S. Fischer Verlag
Die Gestalt, in der uns Walt Whitman die „Grashalme“, sein dichterisches Lebenswerk, hinterlassen hat, ist die der 10. Auflage (1891, Philadelphia, bei McKay. — Die 11. Auflage ist, nach Whitmans Tod, bei Small, Maynard & Comp., Boston 1897, erschienen).
Die „Grashalme“ wuchsen sich im Laufe von Whitmans Leben von dem schmalen Bändchen der Erstausgabe allmählich zu dem starken Band der Ausgabe letzter Hand aus. Einzelne Gedichtkomplexe wurden zunächst in Einzelbroschüren unter besonderen Titeln, zum Teil mit Prosaaufsätzen vermischt, veröffenlicht und späterhin in die „Grashalme“ eingegliedert, wobei für W. keinerlei chronologische Gesichtspunkte maßgebend waren, da Plan und Geist seiner Dichtung von Anfang an der gleiche blieb und spätere Gedichte nur in die weiten Maschen dieses Planes eingewirkt wurden, so daß zum Beispiel Gesänge, die in der letzten Ausgabe mit vollem innerem Recht am Schluß stehen, wie etwa das „Lebwohl“, bereits aus seiner ersten Zeit, aus seinen vierziger Jahren stammen. Man kann übrigens nicht sagen, daß Whitman bei dieser Art von Kompilation immer eine glückliche Hand gehabt habe.
Die Erstausgabe erschien 1855 im Selbstverlag, Brooklyn, New York, 95 Seiten stark. Die zweite ebenfalls im Selbstverlag, New York 1856. 1860 folgte die 3. Auflage, die zum erstenmal einen Verleger fand, Thayer & Eldridge, Boston.
Während der Jahre des Sezessionskrieges, 1862—64, schrieb Whitman die „Drum-Taps“ („Trommelschläge“), die er 1865 als Sonderdruck im Selbstverlag, New York , und 1867 zusammen mit der 4. Auflage der „Grashalme“ (New York, Selbstverlag) veröffentlichte.
1871 gab er den Gesang „Passage to India“ („Durchfahrt nach Indien“) im Selbstverlag in Washington als Sonderdruck heraus, den er noch in demselben Jahre in die 5. Auflage der „Grashalme“ (Washington, Selbstverlag) aufnahm.
1872 folgte ein Bändchen Gedichte unter dem Titel „As a Strong Bird on Pinions free“ („Wie ein starker Vogel auf Schwingen frei“) ebenfalls im Selbstverlag, Washington.
1876 erschien die sechste, die Zentenarauflage der „Grashalme“ und ein aus Gedichten und Prosa gemischtes Bändchen „November-Boughs“ („Novemberzweige“; ebenda) und eine einbändige Gesamtausgabe „Complete Poems and Prose“, von Whitman selbst verlegt und vertrieben.
1889 folgte eine Taschenausgabe der „Grashalme“ in beschränkter Auflage als Geburtstagsgabe mit dem Anhang „Sands at Seventy“ (etwa „Augenblicke aus dem Leben eines Siebzigjährigen“).
1891, im Dezember, im Winter vor seinem Todesjahr, erschien als Sonderdruck „Good-bye my Fancy“ („Ade, Phantasie“), aus Gedichten und Prosa gemischt, das noch im gleichen Jahr als zweites Anhängsel in die 10. Auflage der „Grashalme“ aufgenommen wurde (McKay, Philadelphia).
Nach Whitmans Tod erschien im Jahre 1897 im Verlage Small, Maynard & Co. die vorerwähnte 11. Auflage, die als drittes und letztes Anhängsel die posthume kleine Sammlung „Old Age Echoes“ („Nachhall aus dem Alter“) enthielt.
Die gegenwärtigen Verhältnisse erlaubten es nicht, eine deutsche Gesamtausgabe des umfangreichen und auch durchaus nicht innerlich gleichwertigen Werkes zu veranstalten. Immerhin ist diese Neuausgabe meiner Übertragung um mehr als das Doppelte erweitert und darf den Anspruch erheben, nahezu alles Wesentliche zu enthalten. Trotz der durch die Auswahl entstehenden Lücken bin ich in der Anordnung der Gesänge der letzten Ausgabe gefolgt, nur habe ich ein Gedicht aus dem Annex „Ade, Phantasie“, das Gedicht „Groß ist das Sichtbare“, etwas vorgerückt, da die großen Schlußgesänge unbedingt an das Ende einer geschlossenen Ausgabe gehören.
H. R.
KINDER ADAMS
ZU DEM GARTEN WELT
Zu dem Garten Welt steig ich aufs neue empor,
Vor mir Präludium zeugungsstarker Gefährten, Töchter und Söhne,
Und ihrer Leiber Liebe und Leben, Sinn und Sein:
Siehe hier wunderbar meine Auferstehung vom Schlummer!
Die rollenden Kreisläufte haben mich weiten Schwunges wiedergebracht,
Liebend, gereift, alles schön für mich, alles wunderbar,
Meine Glieder, das bebende Feuer, das allezeit durch sie spielt nach wunderbarstem Sinn.
Und so tauche und dringe ich, der ich bin, immer noch weiter vor,
Zufrieden mit Gegenwart und Vergangenheit,
An meiner Seite oder hinter mir Eva folgend,
Oder vor mir und ich ihr folgend ebenso.
AUS SCHMERZHAFT AUFGESTAUTEN STRÖMEN
Aus schmerzhaft aufgestauten Strömen,
Aus dem in mir, ohne das ich ein Nichts wäre
Und das ich entschlossen bin zu verherrlichen, ständ ich auch einsam unter den Menschen,
Aus meiner eignen Stimme Klang, den Phallus singend,
Singend Gesang der Zeugung,
Singend Notwendigkeit herrlicher Kinder und in ihnen HerrlichErwachsener,
Singend der Muskeln Drang und die Mischung,
Singend der Bettgenossen Gesang (o unwiderstehliche Sehnsucht!
O für alle und jeden der wahlverwandte Leib, der ihn anzieht!
O für dich, wer immer du seist, dein wahlverwandter Leib! O er, der über alles andere dich entzückt):
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Aus dem hungrigen Nagen, das Tag und Nacht an mir frißt,
Aus Urmomenten, aus schamvoller Qual, die ich singe,
Suchend etwas noch Ungefundnes, obwohl ich so manches lange Jahr innig danach gesucht,
Singend den wahrhaftigen Gesang von der blindlings launischen Seele,
Wiedergeboren in gröbster Natur oder unter den Tieren, —
Davon, von ihnen und was sie begleitet Kunde bringend in meinen Gedichten,
Vom Duft der Zitronen und Äpfel, von der Paarung der Vögel,
Von der Feuchte der Wälder, vom Lecken der Wellen,
Von den tollen Stößen der Wellen ans Land, die ich singe,
Fröhlich im Rauschen der Ouvertüre das Thema vorausnehmend, —
Die willkommene Nähe, den Anblick vollkommenen Körpers,
Den Schwimmer, der nackt im Bade schwimmt oder regungslos auf dem Rücken liegt und treibt,
Die Weibgestalt, die mir naht, und ich in Gedanken; Liebesfleisch in zuckendem Schmerz;
Das göttliche Inventar aufstellend für mich oder dich und alle,
Das Antlitz, die Glieder, alle Einzelheiten von Kopf bis Fuß und die Empfindungen, die sie erwecken,
Den mystischen Taumel, verliebte Tollheit, das äußerste SichVerlieren —
(Horch nahe und still, was ich jetzt flüstre zu dir,
Ich liebe dich, o du besitzest mich ganz,
O daß du und ich entflöhen den andern und gingen weit davon, frei und gesetzlos,
Zwei Falken der Luft, zwei Fische schwimmend im Meer gesetzloser nicht als wir),
Den wütenden Sturm, der durch mich glühend Zitternden fegt,
Den Schwur der Untrennbarkeit zweiter Vereinten, der Untrennbarkeit von dem Weib, das mich liebt, das ich liebe mehr als mein Leben, schwörend solchen Schwur —
(O ich setze willig alles aufs Spiel für dich,
O laß mich verloren sein, wenn es sein muß!
O du und ich! Was bedeutet es uns, was die andern tun oder denken?
Was ist alles andre für uns? Einzig daß wir uns freun aneinander und uns einander zugrunde richten, wenn es so sein muß),
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Aus des Meisters Gewalt, des Lotsen, dem ich das Schiff überließ,
Des Führers, der Befehl über mich und alle hat, mit seiner Erlaubnis,
Aus Zeit, die mich drängt zur Erfüllung meines Programms (zu lange habe ich nun gezaudert),
Aus Geschlecht, aus Gewebes Kette und Einschlag,
Aus Zurückgezogenheit, aus vielem einsamen Grämen,
Aus zahlreichen Menschen nah und dennoch der rechte nicht nah,
Aus dem linden Streicheln von Händen über mich hin und Wühlen von Fingern in meinem Haar und Bart,
Aus dem lange verweilenden Kuß auf Mund oder Busen,
Aus der engen Umschlingung, die mich und jeglichen Mann berauscht, daß ihm die Sinne schwinden im Übermaß,
Aus dem Wissen göttlichen Gattentums, aus dem Werke der Vaterschaft,
Aus jubelnder Lust, Sieg und Erleichterung, aus der Bettgenossin Umarmung bei Nacht,
Aus den lebendigen Gedichten der Augen, Hände, Hüften und Brüste,
Aus der Klammer bebenden Arms,
Aus den Falten der — Seite an Seite — weggestoßenen Decke,
Aus der Betrübnis meiner Gefährtin, daß sie mich nun verlassen muß, und meiner eignen Betrübnis, daß ich sie lassen muß
(Doch einen Augenblick nur, o süße Erwarterin, und ich kehre zurück),
Aus der Nacht tauche ich einen Augenblick auf und schlüpfe hervor,
Dir ein Loblied zu singen, göttlicher Akt, und euch, meine Kinder, die ihr bereit seid zu ihm,
Und euch, kraftvolle Lenden.
ICH SINGE DEN LEIB, DEN ELEKTRISCHEN
1
Ich singe den Leib, den elektrischen,
Die Heerscharen derer, die ich liebe, umgürten mich, und ich umgürte sie,
Sie wollen mich nicht lassen, bis ich mit ihnen gehe, ihnen antworte,
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Und sie läutere und sie erfülle mit der Fülle der Seele,
Zweifelt jemand, daß die, die ihren eigenen Leib verderben, sich nicht verstecken können?
Und daß die, die die Lebendigen schänden, ebenso schlecht sind wie die, die die Toten schänden?
Und daß der Leib vollauf so viel gilt wie die Seele?
Und wäre der Leib nicht die Seele, was ist die Seele?
2
Die Liebe zum Leib eines Manns oder Weibes spottet jeglicher Rechenschaft, der Leib selber spottet jeglicher Rechenschaft.
Der männliche ist vollkommen und der weibliche ist vollkommen.
Der Ausdruck des Antlitzes spottet der Rechenschaft,
Aber der Ausdruck eines wohlgestalteten Mannes erscheint nicht in seinem Antlitz allein,
Er ist auch in seinen Gliedern und Gelenken, ist geheimnisvoll in den Gelenken seiner Hüften und Hände,
Er ist in seinem Gang, der Haltung seines Halses, der Biegung seiner Lenden und Knie, Kleidung verbirgt ihn nicht,
Seine starke, süße Wesenheit dringt durch Kattun und Tuch,
Ihn vorbeigehn zu sehn, gibt so viel wie das beste Gedicht, vielleicht mehr,
Du verweilst, seinen Rücken zu sehn, seinen Nacken und Schultern.
Das Sich-Spreizen rundlicher Babys, die Brüste und Köpfe von Weibern, die Falten ihrer Gewänder, ihre Haltung, wenn wir an ihnen auf der Straße vorbeigehn, der Umriß ihrer Gestalt nach unten,
Der Schwimmer nackt in dem Schwimmbad, sichtbar während er schwimmt durch das durchscheinende Grün oder mit dem Gesicht nach oben liegt oder lautlos hin und her im wiegenden Wasser rollt,
Die Beugung vor und zurück von Ruderern in Ruderbooten, der Reiter im Sattel,
Mädchen, Mütter, Hausfrauen in allen ihren Verrichtungen,
Die Gruppe von Arbeitern bei der Mittagspause mit ihren offenen Töpfen sitzend, ihre wartenden Weiber,
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Das Weib, das ein Kind einlullt, des Farmers Tochter im Garten oder im Viehhof,
Der Bursch, der Getreide jätet, der Schlittenkutscher, der seine sechs Pferde durch das Gedränge lenkt,
Das Ringen der Ringer, zweier Lehrburschen, ausgewachsen, voll Leben, gutmütiger Landeskinder, draußen auf dem leeren Bauplatz bei Sonnenuntergang nach der Arbeit
Die Röcke und Mützen abgeworfen, die Umschlingung in Liebe und Gegenwehr,
Der Obergriff und der Untergriff, die Haare vornüber gezaust und die Augen verdeckend,
Der Marsch der Feuerwehrmänner in ihrer besonderen Tracht, das Spiel männlicher Muskeln durch die prallen Hosen und Leibriemen,
Die langsame Rückkehr vom Feuer, das Stocken, wenn plötzlich die Glocke ruft, und das wachsame Aufhorchen,
Die natürlichen, in sich vollkommenen vielfältigen Stellungen — der geneigte Kopf, der gebogene Nacken, das Zählen;
Solcherlei liebe ich — ich löse mich los, geh ungebunden, lieg an der Mutter Brust mit dem kleinen Kind,
Schwimme mit den Schwimmern, ringe mit den Ringern, marschiere in Reih und Glied mit den Feuerwehrleuten, halte inne, horche und zähle.
3
Ich kannte einen Mann, einen einfachen Farmer, den Vater von fünf Söhnen,
Und in ihnen die Väter von Söhnen, und in ihnen die Väter von Söhnen.
Dieser Mann war von wundervoller Kraft, Ruhe, Schönheit der Person,
Die Form seines Kopfes, das blasse Gelb und Weiß seines Haares und Bartes, der unergründliche Sinn seiner schwarzen Augen, der Reichtum und die Breite seiner Art,
Dies alles zu sehen, pflegte ich zu ihm zu gehen zu Besuch; er war auch weise;
Er war sechs Fuß hoch, er war über achtzig Jahre alt, seine Söhne waren stark, wohlgepflegt, bärtig, wettergebräunt, schön,
Sie und seine Töchter liebten ihn, alle, die ihn sahen, liebten ihn,
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Sie liebten ihn nicht aus Pflicht, sie liebten ihn mit persönlicher Liebe;
Er trank nur Wasser, das Blut schien wie Scharlach durch die hellbraune Haut seines Gesichts.
Er war ein eifriger Jäger und Fischer, er segelte sein Boot selbst, er hatte ein schönes von einem Reeder geschenkt bekommen, er hatte Vogelflinten geschenkt bekommen von einem Mann, der ihn liebte;
Wenn er mit seinen fünf Söhnen und vielen Enkelsöhnen jagen und fischen ging, hättest du ihn in dem Trupp als den Schönsten und Kräftigsten bezeichnet,
Du hättest gewünscht, immer und immer mit ihm zu sein, du hättest gewünscht, neben ihm im Boot zu sitzen, so daß er und du euch berührtet.
4
Ich habe gefunden: mit denen zu sein, die ich liebe, ist genug,
Am Abend mit den andern in Gesellschaft zu verweilen, ist genug,
Umgeben zu sein von schönem, neugierigem, atmendem, lachendem Fleisch, ist genug;
Durch sie hinzugehn, oder eines von ihnen zu berühren, oder meinen Arm, wenn auch noch so leicht, um seinen oder ihren Nacken für einen Augenblick ruhen zu lassen, was ist dies doch?
Ich verlange nicht größere Lust, ich schwimme darin wie in einem Meer.
Es ist etwas im Nahesein von Männern und von Frauen und in ihrem Anblick und in ihrer Berührung und in ihrem Geruch, das der Seele wohlgefällt,
Alle Dinge gefallen der Seele, aber diese gefallen der Seele wohl.
5
Dies ist die weibliche Gestalt,
Ein göttlicher Nimbus haucht von ihr aus von Kopf bis Fuß,
Sie zieht an mit heißer, unwiderstehlicher Anziehungskraft,
Ich werde eingesogen von ihrem Atem, als wäre ich nur ein hilfloser Nebel, alles versinkt außer mir und ihr,
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Bücher, Kunst, Religion, Zeit, die sichtbare, feste Erde und was vom Himmel erhofft und von Hölle gefürchtet wurde, ist jetzt verweht,
Wilde Fühlfäden, unbändige Blitze zucken aus ihr, das Widerspiel auch unbändig,
Haar, Busen, Hüften, Biegung der Beine, lässiges Sinken der Hände ganz gelöst, die meinigen auch gelöst,
Ebbe, gestachelt von Flut und Flut, gestachelt von Ebbe, Liebesfleisch, schwellend und lustvoll schmerzend,
Üppige, reine Strahlen der Liebe, heiß und gewaltig, zuckende Gallert der Liebe, weiße Gischt und rasender Saft,
Bräutigam Liebesnacht, sicher und weich eindringend in die hingegebene Morgendämmerung,
Verwogend in den willigen, nachgiebigen Tag,
Verloren in des umklammernden, anschmiegenden Tages süßes Fleisch.
Dies ist der Keim — alsdann wird das Kind vom Weibe geboren, der Mann vom Weibe geboren,
Dies das Bad der Geburt, das Einsenken von klein und groß, und das Wiederhervorwachsen.
Schämt euch nicht, Weiber, euer Vorrecht umschließt alles Übrige und ist der Ausgang für alles Übrige,
Ihr seid die Pforten des Leibes und seid die Pforten der Seele.
Das Weib enthält alle Eigenschaften und gleicht sie aus,
Sie steht an ihrem Platz und bewegt sich in vollkommenem Gleichgewicht,
Sie ist alles in geziemendem Schleier, sie ist beides, passiv und aktiv,
Sie ist gemacht, um Töchter sowohl wie Söhne zu empfangen und Söhne sowohl wie Töchter.
Ich sehe meine Seele gespiegelt in der Natur,
Ich sehe durch einen Nebel e i n e in unaussprechlicher Vollkommenheit, Gesundheit, Schönheit,
Geneigten Haupts, die Arme gefaltet über der Brust, —
Ich sehe das Weib.
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6
Der Mann ist nicht minder die Seele, noch mehr, auch er ist an seinem Platz,
Auch er umschließt jede Eigenschaft, Tatkraft und Macht,
Die Blüte des bekannten Weltalls ist in ihm,
Hohn steht ihm gut, und Begierde und Trotz stehen ihm gut,
Die wildesten, stärksten Leidenschaften, äußerste Seligkeit, äußerstes Leid steht ihm gut, Stolz ist sein Teil,
Der vollentfaltete Stolz des Mannes ist herrlich beruhigend für die Seele,
Wissen steht ihm gut, er liebt es allezeit, er ist sich selber der Prüfstein für alles,
Wohin er auch schaut, wohin ihn auch See und Segel führt, Grund fühlt er am Ende hier allein
(Wo anders fühlte er Grund, als hier?).
Des Mannes Leib ist heilig und des Weibes Leib ist heilig,
Ganz gleich, wer es ist, er ist heilig — ist es der Niedrigste in der Arbeiterschar?
Ist es einer der Einwanderer mit stumpfem Gesicht, die eben gelandet sind an der Werft?
Jeder gehört hierher oder igendwohin, genau so gut wie der Wohlbestallte, genau so gut wie du,
Jeder hat seinen und ihren Platz in der Prozession.
(Alles ist eine Prozession,
Das Weltall ist eine Prozession in wohlgemessener, vollkommener Bewegung.)
Weißt du selber so viel, daß du den Niedrigsten unwissend meinst?
Meinst du, du habest ein Recht auf einen guten Platz und er oder sie habe kein Recht auf einen guten Platz?
Meinst du, die Materie habe sich zusammengeballt aus zerfließendem Dunst und der Erdboden sei an der Oberfläche und Wasserströme und Wachstum sprieße
Für dich allein und nicht für ihn und sie?
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7
Eines Mannes Leib zu verkaufen!
(Vor dem Kriege ging oft auf den Sklavenmarkt und sah dem Handel zu.)
Ich helfe dem Verkäufer, der Schmierfink hat keine Ahnung von seinem Geschäft.
Ihr Herren, schaut dies Wunder an!
Was immer dafür geboten wird, kann hoch genug nicht sein!
Um seinetwillen lag die Erde im Werden durch Quintillionen von Jahren, ohne Pflanze noch Tier,
Um seinetwillen schwangen sich treu und sicher die Weltkreise.
In diesem Kopf ist das allbestaunte Gehirn,
Darin und darunter die Taten von Helden.
Prüft diese Glieder, rot, schwarz oder weiß, sinnreich aus Sehnen und Nerven gemacht,
Man wird sie entblößen, damit ihr sie seht.
Zarteste Sinne, von Leben leuchtende Augen, Willen, Mut.
Der Schild des Brustmuskels, das biegsame Rückgrat und Nacken, festes Fleisch, wohlgeformte Arme und Beine,
Und noch mehr Wunder drinnen.
Drinnen strömt das Blut,
Dasselbe alte Blut! dasselbe rotströmende Blut!
Dort schwillt und zuckt ein Herz, und alle Leidenschaften, Begierden, Fähigkeiten, Wünsche.
(Denkt ihr, sie seien nicht darin, weil sie nicht in Salons und Vortragssälen sich zeigen?)
Dies ist nicht e i n Mann allein, dies ist der Vater derer, die selbst wieder Vater sein werden,
In ihm ist der Keim volkreicher Staaten und reicher Republiken,
In ihm zahllose unsterbliche Leben mit zahllosen Verkörperungen und Freuden.
Wie könnt ihr wissen, wer aus dem Samen seines Samens in den Jahrhunderten entspringen wird?
(Wen würdet ihr als euren eigenen Stammvater finden, wenn ihr die Spur durch Jahrhunderte verfolgen könntet?)
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8
Eines Weibes Leib zu verkaufen!
Auch sie ist nicht nur sie selbst, sie ist die fruchtbare Mutter von Müttern,
Sie ist die Trägerin derer, die wachsen und Gatten sein sollen neuer Mütter.
Hast du jemals eines Weibes Leib geliebt?
Hast du jemals eines Mannes Leib geliebt?
Siehst du nicht, daß diese ganz diesselben sind für alle in allen Völkern und Zeiten auf der ganzen Erde?
Wenn irgend etwas heilig ist, so ist der menschliche Körper heilig,
Und der Ruhm und die Lust eines Mannes ist die Unbeflecktheit des Zeichens seiner Mannheit,
Und bei Mann wie Weib ist ein reiner, starker, festgefügter Körper schöner als das schönste Gesicht.
Habt ihr den Narren gesehen, der seinen eigenen lebendigen Leib verdarb? oder die Närrin, die ihren eigenen lebendigen Leib verdarb?
Denn sie verbergen sich nicht und können sich nicht verbergen.
9
O mein Leib! Ich wage dein Ebenbild in meinen Mitmenschen, Mann und Weib, nicht zu verleugnen, noch in Ebenbildern deiner einzelnen Teile,
Ich glaube, deine Ebenbilder müssen stehn oder fallen mit den Ebenbildern der Seele (und sind die Seele),
Ich glaube, deine Ebenbilder müssen stehn oder fallen mit meinen Gedichten und sind meine Gedichte,
Gedichte von Mann, Weib, Kind, Jüngling, Gattin, Gatte, Mutter, Vater, jungem Mann und jungem Weib, —
Kopf, Hals, Haar, Ohren, Ohrläppchen und Trommelfell,
Augen, Augenwimpern, Augenstern, Augenbrauen und Wachen und Schlafen der Lider,
Mund, Zunge, Lippen, Zähne, Mundhöhle, Kiefer und Angel der Kiefer,
Nase, Nasenlöcher und Scheidewand,
Wangen, Schläfen, Stirn, Kinn, Kehle, Nacken und Nackenwirbel,
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Starke Schultern, männlicher Bart, Schulterblatt, hintere Schultern und die volle Seitenwölbung der Brust,
Oberarm, Achselhöhle, Ellbogengelenk, Unterarm, Armsehnen und Armknochen,
Handgelenk und Bänder des Handgelenkes, Hand, Handfläche, Knöchel, Daumen, Zeigefinger, Fingergelenke, Fingernägel,
Breite Vorderbrust, gekräuseltes Brusthaar, Brustbein, Brustseite,
Rücken, Bauch, Rückgrat, Wirbel des Rückgrats,
Hüften, Hüftgelenke, Stärke der Hüften, inneres und äußeres Rund, Manneseier, Manneswurzel,
Fester Bau der Schenkel, den Rumpf droben sicher tragend,
Beinsehnen, Knie, Kniescheibe, Oberbein, Unterbein,
Fesseln, Spann, Ballen, Zehen, Zehgelenke und Ferse;
Jede Haltung und schöne Form, alles Zubehör meines und deines Leibes oder des Leibes von irgendwem, Mann oder Weib,
Die Lungenschwämme, der Magensack, die Eingeweide frisch und rein,
Das Hirn mit seinen Windungen im Schädelgewölbe,
Sympathikus, Herzklappen, Gaumenklappen, Geschlecht und Mutterschaft,
Weibschaft und alles, was ein Weib ist und der Mann, der vom Weibe kommt,
Der Schoß, die Brüste, Brustwarzen, Brustmilch, Tränen, Lachen, Weinen, Liebesblicke, Unruhe und Schwellen der Liebe,
Die Stimme, Lautgebung, Sprache, Flüstern und lautes Rufen,
Speise, Trank, Pulsschlag, Verdauung, Schweiß, Schlaf, Gehen und Schwimmen,
Tragkraft der Hüften, Springen, Lehnen, Umfassen, Armbeugen und -spannen,
Der ewige Wechsel der Züge um Mund und Augen,
Die Haut, das sonnengebräunte Dunkel, Sommersprossen und Haar,
Die seltsame Sympathie, die man spürt, wenn man das nackte Fleisch des Körpers mit der Hand fühlt,
Die kreisenden Ströme des Atems und das Atmen aus und ein,
Die Schönheit der Lenden und tiefer der Hüften und tiefer hinab zu den Knien,
Die dünnen roten Gewebe in dir und in mir, die Knochen und das Mark in den Knochen,
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Das köstliche Bewußtsein von Gesundheit!
O ich sage, dies sind nicht die Teile und Gedichte des Leibes allein, sondern der Seele,
O nun sage ich, sie sind die Seele!
EIN WEIB WARTET AUF MICH
Ein Weib wartet auf mich, sie enthält alles, nichts fehlt,
Und doch würde alles fehlen, wenn Geschlecht fehlte oder der Saft des rechten Manns.
Geschlecht enthält alles, Leiber und Seelen,
Meinungen, Beweise, Reinheiten, Zartheiten, Ergebnisse, Weiterverbreitung,
Gesänge, Befehle, Gesundheit, Stolz, das Geheimnis der Mutterschaft, die Milch des Samens,
Alle Hoffnungen, Wohltaten, Spenden, alle die Leidenschaften, Lieben, Schönheiten, Wonnen der Erde,
Alle Regierungen, Richter, Götter, Führer der Erde,
Diese sind im Geschlecht enthalten als seine Teile und seine Rechtfertigung.
Ohne Scham kennt und bekennt der Mann, den ich liebe, die Köstlichkeit seines Geschlechts,
Ohne Scham kennt und bekennt das Weib, das ich liebe, das ihre.
Nun will ich mich abwenden von unempfindlichen Weibern,
Ich will hingehen zu der, die meiner wartet, und zu den Weibern, die warmblütig sind und erfüllend für mich,
Ich sehe, sie verstehn mich und weisen mich nicht zurück,
Ich sehe, sie sind meiner würdig, ich will dieser Weiber starker Gatte sein.
Sie sind kein Jota geringer als ich,
Sie sind gebräunt im Gesicht von scheinender Sonne und blasenden Winden,
Ihr Fleisch hat die alte göttliche Kraft und Geschmeidigkeit,
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Sie wissen zu schwimmen, zu rudern, zu reiten, zu ringen, zu schießen, zu schlagen, zurückzuweichen und anzugreifen, zu widerstehen und sich zu wehren,
Sie sind letztgültig in ihrem eigenen Recht — sie sind ruhig, klar und Herrinnen über sich selbst.
Ich ziehe euch dicht an mich, ihr Weiber,
Ich kann euch nicht lassen, ich tue euch gut,
Ich bin für euch und ihr seid für mich, nicht um euretwillen allein, sondern um anderer willen,
In euch gebettet schlummern größere Helden und Sänger,
Sie wollen durch keines anderen Mannes Berührung geweckt sein als durch die meine.
Ich bin es, ihr Weiber, ich gehe meinen Weg,
Ich bin grimmig, scharf, breit und unerbittlich, doch liebe euch,
Ich tue euch nicht weher, als euch nötig ist,
Ich ergieße den Stoff zu Söhnen und Töchtern, wie diese Staaten sie brauchen, ich presse mit langsamem rauhem Muskel,
Ich dränge unwiderstehlich, ich hör auf kein Flehen,
Ich darf nicht zurückziehen, bis ich eingepflanzt habe, was sich so lange in mir gestaut.
Durch euch leite ich ab die gestauten Ströme in mir,
In euch berge ich tausend künftige Jahre,
Auf euch pfropf ich die Keime von meinen und Amerikas Allergeliebtesten,
Die Tropfen, die ich filtre auf euch, sollen erwachsen zu Mädchen athletisch und wild, Künstlern neu, Musikanten und Sängern,
Die Kinder, die ich zeuge in euch, sollen Kinder zeugen zu ihrer Zeit,
Ich werde vollkommene Männer und Frauen fordern aus meinen Spenden der Liebe,
Ich werde verlangen, daß sie einander durchdringen, wie ich und du uns durchdringen heut,
Ich werde zählen auf die Früchte ihrer überschwenglichen Schauer, wie ich zähle auf die Früchte der überschwenglichen Schauer, die ich verströme heut,
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Ich werde ausschauen nach liebenden Ernten aus der Geburt, dem Leben, dem Tod, der Unsterblichkeit, die ich so liebend pflanze heut.
SELBSTHERRLICHES ICH
Selbstherrliches Ich, Natur,
Der liebende Tag, die steigende Sonne, der Freund, mit dem zusammen ich glücklich bin,
Der Arm meines Freundes, der lässig um meine Schultern hängt,
Der Hügelhang, von Blüten der Bergesche weiß,
Derselbige spät im Herbst, die Farbflecken rot, gelb, bräunlich, purpurn und hellund dunkelgrün,
Der reiche Teppich des Grases, Tiere und Vögel, abseitiges kahles Gestade, Wildäpfel, Kieselstein,
Bruchstücke, Schönheit, zuckend durch mich, nachlässig aufgezählt eins nach dem andern, wie ich sie zufällig rufe und ihrer gedenke,
Die wahren Gedichte (was wir Gedichte nennen sind nichts als Bilder),
Gedichte von der Entrücktheit der Nacht und von Männern gleich mir,
Dieses Gedicht, das scheu und ungesehen geschmiegt ich immerdar in mir trage, wie jeder Mann
(Wisse für allemal, ich bekenn es mit Absicht — wo immer Männer sind gleich mir, sind unsere heimlich-lebendigen Gedichte der Mannheit),
Liebesgedanken, Liebesseim, Liebesgeruch, Liebeswillfährigkeit, Liebessprung und -saft,
Arme und Hände der Liebe, phallischer Daumen der Liebe, Bäuche gepreßt und geleimt aneinander mit Liebe,
Erde keuscher Liebe, Leben, das Leben nur ist nach Liebe,
Der Leib meiner Liebe, der Leib des Weibes, das ich liebe, der Leib des Mannes, der Leib der Erde,
Linde Vormittagslüfte, die wehen aus Süd-West,
Die behaarte wilde Biene, die auf und nieder summt und sucht, die vollentfaltete weibliche Blüte ergreift, sich über sie krümmt mit zärtlichen, starken Beinen, ihr ihren Willen nimmt und sich bebend festhält, bis sie befriedigt ist;
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Feuchte der Wälder in Morgenstunden,
Zwei Schläfer bei Nacht, eng beieinanderliegend im Schlaf, des einen Arm schräg unter der Hüfte des andern,
Der Duft von Äpfeln, Arom von zerstoßenem Salbei, von Minze und Birkenborke,
Die Sehnsucht des Knaben, seine Glut und sein Anschmiegen, als er mir anvertraut, was er geträumt hat,
Das tote Blatt, das in Spiralen herabwirbelt und still und zufrieden zu Boden fällt,
Die unsichtbaren Stachel, mit denen Erscheinungen, Menschen, Dinge mich stechen,
Der Stachel in meinem eigenen Leibe, der mich so sticht wie nur irgendwen,
Die empfindlichen runden Zwillinge, unter schützendem Vorsprung, so daß nur bevorzugte Fühler ertasten mögen, wo sie sind,
Der seltsame Schmeichler, die Hand, die über den ganzen Körper schweift, das schamvolle Zurückweichen des Fleisches, bei dem die Finger zärtlich verweilen, wenn sie dahin geraten,
Der helle Saft in jungen Männern,
Die ätzende Unruhe, die so quälende Gedanken bringt,
Die Pein, der reizbare Strom, der nicht ruhen will,
Dasselbe, was ich und was alle anderen fühlen,
Der junge Mann, der glüht und glüht, und das junge Weib, das glüht und glüht,
Der junge Mann, der wach liegt tief in der Nacht und mit heißer Hand zurückzuhalten sucht, was ihn meistern will,
Die mystische, wollüstige Nacht, die seltsame, halbwillkommene Qual, Visionen, Schweiß,
Der Pulsschlag durch Handflächen und umklammernde bebende Finger hindurch, der junge Mann ganz rot vor Scham und Unmut;
Das Hinfluten meiner Geliebten, der See, über mich, wenn ich nackt und hingegeben liege,
Die Vergnügtheit der Zwillingsbabys, die übers Gras in der Sonne kriechen, immer bewacht von den niemals abgewendeten Augen der Mutter,
Der Walnußbaum, die Walnußschalen und die reifenden oder gereiften länglichrunden Nüsse,
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Das selbstverständliche Sein von Pflanzen, Tieren und Vögeln,
Das Bewußtsein, wie kläglich ich wäre, wenn ich mich selber unzüchtig finden und mich verkriechen müßte, während sich Vögel und Tiere niemals unzüchtig finden und sich verkriechen,
Die erhabene Keuschheit der Vaterschaft, ebenbürtig der erhabenen Keuschheit der Mutterschaft,
Der Schwur der Zeugung, den ich geschworen, meine frohen Adamstöchter,
Die Gier, die mich frißt bei Tag und Nacht mit hungrigem Nagen, bis ich das sättige, was Knaben erzeugen soll, die meinen Platz ausfüllen, wenn ich hindurch bin,
Die gesunde Erleichterung, Ruhe, Zufriedenheit, —
Und dieser Strauß, gepflückt aus mir selbst aufs Geratewohl, —
Er hat seinen Zweck erfüllt — ich werfe ihn achtlos fort, er mag fallen, wohin er will.
EINE STUNDE RASENDER LUST
Eine Stunde rasender Lust! O wild! o halte mich nicht!
Was befreit mich in Stürmen so?
Was ist meiner Schreie Sinn
Inmitten Blitzen und rasenden Winden?
O mystischen Rausch zu trinken tiefer als irgendein Mann!
O rauhe und zarte Qual! (Ich vermache sie euch, meine Kinder,
Ich künde sie euch, o Bräutigam und Braut.)
O dir hingegeben zu sein, wer du auch seist, und zu mir hingegeben der Welt zum Trotz!
O heimzukehren ins Paradies! O schamvoll Weibliches,
O dich an mich zu ziehen, zum erstenmal
Entschlossenen Mannes Lippen auf dich zu drücken!
O Rätsel, dreifach geknüpfter Knoten, Brunnen dunkel und tief, — gelöst nun und erhellt!
O hinzueilen, wo endlich Raum und Luft genug!
Ledig zu sein alter Fesseln und Sitten,
Meiner ich und deiner du!
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Ein neues, ungeahntes Sichgehenlassen zu finden im Besten der Natur!
Den Knebel aus dem Mund zu bekommen!
Zu fühlen: Heute und je bin ich genug so wie ich bin!
O etwas Unbewiesenes! in Verzückung!
Unerreichbar den Ankern und Klammern der andern entfliehn!
Frei zu treiben! Frei zu lieben! hinzustürmen gefährlich und wild!
Vernichtung mit Hohn und Lockung umwerben!
Klimmen, springen in die Himmel der Liebe, die winken!
Dorthin aufzusteigen mit trunkener Seele!
Verdammt sein, wenn es gilt!
Wegwerfen den Rest des Lebens
Für eine Stunde der Fülle und Freiheit,
Für eine kurze Stunde rasender Lust!
AUS DEM GEWÜHL DES ROLLENDEN OZEANS
Aus dem Gewühl des rollenden Ozeans sprang ein Tropfen lieblich zu mir,
Flüsternd: „Ich liebe dich, ich vergehe bald,
Weither bin ich gereist, einzig um dich zu sehen und dich zu berühren,
Denn ich konnte nicht sterben, ehe ich dich nicht einmal sah,
Denn ich fürchtete dich hernach zu verlieren.“
Nun haben wir uns getroffen und uns gesehen, nun sind wir geborgen,
Kehre in Frieden zurück in das Meer, mein Geliebtes,
Auch ich bin ein Teil dieses Meers, mein Geliebtes, wir sind nicht so sehr von einander getrennt,
Sieh das erhabene Rund, den Allzusammenhang, wie vollkommen!
Dich und mich ist die unwiderstehliche See bestimmt zu trennen,
Für eine Weile uns auseinanderzutragen, doch nicht für immer;
Habe Geduld — eine kleine Spanne — wisse, ich grüße die Luft, das Meer und das Land
Jeden Tag bei sinkender Sonne um deinetwillen, Geliebtes.
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DER ICH VON ÄONEN ZU ÄONEN WIEDERKEHRE
Der ich von Äonen zu Äonen wiederkehre immer aufs neue,
Unzerstörter, unsterblicher Wanderer,
Lustvoll, phallisch, mit ursprünglichen zeugungskräftigen Lenden in süßer Fülle,
Ich, Sänger von Adamsgesängen,
Durch den neuen Garten des Westens rufend und durch seine großen Städte,
Spiele trunken das Vorspiel alles Erzeugten,
Bringe meine Gesänge dar und mich selbst,
Bade mich selbst und bade meine Gesänge in Geschlecht,
Sprößlinge meiner Lenden.
WIR ZWEI
Wir zwei, wie lange waren wir genarrt;
Verwandelt nun, entschlüpfen wir hurtig, gleich wie Natur entschlüpft;
Wir s i n d Natur; lange verbannt, jetzt kehren wir heim,
Pflanzen und Stämme, Laub, Wurzeln und Rinde werden wir,
Wir sind im Boden gebettet, sind Felsen,
Eichen sind wir, wachsen in Lichtungen Stamm an Stamm,
Wir äsen, zwei inmitten wilder Herden, eigenwillig wie irgendeins,
Wir sind zwei Fische, die einig im Meere schwimmen,
Wir sind Akazienblüten, verströmen Wohlgeruch über die Feldwege morgens und abends,
Wir sind auch der grobe Abfall von Tieren, Pflanzen und Stein,
Wir sind zwei Raubfalken, kreisen hoch und schauen hinab,
Wir sind zwei Wolken, die droben gleiten durch Vormittag und Nachmittag,
Meere sind wir, die ineinander strömen, sind zwei der lustigen Wogen,
Die sich einander durchfluten und überrollen;
Wir sind, was die Luft ist, durchsichtig, empfänglich, durchdringlich, undurchdringlich,
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Schnee sind wir, Regen und Kälte und Finsternis und des Erdballs jegliche Wirkung und Geschöpf,
Wir haben Kreise um Kreise durchlaufen, bis wir wieder nach Hause gelangt, wir zwei,
Alles haben wir abgetan, außer der Freiheit und unserer eigenen Lust.
O HYMEN! O HYMENÄUS!
O Hymen! O Hymenäus! Was peinigst du mich so?
O warum stachelst du mich nur für einen flüchtigen Augenblick?
Warum kannst du nicht dauern? O warum schwindest du nun?
Ist es, weil du mich sicherlich töten würdest, wenn du länger anhieltest als diesen flüchtigen Augenblick?
ICH BIN, DER SCHMERZEN LEIDET
Ich bin, der Schmerzen leidet an sehnsüchtiger Liebe;
Gravitiert die Erde nicht? zieht nicht alle Materie, schmerzend, alle Materie an?
So mein Körper alle, die ich treffe oder kenne.
URGEFÜHLE
Urgefühle — wenn ihr über mich kommt — ah jetzt seid ihr da!
Gebt mir jetzt nichts als Freuden der Wollust,
Gebt mir den Trank meiner Leidenschaften, gebt mir Leben üppig und rauh,
Heute und heute nacht schließ ich Gemeinschaft mit den Lieblingen der Natur,
Ich bin für die, die an lockere Freuden glauben, ich teile die Mitternachtsorgien junger Männer,
Ich tanze mit den Tänzern und trinke mit den Trinkern,
Das Echo schallt von unserm wüsten Geschrei, ich greife mir einen niedrigen Menschen heraus als liebsten Freund,
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Er soll rechtlos sein und roh und ungebildet, er soll von den andern verdammt sein wegen Verbrechen, die er begangen,
Ich will nicht länger Komödie spielen, warum sollte ich mich ausschließen von meinen Gefährten?
O ihr Gemiedenen, ich meide euch nicht,
Ich komme sogleich in eure Mitte, ich will euer Dichter sein,
Ich will mehr für euch sein, als für alle andern.
EINST KAM ICH DURCH EINE VOLKREICHE STADT
Einst kam ich durch eine volkreiche Stadt und prägte mir zu künftigem Nutzen alles, was es in ihr zu sehen gab, all ihre Bauwerke, Sitten, Gewohnheiten in mein Gedächtnis ein,
Jetzt aber ist mir von dieser ganzen Stadt nur noch eine Frau im Gedächtnis geblieben, die ich dort zufällig traf, die mich zurückhielt aus Liebe zu mir,
Tag für Tag und Nacht für Nacht waren wir beieinander, — alles andere habe ich längst vergessen,
Nur dieser Frau gedenke ich noch, die leidenschaftlich an mir hing,
Wiederum gehen wir miteinander, lieben uns und scheiden wiederum,
Ich sehe sie dicht an meiner Seite, mit schweigenden Lippen zitternd und betrübt.
ICH HÖRTE EUCH, FEIERLICH-SÜSSE PFEIFEN DER ORGEL
Ich hörte euch, feierlich-süße Pfeifen der Orgel, als ich am letzten Sonntagmorgen der Kirche vorbeiging;
Herbstwinde, als in den Wäldern ich bei Dämmerung ging, hörte ich eure langgezogenen Seufzer droben so dunkel;
Ich hörte den vollkommenen italienischen Tenor in der Oper singen, hörte den Sopran singen im Quartett;
Herz meiner Geliebten, dich auch hörte ich leise tönend in einem der Handgelenke, die du an mein Haupt gelegt,
Hörte, als alles still war, deinen Pulsschlag kleine Glocken läuten letzte Nacht unter meinem Ohr.
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WIE ADAM FRüH AM MORGEN
Wie Adam früh am Morgen,
Ausgehend von der Hütte, vom Schlaf erfrischt —
Schaue mich an, wo ich vorbeikomme, höre meine Stimme, komm näher,
Berühre mich, berühre mit der Fläche deiner Hand meinen Leib, indes ich vorübergehe,
Fürchte dich nicht vor meinem Leibe.
CALAMUS
AUF UNBEGANGENEN PFADEN
Auf unbegangenen Pfaden,
An den wunchernden Rändern sumpfiger Teiche,
Dem Leben entschlüpft, das sich zu Markte trägt,
Allen geltenden Regeln, Vergnügungen, aller Gewinnsucht, allem was sich nach anderen richtet
Und was ich nur allzulange meiner Seele zur Nahrung bot,
Klar erkennend bislang nicht geltende Regeln, klar erkennend, daß meine Seele,
Daß die Seele des Mannes, für den ich spreche, ihre Lust hat an Kameraden,
Einsam mit mir, fern von dem Lärm der Welt,
Zwiesprache haltend mit aromatischen Zungen,
Nicht länger scheu (denn an diesem entlegenen Ort kann ich antworten, wie ich es anderswo nicht wagte),
Durchglüht von dem Leben, welches sich nicht zu Markte trägt und doch all das Andre enthält,
Entschlossen, keine andern Lieder heute zu singen als die von männlicher Freundschaft,
Sie auszusenden in dieses leibhaftige Leben,
Vorbild zu schaffen athletischer Liebe,
An dieses köstlichen neunten Monats Nachmittag, in meinem einundvierzigsten Jahr,
Geh ich daran, für alle, die junge Männer sind oder waren,
Auszusprechen das Geheimnis meiner Tage und Nächte,
Zu feiern das Bedürfnis nach Kameraden.
DUFTENDES GRAS MEINER BRUST
Duftendes Gras meiner Brust,
Ich sammle deine Halme, schreibe sie nieder, daß man sie einst benütze,
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Grabhalme, Leibeshalme, emporwachsend über mir, über dem Tod,
Unvergängliche Wurzeln, hohe Halme, o der Winter soll euch nicht töten, zarte Halme,
Jedes Jahr sollt ihr aufs neue blühen, emporwachsen sollt ihr immer wieder aus eurer Tiefe,
O ich weiß nicht, ob viele Vorübergehende euch finden oder euren schwachen Geruch einatmen werden, aber ich weiß, einige werden es tun;
O schlanke Halme! o Blüten meines Blutes! ihr dürft auf eure Weise von dem Herzen reden, das unter euch liegt,
O ich weiß nicht, was ihr eigentlich bedeutet, ihr seid nicht Glück,
Ihr seid oft schmerzender, als ich ertragen kann, ihr brennt und stecht mich,
Und doch erscheint ihr mir schön, zartfarbige Wurzeln, ihr erweckt mir Gedanken an den Tod;
Tod, von euch verkündet, ist schön (was in der Tat ist endgültig schön, außer Tod und Liebe?).
O ich glaube, nicht für das Leben singe ich hier mein Lied der Liebenden; für den Tod wohl muß es sein;
Denn wie ruhevoll, feierlich schwillt er empor in das Reich der Liebenden,
Tod oder Leben erscheint mir dann gleich, meine Seele mag sich nicht entscheiden.
(Obwohl ungewiß, glaube ich doch, daß die hohe Seele der Liebenden am innigsten den Tod willkommen heißt.)
Wahrlich, o Tod, ich glaube jetzt, diese Halme bedeuten genau dasselbe wie du. —
Wachset höher empor, süße Halme, daß ich euch sehe! wachset empor aus meiner Brust!
Springt auf aus dem Herzen, das da verborgen ist!
Faltet euch nicht so in eure rosigen Wurzeln, schüchterne Halme!
Bleibe nicht so verschämt in der Tiefe, Gras meiner Brust!
Komm, ich bin willens, diese meine breite Brust zu entblößen; ich habe lange genug gewürgt und erstickt;
Sinnbildlich-launische Blätter, ich entlasse euch, ihr nützt mir nun nichts mehr,
Was ich zu sagen habe, will ich unmittelbar sagen,
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„Ich selbst und Kameraden“ sei mein einziger Gesang, nie wieder will ich anderen Ruf erheben,
Unsterblichen Widerhall will ich damit wecken durch die Staaten hin,
Ich will allen Liebenden ein Beispiel geben, Gestalt und Willen anzunehmen in allen Staaten,
Ich will die Worte sagen, die den Tod lustvoll machen;
So gib mir deinen Ton an, o Tod, daß ich danach stimme,
Gib mir dich selbst, denn ich sehe, daß du nun mir vor allen gehörst, und daß ihr untrennbar verschlungen seid, Tod und Liebe.
Nun dürft ihr mich nicht mehr hemmen mit dem, was ich Leben nannte,
Denn nun ist mir offenbar, daß ihr allein der Sinn von allem seid,
Daß ihr euch hier in den wechselnden Formen des Lebens verbergt — unbekannt weshalb — und daß sie allein um euretwillen da sind,
Daß ihr hinter der Maske der Erscheinungen geduldig wartet, gleichgültig, wie lange,
Daß ihr eines Tages vielleicht, alles beherrschend, diese ganze sichtbare Welt hinwegscheuchen werdet,
Deren Zweck ihr seid;
Sie wird nicht allzulange dauern,
Aber ihr werdet sehr lange dauern.
WER DU AUCH SEIST, DER MICH JETZT IN HÄNDEN HÄLT
Wer du auch seist, der mich jetzt in Händen hält,
Ohne eins wird alles vergeblich sein,
Ich warne dich ehrlich, eh du es ferner mit mir versuchst,
Ich bin nicht, was du vermutet, sondern ganz etwas andres.
Wer ist es, der mir folgen will?
Wer will sich Bewerber um meine Liebe nennen?
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Der Weg ist verdächtig, das Ziel ungewiß, vielleicht verderblich,
Du würdest alles andere lassen müssen, ich allein würde verlangen, der einzige zu sein, nach dem du dich ausschließlich richtest,
Selbst dann würde deine Probezeit lang und ermüdend sein,
All deine vorige Anschauung vom Leben und alle Anpassung an die Leben um dich her würdest du aufgeben müssen,
Deshalb lasse von mir, eh du dich weiter bemühst, laß deine Hand von meiner Schulter,
Lege mich weg und geh deines Weges.
Sonst aber, heimlich irgendwo im Walde zum ersten Versuch,
Oder im Schutz eines Felsens in freier Luft
(Denn im gedeckten Raum eines Hauses trete ich nicht hervor, noch in Gesellschaft,
Und in Bibliotheken liege ich wie ein Stummer, ein Tölpel, ein Ungeborner, ein Toter),
Aber vielleicht mit dir auf einem hohen Hügel, nachdem wir erst ausgeschaut, ob nicht auf Meilen in der Runde unversehens jemand naht,
Oder vielleicht, wenn ich segle, mit dir auf See, oder am Strand der See oder auf einer stillen Insel
Erlaub ich dir, deine Lippen auf meine zu drücken
Mit dem langhaftenden Kuß des Kameraden oder des Neuvermählten Kuß,
Denn ich bin der Neuvermählte und bin der Kamerad.
Oder wenn du willst, stecke mich unter dein Kleid,
Wo ich das Klopfen deines Herzens fühlen oder auf deiner Hüfte ruhen kann,
Trage mich, wenn du hinausziehst in Land oder See;
Denn dich bloß so zu berühren, ist genug, ist das Beste,
Und so dich berührend möchte ich schweigend schlummern und ewig getragen sein.
Aber wenn du dich in diese Blätter vertiefst, so tust du's auf eigne Gefahr,
Denn diese Blätter und mich wirst du nicht verstehn,
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Sie werden dir anfangs, und später noch mehr, entschlüpfen, ich werde dir sicher entschlüpfen
Und just wenn du glaubst, du hättest mich ohne Zweifel gefaßt — siehe!
So merkst du auch schon, daß ich dir entgangen bin.
Denn nicht um dessentwillen, was ich hineingesetzt, habe ich dieses Buch geschrieben,
Und nicht durch Lesen wirst du's erwerben,
Noch kennen mich die am besten, die mich bewundern und prahlerisch preisen,
Noch werden die Werber um meine Liebe (außer einigen wenigen) siegreich sein,
Noch werden meine Gedichte nur Gutes stiften, sie werden genau so viel Böses stiften, vielleicht noch mehr,
Denn alles ist nutzlos ohne das eine, was du vielleicht zuweilen ahnst und doch nicht triffst, das, was ich meinte;
Deshalb lasse von mir und geh deines Weges.
FÜR DICH, O DEMOKRATIE
Komm, ich will den Kontinent unzertrennlich machen,
Ich will die herrlichste Rasse schaffen, auf die je die Sonne schien,
Ich will göttlich magnetische Länder schaffen,
Mit der Liebe von Kameraden,
Mit der lebenslangen Liebe von Kameraden.
Ich will die Kameradschaft pflanzen dicht wie Bäume entlang den Strömen Amerikas, und entlang den Küsten der großen Seen und über alle Steppen hin,
Ich will unentzweibare Städte schaffen, die die Arme einander um den Nacken schlingen,
Durch die Liebe von Kameraden,
Durch die männliche Liebe von Kameraden.
Für dich dies von mir, o Demokratie, dir zu dienen, ma femme,
Für dich, für dich schmettre ich diese Lieder.
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DIES HIER PFLÜCKE ICH, SINGEND IM FRÜHLING
Dies hier pflücke ich, singend im Frühling, für Liebende.
(Denn wer anders als ich verstände Liebende und all ihren Kummer und Lust?
Wer anders als ich sollte der Dichter von Kameraden sein?)
Pflückend durchwandl' ich den Garten Welt, doch bald durchschreit ich die Pforten,
Jetzt an dem Teich entlang, jetzt watend ein wenig, ohne Scheu vor der Nässe,
Jetzt an den Holzzäunen hin, wo die alten Steine, von den Feldern gelesen, in Haufen liegen
(Wilde Blumen und Ranken und Unkraut wachsen zwischen den Steinen herauf und bedecken sie hier und da; ich gehe darüber hin),
Tief, tief im Wald, oder schlendernd später im Sommer, ohne Ziel,
Einsam, den Erdduft riechend, mache ich schweigend hier und da halt,
Dachte, ich sei allein, aber bald sammelt sich eine Schar um mich,
Einige gehen an meiner Seite und einige hinterdrein, einige halten meine Arme und meinen Nacken umfaßt,
Geister von lieben Freunden, toten und lebenden, dichter drängen sie sich, eine große Schar und ich in der Mitte,
Pflückend, austeilend, singend wandre ich hier mit ihnen,
Pflücke Andenken für sie, werfe sie denen zu, die mir just nahe sind,
Hier, Flieder, mit einem Fichtenzweig,
Hier, aus meiner Tasche, Moos, das ich in Florida von einer Eiche herunterzog, an der es in langen Streifen hing,
Hier ein paar Nelken und Lorbeerblätter und eine Handvoll Salbei,
Und hier, was ich jetzt aus dem Wasser ziehe, watend am Teichrand
(O hier sah ich ihn zuletzt, der mich zärtlich liebt und wiederkehrt, um sich nie mehr von mir zu trennen,
Und dies, o dies soll hinfort das Zeichen von Kameraden sein, diese Kalmuswurzel hier,
Tauscht sie, ihr Jünglinge, untereinander aus! jeder soll sie behalten!),
Und Ahornzweige und ein Busch aus Kastanienlaub und wilder Orange,
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Und Johannisbeerzweige und Pflaumenblüten und aromatische Zeder,
Auf diese alle, rings umschlossen von einer dichten Wolke von Geistern,
Deut ich im Wandern hin oder berühre sie im Vorbeigehn oder streue sie lose aus,
Jedem weisend, welche er haben soll, etwas für jeden spendend;
Doch was ich zog aus dem Wasser am Teichrand, behalt ich zurück,
Ich will davon geben, aber denen allein, die lieben, wie ich selber zu lieben vermag.
DIE FURCHTBARE UNGEWISSHEIT DER ERSCHEINUNGEN
Die furchtbare Ungewißheit der Erscheinungen —
Die Ungewißheit, ob wir nicht doch am Ende getäuscht sind,
Ob nicht am Ende Vertrauen und Hoffnung nichts als Vermutungen sind,
Ob nicht am Ende Wesenheit jenseits des Grabes nur eine schöne Fabel ist,
Ob nicht die Dinge, die ich gewahre, die Tiere, Pflanzen, Menschen, Hügel, die schimmernden, flutenden Wasser,
Die Himmel von Tag und Nacht, Farben, Stoffe und Formen bloße Erscheinungen sind (sie sind's ohne Zweifel) und das wahre Etwas noch unbekannt.
(Wie oft treten sie jäh aus sich selber heraus, wie um mich zu verwirren und meiner zu spotten!
Wie oft denk ich, weder ich noch irgendein Mensch weiß auch nur das geringste von ihnen!)
Vielleicht scheinen sie mir, was sie sind (und zweifellos scheinen sie nur), bloß für meinen jetzigen Blick, und würden sich (sicherlich!) als ganz etwas andres erweisen oder als nichts für einen gänzlich veränderten Blick;
Solche und ähnliche Fragen werden mir seltsam beantwortet von meinen Geliebten, von meinen lieben Freunden;
Wenn der, den ich liebe, mich auf der Reise begleitet oder lange neben mir sitzt und mich hält bei der Hand,
Wenn die feine Luft, die unfaßbare, die Empfindung, die Worte und Denken nicht fassen, uns umgibt und durchdringt,
- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 113] - - - - - - - - - - - - - - - - - -
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Dann bin ich voll unausgesprochner und unaussprechlicher Weisheit, ich schweige still und verlange nichts mehr,
Ich kann die Frage nach den Erscheinungen oder der Wesenheit jenseits des Grabes nicht beantworten,
Aber ich gehe oder sitze gleichmütig, ich bin zufrieden,
Der, der meine Hand hält, hat mich völlig zufriedengestellt.
DIE GRUNDLAGE ALLER METAPHYSIK
„Und nun, meine Herren,
Gebe ich Ihnen ein Wort, das Sie im Sinne behalten sollen
Als Grundlage und Krönung aller Metaphysik.“
(So zu den Hörern der alte Professor
Am Schluß seines dichtgefüllten Kollegs.)
Nachdem ich das Neue und Alte studiert, die Systeme der Griechen und Deutschen,
Kant studiert und begriffen und Fichte, Schelling und Hegel,
Platos Lehre begriffen und Sokrates, größer als Plato,
Und größer als Sokrates Christus den göttlichen lange durchdacht und begriffen,
Blicke ich heute zurück auf diese Systeme der Griechen und Deutschen,
Sehe alle die Philosophien, die christlichen Kirchen und Glaubenssätze,
Aber zutiefst in Sokrates und zutiefst in Christus sehe ich klar
Die innige Liebe des Mannes zu seinem Kameraden, die Anziehungskraft von Freund zu Freund,
Von Mann und Weib in glücklicher Ehe, von Kindern und Eltern,
Von Stadt zu Stadt und Land zu Land.
IHR, DIE IHR KUNDE GEBT VON MIR DEREINST
Ihr, die ihr Kunde gebt von mir dereinst,
Kommt, ich will euch hinabführen unter dies gelassene Äußere, ich will euch sagen, was ihr von mir berichten sollt;
Verkündet meinen Namen und hängt mein Bild auf als das des zärtlichsten Liebenden,
- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 114] - - - - - - - - - - - - - - - - - -
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Des Freundes, des Liebenden Bild, an dem sein Freund, sein Geliebter am innigsten hing,
Der nicht stolz war auf seine Lieder, doch auf das unermeßliche Meer von Liebe in ihm, das er frei verströmte,
Der oftmals einsame Wege ging in Gedanken an seine lieben Freunde, seine Geliebten,
Der gedankenvoll fern von einem, den er liebte, schlaflos und unbefriedigt lag bei Nacht,
Der nur zu gut die schlimme, schlimme Sorge kannte, der, den er liebte, sei heimlich gleichgültig gegen ihn,
Dessen glücklichste Tage es waren, wenn er fern durch Felder, in Wäldern, auf Hügeln wanderte, er und ein anderer Hand in Hand, sie zwei abseits von anderen Menschen,
Der oft, wenn er schlenderte durch die Straßen, mit seinem Arm die Schulter seines Freundes umschlang, indes seines Freundes Arm auch auf ihm ruhte.
ALS ICH AM SCHLUSS DES TAGES HÖRTE
Als ich am Schluß des Tages hörte, wie mein Name mit Beifall begrüßt worden war im Kapitol, war es doch keine glückliche Nacht für mich, die folgte;
Auch sonst, wenn ich zechte, oder wenn mir meine Pläne gelungen, war ich doch nicht glücklich;
Aber an dem Tage, als ich bei der Dämmerung mich erhob von dem Bett vollkommener Gesundheit, erfrischt, singend, einatmend den reifen Atem des Herbstes,
Als ich den Vollmond im Westen blaß werden sah und verschwinden im Morgenlicht,
Als ich allein über den Strand wanderte und, mich auskleidend, badete, lachend mit den kühlen Wassern, und die Sonne aufgehen sah,
Und als ich daran dachte, daß mein lieber Freund, mein Geliebter, auf dem Wege zu mir war, o da war ich glücklich,
O da schmeckte jeder Atemzug süßer, und diesen ganzen Tag näherte mich mein Essen mehr, und der schöne Tag verlief gut,
Und der nächste kam mit gleicher Freude, und mit dem nächsten am Abend kam mein Freund.
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Und jene Nacht, als alles still war, hörte ich die Wasser langsam, unablässig an die Küste rollen,
Hörte das zischende Geräusch von Wellen und Sand, wie zu mir geschickt, um mich zu beglückwünschen,
Denn der, den ich am liebsten habe, lag schlafend neben mir unter derselben Decke in der kühlen Nacht;
In der Stille, in den Mondstrahlen des Herbstes war sein Gesicht mir zugeneigt,
Und sein Arm lag leicht um meine Brust, — und diese Nacht war ich glücklich.
BIST DU DER NEULING?
Bist du der Neuling, den es zu mir zieht?
Zuvor sei gewarnt, ich bin sicherlich ganz etwas anderes als du glaubst;
Glaubst du in mir dein Ideal zu finden?
Denkst du, es sei so leicht, meine Liebe zu gewinnen?
Denkst du, meine Freundschaft würde ungetrübte Befriedigung sein?
Denkst du, ich sei verläßlich und treu?
Siehst du durch diese Fassade, diese milde, duldsame Art von mir nicht tiefer hindurch?
Glaubst du, du nahtest auf wirklichem Grund einem wirklich heroischen Mann?
Hast du, o Träumer, nicht bedacht, es sei vielleicht alles nur Maja, Schein?
WURZELN UND HALME SIND DIES NUR
Wurzeln und Halme sind dies nur,
Düfte, Männern und Weibern gebracht vom Teichrand und aus wildem Wald,
Herz-Sauerampfer und Liebesnelken, Finger, die fester umwinden als Reben,
Ergüsse aus Vogelkehlen, verborgen im Laub von Bäumen bei Sonnenaufgang,
Liebeshauche vom Land, von lebendigen Küsten gesandt zu euch auf lebendiger See, zu euch, o Schiffer!
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Frostreife Beeren und dritten Monats Zweige, frisch geboten jungem Volk, das hinauswandert in die Felder, wenn der Winter zum Aufbruch rüstet,
Liebesknospen, vor dich und in dich ausgestreut, wer du auch seist,
Knospen, die sich entfalten wollen, wie je,
Wenn du ihnen die Wärme der Sonne bringst, so werden sie aufgehen und werden dir Schönheit bringen, Farbe und Duft,
Wenn du ihnen Nahrung wirst und Naß, so werden sie Blumen werden und Früchte und schlanke Zweige und Bäume.
KEINE GLUT, AUFFLAMMEND UND VERZEHREND
Keine Glut, aufflammend und verzehrend,
Keine Wogen der See, ausund einstürmend,
Noch die Luft, köstlich und klar, des reifen Sommers Luft, die weiße Flocken mit Myriaden Samenkörnern leicht dahinträgt,
Wehend, lieblich segelnd, bis sie irgendwo niedersinken: —
O keines, keines von ihnen flammender als m e i n e Glut, verzehrend, brennend um dessentwillen, den ich liebe.
O keines stürmender als ich!
Stürmt die Flut einher, suchend nach etwas, und läßt nicht ab? O so auch ich!
O weder Samenflocken, noch Düfte, noch die hohen, regensendenden Wolken werden durch die freie Luft getragen
Irgend mehr, als meine Seele durch die freie Luft getragen wird,
Wehend nach allen Richtungen, o Liebe, um der Freundschaft—, um deinetwillen.
RINNT, TROPFEN!
Rinnt, Tropfen! meine blauen Adern verlassend!
O Tropfen aus mir! rinnt, langsame Tropfen,
Rein aus mir fallend, tropft, blutende Tropfen,
Aus Wunden, geschlagen, um euch zu befreien, von wo ihr gefangen wart,
Von meinem Gesicht, von meiner Stirn und Lippen,
Von meiner Brust, von innen her, wo ich verborgen war,
Dringt heraus, rote Tropfen, Bekenntnis-Tropfen,
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Färbt jede Seite, färbt jedes Lied, das ich singe, jedes Wort, das ich sage, blutige Tropfen.
Laßt sie eure purpurne Glut fühlen, laßt sie leuchten,
Durchtränkt sie mit euch, schamvoll und naß,
Glüht über alles, was ich geschrieben habe und schreiben werde, blutende Tropfen,
Laßt alles scheinen in eurem Lichte, schamrote Tropfen.
AN EINEN FREMDEN
Fremdling, der du vorbeigehst! du weißt nicht, wie sehnsüchtig ich nach dir blicke,
Du mußt der sein, den ich suchte, oder die, die ich suchte (es kommt mir wie aus einem Traum).
Ich habe sicherlich irgendwo ein Leben der Freude mit dir gelebt,
Alles ist wieder wach, da wir einander vorbeihuschen, flüchtig, zärtlich, keusch, gereift.
Du wuchsest auf mit mir, warst Knabe mit mir oder Mädchen mit mir,
Ich aß mit dir und schlief mit dir, dein Körper blieb nicht dein eigen allen, noch ließ er meinen Körper mir allein.
Du gibst mir die Lust deiner Augen, deines Gesichts und Fleisches, indes wir vorbeigehen, du nimmst von meinem Bart, Brust, Händen dafür,
Ich will nicht zu dir reden, ich will an dich denken, wenn ich allein sitze oder nachts allein wache,
Ich will warten, ich zweifle nicht, daß ich dir wieder begegnen werde,
Ich will darauf achten, daß ich dich nicht verliere.
WIE ICH HIER SITZE GEDANKENUND SEHNSUCHTSVOLL
Wie ich hier sitze gedankenund sehnsuchtsvoll,
Will es mir scheinen, daß es andere Männer in anderen Ländern gibt, gedankenund sehnsuchtsvoll,
Will es mir scheinen, als könnt ich hinüberblicken und sie gewahren in Deutschland, Italien, Frankreich, Spanien,
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Oder fern, fern in China, oder in Rußland und Japan, in anderen Mundarten redend,
Und will es mir scheinen, wenn ich sie kennte, so würde ich ihnen verbunden sein, wie den Männern meiner eigenen Länder,
O ich weiß, wir würden Brüder und Liebende sein,
Ich weiß, ich würde glücklich mit ihnen sein.
ICH HÖRE, DASS MAN MICH ANKLAGT
Ich höre, daß man mich anklagt, ich wolle Institutionen zerstören,
Aber in Wahrheit bin ich weder für noch gegen Institutionen.
(Was überhaupt hab ich mit ihnen gemein? oder was mit ihrer Zerstörung?)
Einzig und allein begründen will ich in Mannahatta und in jeder Stadt dieser Staaten im Inland und an der Seeküste
Und in den Feldern und Wäldern und über jedem Kiel klein oder groß, der dies Wasser furcht,
Ohne Bauwerke, Regeln, Verwalter und ohne jeden Beweisgrund
Die Institution der innigen Liebe von Kameraden.
DAS PRÄRIEGRAS DURCHSCHREITEND
Das Präriegras durchschreitend, seinen besonderen Duft atmend,
Rufe ich nach seinem Gleichnis im Geist,
Rufe nach der reichsten und innigsten Kameradschaft von Männern,
Rufe die Halme von Worten, Taten, Wesen auf, zu sprießen:
Die aus der freien Luft, rauh, sonnig, frisch, saftvoll,
Die ihren eigenen Gang gehen, aufrecht, mit Freiheit und Willen einherschreitend, führend, nicht folgend;
Die voll niegeduckter Kühnheit, die, deren Fleisch süß und lustvoll ist, rein von Makel,
Die, welche gleichmütig in die Gesichter von Präsidenten und Herrschern blicken, wie um zu sagen: „Wer bist du?“—
Männer voll irdischer Leidenschaft, einfach, nie bezwungen, nie gehorsam,
Männer aus Inneramerika.
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WENN ICH HÖRE VON DEM RUHM
Wenn ich höre von dem Ruhm, den Helden sich erobert,
Und den Siegen mächtiger Feldherrn, so beneide ich nicht die Feldherrn
Noch den Präsidenten in seiner Residenz, noch den Reichen in seinem großen Hause;
Aber wenn ich höre von der Bruderliebe von Freunden, wie es mit ihnen stand,
Wie sie zusammen durchs Leben gingen, durch Haß, Gefahren, unverändert, lange, lange Zeit,
Durch Jugend und Manneszeit und Alter; wie unerschütterlich, wie liebevoll und treu sie waren,
Dann bin ich nachdenklich, — ich gehe hastig hinweg, erfüllt vom bittersten Neide.
HIER MEINE ZARTESTEN HALME
Hier meine zartesten Halme und doch, die am kräftigsten dauern,
Hier beschatte und berge ich meine Gedanken, ich selber offenbare sie nicht,
Und dennoch offenbaren sie mich, mehr als alle meine andern Gedichte.
KEINE ARBEITSPARENDE MASCHINE
Keine arbeitsparende Maschine,
Keine Entdeckung hab ich gemacht,
Noch werd ich imstande sein, irgendeine reiche Stiftung zu hinterlassen zur Gründung eines Hospitals oder einer Bibliothek,
Noch die Erinnerung irgendeiner Heldentat für Amerika,
Noch literarischen Erfolg, noch Intellekt, noch Buch für das Bücherbrett,
Doch ein paar Lieder, zitternd durch die Luft, laß ich zurück
Für Liebende und Kameraden.
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ICH TRäUMTE IN EINEM TRAUM
Ich träumte in einem Traum, ich sähe eine Stadt, unüberwindlich den Angriffen der ganzen übrigen Erde,
Ich träumte, das sei die neue Stadt der Freunde,
Nichts Größeres geb es dort, als die Fähigkeit zu kraftvoller Liebe, sie führte alles,
Sie offenbarte sich jegliche Stunde in allem Tun der Menschen dieser Stadt
Und in all ihren Blicken und Worten.
AN EINEN KNABEN AUS DEM WESTEN
Vielerlei in dich aufzunehmen lehre ich dich, um dir zu helfen, mein Schüler zu werden,
Doch wenn nicht Blut gleich meinem durch deine Adern kreist,
Wenn du nicht schweigend erwählt wirst von Liebenden und nicht schweigend Liebende erwählst,
Was hat es für einen Zweck, daß du mein Schüler zu werden suchst?
FEST VERANKERT UND EWIG, O LIEBE!
Fest verankert und ewig, o Liebe! O Weib, das ich liebe!
O Braut! O Gattin! Unwiderstehlicher, als ich es sagen kann, ist der Gedanke an dich!
Gesondert aber und gleichwie körperlos und aus andern Bereichen geboren,
Ätherisch, die höchste starke Realität, meine Tröstung,
Zu der ich emporsteige, in deren Regionen ich schwebe, ist die Liebe zu dir, o Mann,
O Gefährte meines schweifenden Lebens.
DIESER SCHATTEN, MEIN EBENBILD
Dieser Schatten, mein Ebenbild, der hin und her geht und Zeitvertreib, Scherz und Gespräche sucht,
Wie oft ertappe ich mich, wie ich stehe und sehe, wie er vorbeihuscht,
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Wie oftmals frage und zweifle ich, ob ich das wirklich bin;
Aber wenn ich mit denen bin, die mich lieben, und diese Lieder singe,
O dann zweifle ich nie, ob ich das wirklich bin.
VOLL LEBEN JETZT
Voll Leben jetzt, greifbar und sichtbar,
Vierzig Jahre alt im dreiundachtzigsten Jahr der Staaten,
Sende ich einem, der ein Jahrhundert oder viele Jahrhunderte später lebt,
Sende ich dir diese Gedichte, und suche dich.
Wenn du sie liest, bin ich, der sichtbar war, unsichtbar geworden,
Du bist es nun, der, greifbar, sichtbar, meine Gedichte lebendig macht und der mich sucht
Und der sich ausdenkt, wie glücklich er wäre, könnte ich bei ihm sein und wäre sein Kamerad;
Sei's, als w ä r ich bei dir! (Sei nicht zu sicher, daß ich nicht jetzt bei dir bin.)
EIN GESANG DER FREUDEN
O zu dichten den jubelndsten Gesang,
Voller Musik, — voller Mannheit, Weibheit, Kindheit!
Voller Alltagstun, — voller Korn und Bäumen.
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O die Stimmen der Tiere, — o die Geschwindigkeit und das Gleichgewicht der Fische!
O das Fallen der Regentropfen in einem Liede!
O Sonnenschein und Wellenschlag in einem Liede!
O die Lust meines Geistes, — er ist uneingesperrt, — schießt hin wie Blitze!
Es ist nicht genug, diesen Erdball zu haben und eine Spanne Zeit,
Tausend Erdkugeln will ich haben und alle Zeit!
O die Freuden des Ingenieurs! auf einer Lokomotive zu fahren!
Das Zischen des Dampfes zu hören, den lustigen Schrei, die Dampfpfeife, die lachende Lokomotive!
Vorzudringen in unaufhaltsamer Fahrt und hinzueilen in Ferne.
O das glückselige Schweifen über Felder und Hügel!
Die Blätter und Blüten des gewöhnlichsten Unkrauts, die feuchte, frische Stille der Wälder,
Der köstliche Geruch der Erde bei Tagesanbruch und am ganzen Vormittag.
O des Reiters und der Reiterin Freuden!
Der Sattel, der Galopp, der Druck im Sitz, das kühle Sausen an Ohren und Haar.
O die Freuden des Feuerwehrmannes!
Ich höre den Alarm in der totenstillen Nacht,
Ich höre Glocken, Rufe! Ich dringe durch die Menge, ich renne!
Der Anblick der Flamme berauscht mich mit Lust.
O die Freude des muskelstarken Fechters, der hochragend und ohne Fehl in der Arena steht, seiner Kraft bewußt, dürstend nach seinem Gegner.
O die Freude des weiten, ursprünglichen Mitgefühls, das allein die menschliche Seele zu erzeugen und auszugießen vermag in steten, endlosen Fluten.
O die Freude der Mutter!
Das Behüten, Erdulden, die kostbare Liebe, die Qual, das geduldig hingegebene Leben.
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O die Freude des Zunehmens und Wachsens, der Erneuerung,
Die Freude des Tröstens und Beruhigens, die Freude der Eintracht und des Einklangs.
O zurückzukehren an den Ort, wo ich geboren wurde,
Noch einmal die Vögel singen zu hören,
Im Haus und in der Scheune und in den Feldern noch einmal zu schweifen,
Und im Obstgarten und auf den alten Pfaden noch einmal.
O aufgewachsen zu sein an Meeresbuchten, Lagunen oder an der Küste,
Dort zu bleiben und beschäftigt zu sein mein ganzes Leben lang,
Der salzige, feuchte Geruch, der Strand, der Tang, der bei Ebbe entblößt wird,
Die Arbeit der Fischer, die Arbeit des Aalfischers und des Muschelfischers;
Ich komme mit meiner Muschelharke und Spaten, ich komme mit meinem Aalstecher,
Ist die Flut gewichen? Ich schließe der Schar der Muschelgräber mich an auf den Sandbänken,
Ich lache und grabe mit ihnen, spaße bei meiner Arbeit, ein ausgelassener Bursche.
Im Winter nehme ich meinen Aalkorb und Aalstecher und mache mich auf zu Fuß übers Eis, — ich hab eine kleine Axt, um Löcher ins Eis zu schlagen.
Sieh mich warm angezogen und fröhlich hinausgehn oder nachmittags zurückkehren, begleitet von meiner Brut zäher Jungen,
Meiner Brut erwachsener und halbwüchsiger Jungen, die bei keinem so gern sein mögen wie bei mir,
Am Tage mit mir arbeiten und in der Nacht mit mir schlafen.
Ein andermal bei warmem Wetter hinaus im Boot, die Hummerkörbe heraufzuholen, wo sie mit schweren Steinen versenkt sind (ich kenne die Bojen),
O die Lieblichkeit des Morgens des fünften Monats auf dem Wasder, da ich just vor Sonnenaufgang hinrudere zu den Bojen;
Ich ziehe die Weidenkörbe schräg herauf, die dunkelgrünen Hummern kämpfen verzweifelt mit ihren Scheren, wie ich sie aushebe, ich klemme Holzkeile in die Gelenke der Zangen.
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Ich gehe zu all den Plätzen der Reihe nach und rudere dann ans Ufer zurück,
Dort in riesigem Kessel mit kochendem Wasser sollen die Hummern gesotten werden, bis sie wie Scharlach leuchten.
Ein andermal beim Makrelenfang:
Gefräßig, wild nach dem Köder, nahe der Oberfläche, scheinen sie meilenweit das Wasser zu füllen;
Ein andermal beim Klippfischfang in Chesapeake Bai, ich einer von der gebräunten Mannschaft;
Ein andermal beim Blaufischfang mit Schleppnetzen vor Paumanok, ich steh gespannten Leibs,
Mein linker Fuß ruht auf dem Bord, mein rechter Arm wirft die gerollten dünnen Leinen weit hinaus,
In Sicht um mich her das flinke Wenden und Gleiten von fünfzig Kähnen, meinen Begleitern.
O Bootfahrten auf den Flüssen!
Die Reise den St. Lawrencestrom hinab, die herrliche Landschaft, die Dampfer,
Die Segelschiffe, die „Tausend Inseln“, ein Holzfloß dann und wann, die Flößer mit weitreichenden Schwungrudern,
Die kleinen Hütten auf den Flößen und der Streifen Rauchs, wenn sie am Abend ihr Essen kochen.
(O etwas Gefährliches und Furchtbares!
Etwas weitab von einem schwächlichen, frommen Leben!
Etwas Unbewiesenes! etwas in Verzückung!
Etwas vom Anker Losgerissenes und frei Treibendes.)
O in Bergwerken zu arbeiten, oder Eisen zu schmieden,
Eisen gießen, die Gießerei selbst, das rohe, hohe Dach, der weite und schattige Raum,
Der Hochofen, die heiße Flut, die sich ergießt und hinschießt.
O der Freuden des Soldaten zu gedenken!
Die Nähe eines tapferen Führers zu fühlen,— seine Fürsorge zu fühlen!
Seine Ruhe zu sehen, — erwärmt zu werden von den Strahlen seines Lächelns,
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In die Schlacht zu gehen, — die Hörner blasen und die Trommeln schlagen zu hören!
Das Krachen der Artillerie zu hören, — das Glitzern der Bajonette und Flintenläufe in der Sonne zu sehen!
Männer fallen und ohne Klage sterben zu sehen,
Den wilden Geschmack von Blut zu schmecken,—so teuflisch zu sein,
Sich so zu weiden an Wunden und Tod des Feinds!
O die Freuden des Walfischfängers! O ich fahre wieder meine alte Fahrt!
Ich fühle den Schwung des Schiffes unter mir, ich fühle die atlantische Brise mich fächeln,
Ich höre den Ruf wieder vom Mastkorb: Da bläst er!
Wieder spring ich im Takelwerk empor mit den andern, — wir klettern hinunter, wild vor Erregung,
Ich springe in das herabgelassene Boot, wir rudern hin, wo unsere Beute liegt,
Wir nähern uns vorsichtig und schweigend, ich sehe die bergartige Masse, schläfrig, sich sonnend,
Ich sehe den Harpunier aufstehen, sehe die Waffe seinem kräftigen Arm entfliegen;
O schnell weit hinaus in den Ozean schleppt mich wiederum der verwundete Wal, untertauchend, windwärts fliehend,
Wieder sehe ich ihn auftauchen, um Atem zu holen, wir rudern ganz nahe,
Ich sehe eine Lanze in seine Seite getrieben, tief hineingestoßen und in der Wunde umgedreht,
Wieder flüchten wir rückwärts, ich sehe ihn noch einmal untersinken, das Leben verläßt ihn schnell,
Als er auftaucht, speit er Blut, ich sehe ihn schwimmen in Kreisen enger und enger, wild das Wasser teilend — ich sehe ihn sterben,
Er tut einen krampfhaften Sprung in der Mitte des Kreises und fällt dann schlapp und still in den blutigen Schaum.
O mein Greisenalter, die edelste aller meiner Freuden!
Meine Kinder und Enkelkinder, mein weißes Haar und Bart,
Meine Breite, Ruhe und Würde, gewonnen aus der langen Dauer meines Lebens.
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O gereifte Freude der Weibheit! O Glück zuletzt!
Ich bin mehr als achtzig Jahre alt, ich bin die ehrwürdigste Mutter,
Wie klar ist mein Geist, — wie werden alle zu mir hingezogen!
Was für Anziehungskräfte sind das, mehr als je zuvor? welch ein Blühen, mehr als das Blühen der Jugend?
Welch eine Schönheit ist das, die auch mich niedersinkt und aus mir emporsteigt?
O des Redners Freuden!
Die Brust zu schwellen, den Donner der Stimme aus Rippen und Hals zu rollen,
Die Menge mit dir rasen, weinen, hassen, begehren zu machen,
Amerika zu führen, — Amerika mit gewaltiger Zunge zu bezwingen.
O Lust meiner Seele, die im Gleichgewicht auf sich selber ruht, die ihr Ich durch den Körper gewinnt und es liebt, die andere Wesen schaut und in sich aufnimmt;
Meine Seele zittert zurück zu mir von jenen, von Gesicht, Gehör, Gefühl, Verstand, Laut, Vergleich, Gedächtnis und desgleichen;
Das wahre Leben meiner Sinne und meines Fleisches geht über meine Sinne und mein Fleisch hinaus,
Mein Körper hat die Materie abgetan, mein Sehen hat meine leiblichen Augen abgetan,
Erwiesen ist mir heutigen Tags über allen Zweifel, daß es nicht meine leiblichen Augen sind, die endgültig sehen,
Noch mein leiblicher Körper, der endgültig liebt, geht, lacht, ruft, umarmt, zeugt.
O die Freuden des Farmers!
Die Freuden des Mannes aus Ohio, Illinois, Wisconsin, Kanada, Jowa, Kansas, Missouri, Oregon!
Aufzustehen bei Tagesgrauen und behende zur Arbeit hinauszueilen, Land zu pflügen im Herbst für die Wintersaat,
Land zu pflügen im Frühling für Mais,
Obstgärten zu ziehen, Bäume zu pfropfen, Äpfel zu ernten im Herbst.
O im Schwimmbad zu baden oder an guter Stelle am Ufer,
Im Wasser zu plantschen! knöcheltief zu waten, oder nackt zu rennen am Ufer entlang.
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O des Raums sich bewußt zu werden!
Der Fülle des Alls! Daß es keine Grenzen gibt!
Emporzutauchen und mit dem Himmel, mit Sonne, Mond und fliegenden Wolken zu sein, wie eines der Ihren.
O die Freude männlichen Selbstgefühls!
Keinem dienstbar zu sein,
Zu schreiten in aufrechter Haltung mit leichtem, federndem Schritt,
Zu schauen mit ruhigem Blick oder blitzendem Auge,
Zu sprechen mit voller, tönender Stimme aus breiter Brust,
Die eigne Persönlichkeit entgegenzustellen allen andern Persönlichkeiten der Erde.
Kennst du die herrlichen Freuden der Jugend?
Freuden der lieben Gefährten und fröhlichen Worts und lachenden Angesichts?
Freude des frohen, lichtstrahlenden Tags, Freude hochatmender Spiele?
Freude süßer Musik, Freude des leuchtenden Ballsaals und der Tänzer?
Freude reichlichen Mahls, wilden Schlemmens und Zechens?
Doch, o du Höchste, meine Seele!
Kennst du die Freuden sinnender Gedanken?
Freuden des freien, einsamen Herzens, des zärtlichen, dunkeln Herzens?
Freuden des einsamen Wanderns, ehrerbietigen Geistes, doch stolz; das Leiden und Ringen?
Die tödlichen Wehen, Ekstasen, Freuden des stillen Denkens bei Tag und Nacht?
Freuden des Gedankens an den Tod, an die großen Sphären Zeit und Raum?
Seherfreuden besserer, höherer Liebeslust, — die göttliche Gattin, der süße, einzige, vollkommene Gefährte?
Freuden, alle dein eigen, du Unsterbliche, — Freuden, deiner würdig, o Seele!
O so lange ich lebe, Herr des Lebens zu sein, nicht Sklave,
Dem Leben zu begegnen als mächtiger Eroberer,
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Keine Dünste noch Langeweile, keine Klagen noch hämisches Kritteln mehr;
Diesen stolzen Gesetzen der Luft, des Wassers und der Erde zu zeigen, daß meine innere Seele unerschütterlich ist,
Und daß nichts äußeres je Gewalt über mich haben soll.
Denn nicht die Freuden des Lebens allein singe ich: immer wieder — die Freude des Todes!
Die wundervolle Beruhigung des Todes, besänftigend und betäubend für eine kleine Weile, da es so sein muß,
Ich selbst entlasse meinen verwesenden Körper, daß er verbrannt oder zu Staub gemacht oder begraben werde,
Mein wahrer Leib bleibt mir sicherlich für andere Sphären,
Mein leerer Leib ist mir nichts mehr, er kehrt zur Reinigung zurück, zu ferneren Diensten, zu den ewigen Zwecken der Erde.
O anzuziehen mit mehr als gewöhnlicher Kraft!
Wie es kommt, weiß ich nicht, — doch sieh! das Etwas, das keinem andern gehorcht,
Angreifend, nie abwehrend, — wie magnetisch es zieht!
O zu kämpfen gegen große Übermacht, Feinden unerschrocken zu begegnen!
Ganz allein mit ihnen zu sein, zu erproben, wieviel man aushalten kann!
Streit, Qual, Kerker, Haß des Volkes von Angesicht zu Angesicht zu sehn,
Das Schafott zu besteigen, vor die Mündungen der Gewehre hinzutreten mit vollkommenem Gleichmut!
Wirklich ein Gott zu sein!
O in See zu segeln mit einem Schiff!
Dieses starre, unerträgliche Land zu verlassen,
Die ermüdende Gleichheit der Straßen, Bürgersteige und Häuser zu lassen,
Dich zu verlassen, du festes, unbewegliches Land, ein Schiff zu besteigen
Und segeln, segeln, segeln!
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O das Leben hinfort als Gedicht neuer Freuden zu haben!
Tanzen, händeklatschen, frohlocken, schreien, hüpfen, springen, weiter rollen, weiter schwimmen!
Ein Seefahrer der Welt zu sein, allen Häfen zu,
Selber ein Schiff (ja sieh diese Segel, die ich in Sonne und Luft entfalte),
Ein schnelles, schwellendes Schiff voll reicher Worte, voll Freuden.
GESANG VOM BEIL
1
Schöne Waffe, hell und bloß,
Gezogen aus der Mutter Erde Schoß,
Holz dein Fleisch, Stahl dein Gebein, ein Glied allein, eine Lippe allein,
Graublaues Blatt, in Rotglut geglüht, Schaft, aus kleinen Samen erblüht
Im grünen Gras voll Saft und Kraft,
Feste Stütze, starker Schaft.
Starke Gestalten und Merkmal starker Gestalten, männliches Tun, männliche Bilder und Klänge,
Langer, bunter Zug von Emblemen, Fetzen Musik,
Finger des Organisten, staccato über die Tasten der großen Orgel hüpfend.
2
Gegrüßt alle Länder der Erde, jedes nach seiner Art,
Gegrüßt die Länder der Tanne und Eiche,
Gegrüßt die Länder der Zitrone und Feige,
Gegrüßt die Länder des Golds,
Gegrüßt die Länder voll Weizen und Mais, gegrüßt die des Weins,
Gegrüßt die Länder voll Zucker und Reis,
Gegrüßt die Baumwolländer, die Länder der weißen Kartoffel, der süßen Kartoffel,
Gegrüßt die Gebirge, Ebenen, Wüsten, Wälder und Steppen,
Gegrüßt die reichen Ufer von Flüssen, Lichtungen und Plateaus,
- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 147] - - - - - - - - - - - - - - - - - -
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Gegrüßt die unermeßlichen Weideländer, gegrüßt der fruchtbare Boden, der Obst, Flachs, Honig und Hanf trägt;
Gegrüßt nicht minder die andern, rauheren Länder,
Länder so reich wie Goldund Weizenund Fruchtland,
Länder der Minen, Länder der männlichen, rauhen Erze,
Länder der Kohle, des Kupfers, Bleis, Zinns und Zinks,
Länder des Eisens — Geburtsländer des Beils.
3
Der Klotz auf dem Holzstoß, das Beil, das daran lehnt,
Die Waldhütte, die Rebe über der Tür, der gesäuberte Gartenplatz,
Das unregelmäßige Tropfen des Regens die Blätter hinab, nachdem das Gewitter verrauscht ist,
Das Klagen und Stöhnen von Zeit zu Zeit, der Gedanke ans Meer,
Der Gedanke an Schiffe, vom Sturm getroffen, auf die Seite geschleudert, die Masten gebrochen,
Das Gefühl von den mächtigen Balken altmodischer Häuser und Scheunen,
Die Erinnerung an ein Buch oder eine Erzählung, die Reise von Männern, Familien, Waren auf gut Glück,
Die Landung, die Gründung einer neuen Stadt,
Die Reise derer, die ein Neu-England suchten und fanden, der Anfang irgendwo,
Die Siedlungen von Arkansas, Colorado, Ottawa, Willamette,
Der langsame Fortschritt, die kärgliche Kost, das Beil, die Büchse, die Satteltaschen;
Die Schönheit aller wagemutigen Abenteurer,
Die Schönheit der Waldburschen und Waldleute mit ihren klaren, ungepflegten Gesichtern,
Die Schönheit der Freiheit, des Aufbruchs, des Handelns, das auf sich selber gestellt ist,
Die Verachtung des Amerikaners gegen Satzung und Brauch, die schrankenlose Ungeduld gegen Zwang,
Der freie Trieb des Charakters, das Aufblitzen von Möglichkeiten in irgendeinem Typus, die Festigung;
Der Schlächter im Schlachthaus, die Mannschaft an Bord von Schonern und Schaluppen, der Flößer, der Kolonist,
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Holzarbeiter in ihrem Winterlager, Tagesbeginn in den Wäldern, Schneestreifen auf den Ästen der Bäume, das Knacken dann und wann,
Der frohe, klare Klang der eigenen Stimme, der heitre Gesang, das natürliche Leben im Wald, das kraftvolle Tagewerk,
Das lohende Feuer bei Nacht, der frische Geschmack des Mehls, das Gespräch, das Bett aus Tannenzweigen und Bärenfell;
Der Hausbauer bei der Arbeit in Städten und anderswo,
Das Verpassen, Vermessen, Sägen, Verzapfen zuvor,
Das Hochwinden der Balken, die an ihren Platz gebracht und gerichtet werden,
Das Einfügen der Enden mit ihren Zapfen in die Zapfenlöcher, so wie es zuvor berechnet war,
Die Schläge der Schlegel und Hämmer, die Stellungen der Männer, ihre gebogenen Glieder,
Wenn sie sich bücken, rittlings über den Balken stehen, Nägel einschlagen, sich an Pfosten und Streben halten,
Der gekrümmte Arm über der Holzfläche, der andere schwingt das Beil,
Die Leute, die den Fußboden legen und die Planken dicht aneinander rücken, um sie zu nageln,
Ihre Stellungen, um von unten mit ihren Werkzeugen an die Träger heranzukommen,
Das Echo, das durch das leere Gebäude schallt;
Das riesige Lagerhaus, das in der City gebaut wird und schon im Werden ist,
Die sechs Leute, die das Gerüst bauen und sorgsam, zwei in die Mitte und zwei an jedem Ende, eine schwere Stange auf ihren Schultern tragen, um sie als Kreuzbalken zu verwenden,
Die dichte Reihe der Maurer mit Maurerkellen in ihrer rechten Hand, die hurtig die lange Seitenmauer legen, zweihundert Fuß von der Front bis zur Rückwand,
Das geschmeidige Auf und Nieder der Rücken, das beständige Ticken der Maurerkellen gegen die Ziegel,
Die Ziegel alle der Reihe nach so kunstgerecht an ihre Stelle gelegt und mit einem Stoß des Kellengriffes befestigt,
Die Haufen von Baustoff, der Mörtel auf den Mörtelbrettern, der ständig ergänzt wird aus dem Trog;
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Spierenmacher in ihrem Hof, die wimmelnde Reihe gutgewachsener Lehrburschen,
Der Schwung ihrer Beile auf den vierkantigen Balken, um ihm die Form eines Mastes zu geben,
Das flinke, kurze Knirschen des schräg in das Kiefernholz getriebenen Stahls,
Die butterfarbigen Späne, die in großen Flocken und Schuppen herumfliegen,
Die geschmeidige Bewegung kräftiger junger Arme und Hüften in leichter Kleidung;
Der Erbauer von Werften, Brücken, Piers, Molen, Flößen, Dämmen gegen die See;
Der städtische Feuerwehrmann, das Feuer, das plötzlich ausbricht an dem dichtgedrängten Platz,
Die anfahrenden Spritzen, die heisern Rufe, das kühne, behende Hin und Her,
Der laute Befehl durch die Feuertrompeten, die Ordnung in Reihen, das Auf und Nieder der Arme, die Wasser pumpen,
Die schlanken, zuckenden, blauweißen Strahlen, das Anbringen der Feuerleitern und ihre Verwendung,
Das Krachen herausgehauenen Holzwerks zwischen den Mauern oder der Fußböden, unter denen das Feuer schwelt,
Die gaffende Menge mit angeleuchteten Gesichtern, der Glanz und die dichten Schatten;
Der Schmied am Schmiedeherd und der zweite, der das Eisen hämmert,
Der Beile macht, groß und klein, und der Schweißer und Härter,
Der Käufer, der seinen Atem haucht auf den kalten Stahl und die Schneide mit seinem Daumen versucht,
Der Mann, der den Schaft glättet und ihn fest in die Hülse treibt;
Die schattenhaften Züge all derer, die dereinst auch Beile führten,
Die geduldigen Handwerker früher Zeiten, die Architekten und Ingenieure,
Die uralten Bauten von Assyrien und Mizra,
Die Liktoren Roms, die den Konsuln voranschritten,
Der alte europäische Krieger mit seinem Beil im Kampf,
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Der erhobene Arm, die schallenden Schläge auf das behelmte Haupt,
Das Todesgeheul, der schlaff hintaumelnde Körper, das Herzueilen von Freund und Feind,
Die Belagerung aufständischer Lehnsleute, die sich Freiheit geschworen,
Die Aufforderung zur Übergabe, die wilden Schläge ans Burgtor, der Waffenstillstand und die Verhandlung,
Die Plünderung einer Stadt in alter Zeit,
Das Einbrechen der Söldner und Glaubensfeinde in wildem Gewühl,
Gebrüll, Flammen, Blut, Trunkenheit, Wahnsinn,
Schätze, frech aus Häusern und Kirchen geraubt, Schrei von Weibern unter dem Griff von Räubern,
Diebische Künste der Lagerhyänen, Männer im Lauf, Greise im Jammer,
Die Hölle des Kriegs, die Grausamkeiten des Glaubens,
Die ganze Liste leibhaftiger Taten und Worte, recht oder unrecht,
Die Gewalt der Persönlichkeit, recht oder unrecht.
4
Muskel und Mut für immer!
Was das Leben stärkt, stärkt auch den Tod,
Und die Toten kommen so weit, wie die Lebenden kommen,
Und Zukunft ist nicht ungewisser als Gegenwart,
Denn die Rauhheit von Erde und Mensch umschließt so viel wie die Zartheit von Erde und Mensch,
Und nichts ist dauerhaft, außer persönlichen Eigenschaften.
Was hältst du für dauerhaft?
Hältst du eine große Stadt für dauerhaft?
Oder einen wimmelnden Industriestaat? oder eine wohlgegründete Verfassung? oder die bestgebauten Dampfschiffe?
Oder Hotels aus Granit und Stahl? oder sonst irgendwelche Meisterwerke der Technik, Festungen, schweres Geschütz?
Hinweg damit! Diese sollen nichts gelten um ihrer selbst willen,
Sie erfüllen ihre Stunde, die Tänzer tanzen, die Musikanten spielen für sie,
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Die Schau geht vorüber, alles ist sicherlich gut und schön,
Alles ist gut und schön, bis ein Blitz der Herausforderung leuchtet.
Eine große Stadt ist die, die die größten Männer und Frauen hat,
Und wären es nur ein paar lumpige Hütten, so wäre es doch die größte Stadt in der ganzen Welt.
5
Die Stätte, wo eine große Stadt steht, ist nicht die Stätte weitgestreckter Werften, Docks, Fabriken, Speicher allein,
Noch die Stätte nie endender Grüße von Neuankommenden oder von Ausfahrenden, die ihre Anker lichten,
Noch die Stätte der höchsten und teuersten Bauwerke oder der Läden, die Güter aus aller Herren Länder verkaufen,
Noch die Stätte der besten Bibliotheken und Schulen, noch die Stätte, wo Geld am reichlichsten rollt,
Noch die Stätte der zahlreichsten Bevölkerung.
Wo die Stadt steht, die das stärkste Geschlecht von Rednern und Dichtern hat,
Wo die Stadt steht, die von ihnen geliebt wird und sie wiederliebt und versteht,
Wo es kein Denkmal für Helden gibt, außer in den Worten und Taten des Alltags,
Wo Sparsamkeit an ihrem Ort ist und Klugheit an ihrem Ort,
Wo die Männer und Frauen nicht viel von Gesetzen halten,
Wo es keine Sklaven mehr gibt und keine Herren von Sklaven,
Wo die Bevölkerung unverweilt sich erhebt gegen die nimmersatte Anmaßung gewählter Führer,
Wo unbändige Männer und Frauen ausströmen, gleichwie die See auf den Pfiff des Todes ihre befreiten, alles niederreißenden Wogen verströmt,
Wo äußere Autorität allezeit hinter innerer Autorität zurücksteht,
Wo der Bürgermeister allezeit das Haupt und das Ideal ist, und Präsident, Bürgermeister, Statthalter, oder wer sonst, nur bezahlte Beauftragte sind,
Wo Kindern gelehrt wird, sich selber Gesetz zu sein und auf sich selber zu stehen,
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Wo Gleichmut bewiesen wird in Geschäften,
Wo Betrachtung der Seele gefördert wird,
Wo Frauen in öffentlichen Umzügen durch die Straßen gehen, ebensogut wie die Männer,
Wo sie in öffentliche Versammlungen gehen und dort ihre Plätze einnehmen, ebensogut wie die Männer,
Wo die Stadt der treuesten Freunde steht,
Wo die Stadt der Reinheit der Geschlechter steht,
Wo die Stadt der gesündesten Väter steht,
Wo die Stadt der bestgestalteten Mütter steht,
Dort steht die große Stadt.
6
Wie bettelhaft erscheinen alle Beweisgründe vor einer trotzigen Tat!
Wie schrumpft aller blühende Reichtum von Städten zusammen vor eines Mannes oder Weibes Blick!
Alles stockt oder geht, so gut es geht, bis ein starker Mensch erscheint;
Ein starker Mensch ist der Beweis für die Rasse und für die Kräfte des Weltalls,
Wenn er oder sie erscheint, ist alles Materielle gebannt,
Alles Streiten über die Seele hört auf,
Die alten Bräuche und Phrasen werden geprüft, verworfen oder beiseite getan.
Was ist dein Geldverdienen jetzt? was kann es jetzt nützen?
Was ist deine Achtbarkeit jetzt?
Was ist deine Theologie, Erziehung, Gesellschaft, deine Traditionen, Gesetzbücher jetzt?
Was sind deine Lebenskünste jetzt?
Was ist dein Tüfteln über die Seele jetzt?
7
Eine öde Landschaft ist über das Erzlager gebreitet;
Dort liegt ein Gut, so gut wie das Beste, dem widrigen Schein zum Trotz,
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Dort ist die Mine, dort sind die Bergleute,
Dort ist der Schmelzofen, der Guß ist vollendet, die Männer sind bei der Hand mit ihren Zangen und Hämmern,
Was uralte Dienste leistete und immer noch leistet, ist bei der Hand.
Besser als dies hat nichts gedient, es hat allen gedient,
Gedient den leichtzüngigen, zartsinnigen Griechen und lange Zeit vor den Griechen,
Gedient beim Bau von Gebäuden, die fester stehen als alle,
Gedient dem Juden, dem Perser, dem uralten Inder,
Gedient dem Erdhüttenbauer am Mississippi und denen, deren Überreste in Mittelamerika liegen,
Gedient den Albischen Tempeln in Wäldern oder auf Hochflächen mit unbehauenen Pfeilern und mit ihren Druiden,
Gedient den künstlichen Höhlen, weit, hoch, still, auf den schneebedeckten Bergen Skandinaviens,
Denen gedient, die vor undenklicher Zeit in die Granitwände rohe Skizzen gruben von Sonne, Mond, Sternen, Schiffen und Meereswogen,
Gedient auf den Pfaden des Einfalls der Goten, gedient den Nomaden und Hirtenstämmen,
Gedient dem Kelten im fernen Norden, den kühnen Piraten der Ostsee,
Gedient noch lange vor alledem den ehrwürdig-unschuldigen Menschen Äthiopiens,
Gedient, um Ruder zu machen für Lustgaleeren und Kriegsgaleeren,
Gedient allem großen Vollbringen zu Wasser und Land,
Im Mittelalter und Altertum,
Gedient nicht den Lebenden nur, damals wie jetzt, — gedient auch den Toten.
8
Ich sehe den europäischen Scharfrichter,
Er steht maskiert, gekleidet in Rot, mit mächtigen Schenkeln und starken, nackten Armen
Und lehnt auf einem gewichtigen Beil.
(Wen hast du zuletzt geschlachtet, europäischer Scharfrichter?
Wes ist das Blut auf dir, so klebrig und naß?)
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Ich sehe den leuchtenden Untergang von Märtyrern,
Ich sehe die Geister herabsteigen vom Schafott,
Geister getöteter Lords, entkrönter Frauen, angeklagter Minister, gestürzter Könige,
Rivalen, Verräter, Giftmischer, in Ungnade gefallener Führer und aller der andern.
Ich sehe die, die in allen Ländern gestorben sind für die gute Sache,
Die Saat ist spärlich, aber das Korn wird niemals ausgehn.
(Gedenkt, o Könige fremder Länder, o Priester, das Korn wird niemals ausgehn.)
Ich sehe all das Blut hinweggewaschen von dem Beil,
Klinge und Schaft sind beide rein,
Sie lassen nicht mehr das Blut des Adels Europas spritzen, sie greifen nicht mehr in die Nacken von Königinnen.
Ich sehe den Scharfrichter verschwinden und unnütz werden,
Ich sehe das Schafott vermodert und leer, ich sehe kein Beil mehr auf ihm,
Ich sehe das mächtige, freundliche Sinnbild der Kraft meiner eigenen Rasse, der jüngsten und größten von allen.
9
(Amerika! Ich prahle nicht mit meiner Liebe zu dir,
Ich weiß, was ich habe.)
Das Beil klingt!
Dem starken Forst entströmen Gebilde,
Sie stürzen hervor, erheben und formen sich,
Hütte, Zelt, vermessenes Land,
Dreschflegel, Pflug, Hacke, Brechstange, Spaten,
Schindel, Zaun, Pfahl, Getäfel, Türpfosten, Latte, Türfüllung, Giebel,
Zitadelle, Zimmerdecke, Salon, Akademie, Orgel, Ausstellungsgebäude, Bibliothek,
Fries, Spalier, Pilaster, Balkon, Fenster, Türen, Portal,
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Harke, Rechen, Heugabel, Bleistift, Lastwagen, Stock, Säge, Hobel, Schlegel, Keil, Raspel,
Stuhl, Faß, Reifen, Tisch, Tür, Wetterfahne, Fensterrahmen, Fußboden,
Werkzeugkasten, Kiste, Saiteninstrument, Boot, Bilderrahmen und was nicht alles,
Kapitole von Staaten und Kapitole des Bundes von Staaten,
Lange, stattliche Häuserreihen in Avenuen, Waisenhäuser, Armenund Krankenhäuser,
Dampfund Segelschiffe Manhattans, die alle Meere durchmessen.
Gestalten steigen!
Gestalten aller, die Beile führen, und all ihrer Nachbarn,
Holzfäller und Flößer vom Penobscot oder Kennebec,
Hüttenbewohner der kalifornischen Berge oder an kleinen Seen oder auf dem Kolumbia,
Siedler im Süden am Ufer des Gila und Rio Grande, ihre trauliche Runde, die verschiedenen Charaktere, der Spaß, den sie treiben,
Siedler am St. Lawrence entlang oder nördlich in Kanada, oder unten am Yellowstone, Siedler an Küsten und fern von Küsten,
Seehundjäger, Walfischfänger, Polarfahrer, die sich Wege brechen durchs Eis.
Gestalten zeigen!
Fabriken, Zeughäuser, Gießereien, Märkte,
Die doppelgleisigen Eisenbahnstrecken,
Brückenschwellen, hohe Gerüste, Brückenträger und Bögen,
Flotten von Booten und Schleppern, See-, Flußund Kanalfahrt,
Schiffswerften und Trockendocks an den Küsten in Ost und West und vielen Buchten und Nebenstellen,
Die Eichenkiele, die Fichtenplanken, die Spieren,
Die Schiffe selber auf ihren Seestraßen, die Sitzreihen von Tribünen, die Arbeiter drinnen und draußen bei ihrer Arbeit,
Das herumliegende Handwerkszeug, der große Bohrer und kleine Bohrer, das Breitbeil, Bolzen, Richtschnur, Winkelmaß, Meißel und Hobel.
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10
Gestalten steigen!
Gemessen, gesägt, gehobelt, verzapft und gefärbt,
Die Form des Sargs für den Toten, darin er liegen soll im Leichentuch,
Die Form von Pfosten, Pfosten der Bettstatt, Pfosten des Brautbetts,
Die Form der winzigen Mulde, der Schaukelbretter darunter, der Wiege des Säuglings,
Die Form der Planken der Diebe für die Füße der Tänzer,
Die Form der Planken des Wohnhauses, des Heims der freundlichen Eltern und Kinder,
Die Form des Daches des Heims des glücklichen jungen Mannes und Weibes, des Daches über dem glücklich vermählten jungen Mann und Weib,
Des Daches über dem Mahl, fröhlich gekocht von dem keuschen Weib und fröhlich verzehrt von dem keuschen Gatten, zufrieden nach seines Tages Arbeit.
Gestalten!
Die Anklagebank im Gerichtshof, und er oder sie, die dort sitzen,
Der Schenktisch, an dem der junge Schapstrinker lehnt und der alte Schapstrinker lehnt,
Die schamvoll zornig knarrenden Stufen unter Schritten von Schleichern,
Die verborgene Bank und das ehebrecherische, verworfene Paar,
Der Spieltisch mit seinem Teufelsgewinn und -verlust,
Die Leiter für den schuldigen, gerichteten Mörder, der Mörder mit hagerm Gesicht und gefesselten Armen,
Der Richter daneben mit seinen Begleitern, die schweigende Menge mit bleichen Lippen, das Schlenkern des Seils.
Gestalten steigen!
Türen, die vielerlei Ausgang und Eingang sehen,
Die Tür, durch die der verschmähte Freund erhitzt und hastig hinauseilte,
Die Tür, die gute Botschaft und schlechte Botschaft einläßt,
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Die Tür, durch die der Sohn zuversichtlich und aufgeblasen das Haus verließ,
Die Tür, durch die er wiederum eintrat nach langem, schimpflichem Fernsein, krank, niedergebrochen, seiner Unschuld und aller Mittel beraubt.
11
I h r e Gestalt steigt auf,
Minder behütet als je, doch mehr behütet als je,
Roheit und Schmutz, durch die sie geht, machen sie nicht schmutzig und roh,
Sie kennt die Gedanken, indes sie vorübergeht, nichts ist ihr verborgen,
Sie ist darum nicht weniger freundlich und fürsorglich,
Sie ist die am meisten geliebte, überall; sie hat keinen Grund, sich zu fürchten und fürchtet sich nicht,
Flüche, Streit, betrunkene Lieder, schmutzige Worte sind nicht vorhanden für sie, indes sie vorübergeht,
Sie ist schweigsam, sie ist im Besitz ihrer selbst, sie verletzen sie nicht,
Sie nimmt sie entgegen, gleichwie die Naturgesetze sie nehmen, sie ist voll Kraft,
Auch sie ist Naturgesetz, — es gibt kein Gesetz, das stärker wäre als sie.
12
Die höchsten Gestalten steigen empor!
Gestalten allumfassender Demokratie, Frucht von Jahrhunderten,
Gestalten, die immer neue Gestalten erzeugen,
Gestalten stürmischer, männlicher Städte,
Gestalten der Freunde und Gastgeber der ganzen Erde,
Gestalten, erfrischend die ganze Erde und erfrischt von der ganzen Erde.
AN DICH
Wer immer du bist, ich fürchte, du wandelst die Wege des Traums,
Ich fürchte, diese scheinbaren Wirklichkeiten sind bestimmt, unter deinen Füßen und Händen hinwegzuschmelzen,
Ja, schon jetzt schwinden deine Gesichtszüge, Freuden, deine Sprache, dein Haus, Geschäft, dein Benehmen, deine Sorgen, Torheiten, deine Kleidung, deine Verbrechen hinweg von dir,
Deine wahre Seele und dein wahrer Leib erscheinen vor mir,
Sie steigen empor aus all deinem Tun, aus Handel, Geschäften, Arbeit, Farmen, Kleidern, aus Haus und Kauf und Verkauf und Essen, Trinken, Leiden und Sterben.
Wer immer du bist, hier lege ich meine Hand auf dich, daß du mein Gesicht seist,
Ich flüstre mit meinen Lippen dicht an deinem Ohr,
Ich habe viele Frauen und Männer geliebt, aber keinen liebe ich mehr als dich.
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O ich war nachlässig und stumm,
Ich hätte schon längst geradeswegs zu dir kommen sollen,
Ich hätte von nichts anderem reden sollen, als von dir, ich hätte nichts singen sollen, als dich.
Ich will alles lassen und kommen und die Hymnen dichten von dir,
Keiner hat dich verstanden, doch ich verstehe dich,
Keiner ist dir gerecht geworden, du selbst bist dir nicht gerecht geworden,
Alle fanden dich unvollkommen, ich allein finde keine Unvollkommenheit in dir,
Alle wollten dich unterordnen, ich allein werde niemals einwilligen, dich unterzuordnen,
Ich allein bin der, der keinen Meister, Herrn, Vorbild, Gott über dich stellt, über das, was in deinem eigenen Innern wartet.
Maler haben ihre vielköpfigen Gruppen gemalt und die Hauptfigur in der Mitte
Und strahlend vom Scheitel der Hauptfigur eine Glorie goldfarbenen Lichts,
Ich aber male Myriaden von Häuptern und male kein Haupt ohne seine Glorie goldfarbenen Lichts,
Durch meine Hand strömt sie vom Hirn jedes Mannes und Weibes aus, leuchtend für ewig.
O solche Größe und Glorie könnte ich singen von dir!
Du hast nicht gewußt, wer du bist, du hast auf dir selber geschlummert dein Leben lang,
Deine Lider waren so gut wie geschlossen die ganze Zeit,
Was du getan hast, zeigt sich schon jetzt als Blendwerk.
(Dein Streben, Wissen und Beten, ist es nicht Blendwerk, was ist es denn?)
Das Blendwerk bist nicht du,
Unter und in ihm sehe ich dich verborgen,
Ich suche dich, wo dich noch keiner gesucht hat,
Schweigen, das Arbeitspult, geschwätzige Mienen, die Nacht, die angewöhnte Routine, mögen sie dich vor andern und vor dir selber verbergen, sie verbergen dich nicht vor mir,
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Das glattrasierte Gesicht, das unstete Auge, die unreine Haut, mögen sie andere hindern, mich hindern sie nicht,
Die modische Kleidung, die Mißgestalt, Trunkenheit, Gier, vorzeitigen Tod, sie alle schieb ich beiseite.
Es gibt keine Begabung in Mann oder Weib, die nicht ihr Widerspiel fände in dir,
Es gibt keine Tugend noch Schönheit in Mann oder Weib, die nicht auch lebte in dir,
Keinen Mut, keine Standhaftigkeit in andern und nicht auch in dir,
Keine Lust, die andern bereitet wäre und nicht auch dir.
Was mich angeht, so gebe ich keinem etwas, es sei denn, ich gäbe genau dasselbe auch dir,
Ich singe die Lieder der Herrlichkeit keinem, auch Gott nicht, es sei denn, ich sänge sie auch dir.
Wer immer du bist! fordre dein Eigen auf alle Gefahr!
Diese Fülle in Ost und West ist schal, verglichen mit dir,
Diese unermeßlichen Wiesen, diese endlosen Ströme, du bist unermeßlich und endlos wie sie,
Diese rasenden Elemente, Stürme, Wallungen der Natur, diese Krämpfe scheinbarer Auflösung, du bist der oder die, der Meister oder Meisterin ist über sie,
Meister udn Meisterin kraft deines eigenen Rechts über Natur, Elemente, Schmerz, Leidenschaft, Auflösung.
Die Fesseln fallen von deinen Gelenken, du findest unfehlbares Genügen,
Alt oder jung, Mann oder Weib, roh, niedrig, von den andern verworfen, — was immer du bist, macht seinen Weg
Durch Geburt, Leben, Tod, Grab; es ist für alles gesorgt, was du brauchst, mit nichts ist gespart,
Durch Sorgen, Verluste, Ehrgeiz, Unwissenheit, überdruß sucht sich das, was du bist, seinen Weg.
TROMMELSCHLÄGE
DES HUNDERTJÄHRIGEN ERZÄHLUNG
Gib deine Hand mir, alter Freiheitskämpfer,
Die Spitze des Hügels ist nah, nur wenige Schritte noch (gebt Raum, ihr Herren!),
Den Weg herauf bist du mir gut gefolgt, trotz deiner hundert Jahre und mehr,
Du kannst gut laufen, Greis, obschon es beinah um deine Augen getan ist,
Deine Kräfte gehorchen dir und sollen sogleich auch mir von Nutzen sein.
Ruh aus, indes ich dir sage, was die Menschenmenge um uns bedeutet!
Auf dem Plan dort unten üben und exerzieren Rekruten,
Dort ist das Lager, ein Regiment bricht morgen auf,
Hörst du die Offiziere Befehle geben?
Hörst du das Klappern der Waffen?
Wie, was überkommt dich, alter Mann?
Warum bebst du und drückst meine Hand so krampfhaft?
Die Truppen üben ja nur, noch sind sie von Lächeln umgeben,
Rings um sie her die wohlgekleideten Freunde und Frauen,
Wärend strahlend und warm die Nachmittagssonne herabscheint;
Grün ist das Mittsommergras, und frisch bläst die spielende Brise
Über stolze, friedliche Städte und den Arm der See, der sie trennt.
Doch Drill und Parade ist aus — sie marschieren heim in ihre Quartiere,
Hör nur den Beifall! hör, welch ein Händeklatschen!
Sich abwendend bricht nun die Menge auf und zerstreut sich, — wir aber, alter Mann, —
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Nicht umsonst hab ich dich hergeführt, — wir müssen bleiben:
Du, um nun selber zu reden, — und ich, zu lauschen und zu berichten.
Der Hundertjährige
Als deine Hand ich drückte, war's nicht vor Schreck.
Doch plötzlich, über mich flutend hier von ringsumher,
Und drunten, dort, wo die Knaben übten, und über die Höhen, an denen herab sie stürmten,
Und wo die Zelte geschlagen sind, und wo immer nach Süden du schaust und Südost und Südwesten
Über Hügel und Hänge, am Rande der Wälder
Und den Küsten entlang, im Schlamm (jetzt zugeschüttet), kam wieder in jäher Wut,
Gleichwie vor fünfundachtzig Jahren, nicht nur Parade, von Freunden bejubelt,
Nein, eine Schlacht, und ich selber dabei, — ja, wie lange auch her, ich war dabei,
Schreitend über den Hügel hier, denselben Grund.
Ja, das ist der Boden.
Meine blinden Augen selbst, da ich rede, sehen ihn neu bevölkert aus Gräbern,
Die Jahre weichen, Straßen und stattliche Häuser schwinden,
Rauhe Schanzen erscheinen wieder, die alten Kanonen sind aufgefahren,
Ich sehe die Furchen aufgeworfener Erde vom Fluß zur Bai hinab,
Gewahre den Ausblick aufs Wasser, merke die Höhen und Hänge;
Hier stand unser Lager, Sommer war es auch damals.
Indem ich rede, denk ich an alles wieder, denke an den Armeebefehl,
Hier ward er verlesen, das ganze Heer paradierte, hier ward er uns verlesen;
Umgeben von seinem Stab, stand in der Mitte der General, er hielt seinen blanken Degen hoch,
Er glitzerte in der Sonne im Angesicht des ganzen Heers.
Das war eine kühne Tat, — die englischen Kriegsschiffe waren just angelangt,
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Wir konnten sie sehen, dort an der unteren Bai, wo sie Anker warfen,
Und die Transportschiffe wimmelnd von Soldaten.
Wenige Tage später landeten sie, und dann die Schlacht.
Zwanzigtausend wurden gegen uns geschickt,
Alte Feldtruppen, ausgerüstet mit guter Artillerie.
Ich erzähle jetzt nicht die ganze Schlacht,
Nur von einer Brigade, die früh am Vormittag vorgeschickt wurde, die Rotröcke anzugreifen,
Von dieser Brigade spreche ich, und wie unerschütterlich sie marschierte,
Und wie lange und gut sie stand im Angesicht des Todes.
Wer, glaubst du, marschierte so unerschütterlich und ernst im Anblick des Todes?
Es war die Brigade der jüngsten Leute, zweitausend stark,
Ausgehoben aus Virginia und Maryland, und die meisten von ihnen dem General persönlich bekannt.
Munter voran marschierten sie, schnellen Schrittes auf Gowanus Waters zu,
Bis plötzlich, unerwartet, durch Waldschluchten, die sie bei Nacht genommen,
Die Briten herankamen, von Osten sie mit Geschützfeuer umfaßten
Und so die Brigade der Jüngsten abschnitten auf Leben und Tod.
Der General beobachtete sie von diesem Hügel hier.
Sie machten immer neue verzweifelte Versuche, den Ring zu sprengen,
Dann zogen sie sich zusammen, ganz dicht, indes ihre Fahne wehte in ihrer Mitte,
Doch ach, von den Hügeln, wie schlugen die Kugeln in sie,
Mich schaudert noch jetzt vor diesem Schlachten!
Ich sah den Schweiß in Tropfen stehen auf dem Gesicht des Generals,
Ich sah, wie er seine Hände rang in Qual.
Indes manövrierten die Briten, um uns in offene Schlacht zu ziehen,
Aber wir wagten nicht, uns einzulassen auf offene Schlacht.
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Wir fochten den Kampf in Trupps,
In Ausfällen fochten wir an verschiedenen Punkten, aber überall war das Glück gegen uns,
Der Feind drang vor, immer Boden gewinnend, trieb uns zurück zu den Schanzen auf diesem Hügel,
Bis wir uns drohend hier wandten, dann ließen sie von uns ab.
Dies war das Ende der Brigade der Jüngsten, zweitausend stark,
Wenige kamen wieder, fast alle liegen in Brooklyn.
Das war — hier! — meines Generals erste Schlacht,
Nicht Frauen sahen zu, noch schöner Sonnenschein, sie endete nicht mit Beifall,
Niemand klatschte in Hände.
Im Dunkeln, im Nebel, am Boden unter Regen kalt
Lagen wir eine Nacht, erschöpft, geschlagen, verdrossen,
Während von drüben höhnisch herüberlachte manch hochmütiger Lord
Und wir es hören konnten, wie sie ihren Sieg feierten und Weingläser klingen ließen.
So stumpf und dumpf, und noch einen Tag.
Aber in der Nacht danach, als der Nebel sich hob, der Regen nachließ:
Still wie ein Geist, als sie dachten, sie wären seiner gewiß, begann mein General den Rückzug.
Ich sah ihn am Fluß,
An der Fähre drunten, die mit Fackeln beleuchtet war, wie er die hastige Einschiffung leitete;
Mein General wartete, bis die Soldaten und Verwundeten alle hinüber waren,
Und dann (es war just vor Sonnenaufgang) weilten diese Augen auf ihm zum letztenmal.
Alle andern schienen von düsterm Ernst erfüllt,
Mancher gewiß dachte an Kapitulation.
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Aber als mein General an mir vorbeikam,
Als er in seinem Boot stand und gegen die nahende Sonne hinschaute,
Sah ich etwas, das war nicht Kapitulation!
Beschluß
Genug, des Hundertjährigen Erzahlung endet,
Die zwei: Vergangenheit und Gegenwart, haben gewechselt,
Ich selbst als Vermittler, als Sänger großer Zukunft, spreche nun.
Und ist dies der Boden, den Washington trat?
Und diese Wellen, die ich achtlos täglich durchfahre, sind es die Wellen, die er durchfuhr,
So entschlossen im Unglück wie andere Feldherrn in ihren stolzesten Siegen?
Ich muß die Erzählung aufschreiben und sie nach Osten und Westen senden,
Ich muß diesen Blick lebendig erhalten, der über euch Flüsse von Brooklyn glänzte.
Sieh, — da des Jahres Rund zurückkehrt, kehren auch die Geister zurück,
Es ist der 27. August, die Briten gelandet,
Die Schlacht beginnt, das Glück ist gegen uns; sieh durch den Rauch das Antlitz Washingtons,
Die Brigade aus Virginia und Maryland ist vorgerückt, um den Feind zu halten,
Ist abgeschnitten — Geschützfeuer spielt auf sie von den Hügeln mörderisch,
Glied fällt nach Glied, und lautlos über die Fahne,
Getauft an diesem Tag in manches Jünglings Blut,
In Tod und Niederlage und Schwesterund Muttertränen.
Ach, Hügel und Hänge Brooklyns! Kostbarer seid ihr, als eure Besitzer wissen;
Mitten auf euch liegt ein Feldlager gar alt,
Liegt dieser toten Brigade ewige Ruhestatt.
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BEI DES BIWAKS FLACKERNDER FLAMME
Bei des Biwaks flackernder Flamme
Windet ein Zug sich um mich, feierlich, süß und langsam, — doch seh ich zuvor
Die Zelte des schlafenden Heers, der Felder und Wälder dämmrigen Rand,
Das Dunkel erhellt von Flecken Feuers, die Stille,
Fern oder nah gespenstische Form sich regen ab und zu,
Büsche und Bäume (wie ich die Augen erhebe, scheinen sie heimlich mich zu bewachen) —
Während im Zuge Gedanken sich winden, o zarte und wundersame Gedanken,
Von Leben und Tod, von Heimat, Vergangenem und Geliebtem und denen, die weit hinweg sind;
Feierlicher und langsamer Zug, indes ich am Boden sitze
Bei des Biwaks flackernder Flamme.
SELTSAME WACHT HIELT ICH IM FELD EINES NACHTS
Seltsame Wacht hielt ich im Feld eines Nachts. —
Als du, mein Sohn und Kamerad, an diesem Tag an meiner Seite fielst,
Wandte ich nur einen Blick zu dir, den deine lieben Augen erwiderten mit einem Blick, den ich nie vergesse.
Eine Berührung deiner Hand nur erreichte die meine, o Knabe, als du am Boden lagst,
Dann eilte ich weiter in die Schlacht, die unentschiedene Schlacht,
Bis ich, spät in der Nacht erlöst, endlich die Stelle wiederfand,
Dich fand, im Tode so kalt, Kamerad, deinen Körper fand, Sohn, der du meine Küsse erwidert (nie mehr auf Erden erwidern wirst).
Dein Antlitz entblößt ich im Sternenlicht; seltsames Bild, kühl wehte der gelinde Nachtwind,
Lange stand ich alsda auf Wacht, dunkel um mich das Schlachtfeld gebreitet,
Wacht wunderbar, Wacht süß dort in der duftenden, stillen Nacht,
Nicht eine Träne fiel; kein tiefer Seufzer, — lange, lange starrte ich;
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Dann am Boden, halb hingelehnt, saß ich an deiner Seite, mein Knie in die Hände stützend,
Süße Stunden durchlebend, unsterbliche, mystische Stunden mit dir, liebster Gefährte, — keine Träne, kein Wort.
Wacht in Schweigen, Liebe und Tod, Wacht für dich, mein Sohn und Krieger,
Während Sterne droben lautlos hingezogen und im Osten neue sich heraufstahlen;
Letzte Wacht für dich, tapferer Knabe (ich konnte dich nicht retten, jäh war dein Tod,
Ich liebte dich treu und herzlich im Leben; ich denke, wir werden uns sicher wieder begegnen).
Endlich, beim letzten Zögern der Nacht, als just die Dämmerung erschien,
Hüllte ich meinen Gefährten in seine Decke, umschloß seinen Körper wohl,
Faltete die Decke wohl, sorgfältig sie um das Haupt und sorgfältig um die Füße wickelnd,
Und selbigen Orts, gebadet von der aufgehenden Sonne, legte ich meinen Sohn in sein Grab, sein rauhes Grab,
Endend so meine Wacht, Nachtwache im dunklen Schlachtfeld,
Wacht für den Knaben, der meine Küsse erwidert (nie mehr auf Erden erwidern wird),
Wacht für jäh erschlagenen Gefährten, Wacht, die ich nie vergesse: — wie ich, als Tageslicht erschien,
Vom frostigen Boden mich erhob und meinen Krieger wohl in seine Decke hüllte
Und ihn begrub, wo er fiel.
EIN MARSCH IM GLIED
Ein Marsch im Glied, hart verfolgt, und unbekannt der Weg,
Ein Zug durch dichten Wald, mit gedämpftem Tritt in der Finsternis;
Unsre Armee geschlagen mit schwerem Verlust und der mürrische Rest auf dem Rückweg;
Bis nach Mitternacht ein Schein von düster erleuchtetem Bau vor uns aufzuckt.
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Wir kommen zu einem offenen Platz in den Wäldern und halten bei dem düster erleuchteten Bau;
Es ist eine große alte Kirche am Kreuzweg, nun ein Feldlazarett;
Einen Augenblick nur eintretend, seh ich ein Bild, weit über alles, was je gemalt und gedichtet worden,
Schatten von tiefstem, tiefstem Schwarz, dürftig erleuchtet von Kerzen und Lampen hin und her
Und von einer einzigen großen aufgesteckten Pechfackel mit wilder roter Flamme und Wolken von Qualm;
Bei solcher Beleuchtung seh ich Gedränge und Gruppen unkenntlich am Boden, etliche ins Gestühl gelegt;
Zu meinen Füßen deutlicher ein Soldat, ein bloßes Kind, in Gefahr, zu verbluten (er ist in den Unterleib geschossen),
Ich stille das Blut für eine Weile (des Knaben Gesicht ist lilienweiß),
Dann, ehe ich gehe, laß ich die Augen über das Bild hingleiten, begierig, alles zu fassen,
Gesichter, Einzelheiten, Stellungen, nicht zu beschreiben, die meisten im Dunkeln, einige tot,
Wundärzte, die schneiden, Gehilfen, die Lichter halten, der Geruch des Äthers, der Dunst des Blutes,
Die Haufen, o Haufen blutiger Gestalten, der Kirchhof draußen auch voll,
Diese auf bloßer Erde, jene auf Brettern und Bahren, einige schwitzend im Todeskrampf;
Manchmal ein Schrei oder Klagen, die lauten Befehle und Rufe der Ärzte,
Blinken der kleinen Stahlinstrumente im Scheine der Fackel, —
Dies beschwöre ich wieder herauf, da ich singe, ich seh die Gestalten wieder, rieche den Dunst,
Höre dann draußen Kommando: „Antreten, Leute, antreten!“
Doch zuvor noch beuge ich mich zu dem sterbenden Knaben, seine Augen sind offen, ein halbes Lächeln gibt er mir,
Dann schließen die Augen sich, schließen sich ruhig, und ich eile hinaus in die Finsternis,
Wiederum weitermarschierend, immer in Finsternis, in Reih und Glied,
Auf unbekanntem Wege immer noch marschierend.
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EIN GESICHT IM LAGER BEI TAGESANBRUCH
Ein Gesicht im Lager bei Tagesanbruch, grau und trüb,
Da ich aus meinem Zelte tauche schlaflos so früh,
Da ich langsam schreite in der kühlen, frischen Luft den Pfad beim Lazarettzelt,
Drei Gestalten sehe ich unbewacht auf der Bahre hier draußen liegen,
Über jede die Decke gebreitet, weite, bräunliche Decke,
Fahle und schwere Decke, umfaltend, bedeckend alles.
Neugierig halte ich inne und stehe stumm,
Dann mit leiser Hand vom Antlitz des nächsten, des ersten lüft ich die Decke;
Wer bist du, ältlicher Mann, so dürr und grimm, mit tiefergrautem Haar und dem Fleisch um die Augen ganz eingesunken?
Wer bist du, mein lieber Kamerad?
Zum zweiten dann trete ich, — und wer bis du, mein Kind und Liebling?
Wer bist du, Knabe hold, mit Wangen, die noch blühn?
Zum dritten endlich, — ein Antlitz weder Kind noch alt, sehr ruhig, gleichwie aus schönem Elfenbein, gelbweiß;
Jüngling-Mann, ich glaube, ich kenne dich, — ich glaube, dies Antlitz ist das Antlitz Christi selbst,
Tot und göttlich, und Bruder aller, und liegt aufs neue hier.
DER WUNDPFLEGER
1
Ein alter Mann, gebeugt, komm ich unter neue Gesichter,
Rufe, zurückblickend, Jahre wach, um den Kindern zu antworten,
Den jungen Männern und Mädchen, die mich lieben und rufen: Erzähl uns, alter Mann!
(Erweckt und wild, hatt ich gedacht, Alarm zu schlagen und unbarmherzigen Krieg zu schüren,
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Doch bald versagten meine Finger, mein Antlitz sank, und ich beschied mich,
Bei den Verwundeten zu sitzen und sie zu pflegen, oder schweigend bei den Toten zu wachen) —
Von diesen Bildern, rasenden Leidenschaften, Wagestücken,
Von unüberwundenen Helden (war die eine Seite so tapfer? die andre war ebenso tapfer!)
Zeuge du nun wieder, male die mächtigsten Heere der Welt!
Von diesen Heeren so stürmend und herrlich, was sahst du, das du uns berichten kannst?
Was blieb in dir am längsten und tiefsten? Von seltsamen Schrecken,
Von heißdurchkämpften Gefechten oder furchtbaren Belagerungen, was Tiefstes blieb dir im Sinn?
2
O Mädchen und Jünglinge, die ich liebe und die mich lieben,
Was ihr fragt und redet, ruft jäh meiner Tage seltsamste wach,
Flinker Soldat, komm ich nach langem Marsche an, bedeckt mit Schweiß und Staub,
In einem Nu bin ich da, tauche in das Gefecht, schreie laut im Sturm siegreichen Angriffs,
Dringe in die erstürmten Werke ein, — doch sieh! wie ein schnellrinnender Fluß ist alles dahin,
Vorbei und dahin, — ich weile nicht bei des Kriegers Gefahren noch Freuden.
(Beider gedenke ich wohl, — Beschwerden viel, Freuden wenig, doch war ich's zufrieden.)
In Schweigen aber, in Traumesbildern,
Indes die Welt des Gewinns, des Scheins und der Lust weiterlärmt, —
So schnell alles Vergangene vergessen, und Wellen waschen die Spuren aus dem Sand —,
Trete ich wiederum mit unermüdeten Knien durch die Tür (und du dort, wer du auch seist, folge lautlos, und dein Herz sei stark).
Die Binden tragend, Wasser und Schwamm,
Gehe ich unverweilt und schnell zu meinen Verwundeten.
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Wo sie am Boden liegen, hereingebracht nach der Schlacht,
Wo ihr unschätzbares Blut das Gras, den Grund rötet;
Oder zu den Reihen im Krankenzelt oder im Lazarett,
Zu den langen Reihen von Feldbetten auf und ab an jeder Seite komme ich wiederum,
Allem und jedem, der Reihe nach, nähere ich mich, nicht einen lasse ich aus,
Ein Gehilfe folgt mir, eine Schale haltend und einen alten Eimer,
Der bald gefüllt sein wird mit Klumpen von Stoff und Blut, geleert, und wieder gefüllt,
Ich gehe weiter, halte an,
Mit unermüdeten Knien und sicherer Hand Wunden zu pflegen,
Ich bin fest mit jedem, die Schmerzen sind scharf, doch unvermeidlich,
Einer wendet zu mir sein flehendes Auge, — armer Junge! ich kannte dich nie,
Doch glaube ich, ich könnte in diesem Augenblick es nicht abschlagen, für dich zu sterben, wenn das dich retten würde.
3
Weiter, weiter gehe ich (öffnet euch, Türen der Zeit! Türen der Lazarette!).
Den zerschmetterten Kopf pflege ich (arme, irre Hand, reiße den Verband nicht weg!),
Den Nacken des Kavalleristen mit dem Flintenschuß durch und durch untersuche ich,
Hart keucht der Atem, gläsern starrt schon das Auge, doch das Leben wehrt sich hart.
(Komm, süßer Tod! Laß dich erflehen! O schöner Tod! Aus Gnade komme schnell!)
Von dem Armstumpf, der abgenommenen Hand
Löse ich das verklebte Leinen, beseitige den Schorf, wasche Eiter und Blut ab;
Auf sein Kissen liegt der Soldat gelehnt mit zurückgebogenem Hals und seitwärts sinkendem Haupt,
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Seine Augen sind zu, sein Gesicht ist bleich, er wagt nicht, den blutigen Stumpf anzusehen
Und hat noch nicht darauf geblickt.
Ich pflege eine Wunde in der Seite, tief, tief,
Aber nur ein, zwei Tage noch, — denn sieh, wie der Leib ganz zerstört ist und einsinkt,
Und sieh das blaugelbe Gesicht.
Ich pflege die durchbohrte Schulter, den Fuß mit der Schußwunde,
Wasche das fressende und eiternde Geschwür, so ekelhaft und widerlich,
Während der Gehilfe dicht hinter mir steht, Schale und Eimer haltend.
Ich bin getreu, ich lasse nicht ab,
Den gebrochenen Schenkel, das Knie, die Wunde im Unterleib,
Diese und viele andere pflege ich mit unbeirrter Hand (doch tief in meiner Brust ein Feuer, eine brennende Flamme).
4
So in Schweigen in Traumesbildern
Wiederkehrend, wiederbeginnend, gehe ich meinen vielgewundenen Weg durch die Lazarette,
Die Geschlagenen und Wunden beruhige ich mit lindernder Hand,
Ich sitze bei den Ruhelosen die ganze finstere Nacht, viele sind so jung,
Viele leiden so sehr, ich rufe die Erinnerung süß und trüb—.
(Manch eines Kriegers liebende Arme haben diesen Nacken umfaßt und darauf geruht,
Manch eines Kriegers Kuß haftet auf diesen bärtigen Lippen.)
GIB MIR DIE STRAHLENDE, SCHWEIGENDE SONNE
1
Gib mir die strahlende, schweigende Sonne, voll-blendend mit all ihrem Licht,
Gib mir saftige Herbstfrüchte, reif und rot, aus dem Obstgarten,
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Gib mir ein Feld, wo ungemähtes Gras wächst,
Gib mir einen Baum, gib mir die Traube am Spalier,
Gib mir frisches Korn und Weizen, gib mir froh weidende Tiere, Vorbilder der Zufriedenheit,
Gib mir Nächte voll tiefer Stille, wie auf dem Hochland westlich vom Mississippi: ich blicke zu den Sternen empor;
Gib mir, im Sonnenaufgang duftend, einen Garten voll schöner Blumen, wo ich ungestört wandeln kann,
Gib mir zur Frau ein lieblich atmendes Weib, dessen ich niemals müde werde,
Gib mir ein Kind ohne Fehl, gib mir, abseits vom Lärm der Welt, ein ländlich häusliches Leben,
Gib mir, freie Lieder zu singen, allein mit mir und nur für meine Ohren,
Gib mir Einsamkeit, gib mir Natur, gib mir wieder, o Natur, deine Erstlingsfrische! —
Dies alles erflehend (müde der ewigen Unrast und gebrochen vom Streit des Krieges),
Nach all diesem unablässig verlangend mit Schreien meines Herzens,
Unablässig danach verlangend, häng ich doch fest an meiner Stadt;
Tag um Tag und Jahr um Jahr, o Stadt, geh ich auf deinen Straßen,
Wo du mich festhältst und mich nicht freiläßt —
Und mir doch g i b s t, mich überreich sättigst und meine Seele nährst; mir immerdar G e s i c h t e r gibst!
(O ich sehe das, wovor ich fliehen wollte, sich meinen Schreien entgegenstellen, sie überschreien,
Seh meine eigenen Seele mit Füßen treten das, worum sie bat!)
2
Behalte deine strahlende, schweigende Sonne,
Behalte deine Wälder, o Natur, und die stillen Plätze dort,
Behalte deine Kleeund Grasfelder, deine Kornfelder und Obstgärten,
Behalte die blühenden Buchweizenfelder, wo die Septemberbienen summen;
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Gib mir Gesichter und Straßen! — gib mir diese Phantome unerschöpflich und endlos die Trottoirs entlang!
Gib mir immer neue Augen, — gib mir Frauen, — gib mir Kameraden und Geliebte zu Tausenden!
Laß mich neue sehen jeden Tag, — mich neue an der Hand halten jeden Tag!
Gib mir zu schauen, — gib mir die Straßen von Manhattan!
Gib mir Broadway mit den marschierenden Soldaten, — gib mir den Klang der Trompeten und Trommeln!
(Die Soldaten in Kompagnien und Regimentern, — die einen ausrückend, ungeduldig und todesfroh,
Andere aus dem Feld zurückkehrend, mit gelichteten Reihen, jung und doch ganz alt, erschöpft hintrottend, ohne auf etwas zu achten);
Gib mir die Küsten und Werften, schwergesäumt mit schwarzen Schiffen! —
O solches für mich! O ein hochgespanntes Leben, voll bis zum Bersten und mannigfach!
Das Leben der Theater, Bars, Riesenhotels für mich!
Der Salon auf dem Dampfer! Das Gedränge des Ausflugs für mich! Der Fackelzug,
Die geschlossene Brigade, die in den Krieg zieht, mit hochgeladenem Troß dahinter;
Volk, endlos, strömend, mit starken Stimmen, Leidenschaften, Gepränge,
Manhattans Straßen mit ihrem mächtigen Pulsschlag, mit dröhnenden Trommeln, wie jetzt,
Der unaufhörliche, lärmende Chor, das Klirren und Rasseln der Flinten (ja auch der Anblick der Verwundeten),
Manhattan-Massen mit wildem, tönendem Chor,
Manhattan-Gesichter und -Augen immerdar für mich!
NICHT JUGEND IST MEIN
Nicht Jugend ist mein
Noch Zartheit, ich kann die Zeit nicht mit Geschwätz betrügen,
Ungeschickt bin ich im Salon, weder Tänzer noch Stutzer,
Im gelehrten Kreis sitz ich gezwungen und still, denn Gelehrsamkeit ist nicht mein Teil,
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Schönheit, Wissen sind nicht mein Teil, — doch zwei oder drei Dinge gibt es, die sind mein:
Ich habe die Verwundeten gepflegt und manch einen sterbenden Soldaten beruhigt
Und in Stunden des Wartens oder mitten im Lager diese Lieder gedichtet.
SIEH NIEDER, REINER MOND
Sieh nieder, reiner Mond, und bade dieses Bild,
Gieße hernieder sanft den flutenden Schein der Nacht auf Angesichter, grausig, geschwollen, purpurfarben;
Auf die Toten auf ihren Rücken, mit Armen weitgespreizt,
Gieße hernieder deinen fleckenlosen Schein, heiliger Mond.
AN EINEN BÜRGER
Wolltest du süße Reime von mir?
Verlangte es dich nach des Bürgers friedlich schmachtenden Reimen?
Fandest du, was ich je sang, so schwer zu verstehn? —
Nun, für dich sang ich niemals, daß du mir folgtest und mich verstündest, — noch tu ich es jetzt.
(Ich stamme her, wo der Krieg herstammt,
Wirbeln der Trommeln ist mir noch je willkommene Musik, ich liebe den heldischen Trauermarsch,
Der mit langsamer Klage und krampfhaftem Schlag Begräbnis des Offiziers anführt;)
Was soll einem wie du ein Dichter wie ich? Deshalb laß meine Dichtung.
Und geh und lulle dich ein mit dir Verständlichem und mit Salonmelodien,
Denn ich lulle niemanden ein, und du wirst mich nie verstehn.
STEHE, SIEGERIN AUF DEN GIPFELN
Stehe, Siegerin auf den Gipfeln,
Wo du mit mächtiger Braue die Welt beschaust,
(Die Welt, o Freiheit, die sich umsonst gegen dich verschwor) —
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Wo du, hoch über ihren zahllos verstrickenden Netzen, die du alle zerrissest,
Herrscherin, von der blendenden Sonne umgeben,
Nun unversehrt prangst in unsterblicher Kraft und Jugend, — siehe, in dieser heiligen Stunde
O kein stolzes Gedicht noch hochklingendes Meisterlied bring ich dir dar;
Nur dunkles Gebilde, enthaltend die Finsternis der Nacht und bluttriefende Wunden
Und Totenpsalmen.
ANDENKEN AN PRÄSIDENT LINCOLN
1
Als jüngst der Flieder blühte vor der Tür
Und der große Stern am westlichen Himmel früh in die Nacht sank,
Trauerte ich, und werde trauern mit jedem Frühling neu.
Sooft du, Frühling, wiederkehrst, Dreiheit immer wirst du mir bringen:
Flieder blühend jedes Jahr und sinkenden Stern im Westen
Und Gedanken an ihn, den ich liebe.
2
O starker gefallener Stern im Westen!
O nächtliche Schatten — o trübe, weinende Nacht!
O großer entschwundener Stern — o schwarzer Dunst, der ihn birgt,
O grausame Hand, die mich in Ohnmacht hält, — o hilflose Seele!
O rauhe Wolke rings um mich, die meine Seele nicht freiläßt!
3
Im Vorgarten des alten Farmhauses, nahe am weißgewachsenen Pfahlzaun,
Steht hochgewachsen der Fliederbusch mit herzförmigen Blättern, in vollem Grün,
Mit vielen spitzen Blüten zart, mit dem starken Duft, den ich liebe,
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Ein jedes Blatt ein Wunder; — und von diesem Busch vor der Tür mit zartfarbigen Blüten und herzförmigen Blättern in vollem Grün
Brech ich mit seinen Blüten ein Reis.
4
Im Sumpfdickicht, tief versteckt,
Schmettert ein scheuer Vogel sein Lied.
Einsam, ein Eremit,
Ganz nur mit sich, die Siedelungen meidend,
Singt die Drossel ein Lied.
Lied aus blutender Kehle,
Auswegs des Tods, obwohl Leben singend
(Denn wohl, o Bruder, weiß ich,
Wäre dir nicht gegeben, zu singen, du stürbest gewiß).
5
Über des Frühlings Brust, das Land, durch Städte hin,
Über Wege, durch Urwälder, wo erst die Veilchen lugen aus dem Grund, die grauen Steintrümmer tupfend,
Über das Gras der Felder neben den Wegen und durch die endlose Steppe hin,
Durch den gelb-spitzigen Weizen hin, jeder Halm gereckt aus Grabeshaft in dunkelbraunen Feldern,
Hin durch der Apfelbäume weiß und rosa Blust, —
Eine Leiche tragend dorthin, wo sie ruhen soll im Grab,
Reist Tag und Nacht ein Sarg.
6
Sarg, der du hinziehst durch Wege und Straßen,
Durch Tag und Nacht, mit der Wolke groß, die das Land verfinstert,
Mit dem Trauergepränge geraffter Fahnen, mit den schwarzbehangenen Städten
Und den Staaten selbst, die gleich florverschleierten Frauen stehn;
Mit weithin sich windenden Trauerzügen und Leuchtfeuern der Nacht,
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Mit den zahllosen Fackeln, mit dem schweigenden Meer von Gesichtern und bloßen Köpfen,
Mit dem Bahnhof, der dich erwartet, nahender Sarg, und den düstern Gesichtern,
Mit Grabgesang durch die Nacht, tausend Stimmen, die stark und feierlich sich erheben,
Alle die klagenden Stimmen, strömend über den Sarg,
Die matt erleuchteten Kirchen und schütternden Orgeln, — wo unter diesen allen du deine Reise vollendest,
Unter der läutenden, läutenden Glocken unaufhörlichem Klang,
Hier, Sarg, während du langsam vorbeiziehst,
Geb ich dir meines Flieders Reis.
7
(Und nicht für dich, für dich einen allein, —
Blüten und Zweige grün bring ich für a l l e Särge,
Denn frisch wie der Morgen möchte ich so lobsingen dir, o reiner, heiliger Tod.)
Sträuße von Rosen über und über!
O Tod, ich beschütte dich mit Rosen und Lilien jung,
Doch hier, vor allem, brech ich in Fülle
Flieder, der am frühesten blüht,
Breche die Zweige von Büschen,
Mit vollen Armen komm ich, hinschüttend sie für dich,
Für dich und deine Särge alle, O Tod.
8
O westlicher Stern, Segler am Himmel,
Nun weiß ich, was du wohl meintest, als ich vor Monatsfrist wanderte,
Schweigsam wanderte in der durchsichtigen, schattigen Nacht,
Als ich sah, du habest mir etwas zu sagen, da du Nacht für Nacht dich mir neigtest,
Da du vom Himmel tief hernieder dich senktest als wie an meine Seite (indes die andern Sterne alle zuschauten),
Da wir zusammen wanderten durch feierliche Nacht (denn etwas, ich weiß nicht was, ließ mich nicht schlafen),
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Da die Nacht vorrückte und ich am Rande des Westens sah, wie voller Weh du warst,
Da ich auf schwellendem Boden stand im Lufthauch in der kühlen, durchsichtigen Nacht,
Da ich spähte, wo du hingingst, und mich verlor im niedern Schwarz der Nacht;
Und meine Seele, trüb in ihrer Unruh, sank, wo du sankst, trauriger Stern,
Und endlich schwand in Nacht und war dahin.
9
Sing fort im Sumpfe dort,
O Sänger, scheu und zärtlich, ich höre deine Töne, höre deinen Ruf,
Ich höre, ich komme sogleich, ich verstehe dich,
Einen Augenblick nur säume ich noch, denn mich hält der strahlende Stern,
Mein Stern und scheidender Gefährte bannt und hält mich fest.
10
O wie soll ganz zu lautem Gesange ich werden für den Toten hier, den ich liebte?
Und wie soll ich schmücken mein Lied für die Seele groß und süß, die von uns ging?
Und was soll mein Wohlgeruch sein für das Grab dessen, den ich liebe?
Seewinde, blasend von Osten und Westen,
Blasend von der östlichen See und von der westlichen See, bis sie dort auf den Steppen sich treffen,
Mit eurem Duft und dem Atem meines Liedes
Will ich umhauchen das Grab dessen, den ich liebe.
11
O, was soll ich hängen an die Wände des Zimmers?
Was für Bilder soll an die Wände ich hängen,
Zu schmücken das Totenhaus dessen, den ich liebe?
Bilder des sprießenden Frühlings, Bilder von Farmen und Häusern,
Mit des vierten Monats Sonnenuntergang und dem grauen Duft, durchleuchtet und hell,
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Mit Fluten gelben Golds der prunkenden schweren sinkenden Sonne, das da brennt und die Luft schwellt,
Mit dem frischen, süßen Gras unter den Füßen und den blaßgrünen Blättern der sprossenden Bäume;
In der Ferne der fließende Glanz, die Brust des Stroms mit Windesstrichen hier und dort,
Hügel entlang den Ufern mit Umrissen wechselvoll gegen den Himmel und Schatten,
Und die Stadt in der Nähe mit Wohnungen dicht und Reihen von Schloten,
Und alle die Bilder und Stätten von Leben und Arbeit, und die Arbeiter alle, die heimwärts gehn.
12
Sieh, o mein Leib und Seele, — dies Land.
Sieh mein Manhattan mit Türmen und Wechselglanz der Gezeiten und Schiffen;
Das vielfältig weite Land, Süden und Norden im Licht, Ohios Küsten und aufblitzend Missouri,
Und unendlich die weitgebreiteten Steppen mit Gras und Korn.
Sieh: die herrlichste Sonne so ruhig und stolz,
Der veilchenund purpurfarbige Morgen mit kaum fühlbarem Luftzug.
Das sanfte mildgeborne unendliche Licht,
Das Wunder, das, anwachsend, alles badet; die Erfüllung des Mittags,
Der nahende Abend so köstlich, die willkommene Nacht und die Sterne,
Die da scheinen über meine Städte all, überblickend Volk und Land.
13
Weiter, sing weiter, du graubrauner Vogel,
Sing aus dem Sumpf, aus dem Dickicht hervor, laß deinen Sang von den Büschen strömen,
Uferlos aus der Dämmerung, aus den Zedern und Fichten hervor.
Singe fort, liebster Bruder, schmettre dein flötendes Lied,
Lautes Menschenlied, tönend von äußerstem Wehe.
O fließend und frei und zart!
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O wild und weit meiner Seele — o Zaubersänger! —
Dich allein höre ich — doch noch hält mich der Stern (bald wird er schwinden),
Noch hält mit bezwingendem Duft mich der Flieder.
14
Als ich im Licht des Tages saß,
Im Licht des sinkenden Tages, und hinschaute auf die Frühlingsfelder und auf die Farmer bei der Ernte,
In dem weiten, unschuldigen Gefilde meines Landes mit seinen Seen und Wäldern,
In der himmlischen Schönheit der Luft (nachdem Wind und Stürme getobt),
Unter der Wölbung des schnellvergehenden Nachmittagshimmels, — dazu die Stimmen von Kindern und Frauen,
Das vielbewegte Fluten der See; — und als ich zusah, wie die Schiffe segelten,
Und den Sommer nahen sah mit Fülle, und die Felder alle voll Arbeit,
Und unabsehbar verstreut die Häuser, ein jedes wohlversorgt mit seinen Mahlzeiten und Geschäften des Alltags,
Und die Straßen mit ihrem lebendigen Pulsschlag, und die gepferchten Städte, — siehe! alsda
Erschien die Wolke, erschien der lange schwarze Schatten,
Und ich erkannte den Tod, den Gedanken an ihn, und das heilige Wissen um den Tod.
Alsdann, mit dem Wissen um den Tod an meiner einen Seite
Und dem Gedanken an den Tod dicht an meiner andern Seite,
Und ich in der Mitte wandelnd wie mit Gefährten und gleichsam die Hände von Gefährten haltend,
Floh ich hinweg in die bergende, empfangende Nacht, die nicht redet,
Hinab zu den Küsten des Meers, den Pfad am Sumpf hin in der Dunkelheit,
Zu den feierlichen Schatten der Zedern und den geisterhaften Fichten so still.
Und der Sänger, so scheu vor den andern, empfing mich,
Der graubraune Vogel, den ich kenne, empfing uns drei Geselln,
- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 204] - - - - - - - - - - - - - - - - - -
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Und sang das Lied vom Tod, und eine Strophe für ihn, den ich liebe.
Aus tiefem Dickicht,
Von den duftenden Zedern und geisterhaften Fichten so still
Kam des Vogels Lied.
Und der Zauber des Liedes entzückte mich,
Indes wie bei Händen ich meine Gefährten hielt in der Nacht,
Und in das Lied des Vogels stimmte die Stimme meines Geistes ein:
„Komm, lieblicher, linder Tod,
Umflute die ganze Welt, heiter nahend
Bei Tage, bei Nacht allen, jedem,
Früh oder später, zarter Tod.
Gepriesen sei das unergründliche All
Für Leben und Freude, für Dinge und Wissen wunderbar,
Und für die Liebe, die süße Liebe, — doch Preis, Preis, Preis
Für die sichumfassenden Arme des kühleinhüllenden Todes.
Dunkle Mutter, die du allezeit nahest mit leisen Füßen,
Hat niemand für dich ein Lied heißen Willkommens gesungen?
So singe ich es für dich, ich verherrliche dich über alles,
Ich singe dir so, daß, wenn du denn kommen mußt, du ohne Zaudern kommst.
Komm, starke Befreierin!
Wenn es so ist: wenn du sie hinweggenommen, so besinge ich fröhlich die Toten,
Verloren in den liebenden Strömen deines Meeres,
Gebadet in der Flut deines Segens, o Tod.
Frohes Saitenspiel für dich!
Tänze für dich, dich zu grüßen! Kränze und Feste für dich!
Dazu die Landschaft frei und der hochgespreitete Himmel,
Und Leben und Treiben, die Felder, und die riesige gedankenerfüllte Nacht.
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Die Nacht in Schweigen mit vielen Sternen,
Die Küste des Weltmeers und die rauh flüsternde Woge, deren Stimme ich kenne,
Und die Seele dir zugewandt, o weiter wohlverhüllter Tod;
Und der Körper dankbar enggeschmiegt an dich.
Über die Wipfel verströme ich ein Lied für dich,
Über die schwellenden und sinkenden Wogen, über die zahllosen Felder und wilden Steppen,
Über die dichtgefüllten Städte und alle die wimmelnden Werften und Wege
Verströme ich dies Lied mit Lust, mit Lust an dich, o Tod.“
15
Im Wettgesang mit meiner Seele
Schlug laut und stark der graubraune Vogel mit,
Mit reinen, sicheren Tönen weithin erfüllend die Nacht,—
Laut in den Fichten und Zedern schwarz,
Klar in der feuchten Frische, in Sumpfes Duft;
Und ich mit meinen Gefährten dort in der Nacht.
Indes der Blick meiner ungeschlossenen Augen
Gebannt an gespenstischer Bilder langem Zuge hing.
Schräg vor mir sah ich Armeen,
Fahnen sah ich zu hundert in lautlosem Traum,
Vorwärts durch Rauch der Schlachten, durchbohrt von Geschossen,
Hin und wieder getragen durch Rauch, zerrissen und blutig,
Zuletzt nur Fetzen noch an den Stangen (und alles stumm)
Und die Stangen zersplittert alle, zerknickt.
Leichen sah ich im Feld zu Tausenden,
Und weiße Gerippe von jungen Männern — ich sah sie —,
Ich sah ohne Ende Gebein erschlagener Krieger;
Aber ich sah, daß sie anders waren, als man gedacht.
- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 206] - - - - - - - - - - - - - - - - - -
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Sie selber waren voll Ruhe, sie litten nicht,
Die Lebenden blieben übrig und litten, die Mutter litt,
Und das Weib und das Kind und der sinnende Kamerad,
Und die Heere, die übrigblieben, litten.
16
Bei solchen Gesichten durchlebt ich die Nacht,
Nicht loslassend meiner Gefährten Hände,
Durchlebte den Sang des Einsiedlervogels und den einstimmenden Sang meiner Seele,
Siegesgesang, todbefreienden Sang, wechselnden, immer neuen Gesang,
Leise und klagend, in klaren Tönen, schwellend und sinkend, die Nacht durchflutend,
Traurig, schwächer und schwächer, wie warnend, warnend und doch wieder ausbrechend mit Lust,
Die Erde deckend, die Weite des Himmels füllend:
Mächtiger Psalm, den ich nächtlich hörte aus dem Verborgnen! —
Und so scheide ich nun von dir, Flieder mit herzförmigem Laub,
Lasse dich dort im Vorgarten blühn, mit jedem Frühling neu,
Lasse von meinem Singen für dich,
Von meinem Schauen zu dir dort im Westen und meiner Zwiesprache mit dir,
O leuchtender Freund mit Silbergesicht in der Nacht.
Doch dauern sollen sie alle, die Troste der Nacht:
Das Lied, der wunderbare Gesang des graubraunen Vogels,
Der Wettgesang, das Echo meiner Seele,
Und der leuchtende, sinkende Stern mit dem Antlitz voll Weh,
Und die meine Hände hielten, als wir dem Ruf des Vogels folgten,
Meine Gefährten, und ich in der Mitte, — immer sollen sie Angedenken mir sein für den Toten, den ich so sehr geliebt,
Für die gütigste, weiseste Seele all meiner Zeit und all der Länder, die ich gekannt, — dies für den Teuersten:
Flieder und Vogel und Stern, verschwistert mit dem Gesang meiner Seele,
Dort in der Fichten Duft und den Zedern schwarz und still.
GEBET DES COLUMBUS
Ein zerschlagener, schiffbrüchiger alter Mann,
An diesen wüsten Strand geworfen, fern, fern von daheim,
Eingepfercht von der See, die wie aus finster empörten Augen mich anschaut,
Zwölf öde Monde,
Wund, steif von vieler Mühsal, siechend und nah am Tod,
Geh ich am Rande des Eilands hin,
Lüftend mein schweres Herz.
Ich bin zu voll von Weh!
Vielleicht werd ich nicht einen Tag mehr leben;
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Ich kann nicht ruhen, o Gott, ich kann nicht essen, noch trinken, noch schlafen,
Eh ich nicht einmal noch mich selber und mein Gebet zu dir erhebe,
Noch einmal atme in dir, mich bade in dir, mit dir rede,
Noch einmal von mir zu dir spreche.
Du kennst all meine Jahre, mein Leben,
Mein langes Leben, das erfüllt war von tätigem Werk, nicht Anbetung allein,
Du kennst die Gebete und Nachtwachen meiner Jugend,
Du kennst meines Mannesalters feierliches und visionäres Denken;
Du weißt, wie ich, eh ich begann, alles Künftige dir gelobte,
Du weißt, ich habe im Alter alle diese Gelübde wahrgemacht und streng gehalten,
Du weißt, ich habe nicht ein einziges Mal Glut und Glauben an dich verloren,
Habe in Ketten, in Kerker und Schande nicht gemurrt
Und alles angenommen von dir als deinen gerechten Willen.
All meine Unternehmungen waren erfüllt von dir,
Meine Berechnungen, Pläne begonnen und ausgeführt im Bewußtsein von dir,
Ich bin gesegelt über die Tiefen und gereist über Land für dich,
All meine Ziele, Bestrebungen, Absichten trugen Früchte für dich.
O ich bin sicher, sie kommen in Wahrheit von dir,
Der Drang, der Eifer, der unbeirrbare Wille,
Der starke, tief im Innern gefühlte Ruf, stärker als Worte,
Ein Auftrag vom Himmel, flüsternd zu mir sogar im Schlaf,
Sie trieben mich an.
Durch mich und sie ist das Werk so weit vollbracht,
Durch mich die erstarrten, stockenden Älterländer der Erde befreit und gelöst,
Durch mich die Hemisphären gerundet und miteinander verbunden, das Unbekannte mit dem Bekannten.
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Das Ende weiß ich nicht, es liegt in dir,
Ob groß oder klein, ich weiß es nicht —
Vielleicht, daß das endlose, rohe Gestrüpp in der Tiefe der Menschheit, von dem ich weiß,
In neue weite Gefilde und Länder verpflanzt, zu hohem Wuchs sich erheben mag, zu deiner Ehre,
Vielleicht, daß die Schwerter, von denen ich weiß, dort wirklich verwandelt werden in Erntegerät,
Vielleicht, daß das leblose Kreuz, von dem ich weiß, Europas totes Kreuz, dort Knospen treibt und blüht.
Noch einmal erhebe ich mich zu dir, — mein Altar dieser kahle Sand;
Daß du, o Gott, mein Leben erleuchtet hast
Mit stetigem Strahl unnennbaren Lichts aus deiner Gnade,
Unsagbar herrlichem Licht, Licht alles Lichts,
Hoch über allen Zeichen, Namen, Sprachen, —
Dafür, o Gott, mit meinem letzten Wort, hier auf den Knien,
Alt, arm, gelähmt, sag ich dir Dank.
Mein Ende ist nah,
Die Wolken schließen sich schon über mir,
Die Fahrt ist versperrt, die Richtung verloren,
Ich gebe meine Schiffe in deine Hand.
Meine Hände und Glieder sind kraftlos,
Mein Hirn ist zerstört und verwirrt,
Laß das alte Gerüst versinken, ich will nicht versinken,
Ich will mich fest an dich klammern, o Gott, wenn auch die Wellen mich schlagen,
Denn dich, dich kenne ich.
Sprech ich Prophetengedanken oder rede ich irre?
Was weiß ich vom Leben? was von mir selbst?
Ich kenne nicht einmal mein eigenes Werk, jetzt oder je,
Dämmrige, ewigwechselnde Ahnungen vor mir gebreitet
Von neuen, besseren Welten und ihrem gewaltigen Werden,
Die mich verwirren und täuschen.
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Ja, dieses alles sehe ich plötzlich, was will es bedeuten?
Als nähme ein Wunder, eine göttliche Hand die Binde von meinen Augen;
Schattenhafte Gestalten aller Enden aus Himmel und Luft,
Zahllose Schiffe segeln auf fernen Wogen
Und Hymnen hör ich in neuen Zungen mich grüßen.
LEB WOHL!
Zum Schluß verkünde ich, was nach mir kommt.
Ich weiß, eh meine Halme noch sproßten, sagte ich,
Ich würde meine Stimme froh und stark erheben, Vollendung kündend.
Wenn Amerika erfüllt, was es verspricht,
Wenn durch diese Staaten hundert Millionen herrlicher Menschen schreiten
Und die übrigen danach streben, ebenfalls herrliche Menschen zu werden,
Wenn stolze Brut vollkommenster Mütter Amerikas Merkmal ist,
Dann mir und den Meinen verdienter Lohn!
Ich habe mich durchgesetzt kraft eigenen Rechts,
Ich habe den Leib und die Seele gesungen, Krieg und Frieden gesungen und die Gesänge von Leben und Tod
Und die Gesänge der Geburt, und habe gezeigt, daß vielerlei Geburten sind.
Ich habe mein Wesen jedermann dargeboten, ich bin gewandelt mit zuversichtlichem Schritt;
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Indes meine Lust noch in Fülle steht, flüstere ich: Leb wohl!
Und nehme des jungen Weibes Hand und des jungen Mannes Hand zum letztenmal.
Ich verkünde natürliche Menschen, die kommen werden,
Ich verkünde Triumph der Gerechtigkeit,
Ich verkünde unbestechliche Freiheit und Gleichheit,
Ich verkünde die Rechtfertigung von Reinheit und Stolz.
Ich verkünde, daß dieser Staaten Einheit nur eine vereinzelte Einheit ist,
Ich verkünde einen Bund, immer fester und unauflösbar,
Ich verkünde Glanz und Herrlichkeiten, vor denen alle frühere Staatsweisheit der Erde verblassen wird.
Ich verkünde Gemeinschaft, ich sage, sie wird ungelockert und grenzenlos sein,
Ich sage, du wirst den Freund finden, nach dem du suchtest.
Ich verkünde den Mann und das Weib, das kommen wird, vielleicht bist du es (leb wohl!).
Ich verkünde die große Persönlichkeit, strömend wie die Natur, keusch, zärtlich, mitfühlend, gegen alles gewaffnet.
Ich verkünde ein Leben, das völlig sein wird, leidenschaftlich, geistig, kühn,
Ich verkünde ein Ende, das leicht und freudig seine Wandlung hinnehmen wird.
Ich verkünde Myriaden von Jünglingen, schön, gewaltig, süßen Bluts,
Ich verkünde eine Rasse herrlicher und wilder Greise.
O dichter und schneller — (Lebt wohl!)
O zu nah um mich drängend,
Ich sehe zu viel, es gilt mehr als ich dachte,
Ich begreife, daß ich sterbe.
Eile dich, Kehle, und gib deinen letzten Laut,
Grüße mich — grüße den Tag noch einmal. Erhebe den alten Ruf noch einmal.
Bebenden Schreis, die Luft nützend,
Hin und her schauend alles, was ich sehe, einsaugend
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Eil ich dahin, dann wieder ein wenig verweilend,
Seltsam verhüllte Botschaft bringend,
Funken heiß, himmlische Saat hinstreuend in den Schmutz,
Fremd mir selbst, gehorsam meinem Auftrag, ohne zu fragen,
Jahrtausenden das Wachstum der Saat überlassend,
Scharen, die aus dem Kampfe tauchen und fortpflanzen, was ich gewollt;
Frauen Flüsterworte über mich selber vermachend, ihnen, deren Liebe mich klarer und verständlicher macht,
Jünglingen meine Probleme bietend — kein Schwätzer ich — Versucher ich der Stärke ihres Hirns —
So geh ich dahin, eine kleine Weile vernehmbar, sichtbar, gegensätzlich,
Danach ein melodisches Echo, leidenschaftlich belauscht (da Tod mich wahrhaft unsterblich macht),
Mein Bestes dann, wenn ich nicht mehr sichtbar bin, denn daraufhin habe ich unablässig gestrebt.
Was ist es, daß ich erlahme, und innehalte, und mich dahinstrecke mit ungeschlossenem Mund?
Gibt es ein einziges Lebewohl für immer?
Meine Lieder enden, ich lasse sie,
Hinter dem Schutz, der mich verborgen, komme ich selber, ganz allein, hervor und auf dich zu.
Camerado, dies ist kein Buch,
Wer dies berührt, berührt einen Mann,
(Ist's Nacht? Sind wir allein zusammen?)
I c h bin es, den du hältst und der dich hält,
Aus diesen Seiten spring ich in deine Arme — Tod ruft mich hervor.
O wie deine Finger mir schmeicheln,
Dein Atem fällt um mich wie Tau, dein Pulsschlag lullt mein Ohr,
Versunken fühl ich mich von Kopf bis Fuß —
So hold — genug.
Genug, o Geschehen flüchtig und unfaßbar,
Genug, o gleitendes Jetzt — o aufgestautes Einst!
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Mein teurer Freund, wer du auch seist, nimm diesen Kuß,
Ich gebe ihn dir besonders, vergiß mich nicht.
Mir ist wie einem, der nach getanem Tagewerk sich eine Weile zurückzieht,
Meiner vielen Wandlungen eine steht mir bevor, ich steige empor aus meiner Menschwerdung, wieder neuen Formen zu,
Eine unbekannte Sphäre, wirklicher als ich träumte, unmittelbarer, wirft erweckende Strahlen um mich — Leb wohl!
Gedenke meiner Worte, vielleicht komm ich wieder,
Ich liebe dich, ich scheide von der Welt des Stoffs,
Ich bin gleich wie entkörpert, triumphierend, tot.