S. Fischer Verlag
Die Gestalt, in der uns Walt Whitman die „Grashalme“, sein dichterisches Lebenswerk, hinterlassen hat, ist die der 10. Auflage (1891, Philadelphia, bei McKay. — Die 11. Auflage ist, nach Whitmans Tod, bei Small, Maynard & Comp., Boston 1897, erschienen).
Die „Grashalme“ wuchsen sich im Laufe von Whitmans Leben von dem schmalen Bändchen der Erstausgabe allmählich zu dem starken Band der Ausgabe letzter Hand aus. Einzelne Gedichtkomplexe wurden zunächst in Einzelbroschüren unter besonderen Titeln, zum Teil mit Prosaaufsätzen vermischt, veröffenlicht und späterhin in die „Grashalme“ eingegliedert, wobei für W. keinerlei chronologische Gesichtspunkte maßgebend waren, da Plan und Geist seiner Dichtung von Anfang an der gleiche blieb und spätere Gedichte nur in die weiten Maschen dieses Planes eingewirkt wurden, so daß zum Beispiel Gesänge, die in der letzten Ausgabe mit vollem innerem Recht am Schluß stehen, wie etwa das „Lebwohl“, bereits aus seiner ersten Zeit, aus seinen vierziger Jahren stammen. Man kann übrigens nicht sagen, daß Whitman bei dieser Art von Kompilation immer eine glückliche Hand gehabt habe.
Die Erstausgabe erschien 1855 im Selbstverlag, Brooklyn, New York, 95 Seiten stark. Die zweite ebenfalls im Selbstverlag, New York 1856. 1860 folgte die 3. Auflage, die zum erstenmal einen Verleger fand, Thayer & Eldridge, Boston.
Während der Jahre des Sezessionskrieges, 1862—64, schrieb Whitman die „Drum-Taps“ („Trommelschläge“), die er 1865 als Sonderdruck im Selbstverlag, New York , und 1867 zusammen mit der 4. Auflage der „Grashalme“ (New York, Selbstverlag) veröffentlichte.
1871 gab er den Gesang „Passage to India“ („Durchfahrt nach Indien“) im Selbstverlag in Washington als Sonderdruck heraus, den er noch in demselben Jahre in die 5. Auflage der „Grashalme“ (Washington, Selbstverlag) aufnahm.
1872 folgte ein Bändchen Gedichte unter dem Titel „As a Strong Bird on Pinions free“ („Wie ein starker Vogel auf Schwingen frei“) ebenfalls im Selbstverlag, Washington.
1876 erschien die sechste, die Zentenarauflage der „Grashalme“ und ein aus Gedichten und Prosa gemischtes Bändchen „November-Boughs“ („Novemberzweige“; ebenda) und eine einbändige Gesamtausgabe „Complete Poems and Prose“, von Whitman selbst verlegt und vertrieben.
1889 folgte eine Taschenausgabe der „Grashalme“ in beschränkter Auflage als Geburtstagsgabe mit dem Anhang „Sands at Seventy“ (etwa „Augenblicke aus dem Leben eines Siebzigjährigen“).
1891, im Dezember, im Winter vor seinem Todesjahr, erschien als Sonderdruck „Good-bye my Fancy“ („Ade, Phantasie“), aus Gedichten und Prosa gemischt, das noch im gleichen Jahr als zweites Anhängsel in die 10. Auflage der „Grashalme“ aufgenommen wurde (McKay, Philadelphia).
Nach Whitmans Tod erschien im Jahre 1897 im Verlage Small, Maynard & Co. die vorerwähnte 11. Auflage, die als drittes und letztes Anhängsel die posthume kleine Sammlung „Old Age Echoes“ („Nachhall aus dem Alter“) enthielt.
Die gegenwärtigen Verhältnisse erlaubten es nicht, eine deutsche Gesamtausgabe des umfangreichen und auch durchaus nicht innerlich gleichwertigen Werkes zu veranstalten. Immerhin ist diese Neuausgabe meiner Übertragung um mehr als das Doppelte erweitert und darf den Anspruch erheben, nahezu alles Wesentliche zu enthalten. Trotz der durch die Auswahl entstehenden Lücken bin ich in der Anordnung der Gesänge der letzten Ausgabe gefolgt, nur habe ich ein Gedicht aus dem Annex „Ade, Phantasie“, das Gedicht „Groß ist das Sichtbare“, etwas vorgerückt, da die großen Schlußgesänge unbedingt an das Ende einer geschlossenen Ausgabe gehören.
H. R.
KINDER ADAMS
ZU DEM GARTEN WELT
Zu dem Garten Welt steig ich aufs neue empor,
Vor mir Präludium zeugungsstarker Gefährten, Töchter und Söhne,
Und ihrer Leiber Liebe und Leben, Sinn und Sein:
Siehe hier wunderbar meine Auferstehung vom Schlummer!
Die rollenden Kreisläufte haben mich weiten Schwunges wiedergebracht,
Liebend, gereift, alles schön für mich, alles wunderbar,
Meine Glieder, das bebende Feuer, das allezeit durch sie spielt nach wunderbarstem Sinn.
Und so tauche und dringe ich, der ich bin, immer noch weiter vor,
Zufrieden mit Gegenwart und Vergangenheit,
An meiner Seite oder hinter mir Eva folgend,
Oder vor mir und ich ihr folgend ebenso.
AUS SCHMERZHAFT AUFGESTAUTEN STRÖMEN
Aus schmerzhaft aufgestauten Strömen,
Aus dem in mir, ohne das ich ein Nichts wäre
Und das ich entschlossen bin zu verherrlichen, ständ ich auch einsam unter den Menschen,
Aus meiner eignen Stimme Klang, den Phallus singend,
Singend Gesang der Zeugung,
Singend Notwendigkeit herrlicher Kinder und in ihnen HerrlichErwachsener,
Singend der Muskeln Drang und die Mischung,
Singend der Bettgenossen Gesang (o unwiderstehliche Sehnsucht!
O für alle und jeden der wahlverwandte Leib, der ihn anzieht!
O für dich, wer immer du seist, dein wahlverwandter Leib! O er, der über alles andere dich entzückt):
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Aus dem hungrigen Nagen, das Tag und Nacht an mir frißt,
Aus Urmomenten, aus schamvoller Qual, die ich singe,
Suchend etwas noch Ungefundnes, obwohl ich so manches lange Jahr innig danach gesucht,
Singend den wahrhaftigen Gesang von der blindlings launischen Seele,
Wiedergeboren in gröbster Natur oder unter den Tieren, —
Davon, von ihnen und was sie begleitet Kunde bringend in meinen Gedichten,
Vom Duft der Zitronen und Äpfel, von der Paarung der Vögel,
Von der Feuchte der Wälder, vom Lecken der Wellen,
Von den tollen Stößen der Wellen ans Land, die ich singe,
Fröhlich im Rauschen der Ouvertüre das Thema vorausnehmend, —
Die willkommene Nähe, den Anblick vollkommenen Körpers,
Den Schwimmer, der nackt im Bade schwimmt oder regungslos auf dem Rücken liegt und treibt,
Die Weibgestalt, die mir naht, und ich in Gedanken; Liebesfleisch in zuckendem Schmerz;
Das göttliche Inventar aufstellend für mich oder dich und alle,
Das Antlitz, die Glieder, alle Einzelheiten von Kopf bis Fuß und die Empfindungen, die sie erwecken,
Den mystischen Taumel, verliebte Tollheit, das äußerste SichVerlieren —
(Horch nahe und still, was ich jetzt flüstre zu dir,
Ich liebe dich, o du besitzest mich ganz,
O daß du und ich entflöhen den andern und gingen weit davon, frei und gesetzlos,
Zwei Falken der Luft, zwei Fische schwimmend im Meer gesetzloser nicht als wir),
Den wütenden Sturm, der durch mich glühend Zitternden fegt,
Den Schwur der Untrennbarkeit zweiter Vereinten, der Untrennbarkeit von dem Weib, das mich liebt, das ich liebe mehr als mein Leben, schwörend solchen Schwur —
(O ich setze willig alles aufs Spiel für dich,
O laß mich verloren sein, wenn es sein muß!
O du und ich! Was bedeutet es uns, was die andern tun oder denken?
Was ist alles andre für uns? Einzig daß wir uns freun aneinander und uns einander zugrunde richten, wenn es so sein muß),
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Aus des Meisters Gewalt, des Lotsen, dem ich das Schiff überließ,
Des Führers, der Befehl über mich und alle hat, mit seiner Erlaubnis,
Aus Zeit, die mich drängt zur Erfüllung meines Programms (zu lange habe ich nun gezaudert),
Aus Geschlecht, aus Gewebes Kette und Einschlag,
Aus Zurückgezogenheit, aus vielem einsamen Grämen,
Aus zahlreichen Menschen nah und dennoch der rechte nicht nah,
Aus dem linden Streicheln von Händen über mich hin und Wühlen von Fingern in meinem Haar und Bart,
Aus dem lange verweilenden Kuß auf Mund oder Busen,
Aus der engen Umschlingung, die mich und jeglichen Mann berauscht, daß ihm die Sinne schwinden im Übermaß,
Aus dem Wissen göttlichen Gattentums, aus dem Werke der Vaterschaft,
Aus jubelnder Lust, Sieg und Erleichterung, aus der Bettgenossin Umarmung bei Nacht,
Aus den lebendigen Gedichten der Augen, Hände, Hüften und Brüste,
Aus der Klammer bebenden Arms,
Aus den Falten der — Seite an Seite — weggestoßenen Decke,
Aus der Betrübnis meiner Gefährtin, daß sie mich nun verlassen muß, und meiner eignen Betrübnis, daß ich sie lassen muß
(Doch einen Augenblick nur, o süße Erwarterin, und ich kehre zurück),
Aus der Nacht tauche ich einen Augenblick auf und schlüpfe hervor,
Dir ein Loblied zu singen, göttlicher Akt, und euch, meine Kinder, die ihr bereit seid zu ihm,
Und euch, kraftvolle Lenden.
ICH SINGE DEN LEIB, DEN ELEKTRISCHEN
1
Ich singe den Leib, den elektrischen,
Die Heerscharen derer, die ich liebe, umgürten mich, und ich umgürte sie,
Sie wollen mich nicht lassen, bis ich mit ihnen gehe, ihnen antworte,
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Und sie läutere und sie erfülle mit der Fülle der Seele,
Zweifelt jemand, daß die, die ihren eigenen Leib verderben, sich nicht verstecken können?
Und daß die, die die Lebendigen schänden, ebenso schlecht sind wie die, die die Toten schänden?
Und daß der Leib vollauf so viel gilt wie die Seele?
Und wäre der Leib nicht die Seele, was ist die Seele?
2
Die Liebe zum Leib eines Manns oder Weibes spottet jeglicher Rechenschaft, der Leib selber spottet jeglicher Rechenschaft.
Der männliche ist vollkommen und der weibliche ist vollkommen.
Der Ausdruck des Antlitzes spottet der Rechenschaft,
Aber der Ausdruck eines wohlgestalteten Mannes erscheint nicht in seinem Antlitz allein,
Er ist auch in seinen Gliedern und Gelenken, ist geheimnisvoll in den Gelenken seiner Hüften und Hände,
Er ist in seinem Gang, der Haltung seines Halses, der Biegung seiner Lenden und Knie, Kleidung verbirgt ihn nicht,
Seine starke, süße Wesenheit dringt durch Kattun und Tuch,
Ihn vorbeigehn zu sehn, gibt so viel wie das beste Gedicht, vielleicht mehr,
Du verweilst, seinen Rücken zu sehn, seinen Nacken und Schultern.
Das Sich-Spreizen rundlicher Babys, die Brüste und Köpfe von Weibern, die Falten ihrer Gewänder, ihre Haltung, wenn wir an ihnen auf der Straße vorbeigehn, der Umriß ihrer Gestalt nach unten,
Der Schwimmer nackt in dem Schwimmbad, sichtbar während er schwimmt durch das durchscheinende Grün oder mit dem Gesicht nach oben liegt oder lautlos hin und her im wiegenden Wasser rollt,
Die Beugung vor und zurück von Ruderern in Ruderbooten, der Reiter im Sattel,
Mädchen, Mütter, Hausfrauen in allen ihren Verrichtungen,
Die Gruppe von Arbeitern bei der Mittagspause mit ihren offenen Töpfen sitzend, ihre wartenden Weiber,
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Das Weib, das ein Kind einlullt, des Farmers Tochter im Garten oder im Viehhof,
Der Bursch, der Getreide jätet, der Schlittenkutscher, der seine sechs Pferde durch das Gedränge lenkt,
Das Ringen der Ringer, zweier Lehrburschen, ausgewachsen, voll Leben, gutmütiger Landeskinder, draußen auf dem leeren Bauplatz bei Sonnenuntergang nach der Arbeit
Die Röcke und Mützen abgeworfen, die Umschlingung in Liebe und Gegenwehr,
Der Obergriff und der Untergriff, die Haare vornüber gezaust und die Augen verdeckend,
Der Marsch der Feuerwehrmänner in ihrer besonderen Tracht, das Spiel männlicher Muskeln durch die prallen Hosen und Leibriemen,
Die langsame Rückkehr vom Feuer, das Stocken, wenn plötzlich die Glocke ruft, und das wachsame Aufhorchen,
Die natürlichen, in sich vollkommenen vielfältigen Stellungen — der geneigte Kopf, der gebogene Nacken, das Zählen;
Solcherlei liebe ich — ich löse mich los, geh ungebunden, lieg an der Mutter Brust mit dem kleinen Kind,
Schwimme mit den Schwimmern, ringe mit den Ringern, marschiere in Reih und Glied mit den Feuerwehrleuten, halte inne, horche und zähle.
3
Ich kannte einen Mann, einen einfachen Farmer, den Vater von fünf Söhnen,
Und in ihnen die Väter von Söhnen, und in ihnen die Väter von Söhnen.
Dieser Mann war von wundervoller Kraft, Ruhe, Schönheit der Person,
Die Form seines Kopfes, das blasse Gelb und Weiß seines Haares und Bartes, der unergründliche Sinn seiner schwarzen Augen, der Reichtum und die Breite seiner Art,
Dies alles zu sehen, pflegte ich zu ihm zu gehen zu Besuch; er war auch weise;
Er war sechs Fuß hoch, er war über achtzig Jahre alt, seine Söhne waren stark, wohlgepflegt, bärtig, wettergebräunt, schön,
Sie und seine Töchter liebten ihn, alle, die ihn sahen, liebten ihn,
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Sie liebten ihn nicht aus Pflicht, sie liebten ihn mit persönlicher Liebe;
Er trank nur Wasser, das Blut schien wie Scharlach durch die hellbraune Haut seines Gesichts.
Er war ein eifriger Jäger und Fischer, er segelte sein Boot selbst, er hatte ein schönes von einem Reeder geschenkt bekommen, er hatte Vogelflinten geschenkt bekommen von einem Mann, der ihn liebte;
Wenn er mit seinen fünf Söhnen und vielen Enkelsöhnen jagen und fischen ging, hättest du ihn in dem Trupp als den Schönsten und Kräftigsten bezeichnet,
Du hättest gewünscht, immer und immer mit ihm zu sein, du hättest gewünscht, neben ihm im Boot zu sitzen, so daß er und du euch berührtet.
4
Ich habe gefunden: mit denen zu sein, die ich liebe, ist genug,
Am Abend mit den andern in Gesellschaft zu verweilen, ist genug,
Umgeben zu sein von schönem, neugierigem, atmendem, lachendem Fleisch, ist genug;
Durch sie hinzugehn, oder eines von ihnen zu berühren, oder meinen Arm, wenn auch noch so leicht, um seinen oder ihren Nacken für einen Augenblick ruhen zu lassen, was ist dies doch?
Ich verlange nicht größere Lust, ich schwimme darin wie in einem Meer.
Es ist etwas im Nahesein von Männern und von Frauen und in ihrem Anblick und in ihrer Berührung und in ihrem Geruch, das der Seele wohlgefällt,
Alle Dinge gefallen der Seele, aber diese gefallen der Seele wohl.
5
Dies ist die weibliche Gestalt,
Ein göttlicher Nimbus haucht von ihr aus von Kopf bis Fuß,
Sie zieht an mit heißer, unwiderstehlicher Anziehungskraft,
Ich werde eingesogen von ihrem Atem, als wäre ich nur ein hilfloser Nebel, alles versinkt außer mir und ihr,
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Bücher, Kunst, Religion, Zeit, die sichtbare, feste Erde und was vom Himmel erhofft und von Hölle gefürchtet wurde, ist jetzt verweht,
Wilde Fühlfäden, unbändige Blitze zucken aus ihr, das Widerspiel auch unbändig,
Haar, Busen, Hüften, Biegung der Beine, lässiges Sinken der Hände ganz gelöst, die meinigen auch gelöst,
Ebbe, gestachelt von Flut und Flut, gestachelt von Ebbe, Liebesfleisch, schwellend und lustvoll schmerzend,
Üppige, reine Strahlen der Liebe, heiß und gewaltig, zuckende Gallert der Liebe, weiße Gischt und rasender Saft,
Bräutigam Liebesnacht, sicher und weich eindringend in die hingegebene Morgendämmerung,
Verwogend in den willigen, nachgiebigen Tag,
Verloren in des umklammernden, anschmiegenden Tages süßes Fleisch.
Dies ist der Keim — alsdann wird das Kind vom Weibe geboren, der Mann vom Weibe geboren,
Dies das Bad der Geburt, das Einsenken von klein und groß, und das Wiederhervorwachsen.
Schämt euch nicht, Weiber, euer Vorrecht umschließt alles Übrige und ist der Ausgang für alles Übrige,
Ihr seid die Pforten des Leibes und seid die Pforten der Seele.
Das Weib enthält alle Eigenschaften und gleicht sie aus,
Sie steht an ihrem Platz und bewegt sich in vollkommenem Gleichgewicht,
Sie ist alles in geziemendem Schleier, sie ist beides, passiv und aktiv,
Sie ist gemacht, um Töchter sowohl wie Söhne zu empfangen und Söhne sowohl wie Töchter.
Ich sehe meine Seele gespiegelt in der Natur,
Ich sehe durch einen Nebel e i n e in unaussprechlicher Vollkommenheit, Gesundheit, Schönheit,
Geneigten Haupts, die Arme gefaltet über der Brust, —
Ich sehe das Weib.
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6
Der Mann ist nicht minder die Seele, noch mehr, auch er ist an seinem Platz,
Auch er umschließt jede Eigenschaft, Tatkraft und Macht,
Die Blüte des bekannten Weltalls ist in ihm,
Hohn steht ihm gut, und Begierde und Trotz stehen ihm gut,
Die wildesten, stärksten Leidenschaften, äußerste Seligkeit, äußerstes Leid steht ihm gut, Stolz ist sein Teil,
Der vollentfaltete Stolz des Mannes ist herrlich beruhigend für die Seele,
Wissen steht ihm gut, er liebt es allezeit, er ist sich selber der Prüfstein für alles,
Wohin er auch schaut, wohin ihn auch See und Segel führt, Grund fühlt er am Ende hier allein
(Wo anders fühlte er Grund, als hier?).
Des Mannes Leib ist heilig und des Weibes Leib ist heilig,
Ganz gleich, wer es ist, er ist heilig — ist es der Niedrigste in der Arbeiterschar?
Ist es einer der Einwanderer mit stumpfem Gesicht, die eben gelandet sind an der Werft?
Jeder gehört hierher oder igendwohin, genau so gut wie der Wohlbestallte, genau so gut wie du,
Jeder hat seinen und ihren Platz in der Prozession.
(Alles ist eine Prozession,
Das Weltall ist eine Prozession in wohlgemessener, vollkommener Bewegung.)
Weißt du selber so viel, daß du den Niedrigsten unwissend meinst?
Meinst du, du habest ein Recht auf einen guten Platz und er oder sie habe kein Recht auf einen guten Platz?
Meinst du, die Materie habe sich zusammengeballt aus zerfließendem Dunst und der Erdboden sei an der Oberfläche und Wasserströme und Wachstum sprieße
Für dich allein und nicht für ihn und sie?
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7
Eines Mannes Leib zu verkaufen!
(Vor dem Kriege ging oft auf den Sklavenmarkt und sah dem Handel zu.)
Ich helfe dem Verkäufer, der Schmierfink hat keine Ahnung von seinem Geschäft.
Ihr Herren, schaut dies Wunder an!
Was immer dafür geboten wird, kann hoch genug nicht sein!
Um seinetwillen lag die Erde im Werden durch Quintillionen von Jahren, ohne Pflanze noch Tier,
Um seinetwillen schwangen sich treu und sicher die Weltkreise.
In diesem Kopf ist das allbestaunte Gehirn,
Darin und darunter die Taten von Helden.
Prüft diese Glieder, rot, schwarz oder weiß, sinnreich aus Sehnen und Nerven gemacht,
Man wird sie entblößen, damit ihr sie seht.
Zarteste Sinne, von Leben leuchtende Augen, Willen, Mut.
Der Schild des Brustmuskels, das biegsame Rückgrat und Nacken, festes Fleisch, wohlgeformte Arme und Beine,
Und noch mehr Wunder drinnen.
Drinnen strömt das Blut,
Dasselbe alte Blut! dasselbe rotströmende Blut!
Dort schwillt und zuckt ein Herz, und alle Leidenschaften, Begierden, Fähigkeiten, Wünsche.
(Denkt ihr, sie seien nicht darin, weil sie nicht in Salons und Vortragssälen sich zeigen?)
Dies ist nicht e i n Mann allein, dies ist der Vater derer, die selbst wieder Vater sein werden,
In ihm ist der Keim volkreicher Staaten und reicher Republiken,
In ihm zahllose unsterbliche Leben mit zahllosen Verkörperungen und Freuden.
Wie könnt ihr wissen, wer aus dem Samen seines Samens in den Jahrhunderten entspringen wird?
(Wen würdet ihr als euren eigenen Stammvater finden, wenn ihr die Spur durch Jahrhunderte verfolgen könntet?)
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8
Eines Weibes Leib zu verkaufen!
Auch sie ist nicht nur sie selbst, sie ist die fruchtbare Mutter von Müttern,
Sie ist die Trägerin derer, die wachsen und Gatten sein sollen neuer Mütter.
Hast du jemals eines Weibes Leib geliebt?
Hast du jemals eines Mannes Leib geliebt?
Siehst du nicht, daß diese ganz diesselben sind für alle in allen Völkern und Zeiten auf der ganzen Erde?
Wenn irgend etwas heilig ist, so ist der menschliche Körper heilig,
Und der Ruhm und die Lust eines Mannes ist die Unbeflecktheit des Zeichens seiner Mannheit,
Und bei Mann wie Weib ist ein reiner, starker, festgefügter Körper schöner als das schönste Gesicht.
Habt ihr den Narren gesehen, der seinen eigenen lebendigen Leib verdarb? oder die Närrin, die ihren eigenen lebendigen Leib verdarb?
Denn sie verbergen sich nicht und können sich nicht verbergen.
9
O mein Leib! Ich wage dein Ebenbild in meinen Mitmenschen, Mann und Weib, nicht zu verleugnen, noch in Ebenbildern deiner einzelnen Teile,
Ich glaube, deine Ebenbilder müssen stehn oder fallen mit den Ebenbildern der Seele (und sind die Seele),
Ich glaube, deine Ebenbilder müssen stehn oder fallen mit meinen Gedichten und sind meine Gedichte,
Gedichte von Mann, Weib, Kind, Jüngling, Gattin, Gatte, Mutter, Vater, jungem Mann und jungem Weib, —
Kopf, Hals, Haar, Ohren, Ohrläppchen und Trommelfell,
Augen, Augenwimpern, Augenstern, Augenbrauen und Wachen und Schlafen der Lider,
Mund, Zunge, Lippen, Zähne, Mundhöhle, Kiefer und Angel der Kiefer,
Nase, Nasenlöcher und Scheidewand,
Wangen, Schläfen, Stirn, Kinn, Kehle, Nacken und Nackenwirbel,
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Starke Schultern, männlicher Bart, Schulterblatt, hintere Schultern und die volle Seitenwölbung der Brust,
Oberarm, Achselhöhle, Ellbogengelenk, Unterarm, Armsehnen und Armknochen,
Handgelenk und Bänder des Handgelenkes, Hand, Handfläche, Knöchel, Daumen, Zeigefinger, Fingergelenke, Fingernägel,
Breite Vorderbrust, gekräuseltes Brusthaar, Brustbein, Brustseite,
Rücken, Bauch, Rückgrat, Wirbel des Rückgrats,
Hüften, Hüftgelenke, Stärke der Hüften, inneres und äußeres Rund, Manneseier, Manneswurzel,
Fester Bau der Schenkel, den Rumpf droben sicher tragend,
Beinsehnen, Knie, Kniescheibe, Oberbein, Unterbein,
Fesseln, Spann, Ballen, Zehen, Zehgelenke und Ferse;
Jede Haltung und schöne Form, alles Zubehör meines und deines Leibes oder des Leibes von irgendwem, Mann oder Weib,
Die Lungenschwämme, der Magensack, die Eingeweide frisch und rein,
Das Hirn mit seinen Windungen im Schädelgewölbe,
Sympathikus, Herzklappen, Gaumenklappen, Geschlecht und Mutterschaft,
Weibschaft und alles, was ein Weib ist und der Mann, der vom Weibe kommt,
Der Schoß, die Brüste, Brustwarzen, Brustmilch, Tränen, Lachen, Weinen, Liebesblicke, Unruhe und Schwellen der Liebe,
Die Stimme, Lautgebung, Sprache, Flüstern und lautes Rufen,
Speise, Trank, Pulsschlag, Verdauung, Schweiß, Schlaf, Gehen und Schwimmen,
Tragkraft der Hüften, Springen, Lehnen, Umfassen, Armbeugen und -spannen,
Der ewige Wechsel der Züge um Mund und Augen,
Die Haut, das sonnengebräunte Dunkel, Sommersprossen und Haar,
Die seltsame Sympathie, die man spürt, wenn man das nackte Fleisch des Körpers mit der Hand fühlt,
Die kreisenden Ströme des Atems und das Atmen aus und ein,
Die Schönheit der Lenden und tiefer der Hüften und tiefer hinab zu den Knien,
Die dünnen roten Gewebe in dir und in mir, die Knochen und das Mark in den Knochen,
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Das köstliche Bewußtsein von Gesundheit!
O ich sage, dies sind nicht die Teile und Gedichte des Leibes allein, sondern der Seele,
O nun sage ich, sie sind die Seele!
EIN WEIB WARTET AUF MICH
Ein Weib wartet auf mich, sie enthält alles, nichts fehlt,
Und doch würde alles fehlen, wenn Geschlecht fehlte oder der Saft des rechten Manns.
Geschlecht enthält alles, Leiber und Seelen,
Meinungen, Beweise, Reinheiten, Zartheiten, Ergebnisse, Weiterverbreitung,
Gesänge, Befehle, Gesundheit, Stolz, das Geheimnis der Mutterschaft, die Milch des Samens,
Alle Hoffnungen, Wohltaten, Spenden, alle die Leidenschaften, Lieben, Schönheiten, Wonnen der Erde,
Alle Regierungen, Richter, Götter, Führer der Erde,
Diese sind im Geschlecht enthalten als seine Teile und seine Rechtfertigung.
Ohne Scham kennt und bekennt der Mann, den ich liebe, die Köstlichkeit seines Geschlechts,
Ohne Scham kennt und bekennt das Weib, das ich liebe, das ihre.
Nun will ich mich abwenden von unempfindlichen Weibern,
Ich will hingehen zu der, die meiner wartet, und zu den Weibern, die warmblütig sind und erfüllend für mich,
Ich sehe, sie verstehn mich und weisen mich nicht zurück,
Ich sehe, sie sind meiner würdig, ich will dieser Weiber starker Gatte sein.
Sie sind kein Jota geringer als ich,
Sie sind gebräunt im Gesicht von scheinender Sonne und blasenden Winden,
Ihr Fleisch hat die alte göttliche Kraft und Geschmeidigkeit,
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Sie wissen zu schwimmen, zu rudern, zu reiten, zu ringen, zu schießen, zu schlagen, zurückzuweichen und anzugreifen, zu widerstehen und sich zu wehren,
Sie sind letztgültig in ihrem eigenen Recht — sie sind ruhig, klar und Herrinnen über sich selbst.
Ich ziehe euch dicht an mich, ihr Weiber,
Ich kann euch nicht lassen, ich tue euch gut,
Ich bin für euch und ihr seid für mich, nicht um euretwillen allein, sondern um anderer willen,
In euch gebettet schlummern größere Helden und Sänger,
Sie wollen durch keines anderen Mannes Berührung geweckt sein als durch die meine.
Ich bin es, ihr Weiber, ich gehe meinen Weg,
Ich bin grimmig, scharf, breit und unerbittlich, doch liebe euch,
Ich tue euch nicht weher, als euch nötig ist,
Ich ergieße den Stoff zu Söhnen und Töchtern, wie diese Staaten sie brauchen, ich presse mit langsamem rauhem Muskel,
Ich dränge unwiderstehlich, ich hör auf kein Flehen,
Ich darf nicht zurückziehen, bis ich eingepflanzt habe, was sich so lange in mir gestaut.
Durch euch leite ich ab die gestauten Ströme in mir,
In euch berge ich tausend künftige Jahre,
Auf euch pfropf ich die Keime von meinen und Amerikas Allergeliebtesten,
Die Tropfen, die ich filtre auf euch, sollen erwachsen zu Mädchen athletisch und wild, Künstlern neu, Musikanten und Sängern,
Die Kinder, die ich zeuge in euch, sollen Kinder zeugen zu ihrer Zeit,
Ich werde vollkommene Männer und Frauen fordern aus meinen Spenden der Liebe,
Ich werde verlangen, daß sie einander durchdringen, wie ich und du uns durchdringen heut,
Ich werde zählen auf die Früchte ihrer überschwenglichen Schauer, wie ich zähle auf die Früchte der überschwenglichen Schauer, die ich verströme heut,
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Ich werde ausschauen nach liebenden Ernten aus der Geburt, dem Leben, dem Tod, der Unsterblichkeit, die ich so liebend pflanze heut.
SELBSTHERRLICHES ICH
Selbstherrliches Ich, Natur,
Der liebende Tag, die steigende Sonne, der Freund, mit dem zusammen ich glücklich bin,
Der Arm meines Freundes, der lässig um meine Schultern hängt,
Der Hügelhang, von Blüten der Bergesche weiß,
Derselbige spät im Herbst, die Farbflecken rot, gelb, bräunlich, purpurn und hellund dunkelgrün,
Der reiche Teppich des Grases, Tiere und Vögel, abseitiges kahles Gestade, Wildäpfel, Kieselstein,
Bruchstücke, Schönheit, zuckend durch mich, nachlässig aufgezählt eins nach dem andern, wie ich sie zufällig rufe und ihrer gedenke,
Die wahren Gedichte (was wir Gedichte nennen sind nichts als Bilder),
Gedichte von der Entrücktheit der Nacht und von Männern gleich mir,
Dieses Gedicht, das scheu und ungesehen geschmiegt ich immerdar in mir trage, wie jeder Mann
(Wisse für allemal, ich bekenn es mit Absicht — wo immer Männer sind gleich mir, sind unsere heimlich-lebendigen Gedichte der Mannheit),
Liebesgedanken, Liebesseim, Liebesgeruch, Liebeswillfährigkeit, Liebessprung und -saft,
Arme und Hände der Liebe, phallischer Daumen der Liebe, Bäuche gepreßt und geleimt aneinander mit Liebe,
Erde keuscher Liebe, Leben, das Leben nur ist nach Liebe,
Der Leib meiner Liebe, der Leib des Weibes, das ich liebe, der Leib des Mannes, der Leib der Erde,
Linde Vormittagslüfte, die wehen aus Süd-West,
Die behaarte wilde Biene, die auf und nieder summt und sucht, die vollentfaltete weibliche Blüte ergreift, sich über sie krümmt mit zärtlichen, starken Beinen, ihr ihren Willen nimmt und sich bebend festhält, bis sie befriedigt ist;
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Feuchte der Wälder in Morgenstunden,
Zwei Schläfer bei Nacht, eng beieinanderliegend im Schlaf, des einen Arm schräg unter der Hüfte des andern,
Der Duft von Äpfeln, Arom von zerstoßenem Salbei, von Minze und Birkenborke,
Die Sehnsucht des Knaben, seine Glut und sein Anschmiegen, als er mir anvertraut, was er geträumt hat,
Das tote Blatt, das in Spiralen herabwirbelt und still und zufrieden zu Boden fällt,
Die unsichtbaren Stachel, mit denen Erscheinungen, Menschen, Dinge mich stechen,
Der Stachel in meinem eigenen Leibe, der mich so sticht wie nur irgendwen,
Die empfindlichen runden Zwillinge, unter schützendem Vorsprung, so daß nur bevorzugte Fühler ertasten mögen, wo sie sind,
Der seltsame Schmeichler, die Hand, die über den ganzen Körper schweift, das schamvolle Zurückweichen des Fleisches, bei dem die Finger zärtlich verweilen, wenn sie dahin geraten,
Der helle Saft in jungen Männern,
Die ätzende Unruhe, die so quälende Gedanken bringt,
Die Pein, der reizbare Strom, der nicht ruhen will,
Dasselbe, was ich und was alle anderen fühlen,
Der junge Mann, der glüht und glüht, und das junge Weib, das glüht und glüht,
Der junge Mann, der wach liegt tief in der Nacht und mit heißer Hand zurückzuhalten sucht, was ihn meistern will,
Die mystische, wollüstige Nacht, die seltsame, halbwillkommene Qual, Visionen, Schweiß,
Der Pulsschlag durch Handflächen und umklammernde bebende Finger hindurch, der junge Mann ganz rot vor Scham und Unmut;
Das Hinfluten meiner Geliebten, der See, über mich, wenn ich nackt und hingegeben liege,
Die Vergnügtheit der Zwillingsbabys, die übers Gras in der Sonne kriechen, immer bewacht von den niemals abgewendeten Augen der Mutter,
Der Walnußbaum, die Walnußschalen und die reifenden oder gereiften länglichrunden Nüsse,
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Das selbstverständliche Sein von Pflanzen, Tieren und Vögeln,
Das Bewußtsein, wie kläglich ich wäre, wenn ich mich selber unzüchtig finden und mich verkriechen müßte, während sich Vögel und Tiere niemals unzüchtig finden und sich verkriechen,
Die erhabene Keuschheit der Vaterschaft, ebenbürtig der erhabenen Keuschheit der Mutterschaft,
Der Schwur der Zeugung, den ich geschworen, meine frohen Adamstöchter,
Die Gier, die mich frißt bei Tag und Nacht mit hungrigem Nagen, bis ich das sättige, was Knaben erzeugen soll, die meinen Platz ausfüllen, wenn ich hindurch bin,
Die gesunde Erleichterung, Ruhe, Zufriedenheit, —
Und dieser Strauß, gepflückt aus mir selbst aufs Geratewohl, —
Er hat seinen Zweck erfüllt — ich werfe ihn achtlos fort, er mag fallen, wohin er will.
EINE STUNDE RASENDER LUST
Eine Stunde rasender Lust! O wild! o halte mich nicht!
Was befreit mich in Stürmen so?
Was ist meiner Schreie Sinn
Inmitten Blitzen und rasenden Winden?
O mystischen Rausch zu trinken tiefer als irgendein Mann!
O rauhe und zarte Qual! (Ich vermache sie euch, meine Kinder,
Ich künde sie euch, o Bräutigam und Braut.)
O dir hingegeben zu sein, wer du auch seist, und zu mir hingegeben der Welt zum Trotz!
O heimzukehren ins Paradies! O schamvoll Weibliches,
O dich an mich zu ziehen, zum erstenmal
Entschlossenen Mannes Lippen auf dich zu drücken!
O Rätsel, dreifach geknüpfter Knoten, Brunnen dunkel und tief, — gelöst nun und erhellt!
O hinzueilen, wo endlich Raum und Luft genug!
Ledig zu sein alter Fesseln und Sitten,
Meiner ich und deiner du!
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Ein neues, ungeahntes Sichgehenlassen zu finden im Besten der Natur!
Den Knebel aus dem Mund zu bekommen!
Zu fühlen: Heute und je bin ich genug so wie ich bin!
O etwas Unbewiesenes! in Verzückung!
Unerreichbar den Ankern und Klammern der andern entfliehn!
Frei zu treiben! Frei zu lieben! hinzustürmen gefährlich und wild!
Vernichtung mit Hohn und Lockung umwerben!
Klimmen, springen in die Himmel der Liebe, die winken!
Dorthin aufzusteigen mit trunkener Seele!
Verdammt sein, wenn es gilt!
Wegwerfen den Rest des Lebens
Für eine Stunde der Fülle und Freiheit,
Für eine kurze Stunde rasender Lust!
AUS DEM GEWÜHL DES ROLLENDEN OZEANS
Aus dem Gewühl des rollenden Ozeans sprang ein Tropfen lieblich zu mir,
Flüsternd: „Ich liebe dich, ich vergehe bald,
Weither bin ich gereist, einzig um dich zu sehen und dich zu berühren,
Denn ich konnte nicht sterben, ehe ich dich nicht einmal sah,
Denn ich fürchtete dich hernach zu verlieren.“
Nun haben wir uns getroffen und uns gesehen, nun sind wir geborgen,
Kehre in Frieden zurück in das Meer, mein Geliebtes,
Auch ich bin ein Teil dieses Meers, mein Geliebtes, wir sind nicht so sehr von einander getrennt,
Sieh das erhabene Rund, den Allzusammenhang, wie vollkommen!
Dich und mich ist die unwiderstehliche See bestimmt zu trennen,
Für eine Weile uns auseinanderzutragen, doch nicht für immer;
Habe Geduld — eine kleine Spanne — wisse, ich grüße die Luft, das Meer und das Land
Jeden Tag bei sinkender Sonne um deinetwillen, Geliebtes.
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DER ICH VON ÄONEN ZU ÄONEN WIEDERKEHRE
Der ich von Äonen zu Äonen wiederkehre immer aufs neue,
Unzerstörter, unsterblicher Wanderer,
Lustvoll, phallisch, mit ursprünglichen zeugungskräftigen Lenden in süßer Fülle,
Ich, Sänger von Adamsgesängen,
Durch den neuen Garten des Westens rufend und durch seine großen Städte,
Spiele trunken das Vorspiel alles Erzeugten,
Bringe meine Gesänge dar und mich selbst,
Bade mich selbst und bade meine Gesänge in Geschlecht,
Sprößlinge meiner Lenden.
WIR ZWEI
Wir zwei, wie lange waren wir genarrt;
Verwandelt nun, entschlüpfen wir hurtig, gleich wie Natur entschlüpft;
Wir s i n d Natur; lange verbannt, jetzt kehren wir heim,
Pflanzen und Stämme, Laub, Wurzeln und Rinde werden wir,
Wir sind im Boden gebettet, sind Felsen,
Eichen sind wir, wachsen in Lichtungen Stamm an Stamm,
Wir äsen, zwei inmitten wilder Herden, eigenwillig wie irgendeins,
Wir sind zwei Fische, die einig im Meere schwimmen,
Wir sind Akazienblüten, verströmen Wohlgeruch über die Feldwege morgens und abends,
Wir sind auch der grobe Abfall von Tieren, Pflanzen und Stein,
Wir sind zwei Raubfalken, kreisen hoch und schauen hinab,
Wir sind zwei Wolken, die droben gleiten durch Vormittag und Nachmittag,
Meere sind wir, die ineinander strömen, sind zwei der lustigen Wogen,
Die sich einander durchfluten und überrollen;
Wir sind, was die Luft ist, durchsichtig, empfänglich, durchdringlich, undurchdringlich,
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Schnee sind wir, Regen und Kälte und Finsternis und des Erdballs jegliche Wirkung und Geschöpf,
Wir haben Kreise um Kreise durchlaufen, bis wir wieder nach Hause gelangt, wir zwei,
Alles haben wir abgetan, außer der Freiheit und unserer eigenen Lust.
O HYMEN! O HYMENÄUS!
O Hymen! O Hymenäus! Was peinigst du mich so?
O warum stachelst du mich nur für einen flüchtigen Augenblick?
Warum kannst du nicht dauern? O warum schwindest du nun?
Ist es, weil du mich sicherlich töten würdest, wenn du länger anhieltest als diesen flüchtigen Augenblick?
ICH BIN, DER SCHMERZEN LEIDET
Ich bin, der Schmerzen leidet an sehnsüchtiger Liebe;
Gravitiert die Erde nicht? zieht nicht alle Materie, schmerzend, alle Materie an?
So mein Körper alle, die ich treffe oder kenne.
URGEFÜHLE
Urgefühle — wenn ihr über mich kommt — ah jetzt seid ihr da!
Gebt mir jetzt nichts als Freuden der Wollust,
Gebt mir den Trank meiner Leidenschaften, gebt mir Leben üppig und rauh,
Heute und heute nacht schließ ich Gemeinschaft mit den Lieblingen der Natur,
Ich bin für die, die an lockere Freuden glauben, ich teile die Mitternachtsorgien junger Männer,
Ich tanze mit den Tänzern und trinke mit den Trinkern,
Das Echo schallt von unserm wüsten Geschrei, ich greife mir einen niedrigen Menschen heraus als liebsten Freund,
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Er soll rechtlos sein und roh und ungebildet, er soll von den andern verdammt sein wegen Verbrechen, die er begangen,
Ich will nicht länger Komödie spielen, warum sollte ich mich ausschließen von meinen Gefährten?
O ihr Gemiedenen, ich meide euch nicht,
Ich komme sogleich in eure Mitte, ich will euer Dichter sein,
Ich will mehr für euch sein, als für alle andern.
EINST KAM ICH DURCH EINE VOLKREICHE STADT
Einst kam ich durch eine volkreiche Stadt und prägte mir zu künftigem Nutzen alles, was es in ihr zu sehen gab, all ihre Bauwerke, Sitten, Gewohnheiten in mein Gedächtnis ein,
Jetzt aber ist mir von dieser ganzen Stadt nur noch eine Frau im Gedächtnis geblieben, die ich dort zufällig traf, die mich zurückhielt aus Liebe zu mir,
Tag für Tag und Nacht für Nacht waren wir beieinander, — alles andere habe ich längst vergessen,
Nur dieser Frau gedenke ich noch, die leidenschaftlich an mir hing,
Wiederum gehen wir miteinander, lieben uns und scheiden wiederum,
Ich sehe sie dicht an meiner Seite, mit schweigenden Lippen zitternd und betrübt.
ICH HÖRTE EUCH, FEIERLICH-SÜSSE PFEIFEN DER ORGEL
Ich hörte euch, feierlich-süße Pfeifen der Orgel, als ich am letzten Sonntagmorgen der Kirche vorbeiging;
Herbstwinde, als in den Wäldern ich bei Dämmerung ging, hörte ich eure langgezogenen Seufzer droben so dunkel;
Ich hörte den vollkommenen italienischen Tenor in der Oper singen, hörte den Sopran singen im Quartett;
Herz meiner Geliebten, dich auch hörte ich leise tönend in einem der Handgelenke, die du an mein Haupt gelegt,
Hörte, als alles still war, deinen Pulsschlag kleine Glocken läuten letzte Nacht unter meinem Ohr.
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WIE ADAM FRüH AM MORGEN
Wie Adam früh am Morgen,
Ausgehend von der Hütte, vom Schlaf erfrischt —
Schaue mich an, wo ich vorbeikomme, höre meine Stimme, komm näher,
Berühre mich, berühre mit der Fläche deiner Hand meinen Leib, indes ich vorübergehe,
Fürchte dich nicht vor meinem Leibe.
CALAMUS
AUF UNBEGANGENEN PFADEN
Auf unbegangenen Pfaden,
An den wunchernden Rändern sumpfiger Teiche,
Dem Leben entschlüpft, das sich zu Markte trägt,
Allen geltenden Regeln, Vergnügungen, aller Gewinnsucht, allem was sich nach anderen richtet
Und was ich nur allzulange meiner Seele zur Nahrung bot,
Klar erkennend bislang nicht geltende Regeln, klar erkennend, daß meine Seele,
Daß die Seele des Mannes, für den ich spreche, ihre Lust hat an Kameraden,
Einsam mit mir, fern von dem Lärm der Welt,
Zwiesprache haltend mit aromatischen Zungen,
Nicht länger scheu (denn an diesem entlegenen Ort kann ich antworten, wie ich es anderswo nicht wagte),
Durchglüht von dem Leben, welches sich nicht zu Markte trägt und doch all das Andre enthält,
Entschlossen, keine andern Lieder heute zu singen als die von männlicher Freundschaft,
Sie auszusenden in dieses leibhaftige Leben,
Vorbild zu schaffen athletischer Liebe,
An dieses köstlichen neunten Monats Nachmittag, in meinem einundvierzigsten Jahr,
Geh ich daran, für alle, die junge Männer sind oder waren,
Auszusprechen das Geheimnis meiner Tage und Nächte,
Zu feiern das Bedürfnis nach Kameraden.
DUFTENDES GRAS MEINER BRUST
Duftendes Gras meiner Brust,
Ich sammle deine Halme, schreibe sie nieder, daß man sie einst benütze,
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Grabhalme, Leibeshalme, emporwachsend über mir, über dem Tod,
Unvergängliche Wurzeln, hohe Halme, o der Winter soll euch nicht töten, zarte Halme,
Jedes Jahr sollt ihr aufs neue blühen, emporwachsen sollt ihr immer wieder aus eurer Tiefe,
O ich weiß nicht, ob viele Vorübergehende euch finden oder euren schwachen Geruch einatmen werden, aber ich weiß, einige werden es tun;
O schlanke Halme! o Blüten meines Blutes! ihr dürft auf eure Weise von dem Herzen reden, das unter euch liegt,
O ich weiß nicht, was ihr eigentlich bedeutet, ihr seid nicht Glück,
Ihr seid oft schmerzender, als ich ertragen kann, ihr brennt und stecht mich,
Und doch erscheint ihr mir schön, zartfarbige Wurzeln, ihr erweckt mir Gedanken an den Tod;
Tod, von euch verkündet, ist schön (was in der Tat ist endgültig schön, außer Tod und Liebe?).
O ich glaube, nicht für das Leben singe ich hier mein Lied der Liebenden; für den Tod wohl muß es sein;
Denn wie ruhevoll, feierlich schwillt er empor in das Reich der Liebenden,
Tod oder Leben erscheint mir dann gleich, meine Seele mag sich nicht entscheiden.
(Obwohl ungewiß, glaube ich doch, daß die hohe Seele der Liebenden am innigsten den Tod willkommen heißt.)
Wahrlich, o Tod, ich glaube jetzt, diese Halme bedeuten genau dasselbe wie du. —
Wachset höher empor, süße Halme, daß ich euch sehe! wachset empor aus meiner Brust!
Springt auf aus dem Herzen, das da verborgen ist!
Faltet euch nicht so in eure rosigen Wurzeln, schüchterne Halme!
Bleibe nicht so verschämt in der Tiefe, Gras meiner Brust!
Komm, ich bin willens, diese meine breite Brust zu entblößen; ich habe lange genug gewürgt und erstickt;
Sinnbildlich-launische Blätter, ich entlasse euch, ihr nützt mir nun nichts mehr,
Was ich zu sagen habe, will ich unmittelbar sagen,
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„Ich selbst und Kameraden“ sei mein einziger Gesang, nie wieder will ich anderen Ruf erheben,
Unsterblichen Widerhall will ich damit wecken durch die Staaten hin,
Ich will allen Liebenden ein Beispiel geben, Gestalt und Willen anzunehmen in allen Staaten,
Ich will die Worte sagen, die den Tod lustvoll machen;
So gib mir deinen Ton an, o Tod, daß ich danach stimme,
Gib mir dich selbst, denn ich sehe, daß du nun mir vor allen gehörst, und daß ihr untrennbar verschlungen seid, Tod und Liebe.
Nun dürft ihr mich nicht mehr hemmen mit dem, was ich Leben nannte,
Denn nun ist mir offenbar, daß ihr allein der Sinn von allem seid,
Daß ihr euch hier in den wechselnden Formen des Lebens verbergt — unbekannt weshalb — und daß sie allein um euretwillen da sind,
Daß ihr hinter der Maske der Erscheinungen geduldig wartet, gleichgültig, wie lange,
Daß ihr eines Tages vielleicht, alles beherrschend, diese ganze sichtbare Welt hinwegscheuchen werdet,
Deren Zweck ihr seid;
Sie wird nicht allzulange dauern,
Aber ihr werdet sehr lange dauern.
WER DU AUCH SEIST, DER MICH JETZT IN HÄNDEN HÄLT
Wer du auch seist, der mich jetzt in Händen hält,
Ohne eins wird alles vergeblich sein,
Ich warne dich ehrlich, eh du es ferner mit mir versuchst,
Ich bin nicht, was du vermutet, sondern ganz etwas andres.
Wer ist es, der mir folgen will?
Wer will sich Bewerber um meine Liebe nennen?
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Der Weg ist verdächtig, das Ziel ungewiß, vielleicht verderblich,
Du würdest alles andere lassen müssen, ich allein würde verlangen, der einzige zu sein, nach dem du dich ausschließlich richtest,
Selbst dann würde deine Probezeit lang und ermüdend sein,
All deine vorige Anschauung vom Leben und alle Anpassung an die Leben um dich her würdest du aufgeben müssen,
Deshalb lasse von mir, eh du dich weiter bemühst, laß deine Hand von meiner Schulter,
Lege mich weg und geh deines Weges.
Sonst aber, heimlich irgendwo im Walde zum ersten Versuch,
Oder im Schutz eines Felsens in freier Luft
(Denn im gedeckten Raum eines Hauses trete ich nicht hervor, noch in Gesellschaft,
Und in Bibliotheken liege ich wie ein Stummer, ein Tölpel, ein Ungeborner, ein Toter),
Aber vielleicht mit dir auf einem hohen Hügel, nachdem wir erst ausgeschaut, ob nicht auf Meilen in der Runde unversehens jemand naht,
Oder vielleicht, wenn ich segle, mit dir auf See, oder am Strand der See oder auf einer stillen Insel
Erlaub ich dir, deine Lippen auf meine zu drücken
Mit dem langhaftenden Kuß des Kameraden oder des Neuvermählten Kuß,
Denn ich bin der Neuvermählte und bin der Kamerad.
Oder wenn du willst, stecke mich unter dein Kleid,
Wo ich das Klopfen deines Herzens fühlen oder auf deiner Hüfte ruhen kann,
Trage mich, wenn du hinausziehst in Land oder See;
Denn dich bloß so zu berühren, ist genug, ist das Beste,
Und so dich berührend möchte ich schweigend schlummern und ewig getragen sein.
Aber wenn du dich in diese Blätter vertiefst, so tust du's auf eigne Gefahr,
Denn diese Blätter und mich wirst du nicht verstehn,
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Sie werden dir anfangs, und später noch mehr, entschlüpfen, ich werde dir sicher entschlüpfen
Und just wenn du glaubst, du hättest mich ohne Zweifel gefaßt — siehe!
So merkst du auch schon, daß ich dir entgangen bin.
Denn nicht um dessentwillen, was ich hineingesetzt, habe ich dieses Buch geschrieben,
Und nicht durch Lesen wirst du's erwerben,
Noch kennen mich die am besten, die mich bewundern und prahlerisch preisen,
Noch werden die Werber um meine Liebe (außer einigen wenigen) siegreich sein,
Noch werden meine Gedichte nur Gutes stiften, sie werden genau so viel Böses stiften, vielleicht noch mehr,
Denn alles ist nutzlos ohne das eine, was du vielleicht zuweilen ahnst und doch nicht triffst, das, was ich meinte;
Deshalb lasse von mir und geh deines Weges.
FÜR DICH, O DEMOKRATIE
Komm, ich will den Kontinent unzertrennlich machen,
Ich will die herrlichste Rasse schaffen, auf die je die Sonne schien,
Ich will göttlich magnetische Länder schaffen,
Mit der Liebe von Kameraden,
Mit der lebenslangen Liebe von Kameraden.
Ich will die Kameradschaft pflanzen dicht wie Bäume entlang den Strömen Amerikas, und entlang den Küsten der großen Seen und über alle Steppen hin,
Ich will unentzweibare Städte schaffen, die die Arme einander um den Nacken schlingen,
Durch die Liebe von Kameraden,
Durch die männliche Liebe von Kameraden.
Für dich dies von mir, o Demokratie, dir zu dienen, ma femme,
Für dich, für dich schmettre ich diese Lieder.
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DIES HIER PFLÜCKE ICH, SINGEND IM FRÜHLING
Dies hier pflücke ich, singend im Frühling, für Liebende.
(Denn wer anders als ich verstände Liebende und all ihren Kummer und Lust?
Wer anders als ich sollte der Dichter von Kameraden sein?)
Pflückend durchwandl' ich den Garten Welt, doch bald durchschreit ich die Pforten,
Jetzt an dem Teich entlang, jetzt watend ein wenig, ohne Scheu vor der Nässe,
Jetzt an den Holzzäunen hin, wo die alten Steine, von den Feldern gelesen, in Haufen liegen
(Wilde Blumen und Ranken und Unkraut wachsen zwischen den Steinen herauf und bedecken sie hier und da; ich gehe darüber hin),
Tief, tief im Wald, oder schlendernd später im Sommer, ohne Ziel,
Einsam, den Erdduft riechend, mache ich schweigend hier und da halt,
Dachte, ich sei allein, aber bald sammelt sich eine Schar um mich,
Einige gehen an meiner Seite und einige hinterdrein, einige halten meine Arme und meinen Nacken umfaßt,
Geister von lieben Freunden, toten und lebenden, dichter drängen sie sich, eine große Schar und ich in der Mitte,
Pflückend, austeilend, singend wandre ich hier mit ihnen,
Pflücke Andenken für sie, werfe sie denen zu, die mir just nahe sind,
Hier, Flieder, mit einem Fichtenzweig,
Hier, aus meiner Tasche, Moos, das ich in Florida von einer Eiche herunterzog, an der es in langen Streifen hing,
Hier ein paar Nelken und Lorbeerblätter und eine Handvoll Salbei,
Und hier, was ich jetzt aus dem Wasser ziehe, watend am Teichrand
(O hier sah ich ihn zuletzt, der mich zärtlich liebt und wiederkehrt, um sich nie mehr von mir zu trennen,
Und dies, o dies soll hinfort das Zeichen von Kameraden sein, diese Kalmuswurzel hier,
Tauscht sie, ihr Jünglinge, untereinander aus! jeder soll sie behalten!),
Und Ahornzweige und ein Busch aus Kastanienlaub und wilder Orange,
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Und Johannisbeerzweige und Pflaumenblüten und aromatische Zeder,
Auf diese alle, rings umschlossen von einer dichten Wolke von Geistern,
Deut ich im Wandern hin oder berühre sie im Vorbeigehn oder streue sie lose aus,
Jedem weisend, welche er haben soll, etwas für jeden spendend;
Doch was ich zog aus dem Wasser am Teichrand, behalt ich zurück,
Ich will davon geben, aber denen allein, die lieben, wie ich selber zu lieben vermag.
DIE FURCHTBARE UNGEWISSHEIT DER ERSCHEINUNGEN
Die furchtbare Ungewißheit der Erscheinungen —
Die Ungewißheit, ob wir nicht doch am Ende getäuscht sind,
Ob nicht am Ende Vertrauen und Hoffnung nichts als Vermutungen sind,
Ob nicht am Ende Wesenheit jenseits des Grabes nur eine schöne Fabel ist,
Ob nicht die Dinge, die ich gewahre, die Tiere, Pflanzen, Menschen, Hügel, die schimmernden, flutenden Wasser,
Die Himmel von Tag und Nacht, Farben, Stoffe und Formen bloße Erscheinungen sind (sie sind's ohne Zweifel) und das wahre Etwas noch unbekannt.
(Wie oft treten sie jäh aus sich selber heraus, wie um mich zu verwirren und meiner zu spotten!
Wie oft denk ich, weder ich noch irgendein Mensch weiß auch nur das geringste von ihnen!)
Vielleicht scheinen sie mir, was sie sind (und zweifellos scheinen sie nur), bloß für meinen jetzigen Blick, und würden sich (sicherlich!) als ganz etwas andres erweisen oder als nichts für einen gänzlich veränderten Blick;
Solche und ähnliche Fragen werden mir seltsam beantwortet von meinen Geliebten, von meinen lieben Freunden;
Wenn der, den ich liebe, mich auf der Reise begleitet oder lange neben mir sitzt und mich hält bei der Hand,
Wenn die feine Luft, die unfaßbare, die Empfindung, die Worte und Denken nicht fassen, uns umgibt und durchdringt,
- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 113] - - - - - - - - - - - - - - - - - -
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Dann bin ich voll unausgesprochner und unaussprechlicher Weisheit, ich schweige still und verlange nichts mehr,
Ich kann die Frage nach den Erscheinungen oder der Wesenheit jenseits des Grabes nicht beantworten,
Aber ich gehe oder sitze gleichmütig, ich bin zufrieden,
Der, der meine Hand hält, hat mich völlig zufriedengestellt.
DIE GRUNDLAGE ALLER METAPHYSIK
„Und nun, meine Herren,
Gebe ich Ihnen ein Wort, das Sie im Sinne behalten sollen
Als Grundlage und Krönung aller Metaphysik.“
(So zu den Hörern der alte Professor
Am Schluß seines dichtgefüllten Kollegs.)
Nachdem ich das Neue und Alte studiert, die Systeme der Griechen und Deutschen,
Kant studiert und begriffen und Fichte, Schelling und Hegel,
Platos Lehre begriffen und Sokrates, größer als Plato,
Und größer als Sokrates Christus den göttlichen lange durchdacht und begriffen,
Blicke ich heute zurück auf diese Systeme der Griechen und Deutschen,
Sehe alle die Philosophien, die christlichen Kirchen und Glaubenssätze,
Aber zutiefst in Sokrates und zutiefst in Christus sehe ich klar
Die innige Liebe des Mannes zu seinem Kameraden, die Anziehungskraft von Freund zu Freund,
Von Mann und Weib in glücklicher Ehe, von Kindern und Eltern,
Von Stadt zu Stadt und Land zu Land.
IHR, DIE IHR KUNDE GEBT VON MIR DEREINST
Ihr, die ihr Kunde gebt von mir dereinst,
Kommt, ich will euch hinabführen unter dies gelassene Äußere, ich will euch sagen, was ihr von mir berichten sollt;
Verkündet meinen Namen und hängt mein Bild auf als das des zärtlichsten Liebenden,
- - - - - - - - - - - - - - - - - - [begin page 114] - - - - - - - - - - - - - - - - - -
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Des Freundes, des Liebenden Bild, an dem sein Freund, sein Geliebter am innigsten hing,
Der nicht stolz war auf seine Lieder, doch auf das unermeßliche Meer von Liebe in ihm, das er frei verströmte,
Der oftmals einsame Wege ging in Gedanken an seine lieben Freunde, seine Geliebten,
Der gedankenvoll fern von einem, den er liebte, schlaflos und unbefriedigt lag bei Nacht,
Der nur zu gut die schlimme, schlimme Sorge kannte, der, den er liebte, sei heimlich gleichgültig gegen ihn,
Dessen glücklichste Tage es waren, wenn er fern durch Felder, in Wäldern, auf Hügeln wanderte, er und ein anderer Hand in Hand, sie zwei abseits von anderen Menschen,
Der oft, wenn er schlenderte durch die Straßen, mit seinem Arm die Schulter seines Freundes umschlang, indes seines Freundes Arm auch auf ihm ruhte.
ALS ICH AM SCHLUSS DES TAGES HÖRTE
Als ich am Schluß des Tages hörte, wie mein Name mit Beifall begrüßt worden war im Kapitol, war es doch keine glückliche Nacht für mich, die folgte;
Auch sonst, wenn ich zechte, oder wenn mir meine Pläne gelungen, war ich doch nicht glücklich;
Aber an dem Tage, als ich bei der Dämmerung mich erhob von dem Bett vollkommener Gesundheit, erfrischt, singend, einatmend den reifen Atem des Herbstes,
Als ich den Vollmond im Westen blaß werden sah und verschwinden im Morgenlicht,
Als ich allein über den Strand wanderte und, mich auskleidend, badete, lachend mit den kühlen Wassern, und die Sonne aufgehen sah,
Und als ich daran dachte, daß mein lieber Freund, mein Geliebter, auf dem Wege zu mir war, o da war ich glücklich,
O da schmeckte jeder Atemzug süßer, und diesen ganzen Tag näherte mich mein Essen mehr, und der schöne Tag verlief gut,
Und der nächste kam mit gleicher Freude, und mit dem nächsten am Abend kam mein Freund.
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Und jene Nacht, als alles still war, hörte ich die Wasser langsam, unablässig an die Küste rollen,
Hörte das zischende Geräusch von Wellen und Sand, wie zu mir geschickt, um mich zu beglückwünschen,
Denn der, den ich am liebsten habe, lag schlafend neben mir unter derselben Decke in der kühlen Nacht;
In der Stille, in den Mondstrahlen des Herbstes war sein Gesicht mir zugeneigt,
Und sein Arm lag leicht um meine Brust, — und diese Nacht war ich glücklich.
BIST DU DER NEULING?
Bist du der Neuling, den es zu mir zieht?
Zuvor sei gewarnt, ich bin sicherlich ganz etwas anderes als du glaubst;
Glaubst du in mir dein Ideal zu finden?
Denkst du, es sei so leicht, meine Liebe zu gewinnen?
Denkst du, meine Freundschaft würde ungetrübte Befriedigung sein?
Denkst du, ich sei verläßlich und treu?
Siehst du durch diese Fassade, diese milde, duldsame Art von mir nicht tiefer hindurch?
Glaubst du, du nahtest auf wirklichem Grund einem wirklich heroischen Mann?
Hast du, o Träumer, nicht bedacht, es sei vielleicht alles nur Maja, Schein?
WURZELN UND HALME SIND DIES NUR
Wurzeln und Halme sind dies nur,
Düfte, Männern und Weibern gebracht vom Teichrand und aus wildem Wald,
Herz-Sauerampfer und Liebesnelken, Finger, die fester umwinden als Reben,
Ergüsse aus Vogelkehlen, verborgen im Laub von Bäumen bei Sonnenaufgang,
Liebeshauche vom Land, von lebendigen Küsten gesandt zu euch auf lebendiger See, zu euch, o Schiffer!
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Frostreife Beeren und dritten Monats Zweige, frisch geboten jungem Volk, das hinauswandert in die Felder, wenn der Winter zum Aufbruch rüstet,
Liebesknospen, vor dich und in dich ausgestreut, wer du auch seist,
Knospen, die sich entfalten wollen, wie je,
Wenn du ihnen die Wärme der Sonne bringst, so werden sie aufgehen und werden dir Schönheit bringen, Farbe und Duft,
Wenn du ihnen Nahrung wirst und Naß, so werden sie Blumen werden und Früchte und schlanke Zweige und Bäume.
KEINE GLUT, AUFFLAMMEND UND VERZEHREND
Keine Glut, aufflammend und verzehrend,
Keine Wogen der See, ausund einstürmend,
Noch die Luft, köstlich und klar, des reifen Sommers Luft, die weiße Flocken mit Myriaden Samenkörnern leicht dahinträgt,
Wehend, lieblich segelnd, bis sie irgendwo niedersinken: —
O keines, keines von ihnen flammender als m e i n e Glut, verzehrend, brennend um dessentwillen, den ich liebe.
O keines stürmender als ich!
Stürmt die Flut einher, suchend nach etwas, und läßt nicht ab? O so auch ich!
O weder Samenflocken, noch Düfte, noch die hohen, regensendenden Wolken werden durch die freie Luft getragen
Irgend mehr, als meine Seele durch die freie Luft getragen wird,
Wehend nach allen Richtungen, o Liebe, um der Freundschaft—, um deinetwillen.
RINNT, TROPFEN!
Rinnt, Tropfen! meine blauen Adern verlassend!
O Tropfen aus mir! rinnt, langsame Tropfen,
Rein aus mir fallend, tropft, blutende Tropfen,
Aus Wunden, geschlagen, um euch zu befreien, von wo ihr gefangen wart,
Von meinem Gesicht, von meiner Stirn und Lippen,
Von meiner Brust, von innen her, wo ich verborgen war,
Dringt heraus, rote Tropfen, Bekenntnis-Tropfen,
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Färbt jede Seite, färbt jedes Lied, das ich singe, jedes Wort, das ich sage, blutige Tropfen.
Laßt sie eure purpurne Glut fühlen, laßt sie leuchten,
Durchtränkt sie mit euch, schamvoll und naß,
Glüht über alles, was ich geschrieben habe und schreiben werde, blutende Tropfen,
Laßt alles scheinen in eurem Lichte, schamrote Tropfen.
AN EINEN FREMDEN
Fremdling, der du vorbeigehst! du weißt nicht, wie sehnsüchtig ich nach dir blicke,
Du mußt der sein, den ich suchte, oder die, die ich suchte (es kommt mir wie aus einem Traum).
Ich habe sicherlich irgendwo ein Leben der Freude mit dir gelebt,
Alles ist wieder wach, da wir einander vorbeihuschen, flüchtig, zärtlich, keusch, gereift.
Du wuchsest auf mit mir, warst Knabe mit mir oder Mädchen mit mir,
Ich aß mit dir und schlief mit dir, dein Körper blieb nicht dein eigen allen, noch ließ er meinen Körper mir allein.
Du gibst mir die Lust deiner Augen, deines Gesichts und Fleisches, indes wir vorbeigehen, du nimmst von meinem Bart, Brust, Händen dafür,
Ich will nicht zu dir reden, ich will an dich denken, wenn ich allein sitze oder nachts allein wache,
Ich will warten, ich zweifle nicht, daß ich dir wieder begegnen werde,
Ich will darauf achten, daß ich dich nicht verliere.
WIE ICH HIER SITZE GEDANKENUND SEHNSUCHTSVOLL
Wie ich hier sitze gedankenund sehnsuchtsvoll,
Will es mir scheinen, daß es andere Männer in anderen Ländern gibt, gedankenund sehnsuchtsvoll,
Will es mir scheinen, als könnt ich hinüberblicken und sie gewahren in Deutschland, Italien, Frankreich, Spanien,
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Oder fern, fern in China, oder in Rußland und Japan, in anderen Mundarten redend,
Und will es mir scheinen, wenn ich sie kennte, so würde ich ihnen verbunden sein, wie den Männern meiner eigenen Länder,
O ich weiß, wir würden Brüder und Liebende sein,
Ich weiß, ich würde glücklich mit ihnen sein.
ICH HÖRE, DASS MAN MICH ANKLAGT
Ich höre, daß man mich anklagt, ich wolle Institutionen zerstören,
Aber in Wahrheit bin ich weder für noch gegen Institutionen.
(Was überhaupt hab ich mit ihnen gemein? oder was mit ihrer Zerstörung?)
Einzig und allein begründen will ich in Mannahatta und in jeder Stadt dieser Staaten im Inland und an der Seeküste
Und in den Feldern und Wäldern und über jedem Kiel klein oder groß, der dies Wasser furcht,
Ohne Bauwerke, Regeln, Verwalter und ohne jeden Beweisgrund
Die Institution der innigen Liebe von Kameraden.
DAS PRÄRIEGRAS DURCHSCHREITEND
Das Präriegras durchschreitend, seinen besonderen Duft atmend,
Rufe ich nach seinem Gleichnis im Geist,
Rufe nach der reichsten und innigsten Kameradschaft von Männern,
Rufe die Halme von Worten, Taten, Wesen auf, zu sprießen:
Die aus der freien Luft, rauh, sonnig, frisch, saftvoll,
Die ihren eigenen Gang gehen, aufrecht, mit Freiheit und Willen einherschreitend, führend, nicht folgend;
Die voll niegeduckter Kühnheit, die, deren Fleisch süß und lustvoll ist, rein von Makel,
Die, welche gleichmütig in die Gesichter von Präsidenten und Herrschern blicken, wie um zu sagen: „Wer bist du?“—
Männer voll irdischer Leidenschaft, einfach, nie bezwungen, nie gehorsam,
Männer aus Inneramerika.
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WENN ICH HÖRE VON DEM RUHM
Wenn ich höre von dem Ruhm, den Helden sich erobert,
Und den Siegen mächtiger Feldherrn, so beneide ich nicht die Feldherrn
Noch den Präsidenten in seiner Residenz, noch den Reichen in seinem großen Hause;
Aber wenn ich höre von der Bruderliebe von Freunden, wie es mit ihnen stand,
Wie sie zusammen durchs Leben gingen, durch Haß, Gefahren, unverändert, lange, lange Zeit,
Durch Jugend und Manneszeit und Alter; wie unerschütterlich, wie liebevoll und treu sie waren,
Dann bin ich nachdenklich, — ich gehe hastig hinweg, erfüllt vom bittersten Neide.
HIER MEINE ZARTESTEN HALME
Hier meine zartesten Halme und doch, die am kräftigsten dauern,
Hier beschatte und berge ich meine Gedanken, ich selber offenbare sie nicht,
Und dennoch offenbaren sie mich, mehr als alle meine andern Gedichte.
KEINE ARBEITSPARENDE MASCHINE
Keine arbeitsparende Maschine,
Keine Entdeckung hab ich gemacht,
Noch werd ich imstande sein, irgendeine reiche Stiftung zu hinterlassen zur Gründung eines Hospitals oder einer Bibliothek,
Noch die Erinnerung irgendeiner Heldentat für Amerika,
Noch literarischen Erfolg, noch Intellekt, noch Buch für das Bücherbrett,
Doch ein paar Lieder, zitternd durch die Luft, laß ich zurück
Für Liebende und Kameraden.
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ICH TRäUMTE IN EINEM TRAUM
Ich träumte in einem Traum, ich sähe eine Stadt, unüberwindlich den Angriffen der ganzen übrigen Erde,
Ich träumte, das sei die neue Stadt der Freunde,
Nichts Größeres geb es dort, als die Fähigkeit zu kraftvoller Liebe, sie führte alles,
Sie offenbarte sich jegliche Stunde in allem Tun der Menschen dieser Stadt
Und in all ihren Blicken und Worten.
AN EINEN KNABEN AUS DEM WESTEN
Vielerlei in dich aufzunehmen lehre ich dich, um dir zu helfen, mein Schüler zu werden,
Doch wenn nicht Blut gleich meinem durch deine Adern kreist,
Wenn du nicht schweigend erwählt wirst von Liebenden und nicht schweigend Liebende erwählst,
Was hat es für einen Zweck, daß du mein Schüler zu werden suchst?
FEST VERANKERT UND EWIG, O LIEBE!
Fest verankert und ewig, o Liebe! O Weib, das ich liebe!
O Braut! O Gattin! Unwiderstehlicher, als ich es sagen kann, ist der Gedanke an dich!
Gesondert aber und gleichwie körperlos und aus andern Bereichen geboren,
Ätherisch, die höchste starke Realität, meine Tröstung,
Zu der ich emporsteige, in deren Regionen ich schwebe, ist die Liebe zu dir, o Mann,
O Gefährte meines schweifenden Lebens.
DIESER SCHATTEN, MEIN EBENBILD
Dieser Schatten, mein Ebenbild, der hin und her geht und Zeitvertreib, Scherz und Gespräche sucht,
Wie oft ertappe ich mich, wie ich stehe und sehe, wie er vorbeihuscht,
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Wie oftmals frage und zweifle ich, ob ich das wirklich bin;
Aber wenn ich mit denen bin, die mich lieben, und diese Lieder singe,
O dann zweifle ich nie, ob ich das wirklich bin.
VOLL LEBEN JETZT
Voll Leben jetzt, greifbar und sichtbar,
Vierzig Jahre alt im dreiundachtzigsten Jahr der Staaten,
Sende ich einem, der ein Jahrhundert oder viele Jahrhunderte später lebt,
Sende ich dir diese Gedichte, und suche dich.
Wenn du sie liest, bin ich, der sichtbar war, unsichtbar geworden,
Du bist es nun, der, greifbar, sichtbar, meine Gedichte lebendig macht und der mich sucht
Und der sich ausdenkt, wie glücklich er wäre, könnte ich bei ihm sein und wäre sein Kamerad;
Sei's, als w ä r ich bei dir! (Sei nicht zu sicher, daß ich nicht jetzt bei dir bin.)
EIN GESANG DER FREUDEN
O zu dichten den jubelndsten Gesang,
Voller Musik, — voller Mannheit, Weibheit, Kindheit!
Voller Alltagstun, — voller Korn und Bäumen.
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O die Stimmen der Tiere, — o die Geschwindigkeit und das Gleichgewicht der Fische!
O das Fallen der Regentropfen in einem Liede!
O Sonnenschein und Wellenschlag in einem Liede!
O die Lust meines Geistes, — er ist uneingesperrt, — schießt hin wie Blitze!
Es ist nicht genug, diesen Erdball zu haben und eine Spanne Zeit,
Tausend Erdkugeln will ich haben und alle Zeit!
O die Freuden des Ingenieurs! auf einer Lokomotive zu fahren!
Das Zischen des Dampfes zu hören, den lustigen Schrei, die Dampfpfeife, die lachende Lokomotive!
Vorzudringen in unaufhaltsamer Fahrt und hinzueilen in Ferne.
O das glückselige Schweifen über Felder und Hügel!
Die Blätter und Blüten des gewöhnlichsten Unkrauts, die feuchte, frische Stille der Wälder,
Der köstliche Geruch der Erde bei Tagesanbruch und am ganzen Vormittag.
O des Reiters und der Reiterin Freuden!
Der Sattel, der Galopp, der Druck im Sitz, das kühle Sausen an Ohren und Haar.
O die Freuden des Feuerwehrmannes!
Ich höre den Alarm in der totenstillen Nacht,
Ich höre Glocken, Rufe! Ich dringe durch die Menge, ich renne!
Der Anblick der Flamme berauscht mich mit Lust.
O die Freude des muskelstarken Fechters, der hochragend und ohne Fehl in der Arena steht, seiner Kraft bewußt, dürstend nach seinem Gegner.
O die Freude des weiten, ursprünglichen Mitgefühls, das allein die menschliche Seele zu erzeugen und auszugießen vermag in steten, endlosen Fluten.
O die Freude der Mutter!
Das Behüten, Erdulden, die kostbare Liebe, die Qual, das geduldig hingegebene Leben.
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O die Freude des Zunehmens und Wachsens, der Erneuerung,
Die Freude des Tröstens und Beruhigens, die Freude der Eintracht und des Einklangs.
O zurückzukehren an den Ort, wo ich geboren wurde,
Noch einmal die Vögel singen zu hören,
Im Haus und in der Scheune und in den Feldern noch einmal zu schweifen,
Und im Obstgarten und auf den alten Pfaden noch einmal.
O aufgewachsen zu sein an Meeresbuchten, Lagunen oder an der Küste,
Dort zu bleiben und beschäftigt zu sein mein ganzes Leben lang,
Der salzige, feuchte Geruch, der Strand, der Tang, der bei Ebbe entblößt wird,
Die Arbeit der Fischer, die Arbeit des Aalfischers und des Muschelfischers;
Ich komme mit meiner Muschelharke und Spaten, ich komme mit meinem Aalstecher,
Ist die Flut gewichen? Ich schließe der Schar der Muschelgräber mich an auf den Sandbänken,
Ich lache und grabe mit ihnen, spaße bei meiner Arbeit, ein ausgelassener Bursche.
Im Winter nehme ich meinen Aalkorb und Aalstecher und mache mich auf zu Fuß übers Eis, — ich hab eine kleine Axt, um Löcher ins Eis zu schlagen.
Sieh mich warm angezogen und fröhlich hinausgehn oder nachmittags zurückkehren, begleitet von meiner Brut zäher Jungen,
Meiner Brut erwachsener und halbwüchsiger Jungen, die bei keinem so gern sein mögen wie bei mir,
Am Tage mit mir arbeiten und in der Nacht mit mir schlafen.
Ein andermal bei warmem Wetter hinaus im Boot, die Hummerkörbe heraufzuholen, wo sie mit schweren Steinen versenkt sind (ich kenne die Bojen),
O die Lieblichkeit des Morgens des fünften Monats auf dem Wasder, da ich just vor Sonnenaufgang hinrudere zu den Bojen;
Ich ziehe die Weidenkörbe schräg herauf, die dunkelgrünen Hummern kämpfen verzweifelt mit ihren Scheren, wie ich sie aushebe, ich klemme Holzkeile in die Gelenke der Zangen.
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Ich gehe zu all den Plätzen der Reihe nach und rudere dann ans Ufer zurück,
Dort in riesigem Kessel mit kochendem Wasser sollen die Hummern gesotten werden, bis sie wie Scharlach leuchten.
Ein andermal beim Makrelenfang:
Gefräßig, wild nach dem Köder, nahe der Oberfläche, scheinen sie meilenweit das Wasser zu füllen;
Ein andermal beim Klippfischfang in Chesapeake Bai, ich einer von der gebräunten Mannschaft;
Ein andermal beim Blaufischfang mit Schleppnetzen vor Paumanok, ich steh gespannten Leibs,
Mein linker Fuß ruht auf dem Bord, mein rechter Arm wirft die gerollten dünnen Leinen weit hinaus,
In Sicht um mich her das flinke Wenden und Gleiten von fünfzig Kähnen, meinen Begleitern.
O Bootfahrten auf den Flüssen!
Die Reise den St. Lawrencestrom hinab, die herrliche Landschaft, die Dampfer,
Die Segelschiffe, die „Tausend Inseln“, ein Holzfloß dann und wann, die Flößer mit weitreichenden Schwungrudern,
Die kleinen Hütten auf den Flößen und der Streifen Rauchs, wenn sie am Abend ihr Essen kochen.
(O etwas Gefährliches und Furchtbares!
Etwas weitab von einem schwächlichen, frommen Leben!
Etwas Unbewiesenes! etwas in Verzückung!
Etwas vom Anker Losgerissenes und frei Treibendes.)
O in Bergwerken zu arbeiten, oder Eisen zu schmieden,
Eisen gießen, die Gießerei selbst, das rohe, hohe Dach, der weite und schattige Raum,
Der Hochofen, die heiße Flut, die sich ergießt und hinschießt.
O der Freuden des Soldaten zu gedenken!
Die Nähe eines tapferen Führers zu fühlen,— seine Fürsorge zu fühlen!
Seine Ruhe zu sehen, — erwärmt zu werden von den Strahlen seines Lächelns,
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In die Schlacht zu gehen, — die Hörner blasen und die Trommeln schlagen zu hören!
Das Krachen der Artillerie zu hören, — das Glitzern der Bajonette und Flintenläufe in der Sonne zu sehen!
Männer fallen und ohne Klage sterben zu sehen,
Den wilden Geschmack von Blut zu schmecken,—so teuflisch zu sein,
Sich so zu weiden an Wunden und Tod des Feinds!
O die Freuden des Walfischfängers! O ich fahre wieder meine alte Fahrt!
Ich fühle den Schwung des Schiffes unter mir, ich fühle die atlantische Brise mich fächeln,
Ich höre den Ruf wieder vom Mastkorb: Da bläst er!
Wieder spring ich im Takelwerk empor mit den andern, — wir klettern hinunter, wild vor Erregung,
Ich springe in das herabgelassene Boot, wir rudern hin, wo unsere Beute liegt,
Wir nähern uns vorsichtig und schweigend, ich sehe die bergartige Masse, schläfrig, sich sonnend,
Ich sehe den Harpunier aufstehen, sehe die Waffe seinem kräftigen Arm entfliegen;
O schnell weit hinaus in den Ozean schleppt mich wiederum der verwundete Wal, untertauchend, windwärts fliehend,
Wieder sehe ich ihn auftauchen, um Atem zu holen, wir rudern ganz nahe,
Ich sehe eine Lanze in seine Seite getrieben, tief hineingestoßen und in der Wunde umgedreht,
Wieder flüchten wir rückwärts, ich sehe ihn noch einmal untersinken, das Leben verläßt ihn schnell,
Als er auftaucht, speit er Blut, ich sehe ihn schwimmen in Kreisen enger und enger, wild das Wasser teilend — ich sehe ihn sterben,
Er tut einen krampfhaften Sprung in der Mitte des Kreises und fällt dann schlapp und still in den blutigen Schaum.
O mein Greisenalter, die edelste aller meiner Freuden!
Meine Kinder und Enkelkinder, mein weißes Haar und Bart,
Meine Breite, Ruhe und Würde, gewonnen aus der langen Dauer meines Lebens.
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O gereifte Freude der Weibheit! O Glück zuletzt!
Ich bin mehr als achtzig Jahre alt, ich bin die ehrwürdigste Mutter,
Wie klar ist mein Geist, — wie werden alle zu mir hingezogen!
Was für Anziehungskräfte sind das, mehr als je zuvor? welch ein Blühen, mehr als das Blühen der Jugend?
Welch eine Schönheit ist das, die auch mich niedersinkt und aus mir emporsteigt?
O des Redners Freuden!
Die Brust zu schwellen, den Donner der Stimme aus Rippen und Hals zu rollen,
Die Menge mit dir rasen, weinen, hassen, begehren zu machen,
Amerika zu führen, — Amerika mit gewaltiger Zunge zu bezwingen.
O Lust meiner Seele, die im Gleichgewicht auf sich selber ruht, die ihr Ich durch den Körper gewinnt und es liebt, die andere Wesen schaut und in sich aufnimmt;
Meine Seele zittert zurück zu mir von jenen, von Gesicht, Gehör, Gefühl, Verstand, Laut, Vergleich, Gedächtnis und desgleichen;
Das wahre Leben meiner Sinne und meines Fleisches geht über meine Sinne und mein Fleisch hinaus,
Mein Körper hat die Materie abgetan, mein Sehen hat meine leiblichen Augen abgetan,
Erwiesen ist mir heutigen Tags über allen Zweifel, daß es nicht meine leiblichen Augen sind, die endgültig sehen,
Noch mein leiblicher Körper, der endgültig liebt, geht, lacht, ruft, umarmt, zeugt.
O die Freuden des Farmers!
Die Freuden des Mannes aus Ohio, Illinois, Wisconsin, Kanada, Jowa, Kansas, Missouri, Oregon!
Aufzustehen bei Tagesgrauen und behende zur Arbeit hinauszueilen, Land zu pflügen im Herbst für die Wintersaat,
Land zu pflügen im Frühling für Mais,
Obstgärten zu ziehen, Bäume zu pfropfen, Äpfel zu ernten im Herbst.
O im Schwimmbad zu baden oder an guter Stelle am Ufer,
Im Wasser zu plantschen! knöcheltief zu waten, oder nackt zu rennen am Ufer entlang.
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O des Raums sich bewußt zu werden!
Der Fülle des Alls! Daß es keine Grenzen gibt!
Emporzutauchen und mit dem Himmel, mit Sonne, Mond und fliegenden Wolken zu sein, wie eines der Ihren.
O die Freude männlichen Selbstgefühls!
Keinem dienstbar zu sein,
Zu schreiten in aufrechter Haltung mit leichtem, federndem Schritt,
Zu schauen mit ruhigem Blick oder blitzendem Auge,
Zu sprechen mit voller, tönender Stimme aus breiter Brust,
Die eigne Persönlichkeit entgegenzustellen allen andern Persönlichkeiten der Erde.
Kennst du die herrlichen Freuden der Jugend?
Freuden der lieben Gefährten und fröhlichen Worts und lachenden Angesichts?
Freude des frohen, lichtstrahlenden Tags, Freude hochatmender Spiele?
Freude süßer Musik, Freude des leuchtenden Ballsaals und der Tänzer?
Freude reichlichen Mahls, wilden Schlemmens und Zechens?
Doch, o du Höchste, meine Seele!
Kennst du die Freuden sinnender Gedanken?
Freuden des freien, einsamen Herzens, des zärtlichen, dunkeln Herzens?
Freuden des einsamen Wanderns, ehrerbietigen Geistes, doch stolz; das Leiden und Ringen?
Die tödlichen Wehen, Ekstasen, Freuden des stillen Denkens bei Tag und Nacht?
Freuden des Gedankens an den Tod, an die großen Sphären Zeit und Raum?
Seherfreuden besserer, höherer Liebeslust, — die göttliche Gattin, der süße, einzige, vollkommene Gefährte?
Freuden, alle dein eigen, du Unsterbliche, — Freuden, deiner würdig, o Seele!
O so lange ich lebe, Herr des Lebens zu sein, nicht Sklave,
Dem Leben zu begegnen als mächtiger Eroberer,
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Keine Dünste noch Langeweile, keine Klagen noch hämisches Kritteln mehr;
Diesen stolzen Gesetzen der Luft, des Wassers und der Erde zu zeigen, daß meine innere Seele unerschütterlich ist,
Und daß nichts äußeres je Gewalt über mich haben soll.
Denn nicht die Freuden des Lebens allein singe ich: immer wieder — die Freude des Todes!
Die wundervolle Beruhigung des Todes, besänftigend und betäubend für eine kleine Weile, da es so sein muß,
Ich selbst entlasse meinen verwesenden Körper, daß er verbrannt oder zu Staub gemacht oder begraben werde,
Mein wahrer Leib bleibt mir sicherlich für andere Sphären,
Mein leerer Leib ist mir nichts mehr, er kehrt zur Reinigung zurück, zu ferneren Diensten, zu den ewigen Zwecken der Erde.
O anzuziehen mit mehr als gewöhnlicher Kraft!
Wie es kommt, weiß ich nicht, — doch sieh! das Etwas, das keinem andern gehorcht,
Angreifend, nie abwehrend, — wie magnetisch es zieht!
O zu kämpfen gegen große Übermacht, Feinden unerschrocken zu begegnen!
Ganz allein mit ihnen zu sein, zu erproben, wieviel man aushalten kann!
Streit, Qual, Kerker, Haß des Volkes von Angesicht zu Angesicht zu sehn,
Das Schafott zu besteigen, vor die Mündungen der Gewehre hinzutreten mit vollkommenem Gleichmut!
Wirklich ein Gott zu sein!
O in See zu segeln mit einem Schiff!
Dieses starre, unerträgliche Land zu verlassen,
Die ermüdende Gleichheit der Straßen, Bürgersteige und Häuser zu lassen,
Dich zu verlassen, du festes, unbewegliches Land, ein Schiff zu besteigen
Und segeln, segeln, segeln!
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O das Leben hinfort als Gedicht neuer Freuden zu haben!
Tanzen, händeklatschen, frohlocken, schreien, hüpfen, springen, weiter rollen, weiter schwimmen!
Ein Seefahrer der Welt zu sein, allen Häfen zu,
Selber ein Schiff (ja sieh diese Segel, die ich in Sonne und Luft entfalte),
Ein schnelles, schwellendes Schiff voll reicher Worte, voll Freuden.