zögern sie anzunehmen und wahrzuhaben und meine Augen anschrein,
Weil sie sich wenden vom Nachschauen den Weg hinab
Und fortan rechnen und bis auf den Pfennig mir weisen
Genau den Wert von eins und genau den Wert von zwei und welches mehr ist?


4

Zappler und Frager umringen mich;
Menschen, die ich treffe, der Einfluß meines früheren Lebens auf mich, des Viertels, der Stadt wo ich wohne, oder meiner Nation,
Die neuesten Nachrichten, Entdeckungen, Erfindungen, Gesellschaften, Autoren alt und neu.
Mein Mittagessen, mein Anzug, Blicke, Verbeugungen, Höflichkeiten,
Die wirkliche oder eingebildete Gleichgültigkeit eines Mannes oder Weibs, das ich liebe,
Die Erkrankung von Angehörigen oder mir selbst, Abwege, Verlust oder Mangel an Geld; Niedergeschlagenheit oder Überschwang;
Schlachten, die Greuel des Bruderkriegs, das Fieber schwankender Nachrichten, launische Zufälle;
Diese kommen zu mir in Tagen und Nächten und gehen wieder hinweg von mir,
Aber sie sind nicht das Ich selbst.

Abseits von dem Ringen und Raufen steht, was ich bin,
Steht belustigt, gefällig, teilnehmend, müßig, geschlossen,
Blickt nieder, aufrecht, oder beugt einen Arm an einen unfühlbaren festen Halt,


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Blickt seitlich geneigten Hauptes, neugierig, was nun kommt,
Spielt mit und doch nicht mit, beobachtet und wundert sich darüber.

Rückwärts schau ich in meine eignen Tage, da ich durch Nebel schwitzte mit Sprachgelehrten und Streitern der Zunge:
Ich spotte und streite nicht mehr, bin Zeuge und warte.


5

Ich glaube an dich, meine Seele; mein andres Teil soll sich nicht erniedern vor dir,
Noch du dich vor ihm.

Schlendre mit mir durch das Gras, löse den Stöpsel aus deiner Kehle,
Nicht Worte, Musik oder Melodie verlang ich, nicht weisen Spruch, und wär es der beste,
Einzig das Lullen lieb ich, das Summen deiner gedeckten Stimme.

Ich gedenke, wie einst wir lagen an solch einem durchsichtigen Sommermorgen,
Wie du dein Haupt quer über meine Lenden legtest und dich leise über mich kehrtest
Und das Hemd streiftest von meinem Brustbein und tauchtest deine Zunge in mein entblößtes Herz
Und hinaufreichtest, bis du meinen Bart fühltest und hinabreichtest, bis du meine Füße hieltest.

Alsbald erhob und breitete sich um mich der Friede und das Wissen, das höher ist als alle Beweisgründe der Erde,
Und ich weiß, daß die Hand Gottes die Gewähr für meine eigene Hand ist,
Und ich weiß, daß der Geist Gottes der Bruder meines eignen Geistes ist,
Und daß alle Männer, die je geboren, auch meine Brüder sind, und die Weiber meine Schwestern und Liebsten;

Und daß der Richtkiel der Schöpfung Liebe ist,
Und zahllos Halme aufgerichtet oder geneigt auf den Feldern,


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Und Ameisen braun in den winzigen Schlupflöchern an ihren Wurzeln,
Und moosiger Schorf der Schlupfwinkel von Würmern, Steinhaufen, Hollunder, Königskerzen und Scharlachbeeren.


6

Ein Kind sagte: „Was ist das Gras?“ und pflückte es mir mit vollen Händen.
Wie konnt ich dem Kinde antworten? Ich weiß nicht besser, als das Kind, was es ist.
Ich glaube, es muß die Flagge meines Wesens sein, oben aus hoffnungsgrünem Stoff.

Oder vielleicht ist das Gras selber ein Kind, das Neugeborne der Pflanzenwelt.

Oder ich glaube, es ist das Taschentuch Gottes,
Eine duftende Gabe und Andenken, mit Absicht fallen gelassen,
Mit dem Namen des Eigentümers in einer der Ecken, so daß wir schauen und fragen mögen: „Wem gehört's?“

Oder ich glaube, es ist eine einzige große Hieroglyphe,
Und bedeutet: Trieb und Wachstum sind die gleichen überall,
In breiten Zonen und schmalen Zonen,
Bei schwarzen Völkern und weißen.
Kanuck, Tuckahoe, Kongreßmann, Cuff , ich spende ihnen ohne Unterschied und empfange sie ohne Unterschied.

Und nun scheint es mir das schöne, unverschnittene Haar von Gräbern.
Zart will ich dich behandeln, gekräuseltes Gras,
Vielleicht sprießest du aus den Brüsten junger Männer,
Vielleicht hätte ich sie geliebt, wenn ich sie gekannt hätte,
Vielleicht kommst du von alten Leuten, oder von der Frucht, die zu früh aus dem Schoße der Mutter genommen,
Und nun bist du Mutterschoß.


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Dieses Gras ist sehr dunkel dafür, daß es aus den weißen Häuptern alter Mütter kommt,
Dunkler als die farblosen Bärte alter Männer,
Dunkel dafür, daß es unter dem blaßroten Gewölbe von Mündern hervorkommt.

Oh, ich vernehme je mehr und mehr so viele redende Zungen,
Und vernehme, daß sie nicht umsonst aus der Wölbung von Mündern sprießen.

Ich wünschte, ich könnte übersetzen, was sie mir flüstern von den jungen Männern und Weibern,
Und was sie flüstern von Greisen und Müttern und der Frucht, die zu früh aus ihrem Schoße genommen.

Was glaubst du, ist aus den alten und jungen Männern geworden?
Und was glaubst du, ist aus den Weibern und Kindern geworden?
Sie sind am Leben irgendwo und wohlbehalten,
Der kleinste Sproß beweist, daß es in Wahrheit keinen Tod gibt,
Und wenn es ihn je gab, so war er Vorläufer des Lebens, und wartet nicht am Ziel, um es aufzuhalten,
Und verging in dem Augenblick, wo das Leben erschien.

Ins Weite und Breite drängt alles; nichts zerfällt,
Und Sterben ist anders, als je einer gedacht,
Und glücklicher.


7

Glaubte jemand, daß es ein Glück sei, geboren zu werden?
Ich will ihm oder ihr sogleich beweisen, daß es ein ebenso großes Glück ist, zu sterben, ich weiß es.

Ich erlebe Tod mit dem Sterbenden und Geburt mit dem neugebadeten Kindlein
Und bin nicht beschränkt zwischen Hut und Schuhn,
Und durchdringe vielerlei Dinge, nicht zwei sich gleich, und ein jegliches gut,
Die Erde gut, und die Sterne gut und alle ihre Trabanten gut.


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Ich bin keine Erde und kein Trabant einer Erde,
Ich bin der Gespiel und Gefährte von Menschen, alle unsterblich und unergründlich wie ich.
(Sie wissen nicht, wie unsterblich, aber ich weiß es.)

Jede Art für sich und ihr eigen, für mich die meine, männlich und weiblich,
Für mich die Männer, die rechte Knaben waren und Frauen lieben,
Für mich der Mann, der stolz ist und fühlt, wie es sticht, verachtet zu werden,
Für mich die Liebste und alte Jungfer, für mich die Mütter und Mütter von Müttern,
Lippen für mich, die gelächelt, Augen, die Tränen vergossen haben,
Kinder für mich und Erzeuger von Kindern.

Entkleide dich! Mir bist du nicht schuldig, noch schal, noch verworfen,
Ich sehe durch Tuch und Garn, ob du willst oder nicht,
Und bin um dich her, erobernd, hartnäckig, unermüdlich, und abschütteln kannst du mich nicht.


8

Das Kleine schläft in der Wiege,
Ich lüfte den Schleier, beschaue es lange und scheuche schweigend die Fliegen mit meiner Hand.

Der Junge und das Mädchen mit rotem Gesicht wenden sich seitwärts den buschigen Hügel hinan,
Ich erspähe sie oben vom Gipfel.

Der Selbstmörder zuckt auf dem blutigen Boden des Schlafraums,
Ich gewahre den Leichnam mit seinem bespritzten Haar, ich beachte, wo der Revolver hinfiel.

Das Geschwätz auf der Straße, Reihen von Wagen, Schmutz an den Stiefelsohlen, Gespräch der Spaziergänger,
Der schwerfällige Omnibus, der Kutscher mit seinem fragenden Daumen, der Klang der beschlagenen Pferde auf dem Granit,


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Die Schlitten, Geklingel, lustige Rufe und Schneeballwerfen,
Die Hurras für Lieblinge der Menge, die Wut erregten Pöbels,
Das Flappen des Vorhangs der Sänfte, ein Kranker drinnen auf dem Weg zum Spital,
Aneinandergeraten von Feinden, der jähe Fluch, Schläge und Fall,
Das aufgeregte Gedränge, der Schutzmann mit seinem Stern, der sich rasch seinen Weg in die Mitte des Knäuels bahnt,
Die fühllosen Steine, die so manches Echo empfangen und wiedergeben,
Welch ein Stöhnen der überfütterten oder Halbverhungerten, die vom Hitzschlag oder in Krämpfen stürzen,
Welche Schreie von Weibern, die jäh betroffen nach Hause eilen und Kinder gebären,
Welche lebendig begrabene Sprache bebt hier allezeit, welch ein Geheul, von Anstand niedergehalten,
Verhaftungen von Verbrechern, Schmähungen, ehebrecherische Anträge, Annahmen, Abweisungen mit gekräuselten Lippen,
Ich achte auf sie, ihren Schein oder Widerhall — komme und gehe wieder davon.


9

Die großen Tore der Dorfscheune stehen offen bereit;
Das getrocknete Gras der Erntezeit wird auf den langsam fahrenden Wagen geladen,
Das helle Licht spielt auf dem grau und grün gefleckten Braun,
Ein Armvoll nach dem andern wird auf den Haufen gepackt.

Ich bin da, ich helfe, ich kam, auf die Höhe der Fuhre hingestreckt,
Ich fühlte die weichen Stöße, ein Bein überm andern ruhend,
Ich springe vom Querbalken ab und fasse in Klee und Gräser,
Rolle Hals über Kopf hinab und verwirre mein Haar in den Rispen.


10

Einsam, fern in der Wildnis der Berge jage ich,
Wandernd, erstaunt ob der eigenen Leichtigkeit und Lust,
Suche am späten Nachmittag einen geschützten Platz, um die Nacht zu verbringen,


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Zünde ein Feuer und brate das frischgetötete Wild,
Falle in Schlaf auf geschichteten Blättern mit meinem Hund und Gewehr an der Seite.
Der Yankeeklipper hat seine höchsten Segel gesetzt, durchschneidet Schaum und Dunst,
Meine Augen sichten das Land, ich lehne über den Bug oder schreie jubelnd vom Deck.

Die Schiffer und Muschelgräber machten sich früh auf den Weg und holten mich ab,
Ich schlug meine Hosen in meine Stiefel, ging mit und hatte einen vergnügten Tag;
Du hättest sitzen sollen an diesem Tag mit uns um den Muschelkessel herum.

Ich sah die Hochzeit des Pelzjägers unter freiem Himmel im fernen Westen, die Braut eine Rote,
Ihr Vater und seine Freunde hockten mit unterschlagenen Beinen dabei, stumm rauchend, sie hatten Mokassins an den Füßen und weite dicke Wolldecken hingen von ihren Schultern herab.
An einem Abhang streckte sich der Trapper, fast ganz in Felle gekleidet, sein üppiger Bart und Locken schützten den Hals, er hielt seine Braut bei der Hand,
Sie hatte lange Wimpern, war barhäuptig, ihr grobes Haar floß über ihre wollüstigen Glieder herab und reichte ihr bis an die Füße.

Der entlaufene Sklave kam an mein Haus und hielt draußen an,
Ich hörte seine Bewegungen an dem Knacken der Zweige des Reisighaufens,
Durch die offene Halbtür der Küche sah ich ihn schlapp und schwach
Und ging hin, wo er saß auf einem Holzklotz, und führt ihn hinein und beruhigte ihn,
Und brachte Wasser und füllte eine Wanne für seinen schweißigen Leib und seine wundgelaufenen Füße,
Und gab ihm eine Stube neben der meinen und gab ihm grobe und reine Kleider,


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Und erinnere deutlich seine rollenden Augen und seine Kindlichkeit,
Und wie ich Pflaster legte auf die Blasen seines Nackens und seiner Knöchel;
Er blieb eine Woche bei mir, bis er wieder hergestellt war und nordwärts zog,
Ich hatte ihn neben mir sitzen bei Tische, meine Flinte lehnte in einer Ecke.


11

Achtundzwanzig junge Männer baden an der Küste,
Achtundzwanzig junge Männer und alle gut Freund;
Achtundzwanzig Jahre weiblichen Lebens und alle so einsam.
Ihr gehört das schöne Haus an der Höhe des Ufers,
Sie verbirgt sich, lieblich und reich gekleidet, hinter den Schleiern des Fensters.
Welcher der jungen Männer ist ihr der liebste?
Ach der gewöhnlichste unter ihnen erscheint ihr schön.

Wo bist du hin, Frau? denn ich sehe dich,
Du plätscherst im Wasser dort, ob du auch stockstill in deiner Stube stehst.

Tanzend und lachend den Strand entlang kam die neunundzwanzigste Badende,
Die andern sahen sie nicht, aber sie sah sie und liebte sie.
Die Bärte der jungen Männer glitzerten vom Naß, es rann von dem langen Haar,
Kleine Ströme glitten über die Leiber.
Eine ungesehene Hand glitt auch über ihre Leiber,
Strich zitternd an ihren Schläfen und Rippen hinab.
Die jungen Männer schwimmen auf ihren Rücken, ihre weißen Leiber wölben sich in der Sonne; sie fragen nicht, wer begierig nach ihnen greift,
Sie wissen nicht, wer keucht und tief sich herniederlehnt in geschmeidiger Biegung,
Sie ahnen nicht, wen sie mit Schaum bespritzen.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 31] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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12

Der Metzgerbursche zieht seinen Schlächterrock aus oder schleift sein Messer in seinem Marktstand,
Ich schaue ihm müßig zu und freue mich an seiner Schlagfertigkeit, an seinem Schuffle und Breakdown.

Schmiede mit rußigen, zottigen Brüsten umringen den Amboß,
Jeder hat seinen Schmiedehammer, im Feuer ist Hochglut.

Von der aschebedeckten Schwelle folge ich ihrer Bewegung,
Der geschmeidigen Form ihrer Rümpfe und dem harmonischen Spiel ihrer nervigen Arme,
Die Hämmer fallen im Schwunge herab, so langsam herab, so sicher herab,
Sie hasten nicht, ein jeder trifft an seinen Platz.


13

Der Neger hält in festen Händen die Zügel des Viergespanns,
Unten schaukelt der Klotz an übergebundener Kette,
Den langen Lastwagen des Steinbruches fährt er, fest und hoch steht er da, den einen Fuß auf den Holm gestützt,
Sein blaues Hemd zeigt seinen starken Nacken und Brust, hängt lose über den Hüftgurt, sein Blick ist still und gebietend, er schiebt seinen Hut aus der Stirn,
Die Sonne fällt auf sein krauses Haar, seinen Schnurrbart, fällt auf das Schwarz seiner glänzenden, herrlichen Glieder.

Ich beschaue den malerischen Giganten und liebe ihn, doch halte mich nicht bei ihm auf,
Ich laufe auch mit dem Gespann.

Nach allen Seiten regt sich in mir der Liebkosende des Lebens, rückwärts wie vorwärts sich wendend,
Spähend in alle Ecken, abseits und nie entdeckt, kein Wesen noch Ding übersehend,
Aufnehmend alles in mich und für diesen Gesang.


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Ochsen, die ihr mit Joch und Kette rasselt oder im Schatten des Laubes ruht, was ist's, das ihr ausdrückt in euren Augen?
Es scheint mir mehr als alles Gedruckte, das ich je las in meinem Leben.

Mein Schritt scheucht Waldenterich und -ente auf meinem fernen taglangen Streifzug,
Sie schrecken zusammen auf, ziehn langsame Kreise.

Ich glaube an diese beflügelten Zwecke
Und bestätige Rot, Gelb, Weiß, spielend in mir,
Und halte Grün und Violett und des Laubwerks Krone für Absicht,
Und ich nenne die Schildkröte nicht unwürdig, weil sie nichts anderes ist,
Und der Häher im Walde hat niemals die Tonleiter studiert und trillert mir dennoch lieblich,
Und der Blick der Fuchsstute treibt alle Albernheiten beschämend aus mir aus.


14

Der wilde Gänserich führt sein Volk durch die kühle Nacht,
„Ja-honk“ sagt er und ruft es herab zu mir wie eine Einladung,
Die Vorwitzigen mögens für sinnlos halten, ich aber nahe horchend,
Erkenne seinen Zweck und Ort dort oben gegen den winterlichen Himmel.

Das scharfhufige Elen im Norden, die Katze auf der Haussschwelle, die Schwarzmeise, der Steppenhund,
Der Wurf der grunzenden Sau, der an den Zitzen saugt,
Die Brut der Truthenne und sie selber mit halbgespreiteten Flügeln,
Ich sehe in ihnen und in mir selber dasselbe alte Gesetz.

Meines Fußes Druck auf die Erde läßt hundert Zärtlichkeiten sprießen, sie spotten all meiner Mühe, sie aufzuzählen.

In bin verliebt in das, was im Freien wächst,
In Männer, die mit dem Vieh leben oder nach Meer oder Wäldern riechen,


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 33] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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In Erbauer und Steurer von Schiffen und Schwinger von Äxten und Schlegeln und Lenker von Pferden,
Ich kann essen und schlafen mit ihnen Woche um Woche.

Was am gewöhnlichsten, billigsten, nächsten, leichtesten ist, bin Ich.
Ich, versuchend mein Glück, verschwendend, um wiederzuernten in Fülle,
Schmückend mich selbst, um mich selbst zu verschenken dem Ersten, der mich will,
Nicht fordernd vom Himmel, daß er mir zu Gefallen herunter komme,
Sondern ihn ausstreuend mit vollen Händen für ewig.


15

Die reine Altstimme singt auf dem Chor der Orgel,
Der Tischler zimmert an seinem Brett, die Zunge des Hobels pfeift ihr wildansteigendes Zischen,
Die Kinder und Schwiegerkinder reiten zum Dankfest heim,
Der Steuermann greift ins Rad, dreht es herauf mit starkem Arm,
Der stämmige Maat steht aufrecht im Walfischboot, Harpune und Lanze bereit,
Der Entenjäger pirscht auf lautlosem Schleichweg,
Der Priester amtiert an dem Altar mit gefalteten Händen,
Die Spinnerin beugt sich vor und zurück zu dem Summen des großen Rades,
Der Farmer bleibt an dem Grenzrain stehn beim ersten Morgengang durch Hafer und Roggen,
Der unheilbare Irre wird endlich in die Anstalt gebracht,
(Nie wird er schlafen, wie er einst schlief in der Wiege seiner Mutter Gemach);
Der Zeitungsdrucker mit grauem Kopf und hageren Kinnbacken plagt sich an seinem Kasten,
Er dreht seinen Priem im Munde, indes seine Augen flimmern über dem Text,
Die verwachsenen Glieder sind auf den Tisch des Chirurgen geschnallt,
Abgeschnittnes fällt grausig in einen Eimer;
Die junge Halbmulattin wird am Markte verkauft, der Trinker nickt an dem Ofen der Schenke,


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 34] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Der Maschinist streift seine Ärmel hoch, der Schutzmann geht sein Revier ab,
Der Torwächter achtet darauf, wer vorbeigeht,
Der junge Bursche kutschiert die Eilpost (ich liebe ihn, ob ich ihn gleich nicht kenne);
Der Mischling schnürt seine leichten Schuh für den Wettlauf,
Die Truthahnjagd im Westen lockt alt und jung, die einen lehnen auf ihren Büchsen, die andern sitzen auf Blöcken,
Aus ihrem Kreis tritt der Schütze hervor, stellt sich in Positur und nimmt sein Ziel aufs Korn;
Die Gruppen neugelandeter Einwandrer füllen die Werft oder sind grade beim Aufstehn,
Der Aufseher überblickt von seinem Sattel die Wollschädel, wie sie im Zuckerfeld hacken,
Der Hornstoß ruft in den Ballsaal, die Herrn eilen zu ihren Damen, die Tänzer verbeugen sich voreinander,
Der Jüngling liegt wach in der zedergetäfelten Dachstube und lauscht der Musik des Regens,
Der Vielfraß legt sich auf Lauer am Bach, der hilft den Huronsee füllen,
Die Squaw, gehüllt in ihr gelbgesäumtes Gewand, bietet Perlenbeutel und Mokassins zum Kauf,
Der Kenner beschaut die Gemäldegalerie, mit verkniffenen Augen seitwärts geneigt,
Während das Dampfboot anlegt, wird die Planke geworfen für die aussteigenden Passagiere,
Die jüngere Schwester hält das Garn, das die ältre zum Knäuel wickelt, und stockt dann und wann bei den Knoten,
Die junge Frau erholt sich und fühlt sich glücklich, nachdem sie vor einer Woche ihr erstes Kind gebar,
Das saubergekämmte Yankeemädchen arbeitet an ihrer Nähmaschine in der Fabrik oder Spinnerei,
Der Mann, der die Straße pflastert, lehnt sich über seine doppelgriffige Ramme, der Stift des Reporters fliegt rasch über das Notizbuch, der Schildermaler malt Lettern blau und gold,
Der Flußschifferbursche stapft den Treidelweg lang, der Buchhalter rechnet an seinem Tisch, der Schuhmacher wachst seinen Zwirn,
Der Kapellmeister schlägt den Takt und alle Spieler folgen ihm,
Das Kind wird getauft, der Bekehrte legt sein erstes Bekenntnis ab,


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 35] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Die Regatta ist über die Föhrde entfaltet, das Rennen begann (wie weiß die Segel glühn!),
Der Treiber, der seine Herde bewacht, ruft singend das Vieh, das ausbrechen will,
Der Krämer schwitzt mit dem Pack auf dem Rücken (der Käufer feilscht um den letzten Pfennig),
Die Braut glättet ihr weißes Kleid, der Minutenweiser der Uhr geht langsam,
Der Opiumesser lehnt steifen Kopfes zurück mit halbgeöffneten Lippen,
Die Straßendirne zerrt ihren Schal, die Kapotte baumelt an ihrem trunkenen, finnigen Halse,
Der Pöbel belacht ihre Zuhälterflüche, die Männer höhnen und winken einander,
(Ärmste! Ich lache nicht über deine Flüche und höhne dich nicht);
Der Präsident, der Kabinettsrat hält, ist umringt von den Staatssekretären,
über den Platz spazieren drei Matronen stattlich und freundlich Arm in Arm,
Die Mannschaft der Fischerbarke verstaut Schichten von Heilbutten in den Raum,
Der Missourier wandert quer durch die Steppen, Vieh und Ware berechnend,
Der Billetschaffner, der durch den Zug geht, macht sich bemerkbar durch das Klimpern des Wechselgelds,
Die Schreiner legen die Dielen, die Dachdecker decken das Dach, die Maurer rufen nach Mörtel,
In der Reihe, jeder den Kübel schulternd, gehen die Arbeiter einer hinter dem andern.

Schnell wandeln die Zeiten des Jahrs, unbeschreiblich drängt sich die Menge, es ist der vierte Juli (welch ein Salut aus Gewehr und Geschütz!),
Schnell wandeln die Zeiten des Jahrs, der Pflüger pflügt, der Mäher mäht und das Winterkorn fällt in den Boden,
Draußen weit auf den Seen lauert der Hechtfischer am Loch der gefrorenen Fläche,


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 36] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Die Stümpfe stehen dicht um die Lichtung, tief trifft des Ansiedlers Axt,
Prahmschiffer eilen bei sinkender Dämmerung in den Schutz des Pappelund Hikoryhains,
Waschbärjäger streifen durch die Gebiete des Redriver oder des Tennessee oder Arkansas,
Fackeln leuchten im Dunkel, das über dem Chattehooche oder Altamahaw hängt,
Patriarchen sitzen beim Abendmahl mit Söhnen und Enkelsöhnen und Großenkelsöhnen um sich her,
In Hütten aus Lehm, in Segeltuchzelten ruhn Jäger und Trapper aus nach der Arbeit des Tags,
Die Stadt schläft und das Land schläft,
Die Lebenden schlafen ihre Zeit, die Toten schlafen ihre Zeit,
Der alte Ehemann schläft bei seinem Weib, und der junge Ehemann schläft bei seinem Weib,
Und diese alle drängen herein in mich und ich dränge aus mir hinaus in sie,
Und was es heißt, eines von diesen zu sein, mehr oder weniger, das bin Ich,
Und aus diesen, einem und allen, webe ich den Gesang von mir selbst.


16

Ich bin alt und jung, närrisch und weise,
Unbekümmert um andre, stets um andre besorgt,
Mutter sowohl wie Vater, Kind sowohl wie Mann,
Voll von dem Stoff, der grob ist, und voll von dem Stoff, der fein ist,
Sohn der Nation, die viele Nationen umfaßt, die kleinste sowohl wie die größte,
Südländer und Nordländer, ein Pflanzer gemütlich und gastfrei lebe ich unten am Oconee,
Ein Yankee, der seine Wege geht, zum Handel gerüstet, meine Gelenke die geschmeidigsten und sehnigsten Gelenke auf Erden,
Ein Kentuckier streifend im Elkhorntal in meinen Rehfellgamaschen, ein Lousisianier oder Georgier,


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Ein Bootsführer über Seen und Buchten und an Küsten entlang, ein Hoosier, Badger, Buckeye;
Zu Haus auf kanadischen Schneeschuhn oder droben im Busch und mit Fischern fern bei Neufundland,
Zu Haus auf der Eisbootflotte, mit den andern segelnd und kreuzend,
Zu Haus in den Hügeln von Vermont, den Wäldern von Maine und der Texasfarm,
Gefährte von Kaliforniern, Gefährte freier Nordwestler (liebend ihre mächtigen Glieder),
Gefährte von Flößern und Köhlern, Gefährte aller, die einem die Hand schütteln und einen willkommen heißen zu Speise und Trank,
Ein Schüler der Einfältigsten, ein Lehrer der Gedankenreichsten,
Ein Neuling und Anfänger, doch erfahren in Myriaden von Jahren,
Von jeder Farbe und Kaste bin ich, von jedem Rang und jeder Religion,
Ein Farmer, Mechaniker, Künstler, Edelmann, Schiffer, Quäker, Gefangener, Dandy, Raufbold, Rechtsanwalt, Priester, Arzt.

Alles bewältige ich leichter als meine eigene Vielfältigkeit,
Atme die Luft, doch lasse genügend übrig,
Ich bin nicht aufgeblasen und bin am rechten Ort.

(Die Motte und die Fischeier sind am rechten Ort,
Die hellen Sonnen, die ich sehe, und die dunklen Sonnen, die ich nicht sehen kann, sind am rechten Ort,
Das Greifbare ist am rechten Ort und das Ungreifbare am rechten Ort.)


17

Dies sind wirklich die Gedanken aller Menschen, aller Zeiten und Länder, sie sind nicht ursprünglich mein eigen,
Sind sie nicht die deinen sowohl wie die meinen, so sind sie nichts oder so gut wie nichts,


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Sind sie nicht das Rätsel und die Lösung des Rätsels, so sind sie nichts,
Sind sie nicht ebenso nahe als ferne, so sind sie nichts,
Dies ist das Gras, das überall wächst, wo Land und Wasser ist,
Dies ist die gemeinsame Luft, die den Erdball badet.


18

Ich komme mit starker Musik, mit meinen Hörnern und Trommeln,
Ich spiele nicht Märsche allein für gefeierte Sieger, ich spiele Märsche Besiegten, Erschlagnen.

Hörtest du, es sei gut den Sieg zu gewinnen?
Ich sage, auch fallen ist gut, Schlachten werden verloren im selben Geist wie gewonnen.

Ich rühre die Trommel den Toten,
Ich blase durch meine Trompeten meinen lautesten, fröhlichsten Klang für sie.

Vivat denen, die unterlagen!
Und deren Kriegsschiffe sanken in See!
Und denen, die selber sanken in See!
Und allen Feldherrn, die Schlachten verloren, und allen besiegten Helden!
Und den zahllosen unbekannten Helden, den größten bekannten Helden gleich.


19

Dies ist das Mahl, für alle gleicherweise gerichtet, dies das Fleisch für natürlichen Hunger,
Es ist für den Bösen bestimmt wie für den Gerechten, ich verhandle mit allen,
Ich will, daß nicht einer verachtet und übergangen werde,
Mätresse, Schmarotzer und Dieb sind hiermit geladen,
Der dicklippige Sklav ist geladen, der Geschlechtskranke ist geladen;
Es soll kein Unterschied sein zwischen ihnen und andern.


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Dies ist der Druck einer schüchternen Hand, dies das Fluten und Duften von Haar,
Dies ist der Hauch meiner Lippen auf deine, dies das Flüstern der Sehnsucht,
Dies ist die ferne Tiefe und Höhe, die spiegelt mein eigenes Antlitz,
Dies das gedankenvolle Versinken in mich und das Wiederhervorgehn.

Wähnst du, ich hätte eine heimliche Absicht?
Nun ja, ich habe eine, denn die Aprilschauer haben eine und der Glimmer an einer Felswand hat eine.

Meinst du, ich wolle verblüffen?
Verblüfft das Tageslicht oder das frühe Rotschwänzchen, das durch die Wälder zwitschert?
Errege ich mehr Erstaunen als sie?

In dieser Stunde sag ich vertrauliche Dinge,
Nicht jedem mag ich sie sagen, aber ich sage sie dir.


20

Wer geht da? gierig, grob, mystisch, nackt;
Wie kommts, daß ich Kraft ziehe aus dem Rindfleisch, das ich esse?

Was ist ein Mann überhaupt? Was ich? Und was bist du?
Allem, was ich als mein bezeichne, sollst du das deine entgegenstellen,
Anders wär es verlorene Zeit, mich zu hören.

Ich winsle nicht das Allerweltsgewinsel,
Daß die Monate leer sind und der Boden nur Schlamm und Kot.

Wimmern und Zukreuzekriechen mögt ihr Kranken in ihre Pulver mischen, Anpassung ist für die Vettern vierten Grads,
Ich trag meinen Hut, wie es mir gefällt, drinnen und draußen.

Warum sollte ich beten? Warum verehren und feierlich sein?


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Da ich die Erdschichten durchspäht und bis aufs Haar untersucht und mit Gelehrten beraten und peinlich berechnet habe,
Finde ich doch kein süßeres Fett als an meinen eigenen Knochen klebt.

In allem Volk seh ich mich selbst, keiner mehr und keiner ein Gerstenkorn weniger,
Und das Gute und Schlechte, das ich von mir sage, sage ich auch von ihnen.

Ich weiß, ich bin fest und gesund,
Zu mir strömen von allen Seiten die Dinge des Weltalls unaufhörlich,
Alle sind sie an mich geschrieben und ich muß die Schrift entziffern.

Ich weiß, ich bin todlos,
Ich weiß, daß dieser mein Kreis von keines Zimmermanns Zirkel umspannt wird,
Ich weiß, ich kann nicht vergehn wie ein Feuerreif, den ein Kind mit glühendem Stock durch die Nacht schlägt.
Ich weiß, ich bin erhaben,
Ich quäle meinen Geist nicht, sich selber zu rechtfertigen oder verstanden zu werden,
Ich sehe, daß die Urgesetze sich niemals entschuldigen,
(Ich denke, ich betrage mich am Ende nicht hochmütiger als die Wasserwage, nach der ich mein Haus gründe).

Ich bin wie ich bin, das ist genug,
Gewahrt mich kein Mensch in der Welt, so sitz ich zufrieden;
Und gewahren mich alle und jeder, so sitz ich zufrieden.

Eine Welt ist meiner gewahr, bei weitem die größte für mich, und das bin ich selbst,
Und ob ich zum meinigen heute gelange oder in zehntausend oder in zehn Millionen Jahren,
Ich kann es fröhlich heute nehmen oder ebenso fröhlich warten.
Meines Fußes Halt ist verzapft und vermörtelt in Granit,
Ich verlache das, was ihr Auflösung nennt,
Und kenne die Fülle der Zeit.


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21

Ich bin der Dichter des Leibs und bin der Dichter der Seele,
Die Freuden des Himmels sind bei mir, und die Qualen der Hölle sind bei mir,
Die ersten veredle und mehre ich in mir sebst, die zweiten übersetz ich in eine neue Sprache.

Ich bin der Dichter des Weibs sowohl wie des Manns,
Und nenne es ebenso groß, ein Weib zu sein, wie Mann,
Und sage, es gibt nichts größeres als die Mutter von Menschen.
Ich singe den Gesang von Entfaltung und Stolz,
Ducken und demütigen hatten wir grade genug,
Ich zeige, daß Größe nichts als Entwicklung ist.

Hast du die andern überholt? Bist du der Präsident?
Das ist eine Kleinigkeit, sie werden alle weiter als so weit gelangen, und immer noch weiter.

Ich bin, der da geht mit der zarten, wachsenden Nacht,
Ich rede laut zu Erde und Meer, den halb Umfangenen von der Nacht.

Drücke dich fest an mich, bloßbusige Nacht — drücke dich fest an mich, magnetische nährende Nacht!
Südwindsnacht — Nacht der wenigen großen Sterne!
Still nickende Nacht — toll nackte Sommernacht.

Lächle, o wollüstige, kühl überhauchte Erde!
Erde der schlummernden, saftfließenden Bäume!
Erde nach Sonnenuntergang, Erde der dunstgegipfelten Berge!
Erde mit gläsernem Gusse des Vollmonds, bläulich durchhaucht!
Erde des Scheins und Schattens, sprenkelnd den Spiegel des Stroms!
Erde durchleuchteten Wolkengrau's, heller und klarer um meinetwillen!
Weit umfangende Erde — üppige Apfelblüten-Erde!
Lächle, denn dein Geliebter kommt.

Verschwenderin, du hast mir Liebe gegeben, darum gebe auch ich dir Liebe,
O unaussprechliche, leidenschaftliche Liebe.


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22

Du Meer! auch dir ergebe ich mich, ich seh, was du willst,
Ich gewahre vom Strand aus deine gekrümmten, lockenden Finger,
Mich dünkt, du willst nicht ebben, ohne mich einmal gefühlt zu haben,
Wir woll'n einen Gang miteinander wagen, ich werfe die Kleider ab, reiße mich außer Sicht des Landes,
Bette mich weich, wieg' mich in welligem Schlummer,
Spritze mich mit verliebtem Naß, ich kann dir's vergelten.

Meer langgestreckter Dünung,
Meer, atmend in breiten, bebenden Zügen,
Meer mit dem Salz des Lebens und mit den ungegrabnen, immer bereiten Gräbern,
Heulend und hohl in Stürmen, launische, liebliche See,
Eines Wesens bin ich mit dir, eines Zustandes und aller Zustände Kenner auch ich.

Mitströmender ich mit Ebbe und Flut, Lobsänger ich von Haß und Versöhnung,
Lobsänger zärtlicher Freunde und aller, die sich in Armen ruhn.

Ich bin der Verkünder von Sympathie,
(Soll ich meine Liste der Dinge machen und das Haus übergehen, das sie enthält?)

Ich bin nicht der Dichter der Güte allein, ich weigere mich nicht, auch der Dichter der Bosheit zu sein.
Was ist das für ein Geplärr über Tugend und Laster?
Übel treibt mich vorwärts und Kampf gegen das Übel treibt mich vorwärts, ich stehe und richte nicht,
Mein Weg ist nicht eines Sündenjägers oder Verächters Weg,
Ich netze die Wurzeln alles Gewachsenen.

Hattest du Angst vor Skrofeln aus der nie erschlaffenden Zeugungsfülle?
Meintest du, die himmlischen Gesetze müßten noch einmal bearbeitet und berichtigt werden?


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Ich erkenne in allem Gewicht und Gegengewicht,
Sanfte Lehre ebenso sicherer Halt wie starke Lehre,
Gedanken und Taten der Gegenwart unser Anbruch und Frühbeginn.

Diese Minute, die zu mir kommt über vergangene Dezillionen,
Nichts besseres gibt es als sie und jetzt.
Was tüchtig war einst und was tüchtig ist heute, ist kein so großes Wunder,
Das Wunder ist immer wieder, daß es einen gemeinen Menschen geben kann oder einen Ungläubigen.


23

Zahllos entfaltete Worte der Zeiten!
Und meins ein Wort der Moderne, das Wort Enmasse.

Ein Wort des Glaubens, der niemals täuscht,
Hier oder einst ist ganz dasselbe für mich, ich nehme Zeit an unbedingt.
Sie allein ohne Riß, sie allein vollendet und rundet alles,
Dieses beirrende, mystische Wunder allein vollendet alles.

Ich nehme die Wirklichkeit an und wage sie nicht zu bezweifeln,
Durchtränkt von Materialismus von Anfang bis Ende.

Hurra der positiven Wissenschaft! lang lebe die exakte Forschung!
Bringt Mauerpfeffer mit Zedernund Fliederzweigen vermischt!
Dies ist der Lexikograph, dieses der Chemiker, dieser verfaßte eine Grammatik der alten Keilschriften,
Diese Schiffer lenkten das Schiff durch gefährliche neue Meere,
Dies ist der Geologe, dies ist ein Mathematiker, und dieser führt das Skalpell.

Ehre, ihr Herren, euch vor allen und allezeit!
Eure Tatsachen sind von Nutzen, doch Wohnung sind sie mir nicht,
Durch sie erst tret ich in einen Vorraum zu meiner Wohnung ein.
Nicht so sehr die Verkünder ausgesprochner Errungenschaften sind meine Worte,


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Sondern vielmehr die Verkünder unausgesprochenen Lebens und von Entwicklung und Freiheit,
Und machen kurzen Prozeß mit Kastraten und Zwittern und lieben vollausgestattete Männer und Weiber
Und schlagen den Gong des Aufruhrs und stehn auf der Seite von Flüchtlingen und Verschwörern.


24

Walt Whitman, ein Kosmos, von Manhattan der Sohn,
Ungestüm, fleischlich, sinnlich, essend, trinkend und zeugend,
Kein Empfindsamer, keiner, der über Männern und Weibers steht oder abseits von ihnen,
Nicht bescheiden, noch unbescheiden.

Schraubt die Schlösser der Türen los!
Schraubt die Türen selbst von den Pfosten los!

Wer einen andern erniedrigt, erniedrigt mich,
Und jedes Wort oder Tun trifft mich am Ende.

Durch mich schwellen und schwellen die Fluten des Geists,
Durch mich der Strom und Zeiger.

Ich spreche die urerste Losung, ich gebe das Zeichen der Demokratie,
Bei Gott! Ich will nichts haben, woran nicht alle zu gleichen Bedingungen teilhaben können.

Durch mich viel langverstummte Stimmen,
Stimmen endloser Geschlechter, Gefangener und Sklaven,
Stimmen der Kranken und Verzweifelnden und von Dieben und Zwergen,
Stimmen von Kreisläuften des Werdens und Wachsens
Und von den Fäden, die die Sterne verbinden, und von Vatersamen und Mutterschoß
Und von dem Rechte derer, die unterdrückt sind von andern,
Der Verwachsenen, Blöden, Flachen, Narren, Verfehmten,
Des Dunsts in der Luft, der Käfer, die Bällchen aus Dünger rollen.


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Durch mich verbotene Stimmen,
Stimmen der Geschlechter und der Begierden, verschleierte Stimmen, ich ziehe den Schleier weg,
Unzüchtige Stimmen, durch mich erhellt und verklärt.

Ich presse mir nicht die Hand auf den Mund,
Ich bin so rein in den Eingeweiden, als wie in Kopf und Herz,
Begattung ist mir nicht geiler als Tod.

Ich glaub an das Fleisch und an die Begierden,
Sehen, Hören und Fühlen sind Wunder, und jeder Teil und Fetzen von mir ist ein Wunder.

Göttlich bin ich innen und außen und heilige was ich berühre oder was mich berührt,
Der Duft dieser Achselhöhlen ist ein feinres Arom als Gebete,
Dies Haupt mehr als Kirchen, Bibeln und jedes Bekenntnis.

Wenn ich Eines höher schätze als andere Dinge, so solls das Bereich meines eigenen Körpers sein oder irgend eines Teiles von ihm.
Durchsichtige Form von mir, du sollst es sein!
Schattige Leisten und Stufen, ihr sollt es sein!
Festes männliches Pflugeisen, du sollst es sein!
Was mir den Acker des eigenen Ich bestellt, das soll es sein!
Du mein reiches Blut! Du milchiger Strom und bleicher Extrakt meines Lebens,
Brust, die sich preßt' an andere Brüste, du sollst es sein!
Mein Hirn, es sollen deine geheimen Windungen sein!
Wurzel des wasserumspülten Kalmus! Scheue Teichschnepfe! Nest behüteter Doppeleier! Ihr sollt es sein!
Verworrenes Heu auf Kopf, Bart, Brust, du sollst es sein!
Tropfender Saft des Ahorns, Samen des männlichen Weizens, du sollst es sein!
Verschwendende Sonne, du sollst es sein!
Dämpfe, beleuchtend, beschattend mein Antlitz, ihr sollt es sein!
Schweißperlender Bach und Morgentau, ihr sollt es sein!
Winde, deren sanftkitzelnde Genitalien über mich streichen, ihr sollt es sein!


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Breite, muskelschwellende Felder, Äste der immergrünen Eiche, die ihr liebevoll ruht über meinen gewundenen Pfaden, ihr sollt es sein!
Hände, die ich gedrückt, Antlitz, das ich geküßt, Sterblicher, den ich jemals berührt, du sollst es sein!

Ich bin vernarrt in mich selbst, diese Fülle von mir, und alles so köstlich,
Jede Sekunde und alles Geschehen durchbebt mich mit Freude,
Ich kann nicht sagen, wie meine Knöchel sich biegen, noch wo meines leisesten Wunsches Ursprung ist,
Noch wo der Ursprung der Freundschaft ist, die ich ausströme, oder der Freundschaft, die ich empfange.

Daß ich die Stufen zu meinem Hause ersteige: Ich stocke, um mich zu besinnen, ob es Wirklichkeit sei.
Eine Winde an meinem Fenster befriedigt mich mehr als alle Metaphysik der Bücher.

Den Tagesanbruch zu schauen!
Vor dem Schimmer Lichts verblassen die ungeheuren, durchscheinenden Schatten,
Die Luft schmeckt meinem Gaumen gut.

Sprossen der rollenden Welt erheben sich lautlos und frisch, frohlockend in unschuldigen Sprüngen,
Schräg hinschießend hoch und tief.

Etwas, das ich nicht sehen kann, streckt lüsterne Zacken empor,
Meere leuchtenden Safts überschwemmen den Himmel.

Die Erde, vom Himmel besucht, ihre täglich erneute Umarmung,
Die schwellende Balz aus dem Osten just mir zu Häupten,
Die spottende Antwort: Siehe denn, ob du Herr wirst!


25

Blendend und furchtbar, wie jählings würde der Sonnenaufgang mich töten,
Könnt ich nicht jetzt und immerdar aus mir selber Sonnenaufgang entsenden.


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Auch wir gehn blendend und furchtbar auf wie die Sonne,
Wir fanden uns selber, o meine Seele in der Stille und Kühle der Morgendämmerung.

Meine Stimme erjagt, was meine Augen niemals erreichen,
Mit dem Schlag meiner Zunge umfange ich Welten und Massen von Welten.
Sprache ist meines Schauens Zwilling, sie ist nicht imstande, sich selber zu messen,
Sie reizt mich beständig, sie redet spottend:
Walt, du enthältst genug, warum läßt du's denn nicht heraus?

Höre, ich laß mich nicht quälen, du hältst zu viel vom Ausdruck,
Weißt du, o Sprache nicht, wie unter dir die Keime gefaltet liegen,
Wartend im Dunkeln, geschützt vor Frost?

Die gelockerte Erde weicht vor meinen prophetischen Rufen zurück,
Ich lege mich allen Ursachen zugrunde, um sie endlich ins Gleichgewicht zu bringen,
Mein Wissen sind meine lebendigen Teile, im Einklang mit dem Sinn aller Dinge,
Glückseligkeit (wer immer mich hört, Mann oder Weib, mache sich auf, sie heut noch zu suchen),
Meinen letzten Wert verweigere ich dir, ich weigre mich, hinzugeben, was ich in Wahrheit bin;
Umfange Welten, aber versuche nicht, mich zu umfangen,
Blicke ich dich nur an, so verwirre ich deine schönste Klarheit.

Schreiben und Reden beweisen mich nicht,
Ich trage den vollen Beweis und alles andre in meinem Antlitz,
Mit dem Hauch meiner Lippen mach ich den Zweifler gänzlich zuschanden.


26

Nun will ich nichts tun als lauschen,
Um aufzufangen in diesem Gesang, was ich höre, um Laute herbeizulocken für ihn.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 48] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Ich höre Jubellieder von Vögeln, Rascheln von wachsendem Weizen, Geschwätz von Flammen, Knacken von Reisern, die mir die Mahlzeit kochen,
Ich höre den Laut, den ich liebe, den Laut der menschlichen Stimme,
Ich hör alle Laute zusammenfließen, vereint, verschmolzen oder einander folgend,
Laute der Stadt und Laute der Vorstadt, Laute des Tags und der Nacht,
Geschwätz der Jugend mit dem, der sie liebt, das laute Gelächter der Arbeiter bei der Mahlzeit,
Den zornigen Baß zerstörter Freundschaft, die dünnen Laute der Kranken,
Den Richter, die Hände ans Pult geklammert, mit bleichen Lippen ein Todesurteil verkündend,
Hoiho der Packer, die auf den Werften die Ladung der Schiffe löschen, eintönige Rufe beim Ankerlichten,
Das Läuten der Sturmglocken, den Feuerschrei, das Rasseln herbeiströmender Spritzen und Schlauchwagen, mit warnendem Klingeln und farbigen Lichtern,
Die Dampfpfeife, das wuchtige Rollen des nahenden Zugs,
Den langsamen Marsch, voran dem Verein, der zwei und zwei marschiert,
(Sie geben einer Leiche das letzte Geleit, die Fahnenspitzen mit Flor umwunden.)

Ich höre das Violoncell, die Herzensklage des Jünglings,
Ich höre das Horn, es gleitet mir schnell in die Ohren,
Es erschüttert mit wildsüßen Stößen mir Bauch und Brust.

Ich höre den Chor einer großen Oper,
Ah, das ist wahrlich Musik, die gefällt mir.

Eine Tenorstimme, groß und frisch wie die Schöpfung, erfüllt mich,
Die runde Wölbung des Mundes strömt und füllt mich voll.

Ich höre den wohlgepflegten Sopran (woher seine Wirkung?)
Das Orchester wirbelt mich weiter als Uranus fliegt,


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 49] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Es keltert solche Gluten aus mir, ich wußte nicht, daß ich sie hatte,
Es trägt mich wie See, ich platsche mit bloßen Füßen, sie sind von den lässigen Wellen umleckt.
Ich werde von scharfem, grimmigem Hagel geritzt, ich verliere den Atem,
Werde in honigsüßes Morphin getaucht, meine Kehle von Todesschwindel erdrosselt,
Endlich wieder emporgelassen, das Rätsel der Rätsel zu fühlen,
Und das nennen wir Sein.


27

Zu sein in irgendeiner Gestalt, was ist das?
(Allezeit in der Runde gehen wir alle und kommen immer auf dies zurück.)
Wenn nichts sich weiter entwickelt, so wäre die Muschel in ihrer gefühllosen Schale genug.

Ich stecke in keiner gefühllosen Schale,
Ich habe geschwinde Stromleiter über und über, wo immer ich gehe und stehe,
Sie fassen jegliches Ding und leiten es ohne Schaden durch mich

Ich rühre mich nur, drücke, fühle etwas mit meinen Fingern und bin beglückt;
Mit meinem Leib eines andern Leib zu berühren, ist fast so viel schon, wie ich ertragen kann.


28

Dies also ist Berührung, bebend von eines andern Nähe?
Flammen und Äther stürzen in meine Adern,
Verrät'rischer Fühler, der sich streckt und drängt aus mir, um ihnen zu helfen,
Blitze spielen aus meinem Fleisch und Blut, um das zu treffen, was doch mir selber gleicht,
Auf allen Seiten ein Reiz und Kitzel, der mir die Glieder strafft
Und letzten Tropfen aus meines Herzens Euter preßt,
Toll mit mir umgeht und sich nicht abweisen läßt,


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 50] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Mich wie mit Absicht des Besten beraubt,
Die Kleider mir aufknöpft und mich faßt um den bloßen Leib,
Meine Verwirrung narrt mit der Ruhe sonnigen Weidelands,
Rücksichtslos die Brudersinne verdrängt,
Sie besticht, der Berührung das Feld zu räumen und fern an meinen äußersten Rändern zu grasen,
Ohne Schonung für meine sinkende Kraft, ohne Acht auf meinen Zorn,
Rundum sammelt den Rest der Herde zu kurzem Ergötzen,
Endlich alle auf einem Vorsprung vereint, um mich zu plagen.

Die Wachen verlassen jeglichen andern Teil von mir,
Geben mich hilflos preis einem roten Räuber,
Sie alle drängen sich auf den Vorsprung, um wider mich zu zeugen und mitzuhelfen.

Ich bin von Verrätern verlassen,
Ich rede irre, ich hab den Verstand verloren, ich und sonst keiner, bin selber der größte Verräter.
Ich selber kam zuerst auf den Vorsprung, meine eigenen Hände trugen mich hin.

Du Schurke Berührung! Was tust du, mein Atem erstickt in der Kehle,
öffne die Schleusen, du bist mir zu stark.


29

Ringende, liebende, blinde Berührung, verhüllte, verkappte, scharfgezahnte Berührung!
Tat dir's so weh, mich loszulassen?

Dem Gehen folgt auf der Spur das Kommen, ewige Rückzahlung ewigen Darlehns,
Reich herniederschauernder Regen und reicher hinterdrein der Ertrag.
Sprossen gehn auf und stauen sich dicht am Ausgang lebendig und fruchtbar,
Ganze Felder der Mannheit, ausgeworfen golden und voll.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 51] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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30

Alle Wahrheiten warten in allen Dingen,
Sie haben's nie eilig mit ihrer Befreiung noch sträuben sie sich dagegen,
Sie brauchen die Zange des Geburtshelfers nicht;
Das Unbedeutende ist mir so wichtig wie irgendwas,
(Was ist mehr oder weniger als Berührung?)
Logik und Predigten überzeugen nie,
Der Dunst der Nacht dringt tiefer in meine Seele.

(Nur was sich jedem Manne und jedem Weibe von selber beweist ist so,
Nur was niemand leugnet, ist so.)

Ein Augenblick und ein Tropfen von mir beruhigen mein Gehirn,
Ich glaube, die nassen Schollen der Erde werden sich wandeln in Liebe und Licht,
Und ein Buch der Bücher ist das Fleisch eines Manns oder Weibes,
Und Gipfel und Blüte ist ihr Gefühl für einander,
Und sie sollen aus dieser Lehre sich unabsehbar verzweigen, bis sie allwirkend wird,
Und bis einer und alle für uns und wir für sie nichts sind als eitel Lust.


31

Ich glaube, ein Grashalm ist nicht geringer als das Tagwerk der Sterne,
Und die Ameise ist nicht minder vollkommen, und des Zaunkönigs Ei, und ein Sandkorn,
Und die Baumkröte ist ein Meisterstück für den Höchsten,
Und die Brombeerranken würden die Hallen des Himmels schmücken,
Und das schmalste Gelenk meiner Hand spottet aller Maschinen.
Und die Kuh, die wiederkäut mit gesenktem Kopf, übertrifft jedes Bildwerk,
Und eine Maus ist Wunders genug, um Sextillionen von Ungläubigen zu bekehren.
Mir scheint, ich verkörpere Gneis, Kohle, langhaariges Moos, Früchte, Ähren, eßbare Wurzeln,


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 52] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Ich bin über und über mit einer Stukkatur von Vierfüßlern und Vögeln bedeckt,
Ich habe, was hinter mir liegt, aus guten Gründen weit überholt.
Aber ich rufe, wenn ich es will, alles wieder zu mir heran.

Vergebens Eile und Scheu,
Vergebens spein die plutonischen Schluchten ihre alte Glut meinem Nahen entgegen,
Vergebens verkriecht sich das Mammut unter sein eigenes zerstäubtes Gebein,
Vergebens stehen die Dinge meilenweit voneinander und nehmen mannigfache Gestalt an,
Vergebens höhlt sich der Ozean und schmiegen die Ungeheuer sich in die Tiefe,
Vergebens sucht sich der Bussard im Himmel sein Haus,
Vergebens schlüpft die Schlange in Schlinggewächs und Geröll,
Vergebens sucht sich der Elch die innersten Pfade der Wälder,
Vergebens segelt der messerschnäblige Alk weit in den Norden hinaus bis Labrador,
Ich folge geschwind, ich erklettere das Nest in dem Felsspalt.


32

Ich glaube, ich könnte hingehn und mit den Tieren leben, sie sind so still und beschlossen in sich,
Ich stehe und schaue sie an, lange und lange.

Sie schwitzen und wimmern nicht über ihre Lage,
Sie liegen nicht wach im Dunkeln und weinen über ihre Sünden,
Sie empören mich nicht durch Erörterungen ihrer Pflichten vor Gott,
Keines ist unzufrieden, keines besessen von dem Wahnsinn, Dinge besitzen zu wollen,
Keines kniet vor dem andern oder vor seinesgleichen, das vor tausend Jahren gelebt,
Keins ist Respektsperson oder unglücklich auf der ganzen Erde.
So zeigen sie mir Verwandtes und ich nehme es an,
Sie bringen mir Zeichen meiner selbst und erweisen sie deutlich an sich.


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Ich möchte wissen, woher sie solcherlei Zeichen haben;
Bin ich vor unermeßlicher Zeit diesen Weg gegangen und ließ sie fallen?
Ich selbst — vorrückend damals und jetzt und ewig,
Sammelnd und offenbarend immer mehr und geschwind,
Unbegrenzt und von jeder Gattung und ihresgleichen mit ihnen,
Nicht zu vornehm für sie, die mir die Zeichen meiner eigenen Vergangenheit bringen,
Hier mir nun aussuchend einen, den ich liebe, um brüderlich mit ihm zu gehn:

Ein riesiges Prachtstück von Hengst, frisch und empfänglich für meine Liebkosung,
Kopf hoch in der Stirn, breit zwischen den Ohren,
Glieder geschmeidig und glänzend, der Schweif fegt den Boden,
Die Augen voll funkelnder Bosheit, fein geschnitten die leicht beweglichen Ohren.

Seine Nüstern blähn sich, wie meine Fersen ihn fassen,
Seine wohlgestalteten Glieder beben voll Lust, wie wir im Kreise jagen hin und zurück.

Nur eine Minute benutz ich dich, Hengst, dann laß ich dich frei,
Was brauche ich deinen Galopp, da ich ihn selbst überhole?
Stehend oder sitzend sogar komm ich schneller voran als du.


33

Raum und Zeit! Nun seh ich, daß wahr ist, was ich geahnt,
Was ich geahnt, als ich schlenderte über das Gras,
Was ich geahnt, als ich einsam im Bett lag,
Und wieder, als ich am Strande ging unter den verblassenden Steuern des Morgens.

Meine Fesseln und Ballast fall'n von mir ab, meine Ellbogen ruhen in Meeresbuchten,
Ich säume Sierras, meine Handflächen bedecken Kontinente,
Ich wandre mit meinen Gesichten.


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Zwischen den Häuserwürfeln der Stadt, in Blockhütten mit Holzknechten lagernd,
Den Geleisen der Landstraße lang, die trockene Schlucht entlang und am Bette des Bachs,
Jätend mein Zwiebelfeld oder Furchen hackend für Pastinaken und Möhren, Savannen durchkreuzend, durch Wälder mir Wege bahnend,
Land messend, Gold grabend, Bäume umzirkend auf einem neu erworbnen Stück Land,
Knöcheltief vom heißen Sande versengt, indes ich mein Boot schleppe den seichten Fluß hinab,
Wo der Panther hin und her mir zu Häupten auf einem Aste schleicht, wo der Rehbock wütend den Jäger angeht,
Wo die Klapperschlange auf dem Gestein ihre schlappe Länge sonnt, wo der Otter Fische frißt,
Wo der Alligator in seinem zähen Warzenpanzer schläft an der Bucht,
Wo der schwarze Bär nach Wurzeln und Beeren sucht, wo der Biber mit seinem Ruderschwanze den Schlamm patscht,
Über sprossendes Zuckerrohr, gelbblütige Baumwollstaude, über den Reis im tiefgelegenen feuchten Feld,
Über das spitzgegiebelte Farmhaus mit zackigem First und schlanken Güssen der Traufe,
Über die Dattelpflaumen des Westens, langblättrigen Mais und zartblau blühenden Flachs,
Über den Buchweizen weiß und braun, ein Brummer und Summer da mit den andern,
Über das dämmrige Grün des Roggens, das sich im Winde schattig wellt,
Berge erkletternd, vorsichtig mich hinaufziehend, an niedrigen rauhen Ästen mich haltend,
Ausgetretenen Pfad im Grase gehend oder mich durch das Dickicht schlagend,
Wo die Wachtel pfeift zwischen Weizen und Wald, wo die Fledermaus fliegt im Juliabend, wo der große Goldkäfer durch das Dunkel fällt,
Wo der Quell aus den Wurzeln des alten Baumes springt und in die Wiese fließt,


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Wo die Rinder stehn und mit zuckender Haut sich die Fliegen abschütteln,
Wo das Käsetuch in der Küche hängt, wo die Feuerböcke sich über dem Herdstein spreizen, wo Spinnweben in Festons von den Sparren hängen,
Wo Dampfhämmer krachen, wo die Presse ihre Zylinder wirbelt,
Überall wo das Menschenherz mit furchtbaren Krämpfen unter den Rippen schlägt,
Wo der birnförmige Ballon hoch oben schwebt (ich schwebe selber darin und schaue gelassen hinab),
Wo der Rettungskarrn an der Schlaufe geschleppt wird, wo die Hitze blaßgrüne Eier brütet im krausen Sand,
Wo das Walfischweibchen mit seinem Kalbe schwimmt und es nie verläßt,
Wo das Dampfschiff seinen langen Rauchwimpel hinter sich herzieht,
Wo die Flosse des Hais wie ein schwarzer Span aus dem Wasser schneidet,
Wo die halbverbrannte Brigg auf unbekannter Strömung treibt
Und Muscheln an ihr schleimiges Deck anwachsen und unten im Raum die Toten faulen,
Wo das dichtbesternte Banner weht an der Spitze des Regiments,
Das langgestreckte Eiland hinauf, Manhattan zu;
Unter Niagara, wo mir die Fälle übers Gesicht wie ein Schleier stürzen,
Auf einer Türstufe, auf dem Aufsteigeblock aus hartem Holz,
Auf der Rennbahn oder fröhlich bei Picknicks oder bei Tanz oder einer guten Partie Baseball,
Bei Männergelagen mit saftigen Späßen, beißender Wildheit, Bulltänzen, Saufen, Gelächter,
An der Apfelweinpresse, wo ich die Süße des braunen Breis koste, und den Saft sauge durch einen Halm
Und beim Apfelschälen Küsse verlange für jede rote Frucht, die ich finde,
Bei Musterung, Strandpartie, Kaffeekränzchen, beim Maishülseund Richtfest;
Wo der Spottvogel seine wonnigen Kehllaute flötet, kichert, schreit, schluchzt,


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Wo der Heuschober steht in der Scheune, wo die Streu gemacht ist, wo die Zuchtkuh wartet im Stall,
Wo der Bulle kommt, sein männliches Werk zu tun, wo der Hengst die Stute deckt, wo der Hahn die Henne tritt,
Wo die Färse grast, wo die Gänse ihr Futter rupfen mit kurzen Rucken,
Wo Abendschatten über die endlos einsame Steppe wachsen.
Wo der Büffelherden kriechende Decke sich zieht über Meilen fern und nah,
Wo der Kolibri glänzt, wo der Hals des langlebenden Schwans sich windet und biegt,
Wo die Lachmöwe am Strande blitzt und ihr fast menschliches Lachen lacht,
Wo Bienenkörbe stehn, auf grauer Bank im Garten gereiht, halbverborgen vom hohen Unkraut,
Wo Halsband-Rebhühner schlafen im Kreis an den Boden gedrückt, die Köpfe hoch,
Wo Leichenwagen durchs Bogentor eines Friedhofs fahren,
Wo Winterwölfe bellen in Wüsten von Schnee und vereisten Bäumen,
Wo der gelbe Kronreiher nachts an den Sumpfrand kommt, um Krabben zu fischen,
Wo das Spritzen von Schwimmern und Tauchern den warmen Mittag kühlt,
Wo die Grille ihre chromatische Pansflöte übt auf dem Nußbaum über dem Brunnen,
Durch Zitronenund Gurkenbeete mit silbergeäderten Blättern,
Durch die Salzlache und den Orangenhain, unter den Kegeln der Fichten,
Durch die Turnhalle, den verhangnen Salon, das Bureau und die öffentliche Halle;
Voll Lust am Einheimischen und am Fremden, am Alten und Neuen,
Am unansehnlichen Weib und am schönen,
An der Quäkerin, wie sie die Haube ablegt und klangvoll spricht,
An dem Lied des Chors in der weißgetünchten Kirche,
An den ernsten Worten des schwitzenden Methodistenpredigers und am ergreifenden Feldgottesdienst;
Die Schaufenster am Broadway den ganzen Morgen betrachtend, das Fleisch meiner Nase platt drückend an dicken Spiegelscheiben,


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Wandernd am selben Nachmittag mit hoch zu den Wolken gekehrtem Gesicht, einen Feldweg oder am Strand entlang,
Meine Arme rechts und links um zwei Freunde gelegt und ich in der Mitte;
Heimkehrend mit dem schweigsamen, dunkelwangigen Waldburschen (hinter mir reitet er in Schleiern des Abends),
Fern von den Siedlungen spähend die Fährte des Wilds oder Spuren von Mokassins,
Am Bett im Spital einem Fieberkranken sein Glas Limonade reichend,
Dicht an der Leiche im Sarg, wenn alles still, mit Kerzenlicht sie beleuchtend;
Reisend nach jedem Hafen auf Abenteuer und Tausch,
Hastend mit dem Gedränge der Neuzeit, so zapplig und flink, wie nur einer,
Heiß gegen den, den ich hasse, bereit, ihn niederzustechen in meiner Wut,
Einsam um Mitternacht im Garten hinter dem Hause, meine Gedanken fern von mir, eine lange Zeit,
Wandelnd über die alten Hügel Judäas, dem schönen gütigen Gott zur Seite,
Sausend durch Raum und sausend durch Himmel und Sterne,
Sausend zwischen den sieben Planeten, dem breiten Ring und den achtzigtausend Meilen des Durchmessers,
Sausend mit Meteoren geschwänzt, Feuerbälle schleudernd wie sie,
Tragend das wachsende Mondeskind, das seine eigene volle Mutter in seinem Bauche trägt,
Stürmend, genießend, planend, liebend, warnend,
Wieder zurück ins Glied mich reihend, erscheinend, verschwindend,
Wandle ich solche Wege Tag und Nacht.

Ich besuche die Obstgärten der Sphären und schau ihre Früchte an,
Ich schaue auf Quintillionen reife und schaue auf Quintillionen grüne.

Ich fliege den Flug einer strömenden, trinkenden Seele,
Mein Kurs läuft tief unterm Lot.


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Ich verhelfe mir selber zu Körperlichem und Unkörperlichem,
Keine Wache kann mir den Weg versperren und kein Gesetz mich hindern.
Eine kleine Weile nur lasse ich meine Schiffe vor Anker gehn,
Meine Boten kreuzen ständig draußen und bringen ihre Berichte zu mir.

Ich gehe auf Jagd nach Polarfell und Seehund, spring über Spalten an eisengeschlagenem Stock, klammere mich ans splitternde Blau der Zacken.
Ich erklettre den Topp,
Setze mich spät in der Nacht in den Mastkorb,
Wir segeln durch arktische See, es ist reichlich hell,
Durch klare Luft blick ich rundum auf die wunderbare Schönheit,
Die riesigen Eismassen treiben an mir vorbei und ich an ihnen, nach allen Seiten kann ich das Bild überschaun,
Weißgipflige Berge zeigen sich in der Ferne, ich schick ihnen meine Träume entgegen;
Wir nähern uns einem großen Schlachtfeld, wo wir bald mitkämpfen müssen,
Wir passieren die riesigen Vorposten des Lagers, behutsam und lautlos gleiten wir ihnen vorbei,
Oder wir ziehn durch die Vororte ein in eine große, verwüstete Stadt,
Die Blöcke und Trümmer der Bauten mächtiger als alle lebenden Städte des Erdballs.

Ich bin ein Freischärler, biwakiere an Wachtfeuern der Erobrer,
Ich werfe den Bräutigam aus dem Bett und lege mich selber zur Braut,
Ich drück sie an meine Schenkel und Lippen, die ganze Nacht.

Meine Stimme des Weibes Stimme, der Aufschrei am Treppengeländer,
Sie bringen mir meines Mannes Leiche herauf, triefend, ertrunken.

Ich verstehe die großen Herzen der Helden,
Den Mut von heute und je,


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Wie der Schiffskapitän das steuerlose, von Menschen wimmelnde Wrack des Dampfers sah, das der Tod auf und nieder jagte im Sturm,
Wie er fest zugriff und nicht einen Zoll breit wich und treu blieb Tag und Nacht
Und mit Kreide große Lettern schrieb auf ein Brett: „Seid ruhig, wir verlassen euch nicht!“,
Wie er mit ihnen fuhr und lavierte drei Tage lang und nicht nachließ,
Wie er die Treibenden endlich aufnahm,
Wie die erschöpften Weiber in losen Kleidern aussahn, als man sie wegbootete vom Rand ihrer offenen Gräber,
Und die verstummten Kinder mit altgewordnen Gesichtern, die emporgehobenen Kranken und unrasierten, scharflippigen Männer;
All das saug ich in mich, es schmeckt mir gut, wird mein, ich habe es gern,
Ich bin der Mann, ich litt, ich war dabei.

Die Weltverachtung und Ruhe von Märtyrern,
Die Mutter von einst, als Hexe verdammt, verbrannt vor den Augen der Kinder auf dürrem Holz,
Der Sklave, mit Hunden gehetzt, vom Laufen erschöpft, an den Zaun gelehnt, keuchend, bedeckt mit Schweiß,
Die Stiche wie Nadeln an Beinen und Hals, die mörderischen Rehposten und Kugeln,
All das fühle oder bin ich.

Ich bin der gehetzte Sklav, ich krümme mich unter den Bissen der Hunde,
Höll und Verzweiflung über mir, Krach auf Krach die Schüsse der Jäger,
Ich umkrampfe die Pfähle des Zauns, mein klumpiges Blut tropft, verdünnt vom Schweiß meiner Haut,
Ich falle auf Unkraut und Steine,
Die Reiter spornen die sträubenden Pferde, reißen sie dicht an mich heran,
Schreien mir Hohn in die schwindligen Ohren und schlagen mich wütend mit Peitschenstöcken über den Kopf.


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Qualen sind mir wie Kleiderwechsel,
Ich frage den wunden Menschen nicht, wie's ihm geht, ich selber werde der wunde Mensch,
Indes ich auf meinen Stock mich stütze und zuschaue, werden die Wunden brandig auf mir.

Ich bin der zerquetschte Feuerwehrmann mit gebrochenem Brustbein,
Stürzende Mauern begruben mich unter Trümmern,
Ich atmete Glut und Rauch, ich hörte die gellenden Rufe der Kameraden,
Hörte das ferne Picken ihrer Hacken und Schaufeln,
Sie haben die Balken weggeräumt, sie ziehen mich sanft hervor.

Ich liege in meinem roten Hemd in der Nachtluft, ringsum ist tiefes Schweigen um meinetwillen,
Schmerzfrei nach allem lieg ich erschöpft, doch nicht eben unglücklich,
Weiß und schön sind die Gesichter um mich, die Köpfe entblößt von den Feuerhelmen,
Die knieende Schar erlischt mit dem Licht der Fackeln.

Ferne und Tote stehn wieder auf,
Sie sind wie Ziffernblatt und Zeiger von mir, ich selber die Uhr.

Ich bin ein alter Artillerist, ich erzähle von der Beschießung des Forts,
Wieder bin ich dabei.

Wieder das lange Rollen der Trommeln,
Wieder die Kanonen und Mörser der Feinde,
Wieder in meinem lauschenden Ohr die Antwort unsrer Kanonen.

Ich bin dabei, sehe und höre alles,
Schreie, Flüche, Gebrüll, Jubel über gutsitzende Schüsse,
Der Ambulanzen langsamer Zug mit tropfender, roter Spur,
Arbeiter, die nach Schäden spähn und das Nötigste flicken,
Granatentreffer ins spaltende Dach, ihr fächerförmiges Platzen,
Sausende Garbe von Gliedern, Köpfen, Steinen, Holz, Eisen hoch in der Luft.


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Wieder gurgelt der Mund meines sterbenden Generals, wütend schwenkt er die Hand,
Er keucht durchs geronnene Blut: „Denkt nicht an mich — denkt — an die Schanzen.“


34

Jetzt erzähl ich, was ich in Texas erfuhr in früher Jugend
(Ich spreche nicht von dem Fall von Alamo,
Keiner entkam, zu berichten den Fall von Alamo,
Die hundertundfünfzig liegen noch stumm in Alamo)
Dies ist die Geschichte des kaltblütigen Mords von vierhundertzwölf jungen Männern.

Auf dem Rückzug hatten sie ein Karree formiert, das Gepäck als Brustwehr,
Neunhundert Leben aus den umzingelnden Feinden, neunmal ihre eigene Zahl,
Das war der Preis, den sie selber vorausgenommen;
Ihr Oberst war verwundet und ihre Munition verschossen,
Sie packtieren auf ehrenvolle Kapitulation, empfingen Schrift und Siegel, streckten die Waffen und zogen als Kriegsgefangene ab.

Sie waren die Blüte des Jägervolks,
Unvergleichlich im Reiten, Schießen, Singen, Schmausen und Werben,
Hochgewachsen, ungestüm, freigebig, stattlich, stolz, zärtlich,
Bärtig, sonnengebräunt, gekleidet in freie Jägertracht,
Kein einziger über dreißig alt.

Am Morgen des zweiten Sonntags wurden sie rottenweise hinausgeführt und niedergemetzelt, es war ein herrlicher Frühsommertag,
Das Werk begann gegen fünf und war zu Ende um acht.

Keiner vollzog den Befehl zu knien.
Einige machten einen verzweifelten, hilflosen Anlaut, einige standen aufrecht und starr,
Einige wenige fielen sogleich, in Herz oder Schläfen getroffen, Tote und Lebende lagen zusammen,


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Die Verstümmelten und Zerfetzten wühlten im Schmutz, die Neuankommenden sahen sie so,
Ein paar Halbgetötete suchten beiseite zu kriechen,
Diese wurden mit Bajonetten erledigt oder mit Kolben niedergeschlagen.
Ein junger Bursch, noch nicht siebzehn alt, bekam seinen Mörder zu packen, bis zwei andre kamen, ihn zu befrein,
Allen dreien wurden die Kleider zerfetzt und bedeckt mit des Jünglings Blut.

Um elf begann die Verbrennung der Leichen;
Das ist die Geschichte des Mords der vierhundertzwölf jungen Männer.


35

Willst du von einer Seeschlacht hören aus alter Zeit?
Willst du wissen, wer siegte beim Licht von Sternen und Mond?
Höre das Garn, das meiner Großmutter Vater, der Seemann, mir spann.

Unser Feind (erzählt' er) war keine Memme in seinem Schiff, das kann ich dir sagen,
Er hatte den mürrischen, englischen Mut, und keiner ist oder war oder wird je zäher und treuer sein als der;
Im tiefen Abend kam er heran und deckte uns furchtbar ein.

Wir legten uns dicht an ihn, die Rahen verfitzten sich, die Kanonen stießen zusammen,
Mein Käpt'n belegte mit eigener Hand.

Ein Paar Achtzehnpfünder hatten wir unter Wasser bekommen,
Auf dem untern Geschützdeck waren zwei große Rohre beim ersten Feuer geplatzt und hatten ringsherum alles getötet und in die Luft gejagt.

Kampf bei sinkender Sonne, Kampf in der Dunkelheit,
Zehn Uhr nachts, der Vollmond herauf, unsere Lecks immer größer, und fünf Fuß Wasser gemeldet,
Der Kommandant entläßt die Gefangnen im Achterraum, damit sie sich selber zu retten suchen.


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Der Gang zur Pulverkammer ist jetzt von Wachen gesperrt,
Sie sehen so viele fremde Gesichter, sie wissen nicht, wem noch traun.

Unsre Fregatte fängt Feuer,
Die andern fragen, ob wir Pardon erbitten,
Ob die Flagge gestrichen, der Kampf zu Ende?

Nun lach ich vergnügt, denn ich hör meines kleinen Käpt'ns Stimme:
„Wir streichen nicht!“ ruft er gelassen, „wir fangen jetzt erst an!“

Nur drei Geschütze sind noch in Gang,
Eines richtet der Käpten selbst auf den feindlichen Hauptmast,
Zwei, mit Kartätschen wohl bedient, bringen seine Musketen zum Schweigen und klaren sein Deck.
Die Topps allein unterstützen das Feuer der kleinen Batt'rie, vor allen der Großtopp,
Sie halten tapfer durch bei der ganzen Aktion.

Kein Augenblick Pause,
Die Pumpen können gegen die Lecks nicht mehr an, das Feuer frißt an die Pulverkammer,
Eine der Pumpen ist weggeschossen, wir denken alle, wir sinken.

Heiter steht der kleine Kaptän,
Er hat keine Eile, seine Stimme ist weder laut noch schwach,
Seine Augen geben uns helleres Licht, als unsre Gefechtslaternen.

Gegen zwölf, in den Strahlen des Monds, ergibt sich der Feind.


36

Weit und still liegt die Mitternacht,
Zwei große Rümpfe regungslos im Schoße der Finsternis,
Unser Schiff ist durchsiebt und sinkt allmählich, wir rüsten uns, auf das eroberte überzugehn,
Der Kommandant auf dem Achterdeck gibt kalt, mit einem Gesicht weiß wie ein Laken, seine Befehle,
Nahe bei ihm die Leiche des Knaben, der in der Koje diente,


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 64] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Das tote Gesicht eines alten Seebärs mit langem weißen Haar und sorglich gekräuseltem Backenbart,
Flammen, trotz aller Abwehr flackernd oben und unten,
Die heisern Stimmen der zwei oder drei Offiziere, die noch dienstfähig sind,
Formlose Leichenhaufen und einzelne Leichen, Fleischfetzen an Masten und Spieren,
Zerschnittne Taue, Geschaukel von Takelwerk, leichte Stöße vom Wiegen der Wellen,
Schwarze, starre Geschütze, zerstreute Pulverpakete, scharfer Geruch,
Ein paar große Sterne zu Häupten mit stummem, traurigem Licht,
Zarte Düfte der Brise von See, und Schilfund Wiesengeruch von Land,
Aufträge Sterbender an Überlebende,
Das Zischen des Wundmessers, die knirschenden Zähne der Knochensäge,
Schnaufen, Glucksen, Rieseln von Blut, kurzer wilder Schrei und langes, dumpfes, immer höher steigendes Stöhnen,—
So war's! so unvergeßlich.


37

Ihr Faulpelze dort auf Wache! Auf, zu den Waffen!
In die eroberten Tore dringen sie ein! Ich bin erstürmt!
Ich verkörpere alle Wesen geächtet und leidend,
Sehe mich selbst im Kerker in eines andern Mannes Gestalt,
Und fühle die dumpfe, ununterbrochene Pein.
Um meinetwillen schultern die Zuchthausposten ihre Gewehre und halten Wacht,
Ich bin es, den man herausläßt am Morgen und einriegelt bei Nacht.

Kein Meuterer geht an Handschellen ins Gefängnis, ich ginge denn mit ihm an Handschellen ihm zur Seite.
(Nicht der Lustige bin ich so sehr, wie der Stumme, mit Schweiß auf meinen verkniffenen Lippen.)
Kein Bursche wird wegen Diebstahls gefaßt, ich ginge denn auch vor Gericht und würde verhört und verurteilt.
Kein Cholerakranker liegt im letzten Krampf, ich läge denn auch im letzten Krampf,


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Mein Gesicht aschfahl, meine Sehnen verkrümmt, die Menschen fliehen vor mir.

Bittende sind verkörpert in mir, und ich bin verkörpert in ihnen,
Ich streck meinen Hut hin, sitze mit dem Gesicht der Scham und bettle.


38

Genug! Genug! Genug!
Irgendwie war ich betäubt. Zurück!
Gebt mir ein wenig Zeit, mich zu erholen von meinem zerschlagenen Kopf, meinem Schlummern, Träumen und Gaffen.

Ich ertappe mich just vor einem oft begangenen Irrtum.
Daß ich die Spötter und Schmäher vergessen konnte!
Daß ich die rinnenden Tränen und Schläge der Keulen und Hämmer vergessen konnte!
Daß ich mit unbeteiligtem Blick meiner eigenen Kreuzigung und blutigen Krönung zusehn konnte!

Jetzt erinnre ich mich,
Ich nehme die übriggebliebene Bruchzahl auf,
Das Felsengrab vervielfältigt das, was ihm oder allen Gräbern anvertraut worden,
Leichen stehn auf, klaffende Wunden heilen, Binden roll'n von mir ab.

Ich ziehe weiter, wieder mit höchster Kraft erfüllt, einer im allgemeinen, unendlichen Zuge,
Durch Binnenland und an Küsten marschieren wir und über alle Grenzen hinweg,
Unsere schnellen Sendboten breiten sich über die ganze Erde,
Blüten tragen wir an den Hüten, das Wachstum vieler Jahrtausende.

Meine Schüler, ich grüße euch! kommt voran!
Fahrt fort mit euren Anrufen, fahrt fort mit euren Fragen!


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39

Der freundliche, freie Wilde, wer ist er?
Harrt er der Zivilisation, oder hat er sie hinter sich und längst überwunden?
Ist er Südwestler, im Freien erzogen? ist er Kanadier?
Kommt er vom Mississippi? aus Jowa, Oregon, Kalifornien?
Aus dem Gebirge? Prärie oder Busch? oder fährt er zur See?

Äberall, wo er hinkommt, nehmen Männer und Frauen ihn auf und verlangen nach ihm,
Sie wollen, daß er sie lieb habe, berühre, mit ihnen rede, bei ihnen bleibe.

Benehmen, zwanglos wie Schneeflocken, Worte schlicht wie Gras, ungekämmter Kopf, Lachen, Ursprünglichkeit,
Langsam schreitende Füße, gewöhnliche Züge, gewöhnliche Art und Wirkung,
Sie strömen in neuen Formen von seinen Fingerspitzen,
Sie wehen im Duft seines Körpers und Atems, sie fliegen im Blick seiner Augen.


40

Prunkender Sonnenschein, ich brauche dein Leuchten nicht,—schon gut!
Du beleuchtest nur Oberflächen, ich dringe durch Oberflächen und Tiefen.

Erde! mir scheint, du erwartest etwas aus meinen Händen.
Sprich, alte Haube, was willst du?

Mann oder Weib, ich möchte euch sagen, wie lieb ich euch habe, und kann's nicht,
Und möchte euch sagen, was in mir ist und in euch, und kann's nicht,
Und möchte die Sehnsucht sagen, die in mir ist, den Puls meiner Tage und Nächte.


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Sieh, ich gebe keine Vorlesung und gebe kein Almosen,
Wenn ich gebe, geb ich mich selbst.

Du da, kraftlos, schlapp in den Knien,
Mach deine klapprigen Kinnbacken auf, daß ich dir Mark einblase,
Mach deine Hände auf und lüfte die Klappen der Taschen,
Ich laß mich nicht abweisen, ich zwinge dich, ich habe Vorrat im Überfluß,
Und was ich habe, verschenk ich.

Ich frage nicht, wer du bist, das ist mir gleich,
Du kannst nichts tun oder sein, als was ich in dich lege.

An den Knecht im Baumwollfeld, an den Abtrittputzer steh ich gelehnt,
Auf seine rechte Wange drück ich den Bruderkuß
Und schwöre in meiner Seele, ihn nie zu verleugnen.

Zeugungstüchtigen Frauen mache ich stärkre und flinkere Kinder.
(Heut noch verspritz ich den Stoff zu viel kühneren Republiken.)

Zu jedem Sterbenden eil ich und drehe den Türknopf auf,
Schlage die Decken zurück bis übern Fuß des Betts,
Schicke den Arzt und den Priester nach Hause.
Ich packe den sinkenden Mann und heb ihn mit unwiderstehlichem Willen.
O Verzweifler! Hier ist mein Nacken,
Bei Gott, du sollst nicht untergehn! Hänge dein ganzes Gewicht an mich,
Ich blase dich voll mit gewaltigem Odem, ich mache dich flott,
Alle Räume im Hause füll ich mit einer bewaffneten Macht,
Geliebten von mir, Besiegern des Grabs.

Schlafe,— ich und sie halten Wache die ganze Nacht,
Nicht Zweifel, nicht Tod soll wagen, den Finger an dich zu legen,
Ich hab dich umarmt und hinfort gehörst du mir,
Und wenn du aufstehst morgen früh, so wirst du sehn, daß es ist, wie ich sage.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 68] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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41

Ich bin, der Hilfe bringt den Kranken, die stöhnend auf ihren Rücken liegen,
Und starken, aufrechten Männern bringe ich Hilfe, die sie noch nötiger brauchen.

Ich hörte, was über das Weltall gesagt worden ist,
Hörte und hört' es von manchem Jahrtausend,
Es ist so weit leidlich gut — aber ist das alles?

Ich komme als Mehrer und Nutzanwender,
Ich überbiete die alten behutsamen Krämer von Anfang an,
Ich nehme selbst die genauen Maße Jehovas.
Mache Lithographien von Kronos und Zeus, seinem Sohn, und Herkules, seinem Enkel,
Kaufe Skizzen von Isis, Osiris, Belus, Brahma, Buddha,
Lege Manitu lose in meine Mappe, Allah auf einem Blatt und einen Kupfertisch des Gekreuzigten,
Dazu Odin, Mexitli mit scheußlicher Fratze und jegliches Bild und Idol,
Schätze sie alle nach ihrem Wert und nicht einen Pfennig mehr,
Gebe zu, sie haben gelebt und das Werk ihrer Tage getan
(Sie trugen Milben für noch nicht flügge Vögel, die sich nun selber erheben und fliegen und singen sollen),
Nehme die rohen Götterentwürfe an, um in mir selber bessre zu machen, die ich frei ausstreue, an jeden Mann und jedes Weib, das ich treffe,
Entdecke ebensoviel und mehr in dem Zimmermann, der das Gebälk eines Hauses richtet,
Stelle höheren Anspruch für ihn, wie er dort mit aufgeschlagenen Ärmeln Schlegel und Meißel führt,
Verwerfe besondere Offenbarung nicht und halte ein Wölkchen Rauch oder ein Härchen auf meinem Handrücken für ebenso wunderbar wie eine Offenbarung;
Burschen an Feuerspitzen und Feuerleitern sind mir nicht weniger als die Götter der alten Kriege,
Ich lausch ihren Stimmen, die durch das Krachen des Einsturzes dringen,


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Ihre sehnigen Glieder bewegen sich sicher über verkohlte Latten, ihre weißen Stirnen gehn heil und unversehrt durch die Flammen;
Bei des Handwerkers Weib mit dem Kind an der Brust halte ich Fürbitte für jeden Geborenen,
Drei Sensen sausen in einer Reihe im Erntefeld, geschwungen von drei rüstigen Engeln in Hemden, die sich bauschen an ihren Hüften,
Der Hausknecht mit Raffzähnen und roten Haaren büßt vergangene und künftige Sünden,
Verkauft seine ganze Habe und macht sich zu Fuß auf den Weg, um den Anwalt für seinen Bruder zu zahlen und bei ihm zu sitzen, während er wegen Fälschung gerichtet wird;
Was gestreut war ins Breiteste, ist auf die Quadratrute um mich her gestreut und füllt sie nicht einmal aus,
Der Stier und der Käfer sind noch nicht halb genug heilig,
Dung und Schmutz bewundernswerter als man sich träumen ließ
Das Übernatürliche ist ohne Belang, ich selber harre nur meiner Zeit,
Um einer der Allerhöchsten zu werden,
Schon wird mir der Tag bereitet, da ich Gutes so viel wie die Besten erreichen werde und wunderbar sein wie sie;
Bei meinem Lehmkloß Lebens! Schon werde ich Schöpfer
Und stürze mich, hier und jetzt, in den verborgenen Schoß der Schatten.


42

Ein Ruf inmitten der Menge,
Meine eigene Stimme, volltönig dahinbrausend im Finale.

Kommt, meine Kinder,
Kommt, meine Jungen und Mädchen, meine Frauen, Hausgenossen und Freunde,
Jetzt erst vergibt der Spieler all seine Kraft, sein Vorspiel im Innern auf seiner Rohrflöte hat er beendet.

Leicht hingeschriebne, lässig gegriffne Akkorde — ich fühle das Beben eures Crescendos zum Schluß.


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Mein Kopf kreist mir auf meinem Nacken,
Es wogt Musik, doch nicht von der Orgel,
Volk ist um mich, doch nicht aus meinem Haus.

Immer der feste dauernde Grund,
Immer die Esser und Trinker, immer die aufund niedersteigende Sonne,
Immer die Luft und unablässige Flut der Gezeiten,
Immer ich und die Nachbarn, erfrischend, mutwillig, wirklich,
Immer die alte unerklärliche Frage, immer dieser gekrümmte Daumen, dieses Atmen der Lüste und Süchte,
Immer des Quälgeists Ruf „Hier! Hier!“, bis wir entdecken, wo der Schalk sich verbirgt, und ihn hervorziehn,
Immer Liebe, immer das schluchzende Naß des Lebens,
Immer die Binde unter dem Kinn und die Bahre des Tods.

Allenthalben gehn sie mit Groschen vor ihren Augen,
Verfüttern rückhaltlos ihr Gehirn an die Gier ihres Bauches,
Verkaufen und kaufen die Eintrittskarten zum Fest, ohne jemals selber hineinzugehen,
Schwitzen und pflügen und dreschen, und bekommen die Spreu zum Lohn,
Wenige Träge besitzen und fordern den Weizen immer für sich.

Dies ist die Stadt, und ich bin einer der Bürger,
Was die andern bewegt, bewegt auch mich, Politik, Kriege, Märkte, Zeitungen, Schulen,
Bürgermeister und Räte, Banken, Tarife, Dampfschiffe, Fabriken, Aktien, Läden, Grundbesitz und bewegliche Habe.
Die kleinen unzähligen Männchen, die da hüpfen in Kragen und Fracks,
Ich weiß, wer sie sind (es sind wirklich nicht Würmer und Flöhe),
Ich erkenn meine Doppelgänger, der schwächste und hohlste ist todlos mit mir,
Was ich tue und sage, das steht auch ihnen bevor,
Jeder Gedanke, der in mir zuckt, zuckt auch in ihnen.


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Ich kenne sehr wohl meine Ich-Besessenheit,
Kenne meine allesverschlingenden Zeilen und darf nicht eine weniger schreiben,
Und will dich holen, wer immer du seist, in meine Fülle.

Keine Worte der Routine dieser mein Gesang,
Jähe Fragen will er stellen, hinausspringen über sie und sie dennoch näher bringen;
Dieses gedruckte, gebundene Buch — doch der Drucker und der Laufbursch der Druckerei?
Die wohlgetroffenen Photographien — aber dein Weib oder Freund, nah und leibhaftig in deinem Arm?
Das schwarze, eisengepanzerte Schiff, seine mächtigen Geschütze in ihren Türmen — aber der Mut des Kapitäns und der Maschinisten?
In den Häusern die Schüsseln und Speisen und Möbel — aber der Wirt und die Wirtin und der Blick aus ihren Augen?
Der Himmel dort oben — aber hier — nebenan, oder über der Straße?
Die Weisen und Heiligen der Geschichte — aber du selbst?
Predigten, Glaubensbekenntnisse, Theologie — aber das unergründliche menschliche Hirn?
Und was ist Vernunft? und was ist Liebe? und was ist Leben?


43

Ich verachte euch nicht, ihr Priester aller Zeiten und aller Welt,
Mein Glaube ist der größte der Glauben und der geringste der Glauben
Und schließt in sich alten und neuen Kult und jeden zwischen altem und neuem.
Ich glaube, daß ich nach fünftausend Jahren wieder auf die Erde kommen werde,
Ich warte auf Antworten von Orakeln, ehre die Götter, grüße die Sonne,
Mache den nächsten Stein oder Stumpf zum Fetisch, tanze im Kreise der Obis den Knütteltanz,
Helfe dem Llama oder Brahminen die Götzenlampen zu putzen,


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Tanz in der Phallusprozession durch die Straßen, lebe verzückt und asketisch als Gymnosophist in den Wäldern,
Trinke Met aus dem Schädelbecher, bewundere die Shastas und Veden, achte den Koran,
Steig auf die Teokallis, befleckt mit Blut von Messer und Stein, schlage die Trommel aus Schlangenhaut,
Nehme die Evangelien an, nehme ihn an, der gekreuzigt wurde, und weiß gewiß, daß er göttlich ist,
Knie bei der Messe, steh beim Gebet des Puritaners auf oder sitze geduldig in dem Gestühl,
Ich tobe und schäume in der Krisis meines Wahnsinns oder warte totengleich, bis mich mein Geist erweckt,
Schaue hinaus auf Pflaster und Land oder hinweg über Pflaster und Land,
Bin einer der Vollender des Kreises der Kreise,
Einer aus diesem zentripetalen und zentrifugalen Schwarm, wende ich mich und rede wie einer, der vor einer Reise Aufträge gibt.

Niedergeschlagene Zweifler, trübe und ausgestoßen,
Frivol, mürrisch, verdrossen, verärgert, unnatürlich, entmutigt, atheistisch,
Ich kenn einen jeden von euch, ich kenne die See von Qual, Zweifel, Verzweiflung und Unglauben.

Wie die Flossen schlagen!
Wie sie sich blitzschnell krümmen, mit Zucken und Sprudeln von Blut!

Seid ruhig, blutende Flossen der Zweifler und mürrischen Grübler,
Ich nehm meinen Platz unter euch gleichwie unter allen,
Die Vergangenheit trägt euch, und mich, und alle, eins wie den andern,
Und was noch unerprobt in der Zukunft liegt, ist für euch, und mich, und alle, eins wie den andern.

Ich weiß nicht, was noch unerprobt in der Zukunft liegt,
Aber ich weiß, es wird hinreichend sein zu seiner Zeit und kann nicht fehlen.


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Des, der vorbeigeht, wird gedacht, und dessen, der still steht, wird gedacht, kein einziger wird übergangen.

Nicht der Jüngling, der starb und begraben ward,
Noch das junge Weib, das starb und ihm zur Seite gelegt ward,
Noch das kleine Kind, das zur Türe hereinguckte und dann sich zurückzog und nie mehr gesehen ward,
Noch der Greis, der zwecklos gelebt und es fühlt mit Bitterkeit schlimmer als Galle,
Noch der Armenhäusler, tuberkulös von Schnaps und verschleppter Krankheit,
Noch die zahllosen Hingeschlachteten und Gescheiterten, noch der tierische Unflat, Auswurf der Menschheit genannt,
Noch die Säcke, die bloß mit offenen Mäulern herumschwimmen, damit Speise hineinschlüpfe,
Noch irgendwas in der Erde oder tief in den ältesten Gräbern der Erde,
Noch irgendwas in den Myriaden von Sphären, noch die Myriaden von Myriaden, die sie bewohnen,
Noch das Jetzt, noch der geringste Wisch, den es gibt.


44

Es ist Zeit, daß ich mich erkläre — stehen wir auf.

Alles Bekannte streife ich ab,
Ich reiße alle Männer und Weiber vorwärts mit mir ins Unbekannte.

Die Uhr zeigt den Augenblick an — aber was zeigt die Ewigkeit an?

Bis hierher haben wir Trillionen von Wintern und Sommern erschöpft,
Trillionen liegen vor uns, und Trillionen vor diesen.

Geburten brachten uns Fülle und Mannigfaltigkeit,
Und neue Geburten werden uns Fülle und Mannigfaltigkeit bringen.


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Ich nenne nicht eines größer und eines kleiner,
Was seine Spanne Zeit und seinen Platz erfüllt, ist jedem andern gleich.
Waren die Menschen mordgierig oder eifersüchtig gegen dich, mein Bruder? meine Schwester?
Es tut mir leid um dich, sie sind nicht mordgierig oder eifersüchtig gegen mich,
Alles war freundlich zu mir, Klage steht nicht in meiner Rechnung.
(Was hab ich mit Klagen zu tun?)

Ich bin ein Gipfel vollbrachter Dinge und bin ein Schoß zukünftiger Dinge.

Meine Füße betreten eine Höhe des Treppenaufstiegs,
Auf jeder Stufe Büschel von Zeiten, und größeres Büschel zwischen den Stufen,
Alle unter mir hab ich richtig durchwandert, und immer noch steig ich und steige.

Aufstief nach Aufstieg neigen die Phantome sich hinter mir,
Tief unten seh ich das riesige erste Nichts, ich weiß, dort war auch ich,
Ich wartete ungesehen seit je und durchschlief lethargischen Dunst
Und nahm mir Zeit und nahm von dem stinkenden Kohlenstoff keinen Schaden.

Lange war ich so fest umarmt — lange und lange.

Ungeheuer waren die Vorbereitungen für mich,
Treu und freundlich die Arme, die mir geholfen,
Kreisläufte fuhren meine Wiege, rudernd und rudernd wie muntere Bootsleute,
Um mir Platz zu machen, blieben die Sterne beiseite in ihren Bahnen,
Sie sandten Kräfte, zu schauen nach dem, was mich bringen sollte.

Eh ich aus meiner Mutter geboren ward, führten mich Generationen,
Niemals war mein Embryo träge, nichts konnt ihn erdrücken.


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Für ihn ballte der Weltnebel sich zur Kugel,
Lang und langsam türmte sich Schicht auf Schicht, daß er darauf ruhe,
Ungeheure Pflanzen gaben ihm Nahrung,
Riesige Saurier trugen ihn in dem Rachen und setzten ihn sorgsam nieder.

Alle Kräfte wurden unablässig beschäftigt, um mich zu vollenden und mir zur Lust,
Nun steh ich auf diesem Fleck mit meiner starken Seele.


45

O Spannkraft der Jugend: Immer gedrängte Elastizität!
O Mannheit, im Gleichgewicht, blühend und voll.

Meine Geliebten ersticken mich,
Drängen sich auf meinen Lippen, dicht in den Poren meiner Haut,
Stoßen mich an in den Straßen und Hallen der Stadt, kommen bei Nacht zu mir nackt,
Rufen bei Tag Ahoi! von den Felsen am Fluß, schaukeln und zwitschern mir überm Kopf,
Rufen meinen Namen aus Blumenbeeten, Reben und wirrem Unterholz,
Lassen sich nieder auf jeden Augenblick meines Lebens,
Küssen meinen Leib mit weichen, balsamischen Küssen,
Bringen in aller Stille mir Händevoll ihres Herzens und geben sie mir zu eigen.

O Alter, das herrlich aufsteigt! Willkommen, unaussprechliche Anmut sterbender Tage!

Jeder Zustand kündet nicht sich selber allein, er kündet auch das, was nach ihm und aus ihm wächst,
Und die dunkle Stille kündet ebensoviel.

Ich öffne nachts meine Luke und sehe die fern verstreuten Systeme,
Und alle, die ich sehe, multipliziert so hoch ich nur rechnen kann, grenzen nur an den Rand der noch fernern Systeme.


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Weiter und weiter verbreiten sie sich, wachsend, immer wachsend,
Drüber hinaus und ewig drüber hinaus.

Meine Sonne hat ihre Sonne und rollt gehorsam um sie herum,
Sie schließt sich mit ihren Gefährten an eine Gruppe von größerem Kreislauf,
Und größere Scharen folgen, die die größten innern zu Pünktchen machen.

Es gibt keinen Stillstand und kann nie Stillstand geben.
Wenn ich und du und die Welten und alles unter und auf ihrer Oberfläche in diesem Augenblick wieder verwandelt würde in einen bleichen, schwebenden Dunst, so wäre das auf die Dauer bedeutungslos,
Wir würden sicherlich wieder heraufkommen an den Platz, wo wir jetzt stehn,
Und würden gewiß noch einmal so weit, und dann noch weiter und weiter kommen.

Ein paar Quadrillionen von Zeitaltern, ein paar Oktillionen Kubikmeilen gefährden die Spannkraft nicht oder machen sie ungeduldig,
Sie sind nur Teile, jegliches Ding ist nur ein Teil.

Schau noch so weit, darüber hinaus ist doch unendlicher Raum,
Zähl noch so hoch, rundum ist doch unendliche Zeit.

Mein Stelldichein ist festgesetzt und ist gewiß,
Der Herr wird dort sein und warten, bis ich komme in aller Ordnung;
Der große Camerado, der rechte Geliebte, nach dem ich mich sehne, wird dort sein.


46

Ich weiß, ich habe das Beste von Zeit und Raum, und wurde niemals gemessen und werde niemals gemessen werden.


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Ich wandre eine ewige Reise (kommt alle und hört!),
Meine Abzeichen sind ein regendichter Rock, gute Schuh und ein Stock aus den Wäldern geschnitten,
Keiner von meinen Freunden macht sich's auf meinem Stuhle bequem,
Ich hab weder Stuhl noch Kirche noch Philosophie,
Ich führe niemand zu Tisch, in Bibliothek oder Börse,
Doch einen jeden von euch, Mann oder Weib, führ ich auf eine Höhe,
Meine linke Hand faßt dich rund um den Leib,
Meine rechte Hand zeigt auf Landschaften von Kontinenten und die offene Landstraße.

Nicht ich noch irgendwer kann diese Straße wandern für dich,
Du selber mußt sie gehn.

Sie ist nicht weit, sie ist in erreichbarer Nähe,
Vielleicht befandest du dich auf ihr seit deiner Geburt und wußtest es nicht,
Vielleicht ist sie überall zu Wasser und zu Lande.

Schultre dein Pack, lieber Sohn, wie ich das meine, und laß uns vorwärts eilen,
Herrliche Städte und freie Völker holen wir ab unterwegs.

Wirst du müde, so gib mir beide Lasten und stütze den Ballen deiner Hand auf meine Hüfte,
Und später sollst du mir gleichen Dienst erweisen,
Denn einmal aufgebrochen, halten wir nie wieder an.

Heute vor Sonnenaufgang stieg ich auf einen Hügel und sah in den wimmelnden Himmel
Und sagte zu meinem Geist: „Wenn wir all diese Welten umfassen werden und die Lust und das Wissen um jegliches Ding darauf, werden wir dann erfüllt und befriedigt sein?“
Und mein Geist sprach: „Nein, diese Höhe erreichen wir nur, um daran vorbei und darüber hinaus zu kommen.“


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Auch du stellst Fragen an mich und ich hör sie,
Ich antworte, daß ich nicht antworten kann, du mußt dich selber herausfinden.

Sitz eine Weile, mein lieber Sohn,
Hier ist Zwieback zu essen und Milch zu trinken,
Aber sobald du geschlafen und dich in frischen Kleidern erquickt,
Küsse ich dich mit Abschiedskuß und öffne das Tor für deinen Ausgang von hier.

Lange genug hast du verächtliche Träume geträumt,
Jetzt wasche ich dir den Schleim aus den Augen,
Du mußt dich nun an das Blenden des Lichts und jedes Augenblicks deines Lebens gewöhnen.

Lange hast du furchtsam, an eine Planke dich klammernd, am Ufer gewatet,
Nun will ich, daß du ein kühner Schwimmer seist,
Abspringst mitten hinein in die See, wieder emportauchst, mir zunickst, jauchzest und lachend das Wasser schüttelst aus deinem Haar.


47

Ich bin der Lehrmeister von Athleten,
Wer eine breitere Brust vor mir dehnt als die meine, beweist nur die Breite der meinen,
Der ehrt meine Kunst am besten, der durch sie lernt, den Lehrer zu überwinden,
Der Bursche, den ich liebe, wird zum Manne nicht durch Anpassung, sondern aus eigenem Recht,
Böse lieber, als tugendhaft aus Anbequemung und Furcht,
Er liebt seine Liebste, läßt seinen Braten sich schmecken,
Unerwiderte Liebe oder Geringschätzung schneiden ihn schärfer als scharfer Stahl,
Meister ist er im Reiten, Fechten, Scheibeschießen, Segeln, Liedersingen und Banjospielen,


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Narben, Bärte und pockenzerfressene Wangen sind ihm lieber als Milchgesichter
Und wohlgebräunte lieber als die, die die Sonne fürchten.

Ich lehre, von mir zu gehn, doch wer kann von mir gehn?
Ich folge dir, wer immer du seist, von dieser Stunde an,
Meine Worte jucken dich in den Ohren, bis du sie verstehst.

Ich sag diese Dinge nicht für einen Dollar oder um mir die Zeit beim Warten aufs Dampfboot zu kürzen
(Du bists, der spricht, ebensowohl wie ich, ich bin deine Zunge,
Gebunden in deinem Mund, fängt sie in meinem sich an zu lösen).

Ich schwöre: nie wieder will ich Liebe und Tod im Innern eines Hauses erwähnen,
Und schwöre: keinem will ich mich je verdolmetschen, außer ihm oder ihr, die mit mir allein im Freien stehn.

Wünschest du mich zu verstehn, so geh auf die Hügel oder zur Meeresküste,
Die nächste Mücke ist eine Erklärung, ein Tropfen und eine Regung der Wellen ein Schlüssel,
Der Schlegel, das Ruder, die Handsäge bekräftigen meine Worte.

Kein geschlossener Raum, keine Schule kann mit mir umgehn,
Aber grobes Volk und kleine Kinder besser als sie.

Der junge Arbeiter ist ganz nahe bei mir, er kennt mich gut,
Der Wäldler, der seine Axt und Krug mit sich nimmt, soll auch mich mit sich nehmen den ganzen Tag,
Der Bauernbursche, der seinen Acker pflügt, fühlt sich wohl beim Klang meiner Stimme,
In segelnden Schiffen segeln meine Worte, ich gehe mit Fischern und Schiffern und liebe sie.


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Der Soldat im Lager und auf dem Marsche ist mein,
In der Nacht vor der Schlacht suchen viele mich auf und ich enttäusche sie nicht,
In dieser feierlichen Nacht (vielleicht ihrer letzten) suchen mich die, die ich kenne.

Mein Gesicht streift des Jägers Gesicht, wenn er einsam in seiner Decke liegt,
Der Fuhrmann, der an mich denkt, vergißt das Rütteln des Wagens,
Die junge Mutter und alte Mutter verstehn mich,
Das Weib und das Mädchen lassen die Nadel einen Augenblick ruhn und vergessen, wo sie sind,
Sie und alle möchten wieder durchdenken, was ich ihnen gesagt.


48

Ich habe gesagt, die Seele ist nicht mehr als der Leib,
Und habe gesagt, der Leib ist nicht mehr als die Seele,
Und nichts, auch Gott nicht, ist größer für dich als dein eigenes Ich,
Und wer eine Stunde Wegs ohne Mitgefühl wandert, der wandert zu seinem eigenen Begräbnis, gehüllt in sein Leichentuch,
Und ich oder du, ohne einen Heller in der Tasche, können das Beste der Erde kaufen,
Und einen Blick aus dem Auge zu tun, oder eine Bohne in ihrer Hülse zu zeigen, wirft alle Gelehrsamkeit aller Zeiten über den Haufen,
Und es gibt kein Geschäft und keinen Beruf, in dem ein junger Mann nicht ein Held werden könnte,
Und es gibt kein Ding so weich, daß es nicht zur Nabe des kreisenden Weltalls werden könnte,
Und ich sage zu Mann oder Weib: laß deine Seele kühn und gefaßt vor Millionen von Weltalls stehn.

Und ich sage zur Menschheit: sei nicht neugierig nach Gott,
Denn ich, der neugierig ist nach allem, bin nicht neugierig nach Gott.
(Keine Heerschar von Worten kann sagen, wie tief ich in Frieden bin mit Gott und dem Tode.)


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Ich höre und sehe Gott in jeglichem Ding, aber begreife ihn nicht im geringsten,
Noch begreif ich, wer wunderbarer sein könnte als ich.

Warum sollte ich wünschen, Gott besser zu sehen als heut?
Ich sehe etwas von Gott in jeder der vierundzwanzig Stunden des Tags und in jeder ihrer Minuten,
In den Gesichtern von Männern und Frauen sehe ich Gott und in meinem eignen Gesicht im Spiegel,
Ich finde Briefe von Gott in den Straßen verstreut, ein jeder gezeichnet mit Gottes Namen,
Und ich lasse sie liegen an ihrem Ort, denn ich weiß: wohin ich auch gehe,
Werden andere pünktlich ankommen für immer und ewig.


49

Und du, Tod, und du, bittre Umarmung der Sterblichkeit: es ist eitel, daß ihr mich zu schrecken versucht.

An sein Werk tritt ohne zu zucken der Geburtshelfer,
Ich seh die erfahrene Hand drücken, empfangen und stützen,
Ich beuge mich zu den Schwellen der feinen, biegsamen Türen
Und merke den Auslaß und merk die Erleichterung und das Entweichen.

Und du, Leichnam, ich denke, du gibst einen guten Dünger, aber das kränkt mich nicht,
Ich rieche die weißen, süßduftenden, schwellenden Rosen,
Ich lange nach den Blätterlippen, ich lange nach den glatten Melonenbrüsten.

Und du, Leben, ich denke, du bist das Überbleibsel von vielen Toten,
(Sicherlich bin ich vordem zehntausend Male gestorben).

Ich höre auch flüstern oben, o Sterne des Himmels,
O Sonnen — o Gras auf Gräbern — o unaufhörlicher Übergang und Entwicklung,
Wenn ihr nichts sagt, wie sollte ich etwas sagen?


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Von dem trüben Pfuhl, der im Herbstwald liegt,
Von dem Mond, der hinab in die Tiefen der sausenden Dämmerung steigt,
Sprüht, Funken von Tag und Nacht — sprüht über die schwarzen Stämme, die faulen im Schlamm,
Sprüht in das klagende Schnattern der dürren Äste.

Ich steige empor vom Mond, empor aus der Nacht,
Ich seh, daß der Geisterschein nur der Abglanz mittäglicher Sonne ist,
Und dringe durch Sprößlinge groß und klein in das Dauernde und Zentrale.


50

Das ist dies Etwas in mir — ich weiß nicht was — doch ich weiß, es ist in mir.

Verkrümmt und schweißig — ruhig und kühl wird dann mein Leib,
Ich schlafe — ich schlafe lange.

Ich kenne es nicht — es ist namenlos — ein unausgesprochenes Wort,
In keinem Wörterbuch, Ausdruck, Sinnbild ist es enthalten.

Es kreist auf etwas, das ist mehr als die Erde, auf der ich kreise,
Ihm ist die Schöpfung der Freund, dessen Kuß mich erweckt.

Vielleicht vermöchte ich mehr zu sagen. Umrisse! Ich bitte für meine Brüder und Schwestern.

Seht ihr, meine Brüder und Schwestern?
Es ist nicht Chaos noch Tod — es ist Form, Einheit und Plan — es ist ewiges Leben, — Glückseligkeit.


51

Die Vergangenheit und die Gegenwart welken, ich hab sie erfüllt und hab sie geleert,
Und gehe daran, die nächste Tiefe der Zukunft zu füllen.


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Lauscher dort! Was hast du mir anzuvertrauen?
Sieh mir ins Antlitz, indes ich das Heranschmeicheln des Abends wittre
(Sprich ehrlich, es hört dich niemand sonst, und ich bleib nur noch eine Minute).

Widersprech ich mir selbst?
Nun gut, so widersprech ich mir selbst.
(Ich bin weiträumig, enthalte Vielheit.)

Es zieht mich zu denen, die nahe sind, ich wart auf der Türschwelle,
Wer hat sein Tagwerk getan? Wer wird zuerst mit seinem Abendbrot fertig sein?
Wer will mit mir gehn?

Willst du reden, ehe ich gehe? Oder willst du zu spät kommen?


52

Der gefleckte Falke stößt vorüber und klagt mich an, er schilt mein Schwatzen und Trödeln.

Auch ich bin bei Gott nicht zahm, auch ich bin unübersetzbar,
Ich rufe meinen barbarischen Raubvogelschrei über die Dächer der Welt.

Das letzte Leuchten des Tages weilt noch für mich.
Es wirft mein Ebenbild zu den andern und treu wie eins auf die schattige Wildnis,
Es schmeichelt mich in Nebel und Dämmrung hinein.

Ich scheide wie Luft, ich schüttle meine weißen Locken gegen die fliehende Sonne,
Ich verströme mein Fleisch in Wirbeln und laß es in flockigen Fetzen treiben.

Ich vermache mich selber dem Schmutz, um aus dem Gras, das ich liebe, zu keimen,
Wenn du mich wieder brauchst, so suche mich unter deinen Schuhsohlen.


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Kaum wirst du wissen, wer ich bin, oder was ich meine,
Trotz alledem werd ich dir gut bekommen
Und dein Blut klären und stärken.

Glückt es dir nicht, mich gleich zu fassen, behalte nur Mut,
Triffst du mich nicht an einer Stelle, so suche woanders,
Irgendwo bleib ich und warte auf dich.


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 85] - - - - - - - - - - - - - - - - - -


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KINDER ADAMS


ZU DEM GARTEN WELT

Zu dem Garten Welt steig ich aufs neue empor,
Vor mir Präludium zeugungsstarker Gefährten, Töchter und Söhne,
Und ihrer Leiber Liebe und Leben, Sinn und Sein:
Siehe hier wunderbar meine Auferstehung vom Schlummer!
Die rollenden Kreisläufte haben mich weiten Schwunges wiedergebracht,
Liebend, gereift, alles schön für mich, alles wunderbar,
Meine Glieder, das bebende Feuer, das allezeit durch sie spielt nach wunderbarstem Sinn.

Und so tauche und dringe ich, der ich bin, immer noch weiter vor,
Zufrieden mit Gegenwart und Vergangenheit,
An meiner Seite oder hinter mir Eva folgend,
Oder vor mir und ich ihr folgend ebenso.


AUS SCHMERZHAFT AUFGESTAUTEN STRÖMEN

Aus schmerzhaft aufgestauten Strömen,
Aus dem in mir, ohne das ich ein Nichts wäre
Und das ich entschlossen bin zu verherrlichen, ständ ich auch einsam unter den Menschen,
Aus meiner eignen Stimme Klang, den Phallus singend,
Singend Gesang der Zeugung,
Singend Notwendigkeit herrlicher Kinder und in ihnen HerrlichErwachsener,
Singend der Muskeln Drang und die Mischung,
Singend der Bettgenossen Gesang (o unwiderstehliche Sehnsucht!
O für alle und jeden der wahlverwandte Leib, der ihn anzieht!
O für dich, wer immer du seist, dein wahlverwandter Leib! O er, der über alles andere dich entzückt):


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Aus dem hungrigen Nagen, das Tag und Nacht an mir frißt,
Aus Urmomenten, aus schamvoller Qual, die ich singe,
Suchend etwas noch Ungefundnes, obwohl ich so manches lange Jahr innig danach gesucht,
Singend den wahrhaftigen Gesang von der blindlings launischen Seele,
Wiedergeboren in gröbster Natur oder unter den Tieren, —
Davon, von ihnen und was sie begleitet Kunde bringend in meinen Gedichten,
Vom Duft der Zitronen und Äpfel, von der Paarung der Vögel,
Von der Feuchte der Wälder, vom Lecken der Wellen,
Von den tollen Stößen der Wellen ans Land, die ich singe,
Fröhlich im Rauschen der Ouvertüre das Thema vorausnehmend, —
Die willkommene Nähe, den Anblick vollkommenen Körpers,
Den Schwimmer, der nackt im Bade schwimmt oder regungslos auf dem Rücken liegt und treibt,
Die Weibgestalt, die mir naht, und ich in Gedanken; Liebesfleisch in zuckendem Schmerz;
Das göttliche Inventar aufstellend für mich oder dich und alle,
Das Antlitz, die Glieder, alle Einzelheiten von Kopf bis Fuß und die Empfindungen, die sie erwecken,
Den mystischen Taumel, verliebte Tollheit, das äußerste SichVerlieren —
(Horch nahe und still, was ich jetzt flüstre zu dir,
Ich liebe dich, o du besitzest mich ganz,
O daß du und ich entflöhen den andern und gingen weit davon, frei und gesetzlos,
Zwei Falken der Luft, zwei Fische schwimmend im Meer gesetzloser nicht als wir),
Den wütenden Sturm, der durch mich glühend Zitternden fegt,
Den Schwur der Untrennbarkeit zweiter Vereinten, der Untrennbarkeit von dem Weib, das mich liebt, das ich liebe mehr als mein Leben, schwörend solchen Schwur —
(O ich setze willig alles aufs Spiel für dich,
O laß mich verloren sein, wenn es sein muß!
O du und ich! Was bedeutet es uns, was die andern tun oder denken?
Was ist alles andre für uns? Einzig daß wir uns freun aneinander und uns einander zugrunde richten, wenn es so sein muß),


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Aus des Meisters Gewalt, des Lotsen, dem ich das Schiff überließ,
Des Führers, der Befehl über mich und alle hat, mit seiner Erlaubnis,
Aus Zeit, die mich drängt zur Erfüllung meines Programms (zu lange habe ich nun gezaudert),
Aus Geschlecht, aus Gewebes Kette und Einschlag,
Aus Zurückgezogenheit, aus vielem einsamen Grämen,
Aus zahlreichen Menschen nah und dennoch der rechte nicht nah,
Aus dem linden Streicheln von Händen über mich hin und Wühlen von Fingern in meinem Haar und Bart,
Aus dem lange verweilenden Kuß auf Mund oder Busen,
Aus der engen Umschlingung, die mich und jeglichen Mann berauscht, daß ihm die Sinne schwinden im Übermaß,
Aus dem Wissen göttlichen Gattentums, aus dem Werke der Vaterschaft,
Aus jubelnder Lust, Sieg und Erleichterung, aus der Bettgenossin Umarmung bei Nacht,
Aus den lebendigen Gedichten der Augen, Hände, Hüften und Brüste,
Aus der Klammer bebenden Arms,
Aus den Falten der — Seite an Seite — weggestoßenen Decke,
Aus der Betrübnis meiner Gefährtin, daß sie mich nun verlassen muß, und meiner eignen Betrübnis, daß ich sie lassen muß
(Doch einen Augenblick nur, o süße Erwarterin, und ich kehre zurück),
Aus der Nacht tauche ich einen Augenblick auf und schlüpfe hervor,
Dir ein Loblied zu singen, göttlicher Akt, und euch, meine Kinder, die ihr bereit seid zu ihm,
Und euch, kraftvolle Lenden.


ICH SINGE DEN LEIB, DEN ELEKTRISCHEN


1

Ich singe den Leib, den elektrischen,
Die Heerscharen derer, die ich liebe, umgürten mich, und ich umgürte sie,
Sie wollen mich nicht lassen, bis ich mit ihnen gehe, ihnen antworte,


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Und sie läutere und sie erfülle mit der Fülle der Seele,
Zweifelt jemand, daß die, die ihren eigenen Leib verderben, sich nicht verstecken können?
Und daß die, die die Lebendigen schänden, ebenso schlecht sind wie die, die die Toten schänden?
Und daß der Leib vollauf so viel gilt wie die Seele?
Und wäre der Leib nicht die Seele, was ist die Seele?


2

Die Liebe zum Leib eines Manns oder Weibes spottet jeglicher Rechenschaft, der Leib selber spottet jeglicher Rechenschaft.
Der männliche ist vollkommen und der weibliche ist vollkommen.
Der Ausdruck des Antlitzes spottet der Rechenschaft,
Aber der Ausdruck eines wohlgestalteten Mannes erscheint nicht in seinem Antlitz allein,
Er ist auch in seinen Gliedern und Gelenken, ist geheimnisvoll in den Gelenken seiner Hüften und Hände,
Er ist in seinem Gang, der Haltung seines Halses, der Biegung seiner Lenden und Knie, Kleidung verbirgt ihn nicht,
Seine starke, süße Wesenheit dringt durch Kattun und Tuch,
Ihn vorbeigehn zu sehn, gibt so viel wie das beste Gedicht, vielleicht mehr,
Du verweilst, seinen Rücken zu sehn, seinen Nacken und Schultern.

Das Sich-Spreizen rundlicher Babys, die Brüste und Köpfe von Weibern, die Falten ihrer Gewänder, ihre Haltung, wenn wir an ihnen auf der Straße vorbeigehn, der Umriß ihrer Gestalt nach unten,
Der Schwimmer nackt in dem Schwimmbad, sichtbar während er schwimmt durch das durchscheinende Grün oder mit dem Gesicht nach oben liegt oder lautlos hin und her im wiegenden Wasser rollt,
Die Beugung vor und zurück von Ruderern in Ruderbooten, der Reiter im Sattel,
Mädchen, Mütter, Hausfrauen in allen ihren Verrichtungen,
Die Gruppe von Arbeitern bei der Mittagspause mit ihren offenen Töpfen sitzend, ihre wartenden Weiber,


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Das Weib, das ein Kind einlullt, des Farmers Tochter im Garten oder im Viehhof,
Der Bursch, der Getreide jätet, der Schlittenkutscher, der seine sechs Pferde durch das Gedränge lenkt,
Das Ringen der Ringer, zweier Lehrburschen, ausgewachsen, voll Leben, gutmütiger Landeskinder, draußen auf dem leeren Bauplatz bei Sonnenuntergang nach der Arbeit
Die Röcke und Mützen abgeworfen, die Umschlingung in Liebe und Gegenwehr,
Der Obergriff und der Untergriff, die Haare vornüber gezaust und die Augen verdeckend,
Der Marsch der Feuerwehrmänner in ihrer besonderen Tracht, das Spiel männlicher Muskeln durch die prallen Hosen und Leibriemen,
Die langsame Rückkehr vom Feuer, das Stocken, wenn plötzlich die Glocke ruft, und das wachsame Aufhorchen,
Die natürlichen, in sich vollkommenen vielfältigen Stellungen — der geneigte Kopf, der gebogene Nacken, das Zählen;
Solcherlei liebe ich — ich löse mich los, geh ungebunden, lieg an der Mutter Brust mit dem kleinen Kind,
Schwimme mit den Schwimmern, ringe mit den Ringern, marschiere in Reih und Glied mit den Feuerwehrleuten, halte inne, horche und zähle.


3

Ich kannte einen Mann, einen einfachen Farmer, den Vater von fünf Söhnen,
Und in ihnen die Väter von Söhnen, und in ihnen die Väter von Söhnen.
Dieser Mann war von wundervoller Kraft, Ruhe, Schönheit der Person,
Die Form seines Kopfes, das blasse Gelb und Weiß seines Haares und Bartes, der unergründliche Sinn seiner schwarzen Augen, der Reichtum und die Breite seiner Art,
Dies alles zu sehen, pflegte ich zu ihm zu gehen zu Besuch; er war auch weise;
Er war sechs Fuß hoch, er war über achtzig Jahre alt, seine Söhne waren stark, wohlgepflegt, bärtig, wettergebräunt, schön,
Sie und seine Töchter liebten ihn, alle, die ihn sahen, liebten ihn,


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Sie liebten ihn nicht aus Pflicht, sie liebten ihn mit persönlicher Liebe;
Er trank nur Wasser, das Blut schien wie Scharlach durch die hellbraune Haut seines Gesichts.
Er war ein eifriger Jäger und Fischer, er segelte sein Boot selbst, er hatte ein schönes von einem Reeder geschenkt bekommen, er hatte Vogelflinten geschenkt bekommen von einem Mann, der ihn liebte;
Wenn er mit seinen fünf Söhnen und vielen Enkelsöhnen jagen und fischen ging, hättest du ihn in dem Trupp als den Schönsten und Kräftigsten bezeichnet,
Du hättest gewünscht, immer und immer mit ihm zu sein, du hättest gewünscht, neben ihm im Boot zu sitzen, so daß er und du euch berührtet.


4

Ich habe gefunden: mit denen zu sein, die ich liebe, ist genug,
Am Abend mit den andern in Gesellschaft zu verweilen, ist genug,
Umgeben zu sein von schönem, neugierigem, atmendem, lachendem Fleisch, ist genug;
Durch sie hinzugehn, oder eines von ihnen zu berühren, oder meinen Arm, wenn auch noch so leicht, um seinen oder ihren Nacken für einen Augenblick ruhen zu lassen, was ist dies doch?
Ich verlange nicht größere Lust, ich schwimme darin wie in einem Meer.

Es ist etwas im Nahesein von Männern und von Frauen und in ihrem Anblick und in ihrer Berührung und in ihrem Geruch, das der Seele wohlgefällt,
Alle Dinge gefallen der Seele, aber diese gefallen der Seele wohl.


5

Dies ist die weibliche Gestalt,
Ein göttlicher Nimbus haucht von ihr aus von Kopf bis Fuß,
Sie zieht an mit heißer, unwiderstehlicher Anziehungskraft,
Ich werde eingesogen von ihrem Atem, als wäre ich nur ein hilfloser Nebel, alles versinkt außer mir und ihr,


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Bücher, Kunst, Religion, Zeit, die sichtbare, feste Erde und was vom Himmel erhofft und von Hölle gefürchtet wurde, ist jetzt verweht,
Wilde Fühlfäden, unbändige Blitze zucken aus ihr, das Widerspiel auch unbändig,
Haar, Busen, Hüften, Biegung der Beine, lässiges Sinken der Hände ganz gelöst, die meinigen auch gelöst,
Ebbe, gestachelt von Flut und Flut, gestachelt von Ebbe, Liebesfleisch, schwellend und lustvoll schmerzend,
Üppige, reine Strahlen der Liebe, heiß und gewaltig, zuckende Gallert der Liebe, weiße Gischt und rasender Saft,
Bräutigam Liebesnacht, sicher und weich eindringend in die hingegebene Morgendämmerung,
Verwogend in den willigen, nachgiebigen Tag,
Verloren in des umklammernden, anschmiegenden Tages süßes Fleisch.

Dies ist der Keim — alsdann wird das Kind vom Weibe geboren, der Mann vom Weibe geboren,
Dies das Bad der Geburt, das Einsenken von klein und groß, und das Wiederhervorwachsen.

Schämt euch nicht, Weiber, euer Vorrecht umschließt alles Übrige und ist der Ausgang für alles Übrige,
Ihr seid die Pforten des Leibes und seid die Pforten der Seele.
Das Weib enthält alle Eigenschaften und gleicht sie aus,
Sie steht an ihrem Platz und bewegt sich in vollkommenem Gleichgewicht,
Sie ist alles in geziemendem Schleier, sie ist beides, passiv und aktiv,
Sie ist gemacht, um Töchter sowohl wie Söhne zu empfangen und Söhne sowohl wie Töchter.

Ich sehe meine Seele gespiegelt in der Natur,
Ich sehe durch einen Nebel e i n e in unaussprechlicher Vollkommenheit, Gesundheit, Schönheit,
Geneigten Haupts, die Arme gefaltet über der Brust, —
Ich sehe das Weib.


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6

Der Mann ist nicht minder die Seele, noch mehr, auch er ist an seinem Platz,
Auch er umschließt jede Eigenschaft, Tatkraft und Macht,
Die Blüte des bekannten Weltalls ist in ihm,
Hohn steht ihm gut, und Begierde und Trotz stehen ihm gut,
Die wildesten, stärksten Leidenschaften, äußerste Seligkeit, äußerstes Leid steht ihm gut, Stolz ist sein Teil,
Der vollentfaltete Stolz des Mannes ist herrlich beruhigend für die Seele,
Wissen steht ihm gut, er liebt es allezeit, er ist sich selber der Prüfstein für alles,
Wohin er auch schaut, wohin ihn auch See und Segel führt, Grund fühlt er am Ende hier allein
(Wo anders fühlte er Grund, als hier?).

Des Mannes Leib ist heilig und des Weibes Leib ist heilig,
Ganz gleich, wer es ist, er ist heilig — ist es der Niedrigste in der Arbeiterschar?
Ist es einer der Einwanderer mit stumpfem Gesicht, die eben gelandet sind an der Werft?
Jeder gehört hierher oder igendwohin, genau so gut wie der Wohlbestallte, genau so gut wie du,
Jeder hat seinen und ihren Platz in der Prozession.
(Alles ist eine Prozession,
Das Weltall ist eine Prozession in wohlgemessener, vollkommener Bewegung.)

Weißt du selber so viel, daß du den Niedrigsten unwissend meinst?
Meinst du, du habest ein Recht auf einen guten Platz und er oder sie habe kein Recht auf einen guten Platz?
Meinst du, die Materie habe sich zusammengeballt aus zerfließendem Dunst und der Erdboden sei an der Oberfläche und Wasserströme und Wachstum sprieße
Für dich allein und nicht für ihn und sie?


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7

Eines Mannes Leib zu verkaufen!
(Vor dem Kriege ging oft auf den Sklavenmarkt und sah dem Handel zu.)
Ich helfe dem Verkäufer, der Schmierfink hat keine Ahnung von seinem Geschäft.
Ihr Herren, schaut dies Wunder an!
Was immer dafür geboten wird, kann hoch genug nicht sein!
Um seinetwillen lag die Erde im Werden durch Quintillionen von Jahren, ohne Pflanze noch Tier,
Um seinetwillen schwangen sich treu und sicher die Weltkreise.

In diesem Kopf ist das allbestaunte Gehirn,
Darin und darunter die Taten von Helden.

Prüft diese Glieder, rot, schwarz oder weiß, sinnreich aus Sehnen und Nerven gemacht,
Man wird sie entblößen, damit ihr sie seht.

Zarteste Sinne, von Leben leuchtende Augen, Willen, Mut.
Der Schild des Brustmuskels, das biegsame Rückgrat und Nacken, festes Fleisch, wohlgeformte Arme und Beine,
Und noch mehr Wunder drinnen.

Drinnen strömt das Blut,
Dasselbe alte Blut! dasselbe rotströmende Blut!
Dort schwillt und zuckt ein Herz, und alle Leidenschaften, Begierden, Fähigkeiten, Wünsche.
(Denkt ihr, sie seien nicht darin, weil sie nicht in Salons und Vortragssälen sich zeigen?)
Dies ist nicht e i n Mann allein, dies ist der Vater derer, die selbst wieder Vater sein werden,
In ihm ist der Keim volkreicher Staaten und reicher Republiken,
In ihm zahllose unsterbliche Leben mit zahllosen Verkörperungen und Freuden.
Wie könnt ihr wissen, wer aus dem Samen seines Samens in den Jahrhunderten entspringen wird?
(Wen würdet ihr als euren eigenen Stammvater finden, wenn ihr die Spur durch Jahrhunderte verfolgen könntet?)


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8

Eines Weibes Leib zu verkaufen!
Auch sie ist nicht nur sie selbst, sie ist die fruchtbare Mutter von Müttern,
Sie ist die Trägerin derer, die wachsen und Gatten sein sollen neuer Mütter.
Hast du jemals eines Weibes Leib geliebt?
Hast du jemals eines Mannes Leib geliebt?
Siehst du nicht, daß diese ganz diesselben sind für alle in allen Völkern und Zeiten auf der ganzen Erde?
Wenn irgend etwas heilig ist, so ist der menschliche Körper heilig,
Und der Ruhm und die Lust eines Mannes ist die Unbeflecktheit des Zeichens seiner Mannheit,
Und bei Mann wie Weib ist ein reiner, starker, festgefügter Körper schöner als das schönste Gesicht.
Habt ihr den Narren gesehen, der seinen eigenen lebendigen Leib verdarb? oder die Närrin, die ihren eigenen lebendigen Leib verdarb?
Denn sie verbergen sich nicht und können sich nicht verbergen.


9

O mein Leib! Ich wage dein Ebenbild in meinen Mitmenschen, Mann und Weib, nicht zu verleugnen, noch in Ebenbildern deiner einzelnen Teile,
Ich glaube, deine Ebenbilder müssen stehn oder fallen mit den Ebenbildern der Seele (und sind die Seele),
Ich glaube, deine Ebenbilder müssen stehn oder fallen mit meinen Gedichten und sind meine Gedichte,
Gedichte von Mann, Weib, Kind, Jüngling, Gattin, Gatte, Mutter, Vater, jungem Mann und jungem Weib, —
Kopf, Hals, Haar, Ohren, Ohrläppchen und Trommelfell,
Augen, Augenwimpern, Augenstern, Augenbrauen und Wachen und Schlafen der Lider,
Mund, Zunge, Lippen, Zähne, Mundhöhle, Kiefer und Angel der Kiefer,
Nase, Nasenlöcher und Scheidewand,
Wangen, Schläfen, Stirn, Kinn, Kehle, Nacken und Nackenwirbel,


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Starke Schultern, männlicher Bart, Schulterblatt, hintere Schultern und die volle Seitenwölbung der Brust,
Oberarm, Achselhöhle, Ellbogengelenk, Unterarm, Armsehnen und Armknochen,
Handgelenk und Bänder des Handgelenkes, Hand, Handfläche, Knöchel, Daumen, Zeigefinger, Fingergelenke, Fingernägel,
Breite Vorderbrust, gekräuseltes Brusthaar, Brustbein, Brustseite,
Rücken, Bauch, Rückgrat, Wirbel des Rückgrats,
Hüften, Hüftgelenke, Stärke der Hüften, inneres und äußeres Rund, Manneseier, Manneswurzel,
Fester Bau der Schenkel, den Rumpf droben sicher tragend,
Beinsehnen, Knie, Kniescheibe, Oberbein, Unterbein,
Fesseln, Spann, Ballen, Zehen, Zehgelenke und Ferse;
Jede Haltung und schöne Form, alles Zubehör meines und deines Leibes oder des Leibes von irgendwem, Mann oder Weib,
Die Lungenschwämme, der Magensack, die Eingeweide frisch und rein,
Das Hirn mit seinen Windungen im Schädelgewölbe,
Sympathikus, Herzklappen, Gaumenklappen, Geschlecht und Mutterschaft,
Weibschaft und alles, was ein Weib ist und der Mann, der vom Weibe kommt,
Der Schoß, die Brüste, Brustwarzen, Brustmilch, Tränen, Lachen, Weinen, Liebesblicke, Unruhe und Schwellen der Liebe,
Die Stimme, Lautgebung, Sprache, Flüstern und lautes Rufen,
Speise, Trank, Pulsschlag, Verdauung, Schweiß, Schlaf, Gehen und Schwimmen,
Tragkraft der Hüften, Springen, Lehnen, Umfassen, Armbeugen und -spannen,
Der ewige Wechsel der Züge um Mund und Augen,
Die Haut, das sonnengebräunte Dunkel, Sommersprossen und Haar,
Die seltsame Sympathie, die man spürt, wenn man das nackte Fleisch des Körpers mit der Hand fühlt,
Die kreisenden Ströme des Atems und das Atmen aus und ein,
Die Schönheit der Lenden und tiefer der Hüften und tiefer hinab zu den Knien,
Die dünnen roten Gewebe in dir und in mir, die Knochen und das Mark in den Knochen,


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Das köstliche Bewußtsein von Gesundheit!
O ich sage, dies sind nicht die Teile und Gedichte des Leibes allein, sondern der Seele,
O nun sage ich, sie sind die Seele!


EIN WEIB WARTET AUF MICH

Ein Weib wartet auf mich, sie enthält alles, nichts fehlt,
Und doch würde alles fehlen, wenn Geschlecht fehlte oder der Saft des rechten Manns.

Geschlecht enthält alles, Leiber und Seelen,
Meinungen, Beweise, Reinheiten, Zartheiten, Ergebnisse, Weiterverbreitung,
Gesänge, Befehle, Gesundheit, Stolz, das Geheimnis der Mutterschaft, die Milch des Samens,
Alle Hoffnungen, Wohltaten, Spenden, alle die Leidenschaften, Lieben, Schönheiten, Wonnen der Erde,
Alle Regierungen, Richter, Götter, Führer der Erde,
Diese sind im Geschlecht enthalten als seine Teile und seine Rechtfertigung.

Ohne Scham kennt und bekennt der Mann, den ich liebe, die Köstlichkeit seines Geschlechts,
Ohne Scham kennt und bekennt das Weib, das ich liebe, das ihre.

Nun will ich mich abwenden von unempfindlichen Weibern,
Ich will hingehen zu der, die meiner wartet, und zu den Weibern, die warmblütig sind und erfüllend für mich,
Ich sehe, sie verstehn mich und weisen mich nicht zurück,
Ich sehe, sie sind meiner würdig, ich will dieser Weiber starker Gatte sein.

Sie sind kein Jota geringer als ich,
Sie sind gebräunt im Gesicht von scheinender Sonne und blasenden Winden,
Ihr Fleisch hat die alte göttliche Kraft und Geschmeidigkeit,


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Sie wissen zu schwimmen, zu rudern, zu reiten, zu ringen, zu schießen, zu schlagen, zurückzuweichen und anzugreifen, zu widerstehen und sich zu wehren,
Sie sind letztgültig in ihrem eigenen Recht — sie sind ruhig, klar und Herrinnen über sich selbst.

Ich ziehe euch dicht an mich, ihr Weiber,
Ich kann euch nicht lassen, ich tue euch gut,
Ich bin für euch und ihr seid für mich, nicht um euretwillen allein, sondern um anderer willen,
In euch gebettet schlummern größere Helden und Sänger,
Sie wollen durch keines anderen Mannes Berührung geweckt sein als durch die meine.

Ich bin es, ihr Weiber, ich gehe meinen Weg,
Ich bin grimmig, scharf, breit und unerbittlich, doch liebe euch,
Ich tue euch nicht weher, als euch nötig ist,
Ich ergieße den Stoff zu Söhnen und Töchtern, wie diese Staaten sie brauchen, ich presse mit langsamem rauhem Muskel,
Ich dränge unwiderstehlich, ich hör auf kein Flehen,
Ich darf nicht zurückziehen, bis ich eingepflanzt habe, was sich so lange in mir gestaut.

Durch euch leite ich ab die gestauten Ströme in mir,
In euch berge ich tausend künftige Jahre,
Auf euch pfropf ich die Keime von meinen und Amerikas Allergeliebtesten,
Die Tropfen, die ich filtre auf euch, sollen erwachsen zu Mädchen athletisch und wild, Künstlern neu, Musikanten und Sängern,
Die Kinder, die ich zeuge in euch, sollen Kinder zeugen zu ihrer Zeit,
Ich werde vollkommene Männer und Frauen fordern aus meinen Spenden der Liebe,
Ich werde verlangen, daß sie einander durchdringen, wie ich und du uns durchdringen heut,
Ich werde zählen auf die Früchte ihrer überschwenglichen Schauer, wie ich zähle auf die Früchte der überschwenglichen Schauer, die ich verströme heut,


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Ich werde ausschauen nach liebenden Ernten aus der Geburt, dem Leben, dem Tod, der Unsterblichkeit, die ich so liebend pflanze heut.


SELBSTHERRLICHES ICH

Selbstherrliches Ich, Natur,
Der liebende Tag, die steigende Sonne, der Freund, mit dem zusammen ich glücklich bin,
Der Arm meines Freundes, der lässig um meine Schultern hängt,
Der Hügelhang, von Blüten der Bergesche weiß,
Derselbige spät im Herbst, die Farbflecken rot, gelb, bräunlich, purpurn und hellund dunkelgrün,
Der reiche Teppich des Grases, Tiere und Vögel, abseitiges kahles Gestade, Wildäpfel, Kieselstein,
Bruchstücke, Schönheit, zuckend durch mich, nachlässig aufgezählt eins nach dem andern, wie ich sie zufällig rufe und ihrer gedenke,
Die wahren Gedichte (was wir Gedichte nennen sind nichts als Bilder),
Gedichte von der Entrücktheit der Nacht und von Männern gleich mir,
Dieses Gedicht, das scheu und ungesehen geschmiegt ich immerdar in mir trage, wie jeder Mann
(Wisse für allemal, ich bekenn es mit Absicht — wo immer Männer sind gleich mir, sind unsere heimlich-lebendigen Gedichte der Mannheit),
Liebesgedanken, Liebesseim, Liebesgeruch, Liebeswillfährigkeit, Liebessprung und -saft,
Arme und Hände der Liebe, phallischer Daumen der Liebe, Bäuche gepreßt und geleimt aneinander mit Liebe,
Erde keuscher Liebe, Leben, das Leben nur ist nach Liebe,
Der Leib meiner Liebe, der Leib des Weibes, das ich liebe, der Leib des Mannes, der Leib der Erde,
Linde Vormittagslüfte, die wehen aus Süd-West,
Die behaarte wilde Biene, die auf und nieder summt und sucht, die vollentfaltete weibliche Blüte ergreift, sich über sie krümmt mit zärtlichen, starken Beinen, ihr ihren Willen nimmt und sich bebend festhält, bis sie befriedigt ist;


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Feuchte der Wälder in Morgenstunden,
Zwei Schläfer bei Nacht, eng beieinanderliegend im Schlaf, des einen Arm schräg unter der Hüfte des andern,
Der Duft von Äpfeln, Arom von zerstoßenem Salbei, von Minze und Birkenborke,
Die Sehnsucht des Knaben, seine Glut und sein Anschmiegen, als er mir anvertraut, was er geträumt hat,
Das tote Blatt, das in Spiralen herabwirbelt und still und zufrieden zu Boden fällt,
Die unsichtbaren Stachel, mit denen Erscheinungen, Menschen, Dinge mich stechen,
Der Stachel in meinem eigenen Leibe, der mich so sticht wie nur irgendwen,
Die empfindlichen runden Zwillinge, unter schützendem Vorsprung, so daß nur bevorzugte Fühler ertasten mögen, wo sie sind,
Der seltsame Schmeichler, die Hand, die über den ganzen Körper schweift, das schamvolle Zurückweichen des Fleisches, bei dem die Finger zärtlich verweilen, wenn sie dahin geraten,
Der helle Saft in jungen Männern,
Die ätzende Unruhe, die so quälende Gedanken bringt,
Die Pein, der reizbare Strom, der nicht ruhen will,
Dasselbe, was ich und was alle anderen fühlen,
Der junge Mann, der glüht und glüht, und das junge Weib, das glüht und glüht,
Der junge Mann, der wach liegt tief in der Nacht und mit heißer Hand zurückzuhalten sucht, was ihn meistern will,
Die mystische, wollüstige Nacht, die seltsame, halbwillkommene Qual, Visionen, Schweiß,
Der Pulsschlag durch Handflächen und umklammernde bebende Finger hindurch, der junge Mann ganz rot vor Scham und Unmut;
Das Hinfluten meiner Geliebten, der See, über mich, wenn ich nackt und hingegeben liege,
Die Vergnügtheit der Zwillingsbabys, die übers Gras in der Sonne kriechen, immer bewacht von den niemals abgewendeten Augen der Mutter,
Der Walnußbaum, die Walnußschalen und die reifenden oder gereiften länglichrunden Nüsse,


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Das selbstverständliche Sein von Pflanzen, Tieren und Vögeln,
Das Bewußtsein, wie kläglich ich wäre, wenn ich mich selber unzüchtig finden und mich verkriechen müßte, während sich Vögel und Tiere niemals unzüchtig finden und sich verkriechen,
Die erhabene Keuschheit der Vaterschaft, ebenbürtig der erhabenen Keuschheit der Mutterschaft,
Der Schwur der Zeugung, den ich geschworen, meine frohen Adamstöchter,
Die Gier, die mich frißt bei Tag und Nacht mit hungrigem Nagen, bis ich das sättige, was Knaben erzeugen soll, die meinen Platz ausfüllen, wenn ich hindurch bin,
Die gesunde Erleichterung, Ruhe, Zufriedenheit, —
Und dieser Strauß, gepflückt aus mir selbst aufs Geratewohl, —
Er hat seinen Zweck erfüllt — ich werfe ihn achtlos fort, er mag fallen, wohin er will.


EINE STUNDE RASENDER LUST

Eine Stunde rasender Lust! O wild! o halte mich nicht!
Was befreit mich in Stürmen so?
Was ist meiner Schreie Sinn
Inmitten Blitzen und rasenden Winden?

O mystischen Rausch zu trinken tiefer als irgendein Mann!
O rauhe und zarte Qual! (Ich vermache sie euch, meine Kinder,
Ich künde sie euch, o Bräutigam und Braut.)

O dir hingegeben zu sein, wer du auch seist, und zu mir hingegeben der Welt zum Trotz!
O heimzukehren ins Paradies! O schamvoll Weibliches,
O dich an mich zu ziehen, zum erstenmal
Entschlossenen Mannes Lippen auf dich zu drücken!

O Rätsel, dreifach geknüpfter Knoten, Brunnen dunkel und tief, — gelöst nun und erhellt!
O hinzueilen, wo endlich Raum und Luft genug!
Ledig zu sein alter Fesseln und Sitten,
Meiner ich und deiner du!


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Ein neues, ungeahntes Sichgehenlassen zu finden im Besten der Natur!
Den Knebel aus dem Mund zu bekommen!
Zu fühlen: Heute und je bin ich genug so wie ich bin!

O etwas Unbewiesenes! in Verzückung!
Unerreichbar den Ankern und Klammern der andern entfliehn!
Frei zu treiben! Frei zu lieben! hinzustürmen gefährlich und wild!
Vernichtung mit Hohn und Lockung umwerben!
Klimmen, springen in die Himmel der Liebe, die winken!
Dorthin aufzusteigen mit trunkener Seele!
Verdammt sein, wenn es gilt!
Wegwerfen den Rest des Lebens
Für eine Stunde der Fülle und Freiheit,
Für eine kurze Stunde rasender Lust!


AUS DEM GEWÜHL DES ROLLENDEN OZEANS

Aus dem Gewühl des rollenden Ozeans sprang ein Tropfen lieblich zu mir,
Flüsternd: „Ich liebe dich, ich vergehe bald,
Weither bin ich gereist, einzig um dich zu sehen und dich zu berühren,
Denn ich konnte nicht sterben, ehe ich dich nicht einmal sah,
Denn ich fürchtete dich hernach zu verlieren.“

Nun haben wir uns getroffen und uns gesehen, nun sind wir geborgen,
Kehre in Frieden zurück in das Meer, mein Geliebtes,
Auch ich bin ein Teil dieses Meers, mein Geliebtes, wir sind nicht so sehr von einander getrennt,
Sieh das erhabene Rund, den Allzusammenhang, wie vollkommen!
Dich und mich ist die unwiderstehliche See bestimmt zu trennen,
Für eine Weile uns auseinanderzutragen, doch nicht für immer;
Habe Geduld — eine kleine Spanne — wisse, ich grüße die Luft, das Meer und das Land
Jeden Tag bei sinkender Sonne um deinetwillen, Geliebtes.


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DER ICH VON ÄONEN ZU ÄONEN WIEDERKEHRE

Der ich von Äonen zu Äonen wiederkehre immer aufs neue,
Unzerstörter, unsterblicher Wanderer,
Lustvoll, phallisch, mit ursprünglichen zeugungskräftigen Lenden in süßer Fülle,
Ich, Sänger von Adamsgesängen,
Durch den neuen Garten des Westens rufend und durch seine großen Städte,
Spiele trunken das Vorspiel alles Erzeugten,
Bringe meine Gesänge dar und mich selbst,
Bade mich selbst und bade meine Gesänge in Geschlecht,
Sprößlinge meiner Lenden.


WIR ZWEI

Wir zwei, wie lange waren wir genarrt;
Verwandelt nun, entschlüpfen wir hurtig, gleich wie Natur entschlüpft;
Wir s i n d Natur; lange verbannt, jetzt kehren wir heim,
Pflanzen und Stämme, Laub, Wurzeln und Rinde werden wir,
Wir sind im Boden gebettet, sind Felsen,
Eichen sind wir, wachsen in Lichtungen Stamm an Stamm,
Wir äsen, zwei inmitten wilder Herden, eigenwillig wie irgendeins,
Wir sind zwei Fische, die einig im Meere schwimmen,
Wir sind Akazienblüten, verströmen Wohlgeruch über die Feldwege morgens und abends,
Wir sind auch der grobe Abfall von Tieren, Pflanzen und Stein,
Wir sind zwei Raubfalken, kreisen hoch und schauen hinab,
Wir sind zwei Wolken, die droben gleiten durch Vormittag und Nachmittag,
Meere sind wir, die ineinander strömen, sind zwei der lustigen Wogen,
Die sich einander durchfluten und überrollen;
Wir sind, was die Luft ist, durchsichtig, empfänglich, durchdringlich, undurchdringlich,


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 103] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Schnee sind wir, Regen und Kälte und Finsternis und des Erdballs jegliche Wirkung und Geschöpf,
Wir haben Kreise um Kreise durchlaufen, bis wir wieder nach Hause gelangt, wir zwei,
Alles haben wir abgetan, außer der Freiheit und unserer eigenen Lust.


O HYMEN! O HYMENÄUS!

O Hymen! O Hymenäus! Was peinigst du mich so?
O warum stachelst du mich nur für einen flüchtigen Augenblick?
Warum kannst du nicht dauern? O warum schwindest du nun?
Ist es, weil du mich sicherlich töten würdest, wenn du länger anhieltest als diesen flüchtigen Augenblick?


ICH BIN, DER SCHMERZEN LEIDET

Ich bin, der Schmerzen leidet an sehnsüchtiger Liebe;
Gravitiert die Erde nicht? zieht nicht alle Materie, schmerzend, alle Materie an?
So mein Körper alle, die ich treffe oder kenne.


URGEFÜHLE

Urgefühle — wenn ihr über mich kommt — ah jetzt seid ihr da!
Gebt mir jetzt nichts als Freuden der Wollust,
Gebt mir den Trank meiner Leidenschaften, gebt mir Leben üppig und rauh,
Heute und heute nacht schließ ich Gemeinschaft mit den Lieblingen der Natur,
Ich bin für die, die an lockere Freuden glauben, ich teile die Mitternachtsorgien junger Männer,
Ich tanze mit den Tänzern und trinke mit den Trinkern,
Das Echo schallt von unserm wüsten Geschrei, ich greife mir einen niedrigen Menschen heraus als liebsten Freund,


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 104] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Er soll rechtlos sein und roh und ungebildet, er soll von den andern verdammt sein wegen Verbrechen, die er begangen,
Ich will nicht länger Komödie spielen, warum sollte ich mich ausschließen von meinen Gefährten?
O ihr Gemiedenen, ich meide euch nicht,
Ich komme sogleich in eure Mitte, ich will euer Dichter sein,
Ich will mehr für euch sein, als für alle andern.


EINST KAM ICH DURCH EINE VOLKREICHE STADT

Einst kam ich durch eine volkreiche Stadt und prägte mir zu künftigem Nutzen alles, was es in ihr zu sehen gab, all ihre Bauwerke, Sitten, Gewohnheiten in mein Gedächtnis ein,
Jetzt aber ist mir von dieser ganzen Stadt nur noch eine Frau im Gedächtnis geblieben, die ich dort zufällig traf, die mich zurückhielt aus Liebe zu mir,
Tag für Tag und Nacht für Nacht waren wir beieinander, — alles andere habe ich längst vergessen,
Nur dieser Frau gedenke ich noch, die leidenschaftlich an mir hing,
Wiederum gehen wir miteinander, lieben uns und scheiden wiederum,
Ich sehe sie dicht an meiner Seite, mit schweigenden Lippen zitternd und betrübt.


ICH HÖRTE EUCH, FEIERLICH-SÜSSE PFEIFEN DER ORGEL

Ich hörte euch, feierlich-süße Pfeifen der Orgel, als ich am letzten Sonntagmorgen der Kirche vorbeiging;
Herbstwinde, als in den Wäldern ich bei Dämmerung ging, hörte ich eure langgezogenen Seufzer droben so dunkel;
Ich hörte den vollkommenen italienischen Tenor in der Oper singen, hörte den Sopran singen im Quartett;
Herz meiner Geliebten, dich auch hörte ich leise tönend in einem der Handgelenke, die du an mein Haupt gelegt,
Hörte, als alles still war, deinen Pulsschlag kleine Glocken läuten letzte Nacht unter meinem Ohr.


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WIE ADAM FRüH AM MORGEN

Wie Adam früh am Morgen,
Ausgehend von der Hütte, vom Schlaf erfrischt —
Schaue mich an, wo ich vorbeikomme, höre meine Stimme, komm näher,
Berühre mich, berühre mit der Fläche deiner Hand meinen Leib, indes ich vorübergehe,
Fürchte dich nicht vor meinem Leibe.


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CALAMUS


AUF UNBEGANGENEN PFADEN

Auf unbegangenen Pfaden,
An den wunchernden Rändern sumpfiger Teiche,
Dem Leben entschlüpft, das sich zu Markte trägt,
Allen geltenden Regeln, Vergnügungen, aller Gewinnsucht, allem was sich nach anderen richtet
Und was ich nur allzulange meiner Seele zur Nahrung bot,
Klar erkennend bislang nicht geltende Regeln, klar erkennend, daß meine Seele,
Daß die Seele des Mannes, für den ich spreche, ihre Lust hat an Kameraden,
Einsam mit mir, fern von dem Lärm der Welt,
Zwiesprache haltend mit aromatischen Zungen,
Nicht länger scheu (denn an diesem entlegenen Ort kann ich antworten, wie ich es anderswo nicht wagte),
Durchglüht von dem Leben, welches sich nicht zu Markte trägt und doch all das Andre enthält,
Entschlossen, keine andern Lieder heute zu singen als die von männlicher Freundschaft,
Sie auszusenden in dieses leibhaftige Leben,
Vorbild zu schaffen athletischer Liebe,
An dieses köstlichen neunten Monats Nachmittag, in meinem einundvierzigsten Jahr,
Geh ich daran, für alle, die junge Männer sind oder waren,
Auszusprechen das Geheimnis meiner Tage und Nächte,
Zu feiern das Bedürfnis nach Kameraden.


DUFTENDES GRAS MEINER BRUST

Duftendes Gras meiner Brust,
Ich sammle deine Halme, schreibe sie nieder, daß man sie einst benütze,


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Grabhalme, Leibeshalme, emporwachsend über mir, über dem Tod,
Unvergängliche Wurzeln, hohe Halme, o der Winter soll euch nicht töten, zarte Halme,
Jedes Jahr sollt ihr aufs neue blühen, emporwachsen sollt ihr immer wieder aus eurer Tiefe,
O ich weiß nicht, ob viele Vorübergehende euch finden oder euren schwachen Geruch einatmen werden, aber ich weiß, einige werden es tun;
O schlanke Halme! o Blüten meines Blutes! ihr dürft auf eure Weise von dem Herzen reden, das unter euch liegt,
O ich weiß nicht, was ihr eigentlich bedeutet, ihr seid nicht Glück,
Ihr seid oft schmerzender, als ich ertragen kann, ihr brennt und stecht mich,
Und doch erscheint ihr mir schön, zartfarbige Wurzeln, ihr erweckt mir Gedanken an den Tod;
Tod, von euch verkündet, ist schön (was in der Tat ist endgültig schön, außer Tod und Liebe?).
O ich glaube, nicht für das Leben singe ich hier mein Lied der Liebenden; für den Tod wohl muß es sein;
Denn wie ruhevoll, feierlich schwillt er empor in das Reich der Liebenden,
Tod oder Leben erscheint mir dann gleich, meine Seele mag sich nicht entscheiden.
(Obwohl ungewiß, glaube ich doch, daß die hohe Seele der Liebenden am innigsten den Tod willkommen heißt.)
Wahrlich, o Tod, ich glaube jetzt, diese Halme bedeuten genau dasselbe wie du. —
Wachset höher empor, süße Halme, daß ich euch sehe! wachset empor aus meiner Brust!
Springt auf aus dem Herzen, das da verborgen ist!
Faltet euch nicht so in eure rosigen Wurzeln, schüchterne Halme!
Bleibe nicht so verschämt in der Tiefe, Gras meiner Brust!
Komm, ich bin willens, diese meine breite Brust zu entblößen; ich habe lange genug gewürgt und erstickt;
Sinnbildlich-launische Blätter, ich entlasse euch, ihr nützt mir nun nichts mehr,
Was ich zu sagen habe, will ich unmittelbar sagen,


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„Ich selbst und Kameraden“ sei mein einziger Gesang, nie wieder will ich anderen Ruf erheben,
Unsterblichen Widerhall will ich damit wecken durch die Staaten hin,
Ich will allen Liebenden ein Beispiel geben, Gestalt und Willen anzunehmen in allen Staaten,
Ich will die Worte sagen, die den Tod lustvoll machen;
So gib mir deinen Ton an, o Tod, daß ich danach stimme,
Gib mir dich selbst, denn ich sehe, daß du nun mir vor allen gehörst, und daß ihr untrennbar verschlungen seid, Tod und Liebe.
Nun dürft ihr mich nicht mehr hemmen mit dem, was ich Leben nannte,
Denn nun ist mir offenbar, daß ihr allein der Sinn von allem seid,
Daß ihr euch hier in den wechselnden Formen des Lebens verbergt — unbekannt weshalb — und daß sie allein um euretwillen da sind,
Daß ihr hinter der Maske der Erscheinungen geduldig wartet, gleichgültig, wie lange,
Daß ihr eines Tages vielleicht, alles beherrschend, diese ganze sichtbare Welt hinwegscheuchen werdet,
Deren Zweck ihr seid;
Sie wird nicht allzulange dauern,
Aber ihr werdet sehr lange dauern.


WER DU AUCH SEIST, DER MICH JETZT IN HÄNDEN HÄLT

Wer du auch seist, der mich jetzt in Händen hält,
Ohne eins wird alles vergeblich sein,
Ich warne dich ehrlich, eh du es ferner mit mir versuchst,
Ich bin nicht, was du vermutet, sondern ganz etwas andres.

Wer ist es, der mir folgen will?
Wer will sich Bewerber um meine Liebe nennen?


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Der Weg ist verdächtig, das Ziel ungewiß, vielleicht verderblich,
Du würdest alles andere lassen müssen, ich allein würde verlangen, der einzige zu sein, nach dem du dich ausschließlich richtest,
Selbst dann würde deine Probezeit lang und ermüdend sein,
All deine vorige Anschauung vom Leben und alle Anpassung an die Leben um dich her würdest du aufgeben müssen,
Deshalb lasse von mir, eh du dich weiter bemühst, laß deine Hand von meiner Schulter,
Lege mich weg und geh deines Weges.

Sonst aber, heimlich irgendwo im Walde zum ersten Versuch,
Oder im Schutz eines Felsens in freier Luft
(Denn im gedeckten Raum eines Hauses trete ich nicht hervor, noch in Gesellschaft,
Und in Bibliotheken liege ich wie ein Stummer, ein Tölpel, ein Ungeborner, ein Toter),
Aber vielleicht mit dir auf einem hohen Hügel, nachdem wir erst ausgeschaut, ob nicht auf Meilen in der Runde unversehens jemand naht,
Oder vielleicht, wenn ich segle, mit dir auf See, oder am Strand der See oder auf einer stillen Insel
Erlaub ich dir, deine Lippen auf meine zu drücken
Mit dem langhaftenden Kuß des Kameraden oder des Neuvermählten Kuß,
Denn ich bin der Neuvermählte und bin der Kamerad.

Oder wenn du willst, stecke mich unter dein Kleid,
Wo ich das Klopfen deines Herzens fühlen oder auf deiner Hüfte ruhen kann,
Trage mich, wenn du hinausziehst in Land oder See;
Denn dich bloß so zu berühren, ist genug, ist das Beste,
Und so dich berührend möchte ich schweigend schlummern und ewig getragen sein.

Aber wenn du dich in diese Blätter vertiefst, so tust du's auf eigne Gefahr,
Denn diese Blätter und mich wirst du nicht verstehn,


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Sie werden dir anfangs, und später noch mehr, entschlüpfen, ich werde dir sicher entschlüpfen
Und just wenn du glaubst, du hättest mich ohne Zweifel gefaßt — siehe!
So merkst du auch schon, daß ich dir entgangen bin.

Denn nicht um dessentwillen, was ich hineingesetzt, habe ich dieses Buch geschrieben,
Und nicht durch Lesen wirst du's erwerben,
Noch kennen mich die am besten, die mich bewundern und prahlerisch preisen,
Noch werden die Werber um meine Liebe (außer einigen wenigen) siegreich sein,
Noch werden meine Gedichte nur Gutes stiften, sie werden genau so viel Böses stiften, vielleicht noch mehr,
Denn alles ist nutzlos ohne das eine, was du vielleicht zuweilen ahnst und doch nicht triffst, das, was ich meinte;
Deshalb lasse von mir und geh deines Weges.


FÜR DICH, O DEMOKRATIE

Komm, ich will den Kontinent unzertrennlich machen,
Ich will die herrlichste Rasse schaffen, auf die je die Sonne schien,
Ich will göttlich magnetische Länder schaffen,
Mit der Liebe von Kameraden,
Mit der lebenslangen Liebe von Kameraden.

Ich will die Kameradschaft pflanzen dicht wie Bäume entlang den Strömen Amerikas, und entlang den Küsten der großen Seen und über alle Steppen hin,
Ich will unentzweibare Städte schaffen, die die Arme einander um den Nacken schlingen,
Durch die Liebe von Kameraden,
Durch die männliche Liebe von Kameraden.

Für dich dies von mir, o Demokratie, dir zu dienen, ma femme,
Für dich, für dich schmettre ich diese Lieder.


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DIES HIER PFLÜCKE ICH, SINGEND IM FRÜHLING

Dies hier pflücke ich, singend im Frühling, für Liebende.
(Denn wer anders als ich verstände Liebende und all ihren Kummer und Lust?
Wer anders als ich sollte der Dichter von Kameraden sein?)
Pflückend durchwandl' ich den Garten Welt, doch bald durchschreit ich die Pforten,
Jetzt an dem Teich entlang, jetzt watend ein wenig, ohne Scheu vor der Nässe,
Jetzt an den Holzzäunen hin, wo die alten Steine, von den Feldern gelesen, in Haufen liegen
(Wilde Blumen und Ranken und Unkraut wachsen zwischen den Steinen herauf und bedecken sie hier und da; ich gehe darüber hin),
Tief, tief im Wald, oder schlendernd später im Sommer, ohne Ziel,
Einsam, den Erdduft riechend, mache ich schweigend hier und da halt,
Dachte, ich sei allein, aber bald sammelt sich eine Schar um mich,
Einige gehen an meiner Seite und einige hinterdrein, einige halten meine Arme und meinen Nacken umfaßt,
Geister von lieben Freunden, toten und lebenden, dichter drängen sie sich, eine große Schar und ich in der Mitte,
Pflückend, austeilend, singend wandre ich hier mit ihnen,
Pflücke Andenken für sie, werfe sie denen zu, die mir just nahe sind,
Hier, Flieder, mit einem Fichtenzweig,
Hier, aus meiner Tasche, Moos, das ich in Florida von einer Eiche herunterzog, an der es in langen Streifen hing,
Hier ein paar Nelken und Lorbeerblätter und eine Handvoll Salbei,
Und hier, was ich jetzt aus dem Wasser ziehe, watend am Teichrand
(O hier sah ich ihn zuletzt, der mich zärtlich liebt und wiederkehrt, um sich nie mehr von mir zu trennen,
Und dies, o dies soll hinfort das Zeichen von Kameraden sein, diese Kalmuswurzel hier,
Tauscht sie, ihr Jünglinge, untereinander aus! jeder soll sie behalten!),
Und Ahornzweige und ein Busch aus Kastanienlaub und wilder Orange,


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Und Johannisbeerzweige und Pflaumenblüten und aromatische Zeder,
Auf diese alle, rings umschlossen von einer dichten Wolke von Geistern,
Deut ich im Wandern hin oder berühre sie im Vorbeigehn oder streue sie lose aus,
Jedem weisend, welche er haben soll, etwas für jeden spendend;
Doch was ich zog aus dem Wasser am Teichrand, behalt ich zurück,
Ich will davon geben, aber denen allein, die lieben, wie ich selber zu lieben vermag.


DIE FURCHTBARE UNGEWISSHEIT DER ERSCHEINUNGEN

Die furchtbare Ungewißheit der Erscheinungen —
Die Ungewißheit, ob wir nicht doch am Ende getäuscht sind,
Ob nicht am Ende Vertrauen und Hoffnung nichts als Vermutungen sind,
Ob nicht am Ende Wesenheit jenseits des Grabes nur eine schöne Fabel ist,
Ob nicht die Dinge, die ich gewahre, die Tiere, Pflanzen, Menschen, Hügel, die schimmernden, flutenden Wasser,
Die Himmel von Tag und Nacht, Farben, Stoffe und Formen bloße Erscheinungen sind (sie sind's ohne Zweifel) und das wahre Etwas noch unbekannt.
(Wie oft treten sie jäh aus sich selber heraus, wie um mich zu verwirren und meiner zu spotten!
Wie oft denk ich, weder ich noch irgendein Mensch weiß auch nur das geringste von ihnen!)
Vielleicht scheinen sie mir, was sie sind (und zweifellos scheinen sie nur), bloß für meinen jetzigen Blick, und würden sich (sicherlich!) als ganz etwas andres erweisen oder als nichts für einen gänzlich veränderten Blick;
Solche und ähnliche Fragen werden mir seltsam beantwortet von meinen Geliebten, von meinen lieben Freunden;
Wenn der, den ich liebe, mich auf der Reise begleitet oder lange neben mir sitzt und mich hält bei der Hand,
Wenn die feine Luft, die unfaßbare, die Empfindung, die Worte und Denken nicht fassen, uns umgibt und durchdringt,


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Dann bin ich voll unausgesprochner und unaussprechlicher Weisheit, ich schweige still und verlange nichts mehr,
Ich kann die Frage nach den Erscheinungen oder der Wesenheit jenseits des Grabes nicht beantworten,
Aber ich gehe oder sitze gleichmütig, ich bin zufrieden,
Der, der meine Hand hält, hat mich völlig zufriedengestellt.


DIE GRUNDLAGE ALLER METAPHYSIK

„Und nun, meine Herren,
Gebe ich Ihnen ein Wort, das Sie im Sinne behalten sollen
Als Grundlage und Krönung aller Metaphysik.“

(So zu den Hörern der alte Professor
Am Schluß seines dichtgefüllten Kollegs.)

Nachdem ich das Neue und Alte studiert, die Systeme der Griechen und Deutschen,
Kant studiert und begriffen und Fichte, Schelling und Hegel,
Platos Lehre begriffen und Sokrates, größer als Plato,
Und größer als Sokrates Christus den göttlichen lange durchdacht und begriffen,
Blicke ich heute zurück auf diese Systeme der Griechen und Deutschen,
Sehe alle die Philosophien, die christlichen Kirchen und Glaubenssätze,
Aber zutiefst in Sokrates und zutiefst in Christus sehe ich klar
Die innige Liebe des Mannes zu seinem Kameraden, die Anziehungskraft von Freund zu Freund,
Von Mann und Weib in glücklicher Ehe, von Kindern und Eltern,
Von Stadt zu Stadt und Land zu Land.


IHR, DIE IHR KUNDE GEBT VON MIR DEREINST

Ihr, die ihr Kunde gebt von mir dereinst,
Kommt, ich will euch hinabführen unter dies gelassene Äußere, ich will euch sagen, was ihr von mir berichten sollt;
Verkündet meinen Namen und hängt mein Bild auf als das des zärtlichsten Liebenden,


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Des Freundes, des Liebenden Bild, an dem sein Freund, sein Geliebter am innigsten hing,
Der nicht stolz war auf seine Lieder, doch auf das unermeßliche Meer von Liebe in ihm, das er frei verströmte,
Der oftmals einsame Wege ging in Gedanken an seine lieben Freunde, seine Geliebten,
Der gedankenvoll fern von einem, den er liebte, schlaflos und unbefriedigt lag bei Nacht,
Der nur zu gut die schlimme, schlimme Sorge kannte, der, den er liebte, sei heimlich gleichgültig gegen ihn,
Dessen glücklichste Tage es waren, wenn er fern durch Felder, in Wäldern, auf Hügeln wanderte, er und ein anderer Hand in Hand, sie zwei abseits von anderen Menschen,
Der oft, wenn er schlenderte durch die Straßen, mit seinem Arm die Schulter seines Freundes umschlang, indes seines Freundes Arm auch auf ihm ruhte.


ALS ICH AM SCHLUSS DES TAGES HÖRTE

Als ich am Schluß des Tages hörte, wie mein Name mit Beifall begrüßt worden war im Kapitol, war es doch keine glückliche Nacht für mich, die folgte;
Auch sonst, wenn ich zechte, oder wenn mir meine Pläne gelungen, war ich doch nicht glücklich;
Aber an dem Tage, als ich bei der Dämmerung mich erhob von dem Bett vollkommener Gesundheit, erfrischt, singend, einatmend den reifen Atem des Herbstes,
Als ich den Vollmond im Westen blaß werden sah und verschwinden im Morgenlicht,
Als ich allein über den Strand wanderte und, mich auskleidend, badete, lachend mit den kühlen Wassern, und die Sonne aufgehen sah,
Und als ich daran dachte, daß mein lieber Freund, mein Geliebter, auf dem Wege zu mir war, o da war ich glücklich,
O da schmeckte jeder Atemzug süßer, und diesen ganzen Tag näherte mich mein Essen mehr, und der schöne Tag verlief gut,
Und der nächste kam mit gleicher Freude, und mit dem nächsten am Abend kam mein Freund.


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Und jene Nacht, als alles still war, hörte ich die Wasser langsam, unablässig an die Küste rollen,
Hörte das zischende Geräusch von Wellen und Sand, wie zu mir geschickt, um mich zu beglückwünschen,
Denn der, den ich am liebsten habe, lag schlafend neben mir unter derselben Decke in der kühlen Nacht;
In der Stille, in den Mondstrahlen des Herbstes war sein Gesicht mir zugeneigt,
Und sein Arm lag leicht um meine Brust, — und diese Nacht war ich glücklich.


BIST DU DER NEULING?

Bist du der Neuling, den es zu mir zieht?
Zuvor sei gewarnt, ich bin sicherlich ganz etwas anderes als du glaubst;
Glaubst du in mir dein Ideal zu finden?
Denkst du, es sei so leicht, meine Liebe zu gewinnen?
Denkst du, meine Freundschaft würde ungetrübte Befriedigung sein?
Denkst du, ich sei verläßlich und treu?
Siehst du durch diese Fassade, diese milde, duldsame Art von mir nicht tiefer hindurch?
Glaubst du, du nahtest auf wirklichem Grund einem wirklich heroischen Mann?
Hast du, o Träumer, nicht bedacht, es sei vielleicht alles nur Maja, Schein?


WURZELN UND HALME SIND DIES NUR

Wurzeln und Halme sind dies nur,
Düfte, Männern und Weibern gebracht vom Teichrand und aus wildem Wald,
Herz-Sauerampfer und Liebesnelken, Finger, die fester umwinden als Reben,
Ergüsse aus Vogelkehlen, verborgen im Laub von Bäumen bei Sonnenaufgang,
Liebeshauche vom Land, von lebendigen Küsten gesandt zu euch auf lebendiger See, zu euch, o Schiffer!


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Frostreife Beeren und dritten Monats Zweige, frisch geboten jungem Volk, das hinauswandert in die Felder, wenn der Winter zum Aufbruch rüstet,
Liebesknospen, vor dich und in dich ausgestreut, wer du auch seist,
Knospen, die sich entfalten wollen, wie je,
Wenn du ihnen die Wärme der Sonne bringst, so werden sie aufgehen und werden dir Schönheit bringen, Farbe und Duft,
Wenn du ihnen Nahrung wirst und Naß, so werden sie Blumen werden und Früchte und schlanke Zweige und Bäume.


KEINE GLUT, AUFFLAMMEND UND VERZEHREND

Keine Glut, aufflammend und verzehrend,
Keine Wogen der See, ausund einstürmend,
Noch die Luft, köstlich und klar, des reifen Sommers Luft, die weiße Flocken mit Myriaden Samenkörnern leicht dahinträgt,
Wehend, lieblich segelnd, bis sie irgendwo niedersinken: —
O keines, keines von ihnen flammender als m e i n e Glut, verzehrend, brennend um dessentwillen, den ich liebe.
O keines stürmender als ich!
Stürmt die Flut einher, suchend nach etwas, und läßt nicht ab? O so auch ich!
O weder Samenflocken, noch Düfte, noch die hohen, regensendenden Wolken werden durch die freie Luft getragen
Irgend mehr, als meine Seele durch die freie Luft getragen wird,
Wehend nach allen Richtungen, o Liebe, um der Freundschaft—, um deinetwillen.


RINNT, TROPFEN!

Rinnt, Tropfen! meine blauen Adern verlassend!
O Tropfen aus mir! rinnt, langsame Tropfen,
Rein aus mir fallend, tropft, blutende Tropfen,
Aus Wunden, geschlagen, um euch zu befreien, von wo ihr gefangen wart,
Von meinem Gesicht, von meiner Stirn und Lippen,
Von meiner Brust, von innen her, wo ich verborgen war,
Dringt heraus, rote Tropfen, Bekenntnis-Tropfen,


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Färbt jede Seite, färbt jedes Lied, das ich singe, jedes Wort, das ich sage, blutige Tropfen.
Laßt sie eure purpurne Glut fühlen, laßt sie leuchten,
Durchtränkt sie mit euch, schamvoll und naß,
Glüht über alles, was ich geschrieben habe und schreiben werde, blutende Tropfen,
Laßt alles scheinen in eurem Lichte, schamrote Tropfen.


AN EINEN FREMDEN

Fremdling, der du vorbeigehst! du weißt nicht, wie sehnsüchtig ich nach dir blicke,
Du mußt der sein, den ich suchte, oder die, die ich suchte (es kommt mir wie aus einem Traum).
Ich habe sicherlich irgendwo ein Leben der Freude mit dir gelebt,
Alles ist wieder wach, da wir einander vorbeihuschen, flüchtig, zärtlich, keusch, gereift.
Du wuchsest auf mit mir, warst Knabe mit mir oder Mädchen mit mir,
Ich aß mit dir und schlief mit dir, dein Körper blieb nicht dein eigen allen, noch ließ er meinen Körper mir allein.
Du gibst mir die Lust deiner Augen, deines Gesichts und Fleisches, indes wir vorbeigehen, du nimmst von meinem Bart, Brust, Händen dafür,
Ich will nicht zu dir reden, ich will an dich denken, wenn ich allein sitze oder nachts allein wache,
Ich will warten, ich zweifle nicht, daß ich dir wieder begegnen werde,
Ich will darauf achten, daß ich dich nicht verliere.


WIE ICH HIER SITZE GEDANKENUND SEHNSUCHTSVOLL

Wie ich hier sitze gedankenund sehnsuchtsvoll,
Will es mir scheinen, daß es andere Männer in anderen Ländern gibt, gedankenund sehnsuchtsvoll,
Will es mir scheinen, als könnt ich hinüberblicken und sie gewahren in Deutschland, Italien, Frankreich, Spanien,


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Oder fern, fern in China, oder in Rußland und Japan, in anderen Mundarten redend,
Und will es mir scheinen, wenn ich sie kennte, so würde ich ihnen verbunden sein, wie den Männern meiner eigenen Länder,
O ich weiß, wir würden Brüder und Liebende sein,
Ich weiß, ich würde glücklich mit ihnen sein.


ICH HÖRE, DASS MAN MICH ANKLAGT

Ich höre, daß man mich anklagt, ich wolle Institutionen zerstören,
Aber in Wahrheit bin ich weder für noch gegen Institutionen.
(Was überhaupt hab ich mit ihnen gemein? oder was mit ihrer Zerstörung?)
Einzig und allein begründen will ich in Mannahatta und in jeder Stadt dieser Staaten im Inland und an der Seeküste
Und in den Feldern und Wäldern und über jedem Kiel klein oder groß, der dies Wasser furcht,
Ohne Bauwerke, Regeln, Verwalter und ohne jeden Beweisgrund
Die Institution der innigen Liebe von Kameraden.


DAS PRÄRIEGRAS DURCHSCHREITEND

Das Präriegras durchschreitend, seinen besonderen Duft atmend,
Rufe ich nach seinem Gleichnis im Geist,
Rufe nach der reichsten und innigsten Kameradschaft von Männern,
Rufe die Halme von Worten, Taten, Wesen auf, zu sprießen:
Die aus der freien Luft, rauh, sonnig, frisch, saftvoll,
Die ihren eigenen Gang gehen, aufrecht, mit Freiheit und Willen einherschreitend, führend, nicht folgend;
Die voll niegeduckter Kühnheit, die, deren Fleisch süß und lustvoll ist, rein von Makel,
Die, welche gleichmütig in die Gesichter von Präsidenten und Herrschern blicken, wie um zu sagen: „Wer bist du?“—
Männer voll irdischer Leidenschaft, einfach, nie bezwungen, nie gehorsam,
Männer aus Inneramerika.


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WENN ICH HÖRE VON DEM RUHM

Wenn ich höre von dem Ruhm, den Helden sich erobert,
Und den Siegen mächtiger Feldherrn, so beneide ich nicht die Feldherrn
Noch den Präsidenten in seiner Residenz, noch den Reichen in seinem großen Hause;
Aber wenn ich höre von der Bruderliebe von Freunden, wie es mit ihnen stand,
Wie sie zusammen durchs Leben gingen, durch Haß, Gefahren, unverändert, lange, lange Zeit,
Durch Jugend und Manneszeit und Alter; wie unerschütterlich, wie liebevoll und treu sie waren,
Dann bin ich nachdenklich, — ich gehe hastig hinweg, erfüllt vom bittersten Neide.


HIER MEINE ZARTESTEN HALME

Hier meine zartesten Halme und doch, die am kräftigsten dauern,
Hier beschatte und berge ich meine Gedanken, ich selber offenbare sie nicht,
Und dennoch offenbaren sie mich, mehr als alle meine andern Gedichte.


KEINE ARBEITSPARENDE MASCHINE

Keine arbeitsparende Maschine,
Keine Entdeckung hab ich gemacht,
Noch werd ich imstande sein, irgendeine reiche Stiftung zu hinterlassen zur Gründung eines Hospitals oder einer Bibliothek,
Noch die Erinnerung irgendeiner Heldentat für Amerika,
Noch literarischen Erfolg, noch Intellekt, noch Buch für das Bücherbrett,
Doch ein paar Lieder, zitternd durch die Luft, laß ich zurück
Für Liebende und Kameraden.


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ICH TRäUMTE IN EINEM TRAUM

Ich träumte in einem Traum, ich sähe eine Stadt, unüberwindlich den Angriffen der ganzen übrigen Erde,
Ich träumte, das sei die neue Stadt der Freunde,
Nichts Größeres geb es dort, als die Fähigkeit zu kraftvoller Liebe, sie führte alles,
Sie offenbarte sich jegliche Stunde in allem Tun der Menschen dieser Stadt
Und in all ihren Blicken und Worten.


AN EINEN KNABEN AUS DEM WESTEN

Vielerlei in dich aufzunehmen lehre ich dich, um dir zu helfen, mein Schüler zu werden,
Doch wenn nicht Blut gleich meinem durch deine Adern kreist,
Wenn du nicht schweigend erwählt wirst von Liebenden und nicht schweigend Liebende erwählst,
Was hat es für einen Zweck, daß du mein Schüler zu werden suchst?


FEST VERANKERT UND EWIG, O LIEBE!

Fest verankert und ewig, o Liebe! O Weib, das ich liebe!
O Braut! O Gattin! Unwiderstehlicher, als ich es sagen kann, ist der Gedanke an dich!
Gesondert aber und gleichwie körperlos und aus andern Bereichen geboren,
Ätherisch, die höchste starke Realität, meine Tröstung,
Zu der ich emporsteige, in deren Regionen ich schwebe, ist die Liebe zu dir, o Mann,
O Gefährte meines schweifenden Lebens.


DIESER SCHATTEN, MEIN EBENBILD

Dieser Schatten, mein Ebenbild, der hin und her geht und Zeitvertreib, Scherz und Gespräche sucht,
Wie oft ertappe ich mich, wie ich stehe und sehe, wie er vorbeihuscht,


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Wie oftmals frage und zweifle ich, ob ich das wirklich bin;
Aber wenn ich mit denen bin, die mich lieben, und diese Lieder singe,
O dann zweifle ich nie, ob ich das wirklich bin.


VOLL LEBEN JETZT

Voll Leben jetzt, greifbar und sichtbar,
Vierzig Jahre alt im dreiundachtzigsten Jahr der Staaten,
Sende ich einem, der ein Jahrhundert oder viele Jahrhunderte später lebt,
Sende ich dir diese Gedichte, und suche dich.

Wenn du sie liest, bin ich, der sichtbar war, unsichtbar geworden,
Du bist es nun, der, greifbar, sichtbar, meine Gedichte lebendig macht und der mich sucht
Und der sich ausdenkt, wie glücklich er wäre, könnte ich bei ihm sein und wäre sein Kamerad;
Sei's, als w ä r ich bei dir! (Sei nicht zu sicher, daß ich nicht jetzt bei dir bin.)


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SALUT AU MONDE


1

O nimm meine Hand, Walt Whitman!
O flutende Wunder! Gesichte, Geräusche!
O Glieder endlos, eins dem andern verkettet,
Jedes antwortend allen, jedes die Erde teilend mit allen!

Was weitet sich in dir, Walt Whitman?
Was Flüssig und Festes schwillt?
Was Warm und Kaltes? was Wesen und Städte hier?
Wer sind die Kinder, spielend die einen, schlafend die andern?
Wer sind die Mädchen? wer die Frauen?
Wer sind die Gruppen von Greisen, wandelnd langsam mit Armen einander um den Hals?
Was sind für Flüsse dies und was für Wälder und Früchte?
Was ist der Berge Namen, die in Nebel steigen so hoch?
Was dies für Myriaden Wohnstätten, mit Wohnern gefüllt?


2

Breite dehnt sich, Länge streckt sich in mir,
Asien, Afrika, Europa im Osten, — für Amerika ist im Westen Raum,
Die Wölbung der Erde bindend, windet der heiße Äquator sich,
Wunderbar drehen in Nord und Süd sich die Enden der Achse,
Der längste Tag ist in mir, in schrägen Ringen kreist die Sonne monatelang, ohne unterzugehn,
Im gemessenen Bogen hebt sich über den Horizont in mir die Mitternachtssonne und sinkt hinab,
Zonen in mir und Meere, Katarakte und Wälder, Vulkane und Archipele,
Die malaiischen und polynesischen und die großen westindischen Inseln.


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3

Was hörst du, Walt Whitman?

Ich höre den Arbeiter singen und singen des Farmers Weib,
Ich höre fern die Stimmen von Kindern und Tieren am Morgen früh,
Ich höre Geschrei von Australiern im Eifer der wilden Pferdejagd,
Ich höre den spanischen Tanz im Kastanienschatten, mit Kastagnetten, Gitarre und Geige,
Ich höre endloses Echo her von der Themse,
Ich höre feurige Freiheitslieder von Frankreich her,
Ich höre melodisches Rezitativ von alten Gesängen des italienischen Schiffers,
Ich höre die Heuschrecken Syriens, wie sie Weizen und Wiesen mit Schauern schrecklicher Wolken schlagen,
Ich höre den koptischen Abgesang, wie er träumerisch niederfällt auf die Brust des schwarzen, ehrwürdigen, breiten Vaters Nil,
Ich höre das Schnalzen des mexikanischen Maultiertreibers und die Glocken des Maultiers,
ich höre den arabischen Muezzin rufen vom Turm der Moschee,
Ich höre die Christenpriester an den Altären der Kirchen, ich höre, sich antwortend, Baß und Sopran,
Ich höre den Schrei des Kosaken und des Schiffers Ruf in Ochotsk, der in die See geht,
Ich höre das Schnaufen der Sklavenkoppel in Marsch, der keuchenden Trupps zu zweit und dritt, aneinandergekettet an Handgelenken und Fußgelenken,
Ich höre den Juden sein Testament und seine Psalmen lesen,
Ich höre den Wohllaut griechischer Mythen und die heroischen Sagen der Römer,
Ich höre die Kunde vom göttlichen Leben und blutigen Tode des herrlichen Gottes Christ,
Ich höre den Hindu den Lieblingsschüler die Kunde von Liebe und Krieg und Weisheit der Sprüche lehren, treulich bis heutigen Tags überliefert von Dichtern drei Jahrtausende alt.


4

Was siehst du, Walt Whitman?
Wer sind, die du grüßest und die eins nach dem andern dich grüßen?


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Ich seh durch den Raum hinrollen ein Wunder groß und rund,
Ich sehe winzige Farmen, Dörfer, Ruinen, Kirchhöfe, Gefängnisse, Werkstätten, Paläste, Schuppen, Hütten von Wilden, Nomadengezelt an der Oberfläche,
Ich sehe beschattet die eine Seite, wo Schläfer schlafen, und sonnbeleuchtet die andre,
Ich sehe den seltsam jagenden Wechsel von Schatten und Licht,
Ich sehe Länder fern, so wirklich und nah für ihre Bewohner wie dieses Land für mich.

Ich sehe Wasser in Fülle,
Ich sehe Berggipfel, sehe die Kette der Anden gezogen,
Ich sehe deutlich den Himalaya, Chian-Shah, Altai, Ghaut,
Ich sehe die Riesenzinnen des Elbrus, Kasbek, Basardzusi,
Ich sehe die Steirischen Alpen und Kärntner Alpen,
Ich sehe Pyrenäen, Balkan und Karpathen, und hoch im Norden das Dovrefjeld und weit überm Meere den Hekla,
Ich sehe den Ätna und Vesuv, die Mondgebirge, die roten Felsen von Madagaskar,
Ich sehe die libyschen, arabischen und asiatischen Wüsten,
Ich sehe die riesigen, furchtbaren arktischen und antarktischen Eisberge,
Ich sehe die großen Meere und kleineren Meere, Atlantischen und Pazifischen Ozean, die Mexikanische See, die Brasilische See und die See von Peru,
Die Gewässer von Japan, die herrliche Nagasakibai, umklammert von ihren Bergen,
Die Zungen der Ostsee, das Kaspische Meer, die englischen Küsten, die Bai von Biscaya,
Das sonnige Mittelmeer von einer Insel zur andern,
Das Weiße Meer und die Grönländische See.

Ich gewahre die Schiffer der Welt,
Manche im Sturm, bei Nacht mit der Wache im Ausguck,
Andere hilflos treibend, andre mit Seuchen beschleppt.


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Ich gewahre die Segler und Dampfer der Welt, manche im Hafen gedrängt, die andern auf Reisen,
Manche umschiffen das Kap der Stürme, manche Kap Verde, manche die Kaps von Bon, Bajadore und Guardafui,
Andere Dondra Head, andere Kap Lopatka, andre durchfahren die Sundastraße, andre die Behringstraße,
Andre Kap Horn, andre segeln im Golf von Mexiko oder von Kuba, Haiti entlang, oder Hudsonbai oder Baffinbai,
Andre passieren die Enge von Dover, andre fahren ein in die Bucht von Wash, andre in Firth of Solway, oder vorbei am Kap Clear oder Lands End,
Andre durch Zuydersee oder Schelde,
Andere aus und ein bei Gibraltar und Dardanellen,
Andere brechen sich grimmigen Weg durch nördliches Packeis,
Andere den Ob und Lena hinauf und hinab,
Niger und Kongo, Indus, Kambodscha und Brahmaputra hinauf und hinab,
Andre warten fertig zur Fahrt unter Dampf in australischen Häfen,
Warten in Liverpool, Glasgow, Dublin, Marseille, Lissabon, Hamburg, Bremen, Bordeaux, Neapel, Haag, Kopenhagen.
Warten in Valparaiso, Rio Janeiro, Panama.


5

Ich sehe die Geleise der Eisenbahnen der Erde,
Ich seh sie in Großbritannien, sehe sie in Europa,
Ich sehe sie in Asien und Afrika.

Ich sehe die Telegraphendrähte der Erde,
Ich seh das Gewebe der Nachrichten von Krieg, Tod, Verlust, Gewinn, Leidenschaften, — von meiner Rasse.

Ich sehe die langen Furchen der Flüsse der Erde,
Ich sehe den Amazonenstrom und den Paraguay,
Ich sehe die vier gewaltigen Ströme Chinas, Amur, Hoang-ho, Si-kiang und Jang-tse-kiang,
Ich seh, wo die Seine fließt und wo Donau, Loire, Rhône und Guadalquivir fließen,
Ich sehe die Windungen der Wolga, des Dnjepr, der Oder,


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Ich seh den Toskaner fahren den Arno hinab und den Venetianer den Po hinab,
Ich sehe den griechischen Schiffer aussegeln aus der Äginabucht.


6

Ich sehe den Sitz der alten Reiche Assyrien, Persien und Indien,
Ich sehe des Ganges Sturz über den Hochrand von Saukara.
Ich sehe die Stätten der Idee der Gottheit, fleischgeworden in Avataras menschlicher Form.
Ich sehe die Stätten der Nachfolge von Priestern der Erde, Orakeln, Opferpriestern, Brahmanen, Sabiern, Lamas, Mönchen, Muftis, Propheten,
Ich seh, wo Druiden walten im Haine Monons, ich sehe Mistelzweig und Verbene,
Ich sehe die Tempel, die sterblichen Überreste von Göttern, ich sehe die alten Zeichendeuter,
Ich sehe Christus essen das Brot seines Abendmahls inmitten junger und alter Gefährten,
Ich seh, wo der starke Götterjüngling Herkules treulich und lange sich plagte und endlich starb,
Ich sehe die Stätten des unschuldig reichen Lebens und Unterganges des schönen nächtigen Sohns, des rundgliedrigen Bacchus,
Ich sehe Kneph, blühend, mit blauer Haut und der Federkrone auf seinem Haupt,
Ich sehe Hermes, zutraulich geliebt, sterbend, sprechend zum Volke; „Weinet nicht um mich,
Dies hier ist nicht mein wahres Reich, ich lebte verbannt aus meinem wahren Reich und kehre nun zurück,
Kehre heim in die himmlische Sphäre, in die ein jeder eingeht zu seiner Zeit.“


7

Ich sehe die Schlachtfelder der Erde, Gras wächst auf ihnen und Blüten und Korn,
Ich sehe die Spuren alter und neuer Forschungsreisen.

Ich sehe die namenlosen Mauerreste, ehrwürdige Denkmale unbekannter Abenteuer, Helden, Erinnerungen der Erde.


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Ich sehe die Stätten der Sagas,
Ich sehe Kiefern und Fichten vom Nordwind verzerrt,
Ich sehe granitene Kegel und Klippen, grüne Wiesen und Seen,
Ich sehe die Felsengräber skandinavischer Krieger,
Ich sehe sie hochgetürmt mit Blöcken am Rande ruhlosen Ozeans, daß die Geister der toten Männer, wenn sie des stillen Grabes müde, aufsteigen mögen durch steinerne Last und ausschauen auf die brandenden Wogen und sich erquicken an Sturm, Unendlichkeit, Freiheit, Tat.

Ich sehe die Steppen Asiens,
Ich sehe die runden Hügel Mongoliens, sehe die Zelte von Kalmücken und Baschkiren,
Ich seh die Nomadenstämme mit Ochsen und Kühen,
Ich sehe die Tafelgebirge, von Schluchten gekerbt, ich sehe die Dschungeln und Wüsten,
Ich seh das Kamel, das wilde Pferd, die Trappe, das fettschwänzige Schaf, die Antilope, den scharrenden Wolf,
Ich sehe das Hochland von Abessyinien,
Ich sehe weidende Ziegenherden, sehe den Feigenbaum, Tamarinde und Dattelpalme
Und sehe Felder von Tef-Weizen und Plätze grün und gold,
Ich sehe den brasilianischen Rinderhirten,
Ich seh den Bolivier den Berg Sorata ersteigen,
Ich sehe den Vacho die Ebnen durchkreuzen, sehe den unvergleichlichen Reiter mit seinem Lasso am Arm,
Ich sehe die Jagd auf wilde Herden über die Pampas hin, um ihr Fell zu erbeuten.


8

Ich sehe die Reiche des Schnees und Eises,
Ich sehe den scharfäugigen Samojeden und Finnen,
Ich sehe den Seehundjäger im Boot, seine Lanze wägend,
Ich seh den Sibirier, auf leichtgebauten Schlitten von Hunden gezogen,
Ich sehe die Meerschweinjäger, ich sehe die Walfischfänger im Südlichen Eismeer und Nördlichen Eismeer,
Ich sehe die Klippen, Gletscher, Wasserstürze und Täler der Schweiz, — ich achte der langen Winter und der Abgeschlossenheit.


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9

Ich sehe die Städte der Erde und bin ihr Bürger nach meinem Belieben,
Ich bin ein echter Pariser,
Ich bin ein Bewohner von Wien, Petersburg, Berlin, Konstantinopel,
Ich bin aus Adelaïde, Sydney, Melbourne,
Ich bin aus London, Manchester, Bristol, Edinburg, Limerick,
Ich bin aus Madrid, Cadiz, Barcelona, Oporto, Lyon, Brüssel, Bern, Frankfurt, Stuttgart, Turin, Florenz,
Ich gehöre nach Moskau, Krakau, Warschau und in den Norden nach Christiana oder Stockholm und nach sibirisch Jrkutsk oder in eine Straße Islands,
Ich lasse mich nieder in all diese Städte und hebe mich wieder aus ihnen.


10

Ich sehe Dunst aufsteigen aus unerforschten Ländern,
Ich sehe die Typen der Wilden, Bogen und Pfeil, den vergifteten Feuerstein, den Fetisch, die Inseln Obi.

Ich sehe afrikanische und asiatische Städte,
Ich sehe Algier, Tripolis, Derna, Mogador, Delhi, Kalkutta, Tokio,
Ich sehe den Kruneger in seiner Hütte, Dahomeund Aschantineger in ihren Hütten,
Ich sehe den Türken Opium rauchen in Aleppo,
Ich sehe das malerische Gedränge der Märkte in Khiva und Herat,
Ich sehe Teheran, sehe Musrat und Medina und den wehenden Flugsand, ich sehe die Karawanen sich ostwärts mühn,
Ich sehe Ägypten und die Ägypter, die Pyramiden und Obelisken,
Ich schau auf Geschichte in Keilschrift, Bericht von Erobererkönigen und Dynastien, eingeschnitten in Sandsteinplatten oder Granitblock,
Ich sehe in Memphis Mumiengräber, die Mumien drin balsamiert, in Leinen gewickelt, ruhend seit vielen Jahrhunderten,
Ich schaue auf den gefallnen Thebaner, die groß-kugeligen Augen, den seitwärts sinkenden Nacken, die Hände gefaltet über der Brust.


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Ich sehe alle Knechte der Erde fronen,
Ich seh die Gefangenen in den Gefängnissen,
Ich seh die verkrüppelten Menschenleiber der Erde,
Die Blinden, Taubstummen, Blöden, Buckligen, Irren,
Die Seeräuber, Diebe, Betrüger, Mörder, Sklavenjäger der Erde,
Die hilflosen Kinder und hilflosen alten Männer und Fraun.

Ich sehe Mann und Weib überall,
Ich seh die erhabene Bruderschaft von Denkern,
Ich sehe die aufbauende Kraft meiner Rasse,
Ich sehe die Früchte von Ausdauer und Fleiß meiner Rasse,
Ich sehe die Klassen, Farben, Barbaren und Zivilisierte, ich wandle mit ihnen, ich mische mich unter sie ohne Wahl,
Und ich grüße alle Bewohner der Erde.


11

Du, wer immer du seist!
Du Sohn oder Tochter Englands!
Du aus den mächtigen Slavenstämmen und -reichen!
Du Russe in Rußland!
Du dämmerentstammter schwarzer, göttlich beseelter Afrikaner, groß, schmalschädlig, rassig gebaut, zu Stolz geboren, — du gleich und gleich mit mir!
Du Norweger! Schwede! Däne! Isländer! Preuße!
Du Spanier und Portugiese!
Du Mann oder Weib aus Frankreich!
Du Belgier! Du Freiheitsfreund in den Niederlanden (du Stamm, aus dem ich selber erwachsen)!
Du standhafter Österreicher! Lombarde, Ungar und Böhme! Bauer in Steiermark!
Du Nachbar der Donau!
Du Werkmann von Rhein, Elbe und Weser! Du Werkfrau auch!
Sardinier! Bayer! Schwabe! Sachse! Wallache! Bulgar!
Du Römer! Grieche und Neapolitaner!
Du geschmeidiger Matador in Sevillas Arena!
Du rechtlos lebender Bergräuber im Taurus und Kaukasus!
Du kroatischer Pferdehirt, deine Stuten bewachend und Hengste fütternd!


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Du schöngewachsener Perser, aus dem Sattel im vollen Galopp Pfeile schießend ins Ziel!
Du Chinese in China! Tatar in der Tatarei!
Ihr Weiber der Erde, unter eure Arbeit gebeugt!
Du Jude, pilgernd im hohen Alter duch alle Gefahr, um einmal auf syrischem Boden zu stehn!
Ihr andern Juden, wartend in allen Ländern auf euren Messias!
Du gedankenvoller Armenier, sinnend an einem der Euphratflüsse! auftauchend zwischen den Trümmern Ninives! steigend empor zum Berge Ararat!
Du wundfüßiger Pilger, grüßend das ferne Blinken der Minarette von Mekka!
Ihr Scheiks und Herrscher eurer Sippe und Stämme entlang der Enge von Suez bis Bab el-Mandeb!
Ihr Olivenbauer, die ihr eure Früchte zieht auf den Feldern von Nazareth, Damaskus und See Tiberias!
Du Händler aus Tibet im weiten Hochland oder schachernd in den Läden von Lhasa!
Japaner, Mann und Weib! Bewohner von Madagaskar, Ceylon, Sumatra, Borneo!
Alle vom Festlande ihr in Europa, Asien, Afrika, Australien, gleichviel wo!
Alle ihr von den zahllosen Inseln der Archipele der See!
Und ihr, Jahrhunderte später Geborene, wenn ihr mir lauscht!
Und du, ein jeder und überall, den ich nicht nenne, doch mit umschließe, —
Heil euch allen und guten Mut von mir und Amerika!

Jedes von uns unerläßlich,
Jedes von uns unbegrenzt — jedes von uns mit seinem und ihrem Recht auf der Erde,
Jedes von uns beteiligt am ewigen Sinn der Erde,
Jedes von uns so göttlich hier wie irgendeins.


12

Du Hottentott mit schnalzendem Gaumen! wollhaarige Horden!
Leibeigene ihr, Schweißtropfen und Blutstropfen schwitzend!


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Ihr Menschengestalten mit den unergründlich erschütternden Angesichtern von Vieh,
Du armer Kobuu, auf dessen stammelnden Geist und Sprache die Niedrigsten noch verachtend herabsehn.
Du zwergiger Lappe, Grönländer und Kamtschadale!
Du australischer Neger, nackt, rot, schmutzig, mit wulstigen Lippen, am Boden kriechend nach Futter!
Du Kaffer, Berber und Sudanese!
Du hagerer, rauher, unwissender Beduine!
Ihr Pest-Schwärme in Madras, Nanking, Kabul und Kairo!
Du im Dunkel der Seele gefangner Nomade vom Amazonas! Du Patagonier! Du Fidschimann!
Ich bevorzuge andere nicht so sehr vor euch allen,
Ich sage kein einziges Wort gegen euch, weit hinten dort, wo ihr steht —
(Ihr werdet nach vorn kommen an meine Seite zur rechten Zeit).


13

Mein Geist ist mitfühlend und leidenschaftlichen Willens um die ganze Erde gereist,
Ich habe nach meinesgleichen gespäht und Liebenden und fand sie in allen Ländern bereit für mich.
Ich glaube, mich machte eine göttliche Kraft ihnen gleich.
Ihr Wasserdämpfe, mit euch wohl bin ich aufgestiegen, gereist zu fernen Kontinenten und dort gesunken,
Ich habe mit euch wohl geweht, ihr Winde,
Ihr Wogen, mit euch an jeder Küste gespielt,
Ich habe mich durchgedrängt, wo immer ein Fluß oder Meerenge auf diesem Erdball sich durchgedrängt hat,
Ich habe Fuß gefaßt auf dem Sockel von Halbinseln und auf den hochgelagerten Felsen, von da zu rufen:
Salut au monde!

Wo irgend Licht oder Wärme die Städte durchdringt, diese Städte durchdringe auch ich,
Zu allen Inseln, zu denen Vögel sich hinschwingen, schwinge auch ich mich hin:


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Gegen euch alle, in Amerikas Namen,
Erhebe ich die senkrechte Hand, ich gebe das Zeichen,
Daß es nach mir in Sicht bleibe für immer,
Für aller Menschen Heim und Herd!



AUF DER BROOKLYN-FÄHRE


1

Flut unter mir! Ich sehe dich von Angesicht zu Angesicht!
Wolken im Westen — Sonne dort, eine halbe Stunde hoch — ich sehe dich auch von Angesicht zu Angesicht.

Ihr Massen, Männer und Frauen, angetan mit den gewöhnlichen Kleidern, wie merkwürdig seid ihr mir!
Auf den Dampfbooten die Hunderte und Hunderte, die überfahren nach Hause, sind mir merkwürdiger, als ihr glaubt,
Und du, der du in vielen Jahren von Küste zu Küste überfahren wirst, bedeutest mir mehr und bist mehr in meinen Gedanken, als du glaubst.


2

Die unsichtbare Nahrung, die ich aus allen Dingen zu allen Stunden des Tages ziehe;
Das einfache, feste, wohlverbundene Ganze, ich selbst unbeträchtlich, jeder einzelne unbeträchtlich und doch Teil des Ganzen;
Die Wiederkehr in Vergangenheit und Zukunft;
Der Glanz, der gleich aufgereihten Perlen leuchtet über meinem geringsten Sehen und Hören beim Spaziergang in den Straßen oder bei der Fahrt über den Fluß;
Die Strömung, die da so schnell hineilt und weit fortschwimmt mit mir;
Die andern, die mir folgen werden, die Bande zwischen ihnen und mir,
Die Gewißheit der andern, Leben, Liebe, Sehen und Hören der andern.

Andere werden durch die Tore der Brücke eintreten und von Küste zu Küste gehen,


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Andere werden zuschauen dem Einströmen der Flut,
Andere werden das Schiffsgetriebe Manhattans im Norden und Westen sehen und die Höhen Brooklyns im Süden und Osten;
Andere werden die Inseln sehen klein und groß;
In fünfzig Jahren werden andre die überfahrt sehen, die Sonne, eine halbe Stunde hoch;
In hundert Jahren und aber hundert Jahren werden wiederum andre sie sehen,
Werden sich freuen des Sonnenuntergangs, des Einströmens der Flut, des Abströmens der Ebbe.


3

Es gilt nichts, weder Zeit noch Raum, — Entfernung gilt nichts.
Ich bin mit euch, ihr Männer und Frauen einer Generation oder Generationen nach mir,
Just wie ihr fühlt, wenn ihr auf Fluß oder Himmel blickt, so fühlte auch ich,
Just wie eines von euch Teil einer lebendigen Masse ist, so war ich Teil einer Masse,
Just wie ihr euch erfrischt an des Flusses Fröhlichkeit und heller Flut, so erfrischte ich mich daran,
Just wie ihr steht und am Geländer lehnt und doch hineilt mit der geschwinden Strömung, so stand auch ich und eilte dahin,
Just wie ihr auf die zahllosen Schiffsmasten und die dickstämmigen Schlote der Dampfboote schaut, so schaute auch ich.

Auch ich kreuzte den Fluß dereinst unzähligemal,
Schaute den Möwen des zwölften Monats zu, sah sie schwimmen hoch in der Luft mit regungslosen Flügeln, die Körper schwingend,
Sah, wie das gleißende Gelb Teile ihrer Körper beschien und den Rest in scharfem Schatten ließ,
Sah ihre langgewundenen Kreise und ihr ruckweises Kanten, dem Süden zu;
Sah den Widerschein des Sommerhimmels im Wasser,
Fühlte meine Augen geblendet von der schimmernden Strahlenspur,
Schaute hinab auf die feinen, strahlenden Lichtspeichen um die Form meines Kopfes im sonnigen Wasser,


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 134] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Schaute den Duft auf den Hügeln südund südwestwärts,
Schaute den Dampf, wie er hinflog in wolligen Flocken, lila behaucht;
Schaute hinüber zur unteren Bai, der ankommenden Schiffe zu achten,
Sah ihre Einfahrt, blickte, wenn sie mir nahekamen, an Bord;
Sah die weißen Segel von Schaluppen und Schonern, die Schiffe vor Anker,
Die Matrosen bei der Arbeit im Tauwerk oder rittlings auf äußersten Raen;
Die runden Maste, das Schaukeln der Rümpfe, die schlanken, sich schlängelnden Wimpel,
Die großen und kleinen Dampfer in Fahrt, die Lotsen in ihren Lotsenhäusern,
Des Kielwassers weißen Schweif, das schnelle, bebende Schlagen der Räder,
Die Flaggen aller Nationen, ihr Sinken bei Sonnenuntergang,
Die wie Muscheln gezackten, wie Becher gehöhlten Wellen im Zwielicht, die hüpfenden Kämme und Lichter,
Sah den Streif in der Ferne, der matter und matter wird, die grauen Wände der granitenen Speicher der Docks,
Auf dem Fluß die Schattengruppe, den großen Schlepper, flankiert von den Barken, dem Heuboot und dem verspäteten Leichter,
Auf der Nachbarküste die Glut von den Schloten der Eisenwerke, die hoch und blendend brennen in die Nacht
Und ihr Flackern, schwarz, mit wildem, rot und gelbem Licht, hinwerfen über die Dächer der Häuser und in die Schlünde der Straßen hinab.


4

Diese und alle andern Dinge waren für mich dieselben wie für euch,
Ich liebte heiß diese Städte, liebte den stattlichen, schnellen Strom;
Die Männer und Frauen, die ich sah, waren mir alle nah,
Und andere ebenso, — andere, die zurückschauen auf mich, wie ich vorausschaute auf sie
(Die Zeit wird kommen, ob ich gleich heute und heute Nacht hier weile).


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 135] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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5

Was ist alsdann zwischen uns?
Was sind alle Zahlen der Kalender, alle Hunderte von Jahren zwischen uns?

Was immer es sei, es gilt nichts, — Entfernung gilt nichts und Ort gilt nichts,
Auch ich lebte, das weithügelige Brooklyn war mein,
Auch ich ging in den Straßen von Manhattans Insel und badete in den Wogen, die sie umgeben,
Auch ich fühlte das seltsame, jähe Fragen in mir sich regen,
Am Tage im Menschengedränge kam es über mich,
Auf dem Heimwege spät in der Nacht oder wenn ich im Bette lag, kam es über mich;
Auch ich war ein Splitter vom festen Kern alles fließenden Seins,
Auch ich hatte Identität empfangen durch meinen Körper,
Ich wußte: was ich war, war ich durch meinen Körper, und was ich je sein würde, würde ich durch meinen Körper sein.


6

Nicht auf dich allein fallen die finstern Flecken,
Die Finsternis warf ihre Flecken auch über mich,
Das Beste, was ich getan, erschien mir fragwürdig und leer,
Meine vermeintlichen großen Gedanken, waren sie nicht in Wahrheit dürftig?
Und du nicht allein bist es, der weiß, was es heißt, schlecht zu sein,
Ich bin es, der wußte, was schlecht sein hieß,
Auch ich knüpfte den alten Knoten des Widerspruchs,
Schwatzte, schämte mich, schmollte, log, stahl, haßte,
Hatte Arglist, Zorn, Wollust, heiße Wünsche, die ich nicht laut zu sagen wagte,
War launisch, eitel, gierig, hohl, verschlagen, feig, boshaft,
Wolf, Schlange, Schwein fehlten nicht in mir,
Der tückische Blick, das leichtsinnige Wort, die ehebrecherische Gier fehlten nicht,
Unerbittlichkeit, Haß, Nachlässigkeit, Gemeinheit, Faulheit, keines von diesen fehlte;


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 136] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Ich war einer unter den andern und nahm teil an ihrem Tun und Treiben,
Wurde von jungen Männern mit lauten Stimmen bei meinem vertrautesten Namen gerufen, wenn sie mich kommen oder vorbeigehn sahen,
Ich fühlte ihre Arme um meinen Nacken, wenn sie neben mir standen, oder das nachlässige Lehnen ihres Fleisches gegen mich, wenn ich saß,
Ich sah viele, die ich liebte, auf der Straße oder im Dampfboot oder bei der öffentlichen Versammlung und sprach doch kein Wort zu ihnen,
Ich lebte dasselbe Leben mit den andern, dasselbe alte Lachen, Kauen, Schlafen,
Ich spielte die Rolle, die immer wieder gespielt wird,
Dieselbe alte Rolle, die das ist, was wir aus ihr machen: groß, wenn wir wollen,
Oder klein, wenn wir wollen, oder beides, groß und klein.


7

Näher noch komme ich dir.
Gedanken, die du jetzt über mich hast, hatte ich ebensowohl über dich, — ich versorgte mich im voraus,
Ich dachte lange und ernsthaft über dich nach, eh du geboren wurdest.

Wer konnte wissen, was mir davon zugute kommen würde?
Wer weiß, ob ich nun dein Leben nicht mitgenieße?
Wer weiß, trotz aller Entfernung, ob ich dich jetzt nicht wirklich anblicke, wenn du auch mich nicht sehen kannst?


8

Ach, was kann herrlicher je und bewundernswerter für mich sein als das mastengesäumte Manhattan?
Strom und Sonnenuntergang und muschelzackige Wellen der Flut?
Möwen, die ihre Körper schwingen, Heuboot im Zwielicht und verspäteter Leichter?


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 137] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Welche Götter könnten mir lieber sein als die, die mich bei der Hand fassen und mit Stimmen, die ich liebe, mich lebhaft und laut bei meinem vertrautesten Namen rufen, wenn ich mich nähere?
Was ist zarter als das Band, das mich dem Weib oder Manne verbindet, der mir ins Gesicht schaut?
Was schmilzt mich in dich und ergießt meinen Sinn in dich?

Wir verstehen uns nun, nicht wahr?
was ich dir bot, ohne es zu nennen, nimmst du's nun an?
Was keine Wissenschaft zu lehren und keine Predigt zu wirken vermocht,
Ist es nun erreicht?


9

Fließe nur zu, Strom! schwill an mit der Flut und sinke mit der Ebbe!
Tanzt nur zu, kammgeschmückte, muschelzackige Wellen!
Prunkende Wolken des Sonnenuntergangs, tränkt mit eurem Glanze mich oder die Männer und Frauen Generationen nach mir!
Kreuzt von Küste zu Küste, zahllose Menschenmassen!
Ragt auf, hohe Masten Manhattans! ragt auf, schöne Hügel von Brooklyn!
Pulsiere, du staunendes, wißbegieriges Hirn! wirf Fragen und Antworten auf!
Schwebe hier und überall, ewiger Kern alles Fließenden!
Schaut, liebende, dürstende Augen, in Haus und Straße und öffentliche Versammlung!
Tönt, junger Männer Stimmen! laut und klingend ruft mich bei meinem vertrautesten Namen!
Lebe, du altes Leben! spiele die Rolle, die immer wieder gespielt wird,
Die alte Rolle, groß oder klein, je nachdem man sie auffaßt!
Bedenke, der du mich liest, ob ich dich nicht vielleicht anblicke kraft unbekannter Mächte;
Sei fest, du Geländer über dem Strom, zu stützen, die müßig an dich sich lehnen und doch hineilen mit der eilenden Strömung;
Fliegt, ihr Seevögel! fliegt seitwärts oder kreist in weiten Ringen hoch in der Luft;


- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 138] - - - - - - - - - - - - - - - - - -

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Nimm in dich den Sommerhimmel, du Wasser, und halte ihn treulich, bis alle herniederschauenden Augen ihn wieder trinken können aus dir!
Strahlt, feine Lichtspeichen, um das Spiegelbild meines Kopfes, oder des Kopfes irgendeines anderen, in dem sonnigen Wasser;
Kommt heran, Schiffe aus der unteren Bai! fahrt hinauf und hinab, weißsegelnde Schoner, Schaluppen, Leichter!
Prangt in der Luft, Flaggen aller Nationen! senkt euch bei Sonnenuntergang!
Laßt hoch eure Feuer lohen, ihr Hüttenschlote! werft schwarze Schatten in die beginnende Nacht, werft rot und gelbes Licht über die Dächer der Häuser!
Erscheinungen, nun und fürderhin, zeigt an, was ihr seid,
Du unentbehrliches Gewebe, nimm deine Hülle nicht von der Seele!
Um meinen Körper und um deinen Körper soll göttlichstes Arom schweben.
Gedeiht, ihr Städte, — bringt eure Fracht, eure Pracht, ihr weiten reichen Flüsse;
Breite dich aus, du Wesen, du geistigstes vielleicht, das es gibt,
Wahrt euren Platz, Dinge, ihr dauerndsten, die es gibt.

Ihr habt gewartet, ihr wartet immer, ihr stummen, schönen Diener,
Wir empfangen euch nun endlich mit freiem Sinn und sind von nun an unersättlich,
Ihr sollt uns nun nicht mehr täuschen oder euch uns entziehen,
Wir gebrauchen euch und werfen euch nicht beiseite — wir pflanzen euch für immer in uns,
Wir begreifen euch nicht — wir lieben euch, auch in euch ist Vollendung,
Ihr steuert bei euer Teil für die Ewigkeit,
Groß oder klein, ihr steuert bei euer Teil für die Seele.



EIN GESANG DER FREUDEN

O zu dichten den jubelndsten Gesang,
Voller Musik, — voller Mannheit, Weibheit, Kindheit!
Voller Alltagstun, — voller Korn und Bäumen.


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O die Stimmen der Tiere, — o die Geschwindigkeit und das Gleichgewicht der Fische!
O das Fallen der Regentropfen in einem Liede!
O Sonnenschein und Wellenschlag in einem Liede!

O die Lust meines Geistes, — er ist uneingesperrt, — schießt hin wie Blitze!
Es ist nicht genug, diesen Erdball zu haben und eine Spanne Zeit,
Tausend Erdkugeln will ich haben und alle Zeit!

O die Freuden des Ingenieurs! auf einer Lokomotive zu fahren!
Das Zischen des Dampfes zu hören, den lustigen Schrei, die Dampfpfeife, die lachende Lokomotive!
Vorzudringen in unaufhaltsamer Fahrt und hinzueilen in Ferne.

O das glückselige Schweifen über Felder und Hügel!
Die Blätter und Blüten des gewöhnlichsten Unkrauts, die feuchte, frische Stille der Wälder,
Der köstliche Geruch der Erde bei Tagesanbruch und am ganzen Vormittag.

O des Reiters und der Reiterin Freuden!
Der Sattel, der Galopp, der Druck im Sitz, das kühle Sausen an Ohren und Haar.

O die Freuden des Feuerwehrmannes!
Ich höre den Alarm in der totenstillen Nacht,
Ich höre Glocken, Rufe! Ich dringe durch die Menge, ich renne!
Der Anblick der Flamme berauscht mich mit Lust.

O die Freude des muskelstarken Fechters, der hochragend und ohne Fehl in der Arena steht, seiner Kraft bewußt, dürstend nach seinem Gegner.

O die Freude des weiten, ursprünglichen Mitgefühls, das allein die menschliche Seele zu erzeugen und auszugießen vermag in steten, endlosen Fluten.

O die Freude der Mutter!
Das Behüten, Erdulden, die kostbare Liebe, die Qual, das geduldig hingegebene Leben.


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O die Freude des Zunehmens und Wachsens, der Erneuerung,
Die Freude des Tröstens und Beruhigens, die Freude der Eintracht und des Einklangs.

O zurückzukehren an den Ort, wo ich geboren wurde,
Noch einmal die Vögel singen zu hören,
Im Haus und in der Scheune und in den Feldern noch einmal zu schweifen,
Und im Obstgarten und auf den alten Pfaden noch einmal.

O aufgewachsen zu sein an Meeresbuchten, Lagunen oder an der Küste,
Dort zu bleiben und beschäftigt zu sein mein ganzes Leben lang,
Der salzige, feuchte Geruch, der Strand, der Tang, der bei Ebbe entblößt wird,
Die Arbeit der Fischer, die Arbeit des Aalfischers und des Muschelfischers;
Ich komme mit meiner Muschelharke und Spaten, ich komme mit meinem Aalstecher,
Ist die Flut gewichen? Ich schließe der Schar der Muschelgräber mich an auf den Sandbänken,
Ich lache und grabe mit ihnen, spaße bei meiner Arbeit, ein ausgelassener Bursche.
Im Winter nehme ich meinen Aalkorb und Aalstecher und mache mich auf zu Fuß übers Eis, — ich hab eine kleine Axt, um Löcher ins Eis zu schlagen.
Sieh mich warm angezogen und fröhlich hinausgehn oder nachmittags zurückkehren, begleitet von meiner Brut zäher Jungen,
Meiner Brut erwachsener und halbwüchsiger Jungen, die bei keinem so gern sein mögen wie bei mir,
Am Tage mit mir arbeiten und in der Nacht mit mir schlafen.
Ein andermal bei warmem Wetter hinaus im Boot, die Hummerkörbe heraufzuholen, wo sie mit schweren Steinen versenkt sind (ich kenne die Bojen),
O die Lieblichkeit des Morgens des fünften Monats auf dem Wasder, da ich just vor Sonnenaufgang hinrudere zu den Bojen;
Ich ziehe die Weidenkörbe schräg herauf, die dunkelgrünen Hummern kämpfen verzweifelt mit ihren Scheren, wie ich sie aushebe, ich klemme Holzkeile in die Gelenke der Zangen.


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Ich gehe zu all den Plätzen der Reihe nach und rudere dann ans Ufer zurück,
Dort in riesigem Kessel mit kochendem Wasser sollen die Hummern gesotten werden, bis sie wie Scharlach leuchten.
Ein andermal beim Makrelenfang:
Gefräßig, wild nach dem Köder, nahe der Oberfläche, scheinen sie meilenweit das Wasser zu füllen;
Ein andermal beim Klippfischfang in Chesapeake Bai, ich einer von der gebräunten Mannschaft;
Ein andermal beim Blaufischfang mit Schleppnetzen vor Paumanok, ich steh gespannten Leibs,
Mein linker Fuß ruht auf dem Bord, mein rechter Arm wirft die gerollten dünnen Leinen weit hinaus,
In Sicht um mich her das flinke Wenden und Gleiten von fünfzig Kähnen, meinen Begleitern.

O Bootfahrten auf den Flüssen!
Die Reise den St. Lawrencestrom hinab, die herrliche Landschaft, die Dampfer,
Die Segelschiffe, die „Tausend Inseln“, ein Holzfloß dann und wann, die Flößer mit weitreichenden Schwungrudern,
Die kleinen Hütten auf den Flößen und der Streifen Rauchs, wenn sie am Abend ihr Essen kochen.

(O etwas Gefährliches und Furchtbares!
Etwas weitab von einem schwächlichen, frommen Leben!
Etwas Unbewiesenes! etwas in Verzückung!
Etwas vom Anker Losgerissenes und frei Treibendes.)

O in Bergwerken zu arbeiten, oder Eisen zu schmieden,
Eisen gießen, die Gießerei selbst, das rohe, hohe Dach, der weite und schattige Raum,
Der Hochofen, die heiße Flut, die sich ergießt und hinschießt.

O der Freuden des Soldaten zu gedenken!
Die Nähe eines tapferen Führers zu fühlen,— seine Fürsorge zu fühlen!
Seine Ruhe zu sehen, — erwärmt zu werden von den Strahlen seines Lächelns,


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In die Schlacht zu gehen, — die Hörner blasen und die Trommeln schlagen zu hören!
Das Krachen der Artillerie zu hören, — das Glitzern der Bajonette und Flintenläufe in der Sonne zu sehen!
Männer fallen und ohne Klage sterben zu sehen,
Den wilden Geschmack von Blut zu schmecken,—so teuflisch zu sein,
Sich so zu weiden an Wunden und Tod des Feinds!

O die Freuden des Walfischfängers! O ich fahre wieder meine alte Fahrt!
Ich fühle den Schwung des Schiffes unter mir, ich fühle die atlantische Brise mich fächeln,
Ich höre den Ruf wieder vom Mastkorb: Da bläst er!
Wieder spring ich im Takelwerk empor mit den andern, — wir klettern hinunter, wild vor Erregung,
Ich springe in das herabgelassene Boot, wir rudern hin, wo unsere Beute liegt,
Wir nähern uns vorsichtig und schweigend, ich sehe die bergartige Masse, schläfrig, sich sonnend,
Ich sehe den Harpunier aufstehen, sehe die Waffe seinem kräftigen Arm entfliegen;
O schnell weit hinaus in den Ozean schleppt mich wiederum der verwundete Wal, untertauchend, windwärts fliehend,
Wieder sehe ich ihn auftauchen, um Atem zu holen, wir rudern ganz nahe,
Ich sehe eine Lanze in seine Seite getrieben, tief hineingestoßen und in der Wunde umgedreht,
Wieder flüchten wir rückwärts, ich sehe ihn noch einmal untersinken, das Leben verläßt ihn schnell,
Als er auftaucht, speit er Blut, ich sehe ihn schwimmen in Kreisen enger und enger, wild das Wasser teilend — ich sehe ihn sterben,
Er tut einen krampfhaften Sprung in der Mitte des Kreises und fällt dann schlapp und still in den blutigen Schaum.

O mein Greisenalter, die edelste aller meiner Freuden!
Meine Kinder und Enkelkinder, mein weißes Haar und Bart,
Meine Breite, Ruhe und Würde, gewonnen aus der langen Dauer meines Lebens.


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O gereifte Freude der Weibheit! O Glück zuletzt!
Ich bin mehr als achtzig Jahre alt, ich bin die ehrwürdigste Mutter,
Wie klar ist mein Geist, — wie werden alle zu mir hingezogen!
Was für Anziehungskräfte sind das, mehr als je zuvor? welch ein Blühen, mehr als das Blühen der Jugend?
Welch eine Schönheit ist das, die auch mich niedersinkt und aus mir emporsteigt?

O des Redners Freuden!
Die Brust zu schwellen, den Donner der Stimme aus Rippen und Hals zu rollen,
Die Menge mit dir rasen, weinen, hassen, begehren zu machen,
Amerika zu führen, — Amerika mit gewaltiger Zunge zu bezwingen.

O Lust meiner Seele, die im Gleichgewicht auf sich selber ruht, die ihr Ich durch den Körper gewinnt und es liebt, die andere Wesen schaut und in sich aufnimmt;
Meine Seele zittert zurück zu mir von jenen, von Gesicht, Gehör, Gefühl, Verstand, Laut, Vergleich, Gedächtnis und desgleichen;
Das wahre Leben meiner Sinne und meines Fleisches geht über meine Sinne und mein Fleisch hinaus,
Mein Körper hat die Materie abgetan, mein Sehen hat meine leiblichen Augen abgetan,
Erwiesen ist mir heutigen Tags über allen Zweifel, daß es nicht meine leiblichen Augen sind, die endgültig sehen,
Noch mein leiblicher Körper, der endgültig liebt, geht, lacht, ruft, umarmt, zeugt.

O die Freuden des Farmers!
Die Freuden des Mannes aus Ohio, Illinois, Wisconsin, Kanada, Jowa, Kansas, Missouri, Oregon!
Aufzustehen bei Tagesgrauen und behende zur Arbeit hinauszueilen, Land zu pflügen im Herbst für die Wintersaat,
Land zu pflügen im Frühling für Mais,
Obstgärten zu ziehen, Bäume zu pfropfen, Äpfel zu ernten im Herbst.

O im Schwimmbad zu baden oder an guter Stelle am Ufer,
Im Wasser zu plantschen! knöcheltief zu waten, oder nackt zu rennen am Ufer entlang.


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O des Raums sich bewußt zu werden!
Der Fülle des Alls! Daß es keine Grenzen gibt!
Emporzutauchen und mit dem Himmel, mit Sonne, Mond und fliegenden Wolken zu sein, wie eines der Ihren.

O die Freude männlichen Selbstgefühls!
Keinem dienstbar zu sein,
Zu schreiten in aufrechter Haltung mit leichtem, federndem Schritt,
Zu schauen mit ruhigem Blick oder blitzendem Auge,
Zu sprechen mit voller, tönender Stimme aus breiter Brust,
Die eigne Persönlichkeit entgegenzustellen allen andern Persönlichkeiten der Erde.

Kennst du die herrlichen Freuden der Jugend?
Freuden der lieben Gefährten und fröhlichen Worts und lachenden Angesichts?
Freude des frohen, lichtstrahlenden Tags, Freude hochatmender Spiele?
Freude süßer Musik, Freude des leuchtenden Ballsaals und der Tänzer?
Freude reichlichen Mahls, wilden Schlemmens und Zechens?

Doch, o du Höchste, meine Seele!
Kennst du die Freuden sinnender Gedanken?
Freuden des freien, einsamen Herzens, des zärtlichen, dunkeln Herzens?
Freuden des einsamen Wanderns, ehrerbietigen Geistes, doch stolz; das Leiden und Ringen?
Die tödlichen Wehen, Ekstasen, Freuden des stillen Denkens bei Tag und Nacht?
Freuden des Gedankens an den Tod, an die großen Sphären Zeit und Raum?
Seherfreuden besserer, höherer Liebeslust, — die göttliche Gattin, der süße, einzige, vollkommene Gefährte?
Freuden, alle dein eigen, du Unsterbliche, — Freuden, deiner würdig, o Seele!

O so lange ich lebe, Herr des Lebens zu sein, nicht Sklave,
Dem Leben zu begegnen als mächtiger Eroberer,


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Keine Dünste noch Langeweile, keine Klagen noch hämisches Kritteln mehr;
Diesen stolzen Gesetzen der Luft, des Wassers und der Erde zu zeigen, daß meine innere Seele unerschütterlich ist,
Und daß nichts äußeres je Gewalt über mich haben soll.

Denn nicht die Freuden des Lebens allein singe ich: immer wieder — die Freude des Todes!
Die wundervolle Beruhigung des Todes, besänftigend und betäubend für eine kleine Weile, da es so sein muß,
Ich selbst entlasse meinen verwesenden Körper, daß er verbrannt oder zu Staub gemacht oder begraben werde,
Mein wahrer Leib bleibt mir sicherlich für andere Sphären,
Mein leerer Leib ist mir nichts mehr, er kehrt zur Reinigung zurück, zu ferneren Diensten, zu den ewigen Zwecken der Erde.

O anzuziehen mit mehr als gewöhnlicher Kraft!
Wie es kommt, weiß ich nicht, — doch sieh! das Etwas, das keinem andern gehorcht,
Angreifend, nie abwehrend, — wie magnetisch es zieht!

O zu kämpfen gegen große Übermacht, Feinden unerschrocken zu begegnen!
Ganz allein mit ihnen zu sein, zu erproben, wieviel man aushalten kann!
Streit, Qual, Kerker, Haß des Volkes von Angesicht zu Angesicht zu sehn,
Das Schafott zu besteigen, vor die Mündungen der Gewehre hinzutreten mit vollkommenem Gleichmut!
Wirklich ein Gott zu sein!

O in See zu segeln mit einem Schiff!
Dieses starre, unerträgliche Land zu verlassen,
Die ermüdende Gleichheit der Straßen, Bürgersteige und Häuser zu lassen,
Dich zu verlassen, du festes, unbewegliches Land, ein Schiff zu besteigen
Und segeln, segeln, segeln!


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O das Leben hinfort als Gedicht neuer Freuden zu haben!
Tanzen, händeklatschen, frohlocken, schreien, hüpfen, springen, weiter rollen, weiter schwimmen!
Ein Seefahrer der Welt zu sein, allen Häfen zu,
Selber ein Schiff (ja sieh diese Segel, die ich in Sonne und Luft entfalte),
Ein schnelles, schwellendes Schiff voll reicher Worte, voll Freuden.



GESANG VOM BEIL


1

Schöne Waffe, hell und bloß,
Gezogen aus der Mutter Erde Schoß,
Holz dein Fleisch, Stahl dein Gebein, ein Glied allein, eine Lippe allein,
Graublaues Blatt, in Rotglut geglüht, Schaft, aus kleinen Samen erblüht
Im grünen Gras voll Saft und Kraft,
Feste Stütze, starker Schaft.

Starke Gestalten und Merkmal starker Gestalten, männliches Tun, männliche Bilder und Klänge,
Langer, bunter Zug von Emblemen, Fetzen Musik,
Finger des Organisten, staccato über die Tasten der großen Orgel hüpfend.


2

Gegrüßt alle Länder der Erde, jedes nach seiner Art,
Gegrüßt die Länder der Tanne und Eiche,
Gegrüßt die Länder der Zitrone und Feige,
Gegrüßt die Länder des Golds,
Gegrüßt die Länder voll Weizen und Mais, gegrüßt die des Weins,
Gegrüßt die Länder voll Zucker und Reis,
Gegrüßt die Baumwolländer, die Länder der weißen Kartoffel, der süßen Kartoffel,
Gegrüßt die Gebirge, Ebenen, Wüsten, Wälder und Steppen,
Gegrüßt die reichen Ufer von Flüssen, Lichtungen und Plateaus,


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Gegrüßt die unermeßlichen Weideländer, gegrüßt der fruchtbare Boden, der Obst, Flachs, Honig und Hanf trägt;
Gegrüßt nicht minder die andern, rauheren Länder,
Länder so reich wie Goldund Weizenund Fruchtland,
Länder der Minen, Länder der männlichen, rauhen Erze,
Länder der Kohle, des Kupfers, Bleis, Zinns und Zinks,
Länder des Eisens — Geburtsländer des Beils.


3

Der Klotz auf dem Holzstoß, das Beil, das daran lehnt,
Die Waldhütte, die Rebe über der Tür, der gesäuberte Gartenplatz,
Das unregelmäßige Tropfen des Regens die Blätter hinab, nachdem das Gewitter verrauscht ist,
Das Klagen und Stöhnen von Zeit zu Zeit, der Gedanke ans Meer,
Der Gedanke an Schiffe, vom Sturm getroffen, auf die Seite geschleudert, die Masten gebrochen,
Das Gefühl von den mächtigen Balken altmodischer Häuser und Scheunen,
Die Erinnerung an ein Buch oder eine Erzählung, die Reise von Männern, Familien, Waren auf gut Glück,
Die Landung, die Gründung einer neuen Stadt,
Die Reise derer, die ein Neu-England suchten und fanden, der Anfang irgendwo,
Die Siedlungen von Arkansas, Colorado, Ottawa, Willamette,
Der langsame Fortschritt, die kärgliche Kost, das Beil, die Büchse, die Satteltaschen;
Die Schönheit aller wagemutigen Abenteurer,